Rotmilan
Milvus milvus
© 1996 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Als vor rund 150 Millionen Jahren die beiden Landmassen
Europa und Afrika auseinanderbrachen, da löste sich ein
riesiger Kalksteinblock, stürzte in den neuentstandenen
Graben und bildete fortan eine dem europäischen Festland
vorgelagerte Insel, aus der später, nachdem das Mittelmeer
eine Sandbrücke aufgehäuft hatte, eine Halbinsel wurde:
Gibraltar. Einer natürlichen Festung gleich ragt der graue
Felsen in die nur vierzehn Kilometer breite Meerenge zwischen
Europa und Afrika hinein, und in der Tat hatte der Mensch rasch
herausgefunden, dass sich von hier aus sämtlicher Verkehr
an diesem Schnittpunkt zweier Kontinente und zweier Meere hervorragend
kontrollieren lässt.
Als erste liessen sich die Phönizier im 9. Jahrhundert
v.Chr. auf Gibraltar nieder. Sie wurden zu gegebener Zeit von
den Römern abgelöst, diese um 400 n.Chr. durch die
Vandalen, welche ihrerseits im 6. Jahrhundert n.Chr. durch die
Westgoten verdrängt wurden. 711 kamen die Mauren, 1462 die
Spanier, und schliesslich, 1713, nahmen die Briten das zwar winzige,
strategisch aber überaus bedeutsame Territorium ein und
haben es seither nicht mehr aus der Hand gegeben.
426 Meter ragt der 6 Kilometer lange und rund 1 Kilometer
breite, fingerartig ins Mittelmeer zeigende Felsen von Gibraltar
an seinem höchsten Punkt über die Wasseroberfläche
auf. Seine Ostseite ist ausgesprochen steil, während die
Westflanke in etwas sanfteren Stufen zur Stadt und zum Hafen
hin abfällt. Rund 30 000 Personen (ohne Militär), grossenteils
Nachfahren von Handelsleuten aus aller Herren Länder, leben
innerhalb der Grenzen Gibraltars. Sie haben alle tieferliegenden,
flacheren Gebiete vollständig überbaut. Natürliche
oder naturnahe Vegetation findet sich aber noch an den steileren
Hängen des Felsens. Sie bietet einer recht vielgestaltigen
mediterranen Insektenwelt und ein paar Reptilienarten eine Lebensgrundlage.
Ausserdem brüten rund zwanzig Vogelarten regelmässig
und weitere zehn sporadisch im Bereich des Felsens.
Für die Vogelwelt ist der Felsen von Gibraltar
aber nicht in erster Linie als Brutgebiet von Bedeutung. Viel
wichtiger ist seine Funktion als «Brückenkopf»
für Abertausende von Zugvögeln, welche jeweils im Herbst
auf der «Westroute» von ihren europäischen Brutgebieten
in die afrikanischen Winterquartiere und im Frühjahr auf
demselben Weg wieder zurück ziehen.
Eine solche Vogelart, die regelmässig über
Gibraltar hinwegzieht, ist der Rotmilan (Milvus milvus).
Von ihm soll auf diesen Seiten berichtet werden.
Vorkommensschwerpunkt: Mitteleuropa
Der Rotmilan gehört innerhalb der Ordnung der
Greifvögel (Falconiformes) zur Familie der Habichtartigen
(Accipitridae), welche rund 240 verschiedene Arten von Adlern,
Bussarden, Habichten, Sperbern, Weihen, Milanen und Geiern umfasst.
Er ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe: Ausgewachsene
Individuen - Männchen wie Weibchen - wiegen etwa 1 Kilogramm,
haben eine Länge um 65 Zentimeter (wovon nahezu die Hälfte
auf den Schwanz entfällt) und weisen eine Spannweite von
ungefähr 160 Zentimetern auf.
Der Rotmilan zählt ohne Zweifel zu den elegantesten
Luftakrobaten unter den Greifvögeln. Er ist nicht nur ein
Meister des Segelflugs, sondern verfügt auch über eine
unvergleichliche Manövrierfähigkeit, wobei ihm sein
breiter Gabelschwanz als Steuerruder sehr dienlich ist. Zudem
vermag er «rüttelnd» in der Luft an Ort zu verharren,
was nur verhältnismässig wenigen Vögeln gelingt.
