Westlicher Sägefisch

Pristis pectinata


© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Von allen Wirbeltiersippen ist die Sippe der Fische die artenreichste. Wir kennen ungefähr 25 000 Arten von Fischen, das sind mehr als alle übrigen Wirbeltierarten zusammen.

Die grosse Mehrzahl der Fische - etwa fünfundneunzig Prozent - gehört zur Klasse der Knochenfische (Osteichthyes), der Rest zur Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes). Obschon letztere also vergleichsweise artenarm ist, umfasst sie doch in Form der Haie und Rochen viele der grössten und spektakulärsten aller Fische. Zu nennen sind insbesondere der Weisse Hai (Carcharodon carcharias) aus der Familie der Makrelenhaie (Isuridae) und der Riesenmanta (Manta birostris) aus der Familie der Teufelsrochen (Mobulidae).

Zu den Knorpelfischen zählt auch der bis sechs Meter lange Westliche Sägefisch (Pristis pectinata) aus der Familie der Sägefische (Pristidae), von dem hier die Rede sein soll.

 

Ein haiähnlicher Rochen

Die Klasse der Knorpelfische setzt sich aus rund 1100 Arten zusammen. Die allermeisten davon werden in der Unterklasse der Plattenkiemer (Elasmobranchii) zusammengefasst, und nur die eigenartigen Chimären oder «Seedrachen», insgesamt etwa 25 Arten, werden in eine separate Unterklasse namens Holocephali gestellt.

Die Plattenkiemer werden gegliedert in die Ordnung der Haie (Selachiformes) einerseits und in die Ordnung der Rochen (Rajiformes) andererseits. Erstere haben im allgemeinen einen torpedoförmig langgestreckten Körper und sind schnelle Schwimmer, die sich mit seitlichen Wellenbewegungen des Körpers vorwärtstreiben, wobei die kräftige Schwanzflosse den Hauptantrieb liefert. Im Gegensatz hierzu haben die Rochen im allgemeinen einen scheibenförmig abgeplatteten Körper und sehr grosse Brustflossen, mit welchen sie senkrechte Wellenbewegungen von vorn nach hinten ausführen, um sich ziemlich bedächtig durch das Wasser zu bewegen. Die meisten Rochen sind im übrigen bodenlebende Tiere, während die Haie gewöhnlich eine freischwimmende Lebensweise führen.

Es gibt allerdings unter den Plattenkiemern zahlreiche Ausnahmen von diesen «Regeln»: So gibt es Haie, die recht rochenähnlich gebaut sind und stark an das Bodenleben angepasst sind. Umgekehrt erinnern einige Rochen in ihrem Körperbau stark an Haie oder bewegen sich «flügelschlagend» durch das offene Wasser. Letztlich dient die Lage der Kiemenöffnungen als sicheres Unterscheidungsmerkmal: Befinden sie sich auf den Seiten des Vorderkörpers, so handelt es sich um einen Hai; liegen sie hingegen auf der Körperunterseite, eindeutig tiefer als die Brustflossen, so ist es ein Rochen.

In diesem Licht betrachtet gehören die Sägefische eindeutig zu den Rochen, obschon sie im Aussehen eher haiähnlich sind. Wieviele verschiedene Arten die Familie weltweit umfasst, ist nicht geklärt. Häufig werden sieben Arten unterschieden, manchmal aber auch nur deren vier.

Die Sägefische weisen allesamt denselben unverwechselbaren Körperbau auf. Am ehesten könnten sie noch mit den Sägehaien (Familie Pristiphoridae) verwechselt werden, doch sind diese stets kleingewachsen, sehr schlank gebaut und weisen beidseitig an ihrer «Säge» eine lange Bartel auf - und nicht zuletzt haben sie ihre Kiemenspalten vor den Brustflossen auf den Kopfseiten.

Das auffälligste Körpermerkmal der Sägefische ist gewiss jenes, dem sie ihren Namen verdanken: die zu einem langen, abgeflachten Fortsatz ausgezogene Schnauze, welche wie eine Säge an den Aussenrändern mit langen und spitzen Dolchzähnen besetzt ist. Charakteristisch ist für die Sägefische aber auch ihre beträchtliche Körpergrösse. Mit einer Gesamtlänge von bis über sieben Metern sind sie klar die grössten Vertreter der Rochenordnung. Einzig der Riesenmanta und sein Vetter, der Alfred-Riesenmanta (Manta alfredi), sind mit Flügelspannweiten von bis zu sieben Metern (aber deutlich geringerer Länge) ähnlich imposante Fische.

