Rothalsgans

Branta ruficollis


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Rothalsgans (Branta ruficollis) ist ein Mitglied der Familie der Entenvögel (Anatidae), welche weltweit rund 150 Arten von Enten, Gänsen und Schwänen umfasst. Innerhalb der Familie gehört sie zur Gruppe der Echten Gänse (Anserini), die sich aus etwa 15 Arten von Feldgänsen (Gattung Anser) und Meergänsen (Gattung Branta) zusammensetzt. Die Unterscheidung der Feldgänse von den Meergänsen fällt selbst dem Laien nicht schwer: Während erstere rosa, orange oder grau gefärbte Schnäbel und Füsse haben, sind diese Körperteile bei letzteren stets völlig schwarz.

Meergänse gibt es insgesamt nur fünf Arten. Neben der Rothalsgans sind dies: die Hawaiigans (Branta sandvicensis), welche auf der gleichnamigen Inselgruppe im Pazifik heimisch ist; die Kanadagans (Branta canadensis), welche ursprünglich nur in Nordamerika vorkam, heute aber auch in Westeuropa, auf Neuseeland und in anderen Erdteilen eingebürgert ist; die Weisswangengans (Branta leucopsis), welche auf Grönland, auf Spitzbergen und auf der russischen Insel Novaja Semlja brütet und an den Küsten der Nordsee und der Britischen Inseln überwintert; und schliesslich die Ringelgans (Branta bernicla), welche im Bereich des Nordpolarmeers weit verbreitet ist.

Die Rothalsgans ist die kleinste der fünf Meergänse: Erwachsene Individuen weisen eine Länge von durchschnittlich 54 Zentimetern auf und wiegen 1 bis 1,5 Kilogramm. Die Weibchen sind im allgemeinen etwas kleiner und leichter als die Männchen. Hinsichtlich der Färbung ihres Federkleids unterscheiden sich die beiden Geschlechter hingegen nicht.

 

Greifvögel schützen Gänse

Die Brutplätze der Rothalsgänse befinden sich im nördlichen Mittelsibirien, jenseits des nördlichen Polarkreises, und zwar in einem verhältnismässig eng begrenzten Gebiet auf den an das Nordpolarmeer angrenzenden Halbinseln Janal, Gydan und Taimyr. Es handelt sich bei dieser Gegend um arktische Tundra - eine offene, baumlose, winderfüllte Landschaft, welche mit einem dicken Polster aus Moosen, Flechten, Gräsern und Zwergsträuchern bedeckt ist.

Ende Mai, Anfang Juni beginnt in dieser hochnordischen Gegend der kurze arktische Sommer. Die Schneedecke schmilzt dann an den besonnten Stellen schnell, und eine überraschende Vielfalt von Pflanzen und Tieren nimmt die Gelegenheit sofort wahr, um sich zu vermehren. Die Rothalsgänse sind jeweils verhältnismässig spät dran: Aus ihren Winterquartieren kommend treffen sie erst in der zweiten Junihälfte, in Scharen von zehn bis fünfzehn Vögeln, im Brutgebiet ein. Die meisten anderen Vögel, welche in Nordsibirien brüten, darunter auch die Blessgänse (Anser albifrons) und die Ringelgänse, sitzen längst auf ihren Gelegen, wenn die Rothalsgänse erst mit dem Nestbau beginnen.