Das Vorkommen des Rotmilans ist fast vollständig auf Europa
beschränkt, wobei sich die bei weitem umfangreichsten Brutbestände
in Mitteleuropa finden. Ausserhalb Europas gibt es lediglich
ein paar winzige Brutbestände im südwestlichen Kaukasus
(Georgien), im nördlichen Marokko, auf den Kanarischen Inseln
und auf den Kapverden. Früher scheint der Rotmilan auch
im nördlichen Iran gebrütet zu haben, doch fehlen diesbezügliche
Beobachtungen aus jüngerer Zeit. Im Norden Europas reicht
sein Brutvorkommen bis nach Südschweden, und es besteht
ferner ein kleiner Brutbestand im britischen Wales.
Kleintiergreifer und Aasvertilger
Durch sein verhältnismässig stark begrenztes Verbreitungsgebiet
unterscheidet sich der Rotmilan klar von seinem «Bruder»,
dem Schwarzmilan (Milvus migrans), der als ein besonders
weitverbreiteter Greifvogel in den meisten Bereichen Europas,
Afrikas, Asiens und Australiens heimisch ist. Dies erstaunt,
denn die ökologischen Ansprüche des Rotmilans scheinen
keineswegs überhöht zu sein: So ist das Spektrum der
Lebensräume, die der Rotmilan in Europa bewohnt, recht breit
und reicht von den kühlen Nadelwäldern Südschwedens
über die feuchten und windreichen Atlantikküsten Westfrankreichs
bis zu den trockenheissen Ebenen Zentralspaniens. (In Mitteleuropa
bewohnt er vorzugsweise Laubwaldränder, welche an Felder
und Wiesen grenzen, sowie offenes Gelände mit eingestreuten
Baumgruppen und Gehölzstreifen.) Allerdings ist er ein ausgeprägter
Vogel des Tieflands, der gewöhnlich nur in Lagen unterhalb
600 Meter ü.M. zur Brut schreitet.
Doch auch bezüglich seiner Nahrung ist der Rotmilan
recht genügsam. Im allgemeinen betätigt er sich als
Kleintiergreifer, ist darüberhinaus aber keineswegs wählerisch.
Demzufolge setzt sich seine Kost - je nach saisonalem und lokalem
Angebot - aus Nagern, Vögeln, Kriechtieren, Lurchen, Fischen
und Insekten unterschiedlichster Art zusammen. Zwar ist er so
wendig, dass er Kleinvögel und Insekten im Flug zu erhaschen
vermag, doch bejagt er im allgemeinen Beutetiere am Boden. Bei
seinen Beutesuchflügen streift er weit umher und entfernt
sich dabei oft bis zu zwanzig Kilometer von seinem Horst.
Wird ein Rotmilan mit einem verhältnismässig
grossen Beutetier beobachtet, so handelt es sich in der Regel
nicht um Eigenbeute. Zum einen gelingt es ihm nämlich immer
wieder, grösseren Greifvögeln wie Habicht oder Seeadler
deren zum Teil gewichtige Beute zu stehlen. Zum anderen nimmt
er auch häufig mit Aas vorlieb. Gerade in der heutigen Zeit
findet er zahlreiche tote Tiere, die im Verkehr verunglückt
sind, und leidet deshalb - zumindest im Frühling, Sommer
und Herbst - kaum an Nahrungsmangel.
Lumpen als Nestmuldenpolster
An ihre mitteleuropäischen Brutstellen kehren
die Rotmilane gewöhnlich bereits im Laufe des Monats März
zurück. Die Paare zeigen dann in ihrem Revier faszinierende,
von wiehernden Rufen untermalte Balzflüge und beginnen sogleich
mit den Brutvorbereitungen, denn wie zahlreiche andere Greifvögel
sind sie ausgesprochene «Frühbrüter»: In
Mitteleuropa legt das Rotmilanweibchen seine zumeist zwei oder
drei Eier gewöhnlich schon Anfang April. Dies ist für
die Überlebenchancen der Jungvögel sehr wichtig, denn
nur so bleibt ihnen genügend Zeit, um vor dem eher nahrungsarmen
Winter die Techniken des Beutegreifens ausreichend zu üben.