Der Westliche Sägefisch gehört zu den grösseren Mitgliedern seiner Familie: Erwachsene Tiere können eine Länge von bis zu sechs Metern erreichen. Knapp ein Viertel davon entfällt auf die «Säge», welche mit 25 bis 32 Zahnpaaren besetzt ist. Die Körperfärbung ist unterseits beige, oberseits grünlich, gräulich oder bräunlich. Männchen und Weibchen sehen einander sehr ähnlich, doch kann man die Männchen daran erkennen, dass der hintere Teil ihrer Bauchflossen zu einem spangenähnlichen Begattungsorgan umgebildet ist.

 

In flachen Küstengewässern zu Hause

Die Sägefische sind allesamt typische Bodenbewohner. Sie halten sich stets in flachen Küstengewässern auf, wo sie zumeist in Tiefen von wenigen Metern leben und selten tiefer als etwa 40 Meter gehen. Sie bevorzugen Gebiete mit sandigen und schlammigen Böden und kommen darum häufig im Bereich von Flussmündungen vor. Interessanterweise zeigen sie eine grosse Verträglichkeit gegenüber salzarmem Wasser und sind darum häufig in brackigen Meeresbuchten, ja teils sogar im süsswasserführenden Unterlauf grösserer Flüsse anzutreffen. Dies alles gilt auch für den Westlichen Sägefisch.

Das Verbreitungsgebiet des Westlichen Sägefischs ist sehr gross und erstreckt sich grundsätzlich über die tropischen und subtropischen Zonen aller drei Weltmeere. Allerdings ist das Vorkommen der Art innerhalb dieses Areals sehr lückenhaft: Im Ostpazifik ist der Westliche Sägefisch vor der Küste Ecuadors und Mexikos zu beobachten. Im Westpazifik kann man ihm im Bereich der Philippinen und Nordaustraliens begegnen. Im Indischen Ozean kommt er in den Gewässern von Myanmar (ehem. Burma) und Indien vor, ferner im Roten Meer, entlang der afrikanischen Ostküste von Somalia bis Südafrika und bei Madagaskar. Im Ostatlantik erstreckt sich seine Verbreitung von Marokko südwärts über den Golf von Guinea bis Angola, während er im Westatlantik von New York südwärts über den Golf von Mexiko und die Karibik bis nach Südbrasilien zu finden ist.

 

Wozu ist die Säge gut?

Wie bei der überwiegenden Mehrzahl der Fische fehlen eingehende wissenschaftliche Studien über das Verhalten und die Ökologie des Westlichen Sägefischs in freier Wildbahn. Es wurden aber schon mehrfach Exemplare dieser Rochenart in Zoos und Aquarien gehalten, so dass wir immerhin einen kleinen Einblick in die Lebensweise dieser Art haben.

Von alters her hat den Menschen vor allem die Frage nach dem Verwendungszweck des namengebenden Schnauzenfortsatzes interessiert. Alle möglichen Vermutungen und Meinungen wurden früher diesbezüglich geäussert, darunter die, dass die Säge bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Individuen (um Geschlechtspartner oder um Territorien) eingesetzt würde, dass sie eine Verteidigungswaffe gegen Fressfeinde sei, oder dass sie zum Töten von Beutetieren diene. Wir wissen heute, dass das auffällige «Werkzeug» dem Westlichen Sägefischs in erster Linie beim Nahrungserwerb von grossem Nutzen ist (was nicht ausschliesst, dass er damit auch Angreifer abwehrt oder Rivalen bekämpft, doch fehlen diesbezügliche Beobachtungen).

