Rothund

Cuon alpinus


© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Himalajaregion ist nicht nur ein Gebiet von grossem landschaftlichem Reiz, sondern bildet auch die Heimat einer höchst interessanten Tier- und Pflanzenwelt. Fauna und Flora stellen nämlich bunte Artenmischungen dar, welche Elemente sowohl des indischen Subkontinent als auch Zentralasiens und Südostasiens enthalten.

Mitten in dieser Region liegt das Königreich Bhutan, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Mit einer Fläche von 46 500 Quadratkilometern ist es nur wenig grösser als die Schweiz (39 990 km2). Dennoch umschliessen seine Grenzen ein sehr vielfältiges Spektrum natürlicher Lebensräume, das von fruchtbaren Ebenen im Brahmaputra-Tal auf 200 Metern ü.M. bis hin zu vergletscherten Himalajagipfeln auf über 7500 Metern ü.M. reicht.

Bhutan gilt als ein Land, in welchem die Zeit stehen geblieben ist. Nahezu 95 Prozent der Bhutaner arbeiten in der Landwirtschaft, und Reichtum gilt bei ihnen nicht als erstrebenswert, denn sie glauben, dass dies ihre sorgfältig gepflegten Traditionen beeinträchtigen würde. Aus demselben Grund auch lassen sie jedes Jahr nur eine streng begrenzte Zahl von Touristen ins Land.

Zu dieser - gewiss weisen - «Zurückhaltung» der Bhutaner passt, dass sie auch die natürlichen Ressourcen ihres Landes schonend behandeln. Unter anderem haben sie bislang nur wenige Wälder abgeholzt, so dass Bhutans Berghänge - anders als etwa in Nepal - von der Bodenerosion verschont geblieben sind. Rund die Hälfte des Landes ist noch heute von naturnahen, artenreichen Wäldern bedeckt, welche die Lebensgrundlage für eine bemerkenswerte Vielfalt von Tierarten bilden.

Unter den Säugetieren, welche in Bhutans Wäldern vorkommen, befindet sich auch der Rothund oder Asiatische Wildhund (Cuon alpinus), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Rotes Fell, buschiger Schwanz

Der Rothund gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Hundeartigen (Canidae), welche insgesamt 34 Arten umfasst. Er steht dort den Vertretern der Gattung Canis am nächsten, zu welcher nebst vier Arten von Schakalen (Canis adustus, mesomelas, aureus und simensis) der Kojote (Canis latrans) und der Wolf (Canis lupus) sowie unser Haushund (Canis l.f. familiaris) gehören.

Mit einer Kopfrumpflänge von etwa einem Meter und einer Schulterhöhe von 45 bis 55 Zentimetern ist der Rothund ein mittelgrosses Mitglied seiner Familie. Die Männchen sind im Durchschnitt etwas grösser als die Weibchen und wiegen mit 15 bis 25 Kilogramm etwa 5 Kilogramm mehr als diese.

Im südlichen und östlichen Asien ist der Rothund weit verbreitet. Da er jedoch von alters her durch den Menschen verfolgt wird, ist er heute überall sehr selten geworden und aus vielen Bereichen seines ehemaligen Verbreitungsgebiets sogar vollständig verschwunden.

Als westliche Verbreitungsgrenze gelten im allgemeinen die zentralasiatischen Republiken Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, obschon keinerlei neueren Beobachtungen aus diesen Ländern vorliegen und es deshalb fraglich ist, ob die Art dort überlebt. Auch aus Pakistan wurden seit vielen Jahren keine Rothundbeobachtungen mehr gemeldet, doch ist es denkbar, dass in den abgelegenen nördlichen und östlichen Teilen des Landes noch kleinere Restbestände existieren. Östlich hiervon ist der Rothund über die meisten Bereiche des indischen Subkontinents verbreitet, wenn auch in gegenüber früher stark ausgedünnten, «löcherigen» Beständen. Rothundpopulationen unbekannter Grösse finden sich sodann in den Staaten Indochinas, in China, in der Mongolei und in der russischen Amurregion. Kleine Restbestände gibt es ferner auf den Sundainseln Java und Sumatra, während der Rothundbestand auf Borneo als vollständig ausgestorben gilt.