Seinen Horst legt das Rotmilanpaar gewöhnlich
auf einem kräftigen Baum in 12 bis 15 Metern Höhe an.
Oft stockt es alte Nester von Bussarden, Krähen oder Graureihern
auf oder verwendet das eigene Nest vom Vorjahr, insbesondere
wenn es erfolgreich Junge darin aufgezogen hatte. Äste und
Zweige dienen als Unterbaumaterial, Grashalme, Schafwolle und
nicht selten auch Lumpen als Horstmuldenpolster. Neugebaute Horste
sind im allgemeinen etwa 30 Zentimeter hoch und weisen einen
Durchmesser um 50 Zentimeter auf. Werden Horste mehrfach wiederverwendet
und ausgebaut, so können aber mit der Zeit massige Gebilde
mit einem Durchmesser von über einem Meter entstehen.
Die jungen Rotmilane schlüpfen ziemlich genau
einen Monat nach der Eiablage und bleiben weitere anderthalb
bis zwei Monate im Nest. Ist das Beuteangebot reichlich, so verläuft
ihre Entwicklung deutlich schneller, als wenn Nahrungsknappheit
herrscht. Nach dem Verlassen des Nests halten sich die flüggen
Jungmilane weitere zwei bis drei Wochen in der näheren Umgebung
des Horsts auf und werden dort von ihren Eltern zugefüttert.
Dann erst vermögen sie für sich selbst zu sorgen und
lösen sich vom Geburtsort und von den Eltern.
Wie die meisten Greifvögel können Rotmilane
nicht nur in Menschenobhut, sondern auch in freier Wildbahn ein
recht hohes Alter von nachweislich fünfundzwanzig, vermutlich
aber noch deutlich mehr Jahren erreichen. Von einem beringten
Rotmilanpaar in Wales wissen wir im übrigen, dass es während
insgesamt siebzehn Jahren im selben Horst brütete.
Ein Schmalfront-Zugvogel
Obschon stets einzelne Individuen in Mitteleuropa
überwintern, sind die Rotmilane des nördlichen und
mittleren Europas im ganzen gesehen doch als echte Zugvögel
zu bezeichnen. Zumeist im Laufe des Septembers kehren sie ihren
sommerlichen Brutgebieten den Rücken und ziehen südwärts.
Allerdings sind sie keine Langstrecken-Zugvögel, welche
über die Sahara hinweg ins zentrale und südliche Afrika
ziehen, wie dies beispielsweise der Schwarzmilan tut, sondern
sie überwintern im Mittelmeerraum - teils in Südeuropa,
teils aber auch in der Türkei und im westlichen Nordafrika.
Wegen ihrer Scheu vor offenen Wasserflächen umfliegen
die Rotmilane das Mittelmeer in einem weiten Bogen und setzen
an dessen schmalsten Stellen nach Kleinasien und Nordafrika über:
im Osten beim Bosporus, im Westen bei Gibraltar. Diese «Scheu»
hat allerdings nichts mit Angst vor dem Wasser zu tun, sondern
erklärt sich durch die Flugtechnik der Vögel: Ihre
Wanderungen legen die Rotmilane weitgehend im energiesparenden
Segelflug zurück. Hierbei nutzen sie jede Hangaufwind- oder
Wärmeaufwindstelle, die sich unterwegs finden lässt.
An einem Ort lassen sie sich in Schrauben durch einen Hangaufwind
hochtragen, dann gleiten sie möglichst schnell zu einer
Thermik über einer windgeschützten Ebene, von da zur
nächsten Aufwindstelle, die sich über einem Tal befindet,
usw. Hingegen meiden sie anlässlich ihrer Wanderungen aufwindarme
Gegenden, wie sie insbesondere das Mittelmeer und andere grosse
Stillgewässer bilden. So findet eine Kanalisierung des Rotmilan-Zugs
statt; man spricht von einem «Schmalfrontzug». Dies
im Gegensatz zum «Breitfrontzug», der bei vielen
europäischen Singvogelarten zu beobachten ist. Diese mittels
Schlagflug reisenden Vögel kümmern sich kaum um das
Terrain, das sie überfliegen, sondern wählen einen
möglichst direkten Weg zu ihren Winterquartieren: Sie überqueren
das Mittelmeer auf breiter Front und machen sich nichts aus den
erwähnten Brückenköpfen.
