Rotstirngazelle

Gazella rufifrons


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Zwischen der sonnendurchglühten Wüste Sahara im nördlichen Afrika und den saftigen Savannen und üppigen Regenwäldern West- und Zentralafrikas liegt der Sahel - eine halbwüstenartige Landschaft mit spärlichem Graswuchs, Dornbüschen und niedrigwüchsigen Bäumen. Gegenüber den Regionen im Süden erscheint der Sahel recht öd. Er ist jedoch hinsichtlich seiner Pflanzendecke beträchtlich reichhaltiger als die Sahara und bietet deshalb einer erstaunlichen Vielzahl tierlicher Lebewesen - sowie einer ständig wachsenden menschlichen Bevölkerung - eine ausreichende Lebensgrundlage.

Die meisten Tierarten, welche in der Sahelzone vorkommen, sind im Grunde genommen Bewohner der weiter südlich liegenden Savannen. Hier befindet sich die nördliche Grenze ihres Verbreitungsgebiets; der Sahel stellt für sie keinen optimalen, sondern marginalen Lebensraum dar. Einige Tierarten sind jedoch typische Sahelbewohner, deren Verbreitungsgebiet weitgehend mit der Sahelzone übereinstimmt. Unter den Grosssäugern ist etwa die Säbelantilope (Oryx dammah) zu nennen. Aber auch die Rotstirngazelle (Gazella rufifrons), von der hier die Rede sein soll, zählt dazu.

 

Ist die Rotstirngazelle eine rotstirnige Thomsongazelle?

Der Gattung Gazella gehören nach heute gängiger Auffassung (d. h. seit kürzlich im Südwesten der Arabischen Halbinsel eine neue, im Deutschen noch namenlose Gazelle (Gazella bilkis) entdeckt worden ist) zwölf Arten von Gazellen an. Diese sogenannt «echten» Gazellen sind mehrheitlich in der nördlichen Hälfte Afrikas, auf der Arabischen Halbinsel und im südwestlichen Asien zu Hause. Nur eine Art, die Kropfgazelle (Gazella subgutturosa), kommt auch im zentralen Asien, ostwärts bis zur Mongolei, vor. Die echten Gazellen sind typischerweise Tiere der Grasländer und Halbwüsten, doch sind ein paar Arten, darunter die treffend benannte Dünengazelle (Gazella leptoceros), auch an extremste Trockenwüstenverhältnisse angepasst. Zu den echten Gazellen gehören im übrigen nicht nur einige der seltensten und meistbedrohten Grosssäugetiere unseres Planeten, so etwa die anmutige Damagazelle (Gazella dama), sondern es zählen auch einige der häufigsten zu ihnen. Zu nennen ist insbesondere die Thomsongazelle (Gazella thomsoni), welche zu Hunderttausenden die Savannen Kenias und Tansanias bewohnt.

Nicht alle Experten sind mit der Gliederung der Gattung Gazella in zwölf Arten einverstanden. Umstritten ist insbesondere der Status der Rotstirngazelle. Manche Fachleute sind der Meinung, dass es sich bei ihr lediglich um eine Unterart der Thomsongazelle handle und sie also Gazella thomsoni rufifrons zu heissen habe. Sie begründen dies damit, dass die im südlichen Sudan lebenden Thomsongazellen (Unterart Gazella thomsoni albonotata) in Gestalt und Färbung eine exakte Mittelstellung zwischen den Rotstirngazellen in der Sahelzone und den Thomsongazellen in Kenia und Tansania einnähmen. Es seien deshalb alle drei Formen zu einer einzigen Art zusammenzufassen. Diese Ansicht hat jedoch keine allgemeine Anerkennung gefunden. Die meisten Experten ziehen es vor, der Rotstirngazelle den Status einer eigenen Art zu geben.

So oder so ist die Rotstirngazelle eine eher kleingewachsene Vertreterin ihrer Gattung: Die erwachsenen Männchen weisen eine Kopfrumpflänge von 110 bis 120 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 70 bis 80 Zentimetern und ein Gewicht von 25 bis 35 Kilogramm auf, während die Weibchen eine Kopfrumpflänge von 100 bis 110 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 65 bis 70 Zentimetern und ein Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm erreichen. Beide Geschlechter tragen Hörner, doch sind diejenigen der Männchen in der Regel länger, dicker und stärker geschwungen als die der Weibchen. Beim «starken Geschlecht» weisen sie eine Länge von 20 bis 35 Zentimetern auf, und sie haben von vorne betrachtet gewöhnlich eine deutliche Leierform, während sie von der Seite betrachtet S-förmig geschwungen erscheinen.

 

Vom Atlantischen Ozean bis zum Roten Meer anzutreffen

Das Verbreitungsgebiet der Rotstirngazelle ist zwar seit der Besiedlung der Sahelzone durch den Menschen stark geschrumpft und bietet heute ein unzusammenhängendes, «löchriges» Bild. Doch noch immer lässt sich erkennen, dass es einst recht genau mit der Ausdehnung der Sahelzone übereinstimmte, sich also als breites Band quer über den afrikanischen Kontinent vom Atlantischen Ozean im Westen bis zum Roten Meer im Osten erstreckte. Ganz im Westen findet man die Rotstirngazelle im südlichen Mauretanien und im nördlichen Senegal. Weiter östlich begegnet man ihr im südlichen Mali, im südlichen Niger und im südlichen Tschad. In Burkina Faso kommt sie hauptsächlich im nördlichen Drittel des Landes vor, doch bewohnen kleinere Bestände auch die weiter südlich gelegenen Waldsavannengebiete.