Wie seine Vettern der Gattung Canis ist der Rothund ein sehr anpassungsfähiges Mitglied der Hundefamilie, der ein breites Spektrum unterschiedlicher Lebensräume zu nutzen weiss. Man findet ihn in den feuchtwarmen Tropenwäldern Südostasiens ebenso wie in den gemässigten Bambuswäldern Chinas, in den windreichen Hochgras- und Buschsteppen der Mongolei ebenso wie in den frostigen, nebelverhangenen Bergwäldern der Himalajavorberge. Stets zeigt er jedoch eine deutliche Vorliebe für Gebiete mit dichter, zusammenhängender und zumindest teilweise waldartiger Pflanzendecke. Warum er Kurzgrassavannen, Halbwüsten und andere offene Landschaften nach Möglichkeit meidet, ist nicht klar. Denkbar wäre, dass er in dichter Vegetation seine Jagdtechniken am erfolgversprechendsten anzuwenden vermag. Eher wahrscheinlich ist jedoch, dass er in dichter Vegetation am besten vor den Nachstellungen durch den Menschen geschützt ist.

 

Ein Leben im Rudel

Der Rothund gehört - zusammen mit dem Wolf und dem Afrikanischen Wildhund (Lycaon pictus) - zu den drei Mitgliedern der Hundefamilie, welche ein ausgeprägtes Rudelleben führen. Bei den Rothundrudeln handelt es sich im allgemeinen um echte Familiengruppen, das heisst um Gemeinschaften aus einem erwachsenen Paar und dessen teils jungerwachsenen, teils halbwüchsigen Nachkommen. Gewöhnlich gehören einem Rudel fünf bis zwölf (durchschnittlich acht) Mitglieder an; in Ausnahmefällen können es aber auch bis über dreissig sein. Jedes Rudel bewohnt einen Eigenbezirk, aus welchem Nachbarrudel und fremde Durchzügler nach Möglichkeit ferngehalten werden. Die Grösse dieser Jagdreviere richtet sich nach der Dichte der lokalen Beutetierbestände, scheint aber in vielen Fällen um vierzig Quadratkilometer zu betragen.

Jedes Rothundrudel verfügt innerhalb seines Streifgebiets über einen Bau, der hauptsächlich während der Jungenaufzucht eine zentrale Rolle im Rudelalltag spielt. Dabei kann es sich um eine selbstgegrabene Erdhöhle handeln. Vielfach werden jedoch die unterirdischen Wohnungen von Stachelschweinen und anderen «Baumeistern» unter den Tieren übernommen und gemäss den eigenen Bedürfnissen umgebaut und erweitert. Im Laufe der Zeit können sie so zu recht umfangreichen Anlagen werden. Ein Naturforscher legte einst einen Rothundbau frei, um dessen Ausmasse zu erkunden: Der Bau hatte sechs Eingänge, ein gesamthaft dreissig Meter langes unterirdisches Labyrinth von Gängen und vier Schlaf-/Wurfkammern! Es handelte sich zweifellos um das Ergebnis der Grabtätigkeit von mehreren Rothundgenerationen - und beweist die Treue der asiatischen Wildhunde zu ihrem Heim.