Rückläufiger Bestand
Die Gesamtpopulation des Rotmilans wird gegenwärtig
auf 20 000 bis 40 000 Paare geschätzt. Davon brüten
rund 90 Prozent in nur drei Ländern, nämlich Deutschland,
Frankreich und Spanien, ja ungefähr 65 Prozent, 15 000 bis
25 000 Paare, gar nur in einem einzigen Land: Deutschland.
In Deutschland und Frankreich ist der Rotmilanbestand
zwischen 1970 und 1990 ziemlich stabil geblieben. Aus diesem
Grund wird die Art derzeit nicht als gefährdet eingestuft.
Ausserhalb des mitteleuropäischen «Kerns» des
Artverbreitungsgebiets gibt die Bestandsentwicklung des Rotmilans
jedoch Anlass zur Besorgnis. So ist etwa der Bestand in Spanien
und Portugal im obigen Zeitraum rückläufig gewesen
und liegt heute bei nurmehr 3000 bis 7000 Paaren. Die bedenkliche
Entwicklung auf der Iberischen Halbinsel ist Teil eines massiven
Bestandsrückgangs, unter welchem die Art zwischen 1850 und
1970 im ganzen europäischen Verbreitungsgebiet litt und
der im südwestlichen und östlichen Europa noch immer
anhält.
Die Ursachen für den Rückgang des Rotmilans,
der zum Verschwinden der Art aus vielen Landstrichen geführt
hat, sind vielfältig. Zu nennen ist gewiss die einst erbarmungslose
Verfolgung des Vogels durch den Menschen, der lange Zeit in jedem
Raubtier einen unliebsamen Konkurrenten sah. «Unter
der Jägerei gilt es als unbestreitbare Tatsache, dass er
(der Rotmilan) der Wildbahn unendlichen Schaden zufügt,
und jedermann fühlt sich deshalb berufen, ihn samt seiner
Brut zu zerstören, wo immer dies möglich ist»,
heisst es hierzu vielsagend in «Brehms Thierleben»
von 1878. Weitere Schadfaktoren, die dem wendigen Greifvogel
arg zusetzten und gebietsweise noch immer zusetzen, sind der
übermässige Einsatz von Pestiziden in der modernen
Landwirtschaft, was zu Vergiftungen führt, und die Entfernung
von Hecken und Feldgehölzen zwecks Schaffung maschinengerechter
Felder, woraus Brutplatzverluste resultieren.
Nicht zuletzt kann auch die Plünderung der Horste
durch Eiersammler eine Rolle spielen. Aus dieser Erkenntnis heraus
stehen heute in den Bergen von Wales, wo die letzten rund 80
Paare des einst über das ganze südliche Grossbritannien
verbreiteten Rotmilans überleben, jeweils in den Brutmonaten
April und Mai mehr als hundert Soldaten im Einsatz, um die bekannten
Rotmilanhorste vor menschlichen Eierdieben zu schützen.
Tatsächlich hat sich die kleine Rotmilanpopulation dank
dieser Bewachung rund um die Uhr in den beiden letzten Jahrzehnten
mehr als verdreifachen können. Wobei zu berücksichtigen
ist, dass im selben Zeitraum auch der Einsatz besonders umweltschädlicher
Pestizide stark zurückgegangen ist, was ohne Zweifel ebenfalls
zur Erhaltung des letzten britischen Rotmilanbestands beigetragen
hat.
Es ist zu hoffen, dass es alsbald auch in den südwest-
und osteuropäischen Regionen gelingen wird, dem schleichenden
Rückgang der Rotmilanbestände Einhalt zu gebieten bzw.
eine Zunahme und neuerliche Ausweitung der geschrumpften Bestände
zu erreichen, wie dies inzwischen im mittleren und nordwestlichen
Europa gelungen ist. Erst dann kann die Art wirklich als «nicht
gefährdet» betrachtet werden.
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