Rotfussfalke

Falco vespertinus


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbrief-Sammlung)



Ein Abendjäger

Der Rotfussfalke (Falco vespertinus) ist in den offenen, von Gebüschen und Baumgruppen durchsetzten Steppen des östlichen Europas und zentralen Asiens zu Hause. Nur sehr selten findet man ihn hier einzeln, denn er fliegt, jagt und brütet gerne in Gesellschaft. Mit Vorliebe lassen sich 20 bis 50 Paare gemeinsam in einem Steppengehölz nieder. Hier sitzen die kleinen Falken während der Mittagszeit dicht nebeneinander aufgebäumt, dösen vor sich hin oder pflegen ihr Gefieder und warten die für die Jagd besonders günstigen Spätnachmittags- und Abendstunden ab. Sobald sich aber die Insektenwelt zu regen beginnt, erheben sie sich und fliegen nach allen Seiten in die Steppe hinaus.

Heuschrecken, Grillen, Schmetterlinge, Libellen und Käfer aller Art bilden den Hauptteil ihrer Nahrung. Als «Zwischenverpflegung» verschmähen sie aber auch einen Frosch, eine Maus oder eine unvorsichtige Eidechse nicht. Fluginsekten erhaschen die wendigen Jäger geschickt in der Luft mit einem gut gezielten Griff ihrer feingliedrigen Fänge und verspeisen sie gleich «unterwegs». Bodenlebende Beutetiere belauern sie, indem sie «rüttelnd» in der Luft stehen bleiben. Dann stossen sie zielsicher auf sie hinunter.

Je mehr der Abend herankommt, desto reger werden alle Bewegungen der Rotfussfalken, weil mehr und mehr Insekten ihre Schlupfwinkel verlassen und umherschwärmen. Erst wenn die Nacht wirklich eingetreten ist, fliegen sie gemeinschaftlich ihren Schlafplätzen zu. Die abendliche Jagd ist dermassen bezeichnend für den nur 200 Gramm schweren, 30 Zentimeter langen und 65 Zentimeter spannenden Rotfussfalken, dass er im Volksmund vielerorts «Abendfalke» genannt wird.

 

Kein guter Baumeister

Die Fortpflanzungszeit der Rotfussfalken beginnt in den meisten Teilen ihres Verbreitungsgebiets erst im Monat Juni. Die kleinen Greifvögel sind keine guten Architekten; jedenfalls gehört der Nestbau nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Im allgemeinen wählen sie als Nistplatz alte, verlassene Krähen- oder Elsternnester und bessern diese lediglich noch etwas aus.

Die vier bis fünf Eier, aus denen das Gelege besteht, sind sehr klein, kugelig und auf gelblichem Grund mit rotbraunen Punkten übersät. Männchen und Weibchen lösen sich während der auffallend kurzen Brutzeit von nur 22 bis 23 Tagen und der anschliessenden Nestlingszeit regelmässig am Nest ab. Anfangs August fliegen dann die Jungfalken bereits aus und werden in den folgenden Wochen von ihren Eltern sorgfältig in der Kunst des Jagens unterrichtet.

 

Während des Winters in Afrika

Rotfussfalken sind Zugvögel, welche die unwirtliche Winterzeit im sonnigen Süden verbringen. Im Herbst nimmt nämlich aufgrund des zunehmend kühleren Wetters die Insektenfülle in ihrem Brutgebiet nach und nach ab. Und das zwingt die kleinen Falken schliesslich dazu, wärmere Gefilde mit besserem Nahrungsangebot aufzusuchen. So ziehen sie denn in die Savannen Ost- und Südafrikas, wo sie ein recht nomadisches Leben führen und sich bei ihren Streifzügen weitgehend vom Nahrungsangebot leiten lassen. Gerne folgen sie - oft zu Hunderten - den grossen Heuschreckenschwärmen auf deren Wanderungen.

 

Gefährdung durch Insektizide

Der Rotfussfalke war einstmals ein sehr häufiger Vogel der osteuropäischen und innerasiatischen Steppen. So schreibt beispielsweise «Tiervater» Brehm in seiner Enzyklopädie von 1878: «In den von mir bereisten Steppen (...) gehört der Abendfalke zu den so regelmässigen Erscheinungen, dass man sagen darf, er fehle dem Gebiet ebensowenig wie die Schäfchenwolken am Himmel.»

Mit dem massiven Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der modernen Landwirtschaft haben seine Bestände vielerorts rasch abgenommen. Wie bei allen Raubtieren reichern sich im Körper des Rotfussfalken, der am Ende vieler Nahrungsketten steht, die nicht abbaubaren chemischen Gifte an. Zwar führen die in kleinen Portionen nach und nach in den Körper eingelagerten Schadstoffe in der Regel nicht zur akuten Vergiftung und damit nicht zum schnellen Tod der Vögel. Sie wirken sich aber verheerend auf deren Fortpflanzung aus: Die Weibchen legen unbefruchtete Eier. Oder sie legen Eier, welche zu dünne Schalen haben und beim Brüten zerbrechen. Manchmal sterben auch die Embryos in den Eiern vorzeitig ab, oder es schlüpfen missgebildete, nicht lebensfähige Junge aus den Eiern. So nimmt der Fortpflanzungserfolg der Rotfussfalken ab, und ihre Bestände gehen zurück. Leider ist ein Ende dieser unseligen Entwicklung in den meisten Ländern, in denen der Rotfussfalke vorkommt, nicht absehbar.




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