Rothunde können zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sein. Auf die Jagd gehen sie aber am häufigsten frühmorgens oder abends etwa bei Sonnenuntergang. Ein erwachsener Rothund benötigt täglich rund zwei Kilogramm Fleisch für seine Ernährung, ein durchschnittlich grosses Rudel also Tag für Tag ungefähr sechzehn Kilogramm. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich die geselligen Hunde bei der Jagd nach Möglichkeit als «Grosswildjäger» betätigen und Huftieren wie Hirschen, Antilopen, Wildziegen und Wildschweinen nachstellen. Ja, selbst vor den mächtigen asiatischen Wildrindern Banteng (Bos javanicus) und Gaur (Bos gaurus) machen sie nicht halt. Immer vorausgesetzt natürlich, ihr Rudel ist gross genug, um gemeinsam einen solchen «Brocken» zu überwältigen.

In Gebieten, wo Grosswild aufgrund der übermässigen Bejagung durch den Menschen selten geworden ist, dürfen die Rothunde freilich nicht allzu wählerisch sein. Dort begnügen sie sich zwischendurch auch mit kleineren Tieren, um ihren Hunger zu stillen. Mancherorts scheinen Kleinsäuger wie Hasen (Lepus spp.) sogar ihre Hauptnahrung zu bilden.

 

Ausdauernde Langstreckenläufer

Wie bei den Wölfen und den Afrikanischen Wildhunden stellen die Rothundrudel eingespielte «Teams» und deshalb sehr erfolgreiche Jagdgemeinschaften dar. Die Jagd beginnt stets mit dem gemeinsamen Aufbruch vom Ruheplatz und der Suche nach der frischen Fährte eines geeigneten Beutetiers - was den mit einem ausgezeichneten Geruchssinn ausgestatteten Wildhunden nicht schwer fällt. Dann folgt die Hetzjagd, bei der die Rothunde nicht sehr schnell, dafür unermüdlich oft über beträchtliche Strecken der Fährte folgen. Immer wieder lösen sie einander bei der Spürarbeit ab und geben nicht auf, bis sie ihr Opfer eingeholt haben.

Das gehetzte Beutetier flüchtet sich, wenn es müde wird, oft in möglichst dichtes Gebüsch, wo es Rückendeckung hat und von den Wildhunden schwerlich erlegt werden kann. Dann wendet das Rothundrudel viel-fach eine bemerkenswerte Strategie an: Zunächst umkreisen einige der Wildhunde das Gebüsch und legen sich auf die Lauer. Dann dringen die restlichen vor und versuchen, das Opfer herauszutreiben. Verlässt dieses letztlich das schützende Gebüsch, so ist es in aller Regel verloren: Es wird von den auf der Lauer liegenden Rothunden nach kurzem «Endspurt» eingeholt, gestellt und getötet.

Flüchtet sich das Beutetier in ein Gewässer, was insbesondere Hirsche auf der Flucht vor Raubtieren oft tun, sind seine Chancen nicht besser. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Raubtieren, insbesondere aus der Familie der Katzen, sind die Rothunde keineswegs wasserscheu und folgen ihrer Beute ohne zu zögern ins Wasser nach.

 

4 bis 6 Welpen je Wurf

In den südlichen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets pflanzen sich die Rothunde zu allen Jahreszeiten fort, während in den nördlichen Regionen das Fortpflanzungsgeschehen saisonal geprägt ist: Dort kommen die Jungen stets zeitig im Frühjahr zur Welt.

Normalerweise pflanzt sich in jedem Rudel nur das weibliche Leittier fort. Die Tragzeit dauert rund sechzig Tage, und ein Wurf umfasst gewöhnlich vier bis sechs Junge. Diese tragen anfänglich ein dunkelbraunes Fell. Während drei bis vier Monaten bleiben sie wohlbehütet im Inneren des Baus. Danach kommen sie hervor und beginnen, dem Rudel zuerst auf kürzeren, dann auch auf längeren Streifzügen durch das Revier nachzufolgen. Auf die Grosswildjagd begleiten sie das Rudel aber erst im Alter von etwa sieben Monaten. Nach der Entwöhnung und bis sie imstande sind, sich an erlegten Beutetieren selbst zu sättigen, werden die Welpen wie bei den Wölfen und den Afrikanischen Wildhunden mit vorgewürgtem Futter versorgt, und zwar nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren älteren Geschwistern, wenn sie diese anbetteln.