Weshalb die Rothalsgänse erst so spät im Jahr mit dem Brutgeschäft beginnen, war lange Zeit eine ungeklärte Frage. Die Ornithologen scheinen aber nun eine interessante Antwort darauf gefunden zu haben. Es ist ihnen nämlich aufgefallen, dass die Rothalsgänse ihre Nester sehr oft - in Gruppen von zumeist vier oder fünf - in der Nähe des Nests eines Greifvogelpaars, vielfach eines Wanderfalkenpaars (Falco peregrinus) oder eines Rauhfussbussardpaars (Buteo lagopus), anlegen. Tatsächlich scheint ihnen das gleich in doppelter Hinsicht einen Vorteil zu bringen: Erstens jagen diese Greifvögel nie in unmittelbarer Nestnähe, sondern suchen sich ihre Beutetiere in grösserer Entfernung davon; sie gliedern ihre Territorien in ein «Horstfeld» und ein «Beutefeld». Indem die Rothalsgänse ihre Nester in der «beuteneutralen Zone» des Greifvogelreviers anlegen, haben sie und insbesondere ihre Jungen vor diesen Greifvögeln nichts zu befürchten. Zweitens vertreiben die Greifvögel andere Beutegreifer wie Eisfuchs (Alopex lagopus) und Raubmöwen (Stercorarius spp.) vehement aus dem Umfeld ihres Nests - und damit auch aus dem Umfeld der Nester der Rothalsgänse.

Die genannten Greifvögel gehören jedoch zu den spät brütenden Arten der Tundra, denn sie sind für die ausreichende Ernährung ihrer Jungen stark auf den Nachwuchs der anderen Tundrabewohner angewiesen und richten ihr Brutgeschäft zeitlich so ein, dass ihre Jungen erst aus den Eiern schlüpfen, wenn dieses Beuteangebot reichlich vorhanden ist. Es scheint also, dass die Rothalsgänse «absichtlich» so spät mit dem Brüten beginnen, damit ihre Jungenaufzucht zeitlich mit derjenigen ihrer Greifvogel-Nachbarn zusammenfällt und sie bestmöglichen Schutz sowohl vor diesen Greifvögeln als auch durch diese Greifvögel geniessen können.

 

Wohldurchdachter Nestbau

Wie die meisten Gänse und Schwäne leben die Rothalsgänse in «Dauerehe». Wenn sie im Brutgebiet eintreffen, sind sie also bereits verpaart und können sich den bei anderen Vogelarten oft grossen Aufwand für die Partnerfindung sparen. Selbst die frisch erwachsenen, knapp zweijährigen Vögel, welche das erste Mal zur Brut schreiten wollen, treffen paarweise ein, denn sie sind bereits im Winterquartier eine feste Partnerbeziehung eingegangen.

Nachdem das Rothalsgänsepaar einen geeigneten Nistplatz - gewöhnlich an felsigen Stellen oberhalb steiler Flussufer - gefunden hat, beginnt das Weibchen mit dem Nestbau. Es tut dies in typischer Gänsemanier: Zuerst muldet es, soweit dies möglich ist, den Untergrund aus, indem es sich an der betreffenden Stelle auf den Boden setzt, sich um die eigene Achse dreht und mit den Füssen die Erde nach hinten wegscharrt. Dann schickt es sich an, die entstandene Nestmulde mit trockenen Moosen, Halmen und Blättern auszukleiden. Dieses Isolationsmaterial gegen die Kälte des Untergrunds trägt es aber nicht Stück für Stück zum Nest, wie wir es von anderen Vogelarten her kennen, sondern es entfernt sich zunächst etwas vom Nistplatz weg, pickt mit dem Schnabel nach geeignetem Material und wirft dieses über seine Schulter hinweg etwas näher zum Nest. Anschliessend bewegt es sich ein wenig in Richtung Nest und wiederholt den Vorgang. So kommt immer mehr Material zusammen, je näher das Weibchen zum Nest gelangt. Am Schluss setzt es sich auf die Nestmulde und zieht das angehäufte Pflanzenmaterial herbei. Auf diese Weise ist das Nest überraschend schnell gebaut.

Das Gelege besteht bei den Rothalsgänsen zumeist aus vier oder fünf Eiern, die das Weibchen in eintägigen Intervallen ablegt. Kurz bevor das Gelege vollständig ist, zupft es sich die sogenannten «Nestdunen» aus und verwendet sie zum Auspolstern und Umranden desselben. Es handelt sich dabei um Dunenfedern, welche dem Weibchen vor Beginn der Fortpflanzungszeit zwischen den auf der Körperunterseite gelegenen Pelzdunen spriessen und sich durch eine grössere Länge auszeichnen. Beim Verlassen des Nests bedeckt es sein Gelege jeweils mit diesen Dunen, um sie erstens zu tarnen und zweitens vor Auskühlung zu schützen.