Südlich von Burkina Faso - im nördlichen Ghana, Togo und Benin - tritt die Rotstirngazelle nurmehr unregelmässig, gewissermassen als «Besucherin», auf, wenn Dürreperioden im Sahel sie nach Süden drängen. In Nigeria war die Rotstirngazelle einst in den nördlichen Landesteilen weit verbreitet, dürfte aber mittlerweile vollständig ausgerottet sein. In geringer Zahl überlebt sie dagegen noch in den nördlichsten Bereichen Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik. Im Sudan kommt sie hauptsächlich in den zentralen Landesteilen vor. Und ganz im Osten findet man sie schliesslich im nördlichen Äthiopien und in Eritrea.

Es erstaunt angesichts dieses weiten Verbreitungsgebiets nicht, dass von eifrigen Wissenschaftlern bis zu neun verschiedene geografische Unterarten der Rotstirngazelle beschrieben worden sind, denn wie bei den meisten Säugetierarten mit weiter Verbreitung unterliegen Fellfärbung und -musterung der Rotstirngazelle gewissen Schwankungen. Diese hängen teilweise tatsächlich mit dem geografischen Vorkommen der Tiere zusammen, doch sind die Übergänge stets fliessend. Ausserdem spielen der örtliche Lebensraum und die Jahreszeit eine gewisse Rolle. Ja sogar die individuelle Abstammung wirkt sich aus, so dass selbst zwischen den Angehörigen einer lokalen Population mitunter beträchtliche Färbungsunterschiede bestehen können. Die Gliederung in Unterarten scheint deshalb bei der Rotstirngazelle eher willkürlichen Charakter zu haben und dürfte wohl in den wenigsten Fällen gerechtfertigt sein.

 

Noch vor dem ersten Geburtstag trächtig

Im Gegensatz zur eng verwandten Thomsongazelle wurde die Rotstirngazelle in freier Wildbahn bislang nicht näher untersucht. Die wenigen Beobachtungen, die uns vorliegen, deuten jedoch darauf hin, dass sie sich in ihrer Lebensweise nicht wesentlich von ihrer besser bekannten Cousine unterscheidet. Während sich aber die Thomsongazelle vorzugsweise in möglichst offenen, busch- und baumlosen Ebenen aufhält, zeigt die Rotstirngazelle eine deutliche Vorliebe für dicht mit Gehölzen bestandenes Gelände. Sie bewohnt deshalb hauptsächlich die etwas feuchteren Regionen der Sahelzone - also verhängnisvollerweise genau die Gebiete, die auch der Mensch vorzugsweise für den Ackerbau und die Viehzucht nutzt.

Gewöhnlich lebt die Rotstirngazelle in Gruppen von fünf bis zehn (ausnahmsweise bis vierzig) Individuen. Diese sind in einigen Bereichen ihres weiten Verbreitungsgebiets mehr oder minder ortstreu, streifen also ganzjährig in festen Wohngebieten umher. In anderen Regionen führen sie dagegen jahreszeitliche Wanderungen durch: Auf der Suche nach ausreichender Nahrung ziehen sie im Verlauf der winterlichen Trockenzeit allmählich immer weiter nach Süden und kehren erst mit dem Einsetzen der Sommerregenzeit wieder nach Norden in ihre angestammten Gebiete zurück.

Die Kost der Rotstirngazelle setzt sich einerseits aus Gräsern und allerlei krautigen Pflanzen, andererseits aus den Blättern, Früchten und zarten Zweigen diverser Gehölzpflanzen zusammen. Besonders gut scheinen ihr die Früchte und jungen Blätter verschiedener Akazienarten (Acacia spp.) und der Tamarinde (Tamarindus indica) zu munden. Um die tiefhängenden Äste dieser Bäume zu erreichen, richtet sie sich häufig auf ihren Hinterbeinen auf.

Wie bei den meisten afrikanischen Antilopenarten können die jungen Rotstirngazellen praktisch zu jeder Zeit des Jahres zur Welt kommen. Eine gewisse Häufung der Geburten ist aber vielerorts im März und April sowie im Oktober und November feststellbar. Bei den Jungen handelt es sich gewöhnlich um Einzelkinder; Zwillinge sind selten. Das Weibchen verlässt für die Geburt vorübergehend seine Gruppe und sucht sich einen abgeschiedenen, möglichst sicheren Wurfplatz für sein Junges. Letzteres wiegt bei der Geburt nur ungefähr drei Kilogramm. Es bleibt in der Folge während mehrerer Wochen beinahe regungslos in seinem Versteck liegen. Nur drei- bis viermal am Tag erfährt es eine kleine Abwechslung, wenn es kurz von seiner Mutter zum Säugen besucht wird.