Über die Lebensdauer der Rothunde in freier Wildbahn wissen wir bislang nichts; in Menschenobhut haben einzelne Individuen ein Alter von sechzehn Jahren erreicht.

 

Gejagte Jäger

Rothunde haben kaum ernstzunehmende natürliche Feinde; sie stehen an der Spitze der «Nahrungspyramide». Am oder im Wasser können sie unter Umständen Krokodilen zum Opfer fallen, und allein umherstreifende Individuen dürften mitunter von einem Tiger, von einem Leoparden oder von einer Pythonschlange angefallen werden. Auf den Fortbestand der Art haben solche vereinzelten «Unfälle» jedoch keinerlei Auswirkungen.

Weit schwerwiegender ist die Bedrohung, die vom Menschen ausgeht. Wie eingangs erwähnt schiesst er die eleganten Wildhunde von alters her ab, wo und wann immer sie sich zeigen - weil er sie zum einen als lästige Jagdkonkurrenten und zum anderen als tückische Viehdiebe betrachtet. Infolge dieser gnadenlosen Bekämpfung sind die Rothunde überall extrem scheu geworden und meiden die Nähe des Menschen so gut wie möglich. Da aber die menschliche Bevölkerung in ganz Süd- und Ostasien stetig anwächst und immer weiter in die letzten Naturlandschaften vordringt, nimmt der den Rothunden zur Verfügung stehende Lebensraum überall rapid ab. Ausserdem werden Begegnungen mit dem Menschen, welche für die Rothunde verhängnisvoll enden, immer häufiger. Kommt hinzu, dass die Rothunde heute vermehrt in Berührung kommen mit den todbringenden Krankheiten Staupe und Tollwut, welche durch verwilderte Haushunde verbreitet werden.

Da selbst Wissenschaftler heutzutage die seltenen und scheuen Rothunde kaum mehr zu Gesicht bekommen, lässt sich eine einigermassen zuverlässige Bestandsschätzung nicht machen. Gewiss ist einzig, dass die Bestände der Art im ganzen Verbreitungsgebiet stark zurückgegangen und vielerorts bereits vollständig verschwunden sind. Manche Fachleute befürchten, dass die Rothunde viel ernsthafter gefährdet sind, als dies im allgemeinen angesichts ihrer weiten Verbreitung angenommen wird. Bereits scheint ihr Vorkommen nämlich meistenorts auf Schutzgebiete beschränkt zu sein, von denen jedoch viele nicht gross genug sind, um auf längere Sicht gesunden Beständen eine sichere Heimat zu bieten.

In Bhutan kommt der Rothund im 658 Quadratkilometer grossen Royal-Manas-Nationalpark im Süden des Landes vor, der dort an das 391 Quadratkilometer grosse Manas-Reservat in Indien grenzt. Für die einzigartige Fauna des indischen Subkontinents ist dieses grenzüberschreitende Schutzgebiet sehr bedeutsam, denn es beherbergt ansehnliche Bestände einiger höchst bedrohter Säugetiere dieser Erdregion, darunter des Panzernashorns (Rhinoceros unicornis), des Tigers (Panther tigris), des Zwergwildschweins (Sus salvanius) und des Borstenkaninchens (Caprolagus hispidus). Und nicht zuletzt gehört es zu den wenigen geschützten Naturlandschaften Südasiens, welche nicht nur eine gesunde Rothundpopulation beherbergen, sondern auch gross genug sein dürften, um diesen eleganten Wildhunden längerfristig genügend Platz zum Leben zu bieten. Entsprechend wichtig ist es, dass dieses Gebiet auch zukünftig durch umsichtiges Management vor dem zerstörerischen Zugriff durch den Menschen bewahrt wird.




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