Während der Phase des Eierlegens verbringt die Gans verhältnismässig wenig Zeit auf dem Nest, doch sobald das Gelege vollständig ist, beginnt sie ernstlich zu brüten und verlässt dann das Nest täglich nur noch während etwa einer Stunde, um Nahrung zu sich zu nehmen. Der Ganter beteiligt sich zwar nicht am Bebrüten der Eier, doch hält er ständig in Nestnähe Wache. Fürsorglich beschützt er sein Weibchen und den Nachwuchs vor etwaigen Fressfeinden und hält auch arteigene «Störenfriede» vom Nest fern.

Die Brutdauer beträgt etwa 25 Tage. Die jungen Rothalsgänse schlüpfen also im allgemeinen in der zweiten Julihälfte aus den Eiern. Wie alle Gänsekinder gehören sie zu den am besten entwickelten Nestflüchtern in der Vogelwelt: Sie sind mit einem dichten Dunenkleid bedeckt und verlassen schon wenige Stunden nach dem Schlupf unter Führung der Eltern das Nest. Vom ersten Tag an ernähren sie sich selbständig - einerseits von jungen Grashalmen und anderen zarten Schösslingen, andererseits von nahrhaften Insekten, welche nun zahlreich die Tundra beleben - und wachsen schnell heran. Das Elternpaar bewacht die unternehmungslustige Jungenschar aufmerksam, schützt sie nötigenfalls vor Feinden und wärmt sie bei Bedarf.

Wie alle Echten Gänse - aber im Gegensatz zu vielen anderen Vögeln - mausern die Rothalsgänse ihr Gefieder nur einmal im Jahr. Sie erneuern dabei alle ihre Schwungfedern gleichzeitig, so dass sie für rund drei Wochen flugunfähig werden. Dies fällt zeitlich ziemlich genau mit der Aufzucht der Jungen zusammen, was zur Folge hat, dass die Altvögel ihre Flugfähigkeit etwa zu der Zeit - nämlich in der zweiten Augusthälfte - wiedererlangen, wenn ihre Kinder flügge werden. So ist die ganze Familie gleichzeitig bereit, den mehrere tausend Kilometer weiten Herbstzug ins Überwinterungsgebiet zu beginnen.

 

Im Winter am Schwarzen Meer

Die exakte Zugroute der Rothalsgänse entzieht sich noch immer unserer Kenntnis, doch scheinen die Vögel zunächst alle direkt südwärts ins nördliche Kasachstan zu ziehen und dann von dort aus in ihre verschiedenen Winterquartiere weiterzureisen. Ein kleiner Teil der Population begibt sich nach Südosten zum Syr-Darja, einem Zufluss des Aralsees in Kasachstan. Ein anderer kleiner Teil fliegt weit nach Süden ins Delta von Euphrat und Tigris im Süden des Irak. Der Grossteil der Population wendet sich jedoch nach Westen zur Westküste des Schwarzen Meers und überwintert dort in Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Noch bis in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts zog ferner eine grosse Zahl von Rothalsgänsen an die Südküste des Kaspischen Meers im Norden des Iran, doch ist dieses Winterquartier inzwischen verwaist.

In Rumänien halten sich die Rothalsgänse vor allem im Donaudelta auf, teils auch im Bereich der südlich davon befindlichen Meereslagunen. In Bulgarien leben sie im Bereich der küstennahen Seen Durankulak und Shabla, ganz im Nordosten des Landes. Und in der Ukraine siedeln sie vor allem in den Buchten Tendra und Jagorlystski im Südwesten des Landes.