Nach dieser «Abliegephase» ist das Gazellenjunge kräftig genug, um seiner Mutter selbst im schnellen Galopp folgen zu können. Es verlässt dann an ihrer Seite seinen Geburtsort und schliesst sich der mütterlichen Gruppe an. Zwar nimmt es schon bald feste Nahrung zu sich, wird aber noch bis zum Alter von fünf bis sechs Monaten zusätzlich von seiner Mutter gesäugt. Während die jungen Männchen die Geschlechtsreife gewöhnlich mit etwa 14 Monaten erreichen, können die jungen Weibchen noch vor ihrem ersten Geburtstag in Brunft kommen, sich paaren und trächtig werden.

 

Nur auf dem Papier geschützt

Wie die meisten afrikanischen Antilopen muss sich die Rotstirngazelle vor einer ganzen Reihe von Fressfeinden in acht nehmen: Löwen, Leoparden, Geparden, Wildhunde und Hyänen stellen ihr gerne nach. Alle diese Raubsäuger sind jedoch in den meisten Bereichen der Sahelzone vom Menschen stark zurückgedrängt worden und stellen heute keine nennenswerte Gefahr mehr für die aufmerksamen Gazellen dar. Vorteile hat der Rotstirngazelle diese Verminderung der Fressfeinde allerdings kaum gebracht, denn der Mensch hat nicht nur jenen, sondern auch ihr enorm zugesetzt. Unkontrollierte Bejagung, Nahrungswettstreit mit Nutztieren und Umwandlung des natürlichen Lebensraums in Kulturland haben ihre Bestände auf breiter Front schrumpfen lassen.

Auch in Burkina Faso, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, hat die Rotstirngazelle durch den Menschen grossen Schaden genommen, steht aber wenigstens nicht am Rande der Ausrottung wie anderswo. Bestandsschätzungen nennen für Burkina Faso eine Zahl von ungefähr 1500 überlebenden Rotstirngazellen. Die meisten davon leben in der Seno-Mango-Region des 16 000 Quadratkilometer grossen Sahel-Wildschutzgebiets im Norden des Landes. Eine kleinere Population findet sich ferner im 2350 Quadratkilometer grossen W-Nationalpark ganz im Osten des Landes, an der Grenze zu Niger und Benin. Die Rotstirngazelle steht im übrigen in ganz Burkina Faso unter gesetzlichem Jagdschutz.

Leider hapert es in Burkina Faso - wie in vielen anderen afrikanischen Staaten - mit dem Vollzug der Naturschutzgesetzgebung. Der dürregeplagte Staat, der bis 1984 «Obervolta» hiess, zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und verfügt deshalb nicht über die finanziellen Mittel, um die heimische Natur wirksam zu schützen. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind ärmliche Pflanzer und Viehzüchter. Sie leben sozusagen «von der Hand in den Mund» und sind deshalb auf Wildtiere und Wildpflanzen aller Art zur Ergänzung ihrer oft kargen Mahlzeiten angewiesen. So verwundert es nicht, dass selbst die unter gesetzlichem Schutz stehenden Wildtiere in Burkina Faso stark bejagt werden. Und zwar innerhalb der Naturschutzgebiete ebenso wie ausserhalb, denn die meisten Reservate, so auch das Sahel-Wildschutzgebiet, sind dicht besiedelt...

 

Hoffnungsschimmer dank Nazinga-Ranch

Interessanterweise gibt es gerade in Burkina Faso seit geraumer Zeit ein erfolgreiches Projekt, welches aufzeigt, wie der Konflikt zwischen den Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung und der Erhaltung der heimischen Fauna mit einfachen Mitteln zu lösen wäre: Auf einer 940 Quadratkilometer grossen Ranch bei Nazinga im Süden des Landes, nahe der Grenze zu Ghana, wird seit 1979 die nachhaltige - das heisst schonende, die natürliche Nachzuchtrate berücksichtigende - Nutzung der dort lebenden Wildtiere praktiziert. Im Rahmen dieses «Schutz-Nutzung-Projekts» wurde anfangs durch das Anlegen von Wasserstellen, die flächendeckende Bewachung des Geländes gegen Wilddiebe und andere Massnahmen das Anwachsen der lokalen Wildtierbestände gefördert. Heute können sie in grösserem Umfang kommerziell genutzt werden. Dies verschafft der ansässigen Bevölkerung dringend benötigte Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten - und zeigt beispielhaft auf, welch hohen Wert die Wildtiere des Landes haben könnten, wenn sie nicht unüberlegt abgeschossen würden.

Die Rotstirngazelle kommt zwar auf der Nazinga-Ranch nicht freilebend vor, obschon sie wahrscheinlich einst dort heimisch war. Sie wird jedoch erfolgreich in Gehegen gezüchtet und soll gelegentlich auf dem Areal der Ranch ausgewildert werden. Die Existenz einer gesunden Population von Rotstirngazellen auf der gut geführten Nazinga-Ranch wird die Zukunftsaussichten der Art in Burkina Faso wesentlich verbessern. Das Projekt leistet so einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung dieser immer stärker bedrohten Gazellenart.




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