In ihren Winterquartieren leben die Rothalsgänse sehr gesellig und bilden gebietsweise kopfstarke Schwärme. Nachts ruhen sie auf feindsicheren Schlickflächen und Sandbänken im Küsten- oder Uferbereich. Am Morgen fliegen sie dann jeweils ins Landesinnere, manchmal bis zu vierzig Kilometer weit, um auf Nahrungssuche zu gehen. Sie fliegen dabei sehr schnell, mit sausendem Flügelschlag, und im Gegensatz zu anderen Gänsearten nicht in Keilformation, sondern in ungeordneten Gruppen.

Als erwachsene Tiere ernähren sich die Rothalsgänse ausschliesslich von pflanzlichen Stoffen. Ursprünglich bestand ihre Nahrung im Winterquartier zu einem beträchtlichen Teil aus Queller (Salicornia spp.), einem typischen Gewächs an Meeresküsten und auf Salzböden des Binnenlandes. Die meisten Gebiete, wo sie sich früher mit Queller verpflegten, sind jedoch in unserem Jahrhundert in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt worden, so dass sich die Vögel gezwungen sahen, nach Ersatznahrung Ausschau zu halten. Heute kann man sie in der ersten Winterhälfte häufig auf abgeernteten Weizen- und Maisfeldern beobachten, wo sie nach liegengebliebenen Körnern suchen, während sie in der zweiten Winterhälfte hauptsächlich Felder mit spriessendem Winterweizen besuchen.

Gegen Ende März verlassen die Rothalsgänse ihre Überwinterungsgebiete wieder und brechen auf zur weiten Reise in ihre hochnordischen Brutgebiete. Welchen Routen sie dabei folgen, ist nicht genau bekannt. Offensichtlich haben sie es aber nicht eilig und rasten wohl auf ihrer dreimonatigen Reise hier und dort ausgiebig.

 

Gefahr durch Wilddiebe und Erdölfirmen

Obschon die Rothalsgänse in praktisch ihrem ganzen Verbreitungsgebiet gesetzlich geschützt sind, werden viele von ihnen insbesondere in den Winterquartieren, wo sie in grossen Schwärmen auftreten, von Wilderern für den Verzehr abgeschossen. Die Umwandlung ihrer natürlichen Winterlebensräume in landwirtschaftliche Nutzfläche, welche in unserem Jahrhundert auf breiter Front stattgefunden hat und noch immer stattfindet, macht ihnen ebenfalls arg zu schaffen. Die Fachleute meinen, dass es solche Landnutzungsänderungen gewesen sind, welche seinerzeit die Rothalsgänse aus ihrem Winterquartier am Kaspischen Meer verdrängt haben. Leider sind die kleinen Gänse auch in ihrer hochnordischen Brutheimat nicht sicher vor den Schadeinflüssen seitens des Menschen: Die Suche nach förderfähigen Erdgas- und Erdölvorkommen hat in einigen Bereichen ihres Brutgebiets massive Schäden und erhebliche Störungen verursacht.

Die Grösse der Gesamtpopulation der Rothalsgänse wurde früher auf 10 000 bis 15 000 Individuen geschätzt. Diese Zahlen scheinen neueren Erkenntnissen zufolge deutlich zu tief angesetzt gewesen zu sein. Man geht heute davon aus, dass der Bestand gesamthaft ungefähr 75 000 Individuen umfasst. Trotzdem stuft BirdLife International, der frühere Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP), die Art als «verletzlich» ein. Denn sowohl im Brutgebiet als auch im Winterquartier scheinen die Vögel aufgrund ihrer ökologischen Bedürfnisse an ein paar wenige, verhältnismässig eng begrenzte Plätze gebunden zu sein. Übermässige Schädigungen dieser Plätze, wie sie um die Jahrhundertmitte offensichtlich am Südrand des Kaspischen Meers erfolgt sind, können somit die Rothalsgänse schnell in arge Bedrängnis bringen. Wirksame Massnahmen zum Schutz der verbleibenden Naturlandschaften an der Westküste des Schwarzen Meers (insbesondere im Bereich des Donaudeltas) sowie an der Nordpolarmeerküste in Mittelsibirien sind darum für den längerfristigen Fortbestand dieser hübschen Gans von entscheidender Bedeutung.




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