Der Westliche Sägefisch ist ein Unterwasserjäger, der sich ausschliesslich von Fischen und anderen Meerestieren ernährt. Bei der Jagd auf Fische fährt er mit seiner aus dem Kopf wachsenden Säge unvermittelt mitten in Fischschwärme hinein und teilt mit schnellen Seitwärtsbewegungen derselben wuchtige Schläge aus. Anschliessend wendet er und verspeist in aller Ruhe die teils toten, teils verletzten Opfer. Fische, die an den spitzen Dolchzähnen seiner Waffe hängen geblieben sind, streift er zuvor am Boden ab. Bei der Jagd nach wirbellosen Tieren wühlt der Westliche Sägefisch mit seiner Säge oftmals im Boden und stöbert dabei Krebse und Weichtiere auf, die er hernach packt und verzehrt.

Wie die meisten Haie und Rochen hat der Westliche Sägefisch recht grosse, leistungsfähige Augen, und zweifellos spielt der Gesichtssinn beim Ausfindigmachen von Beutetieren eine wichtige Rolle. Allerdings kann er sich auch auf seinen ausgezeichneten Geruchssinn abstützen: Er verfügt über zwei grosse, mit gefalteter Riechschleimhaut ausgekleidete Nasengruben, deren Öffnungen auf der Kopfunterseite, vor der Mundöffnung, liegen.

Soweit wir wissen, ist der Westliche Sägefisch ein langlebiges Geschöpf und kann ein Alter von mehreren Jahrzehnten erreichen. Wie bei allen Haien und Rochen ist hingegen seine Fortpflanzungsrate sehr gering. Denn erstens benötigt er mehrere Jahre, um die Geschlechtsreife zu erreichen, und zweitens erzeugt jedes Weibchen nur fünfzehn bis zwanzig Junge im Jahr.

Immerhin erhalten die jungen Sägefische eine besonders gute Betreuung durch ihre Mutter. Wie andere bodenlebende Knorpelfische sind die Westlichen Sägefische nämlich lebendgebährend. Die befruchteten Eier werden also nicht einfach ins Wasser abgegeben und ihrem Schicksal überlassen, wie dies bei den meisten Knochenfischen der Fall ist, sondern sie verbleiben im mütterlichen Körper, bis sich die Keimlinge fertig entwickelt haben. Nach einer Entwicklungszeit von wahrscheinlich zehn bis zwölf Monaten schlüpfen die Jungen in den mütterlichen Eileitern aus ihren kapselartigen Eiern und entwickeln sich noch eine Weile im Mutterleib weiter, bis sie schliesslich geboren werden. Sie weisen zu diesem Zeitpunkt bereits eine Länge von rund 60 Zentimetern auf und haben damit verhältnismässig gute Überlebenschancen.

 

Bei den Küstenfischern unbeliebt

Wie bei vielen - und insbesondere bei räuberisch lebenden - Grosstieren scheint die Populationsdichte des Westlichen Sägefischs von Natur aus nie sehr gross gewesen zu sein. Es bestand deshalb lange Zeit kein Grund, sich wegen der Seltenheit des grossen Knorpelfischs Sorgen um seinen Fortbestand zu machen, umso mehr als er scheinbar eine überaus weite Verbreitung hatte. In jüngerer Zeit mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass der Westliche Sägefisch - ebenso wie seine Vettern - ganz erheblich gefährdet ist. Zwar gibt es keine genauen Bestandsabklärungen, doch deutet der weltweit feststellbare starke Rückgang der Häufigkeit von Sägefischsichtungen unmissverständlich auf eine starke Abnahme der Bestände hin. Im Golf von Mexiko, wo der Westliche Sägefisch stets ein fester Bestandteil der Küstenfischfauna war, ist er heute praktisch nicht mehr zu finden. Auch in den Gewässern entlang der nordamerikanischen Ostküste wurden in den vergangenen zehn Jahren nur noch vereinzelte Individuen gesichtet. Dasselbe gilt für die afrikanische Ostküste, und auch in den Gewässern um Sri Lanka und in den Philippien scheint die Art so gut wie ausgestorben zu sein.

Verantwortlich für diese besorgniserregende Situation ist ohne Zweifel der Mensch, der durch seine vielfältigen umweltbelastenden Aktivitäten dem Westlichen Sägefisch das Leben schwer macht. Gerade im Bereich der Meeresküsten und der Mündungen grosser Flüsse, wo der grosse Knorpelfisch vorzugsweise lebt, sind die Auswirkungen der menschlichen Machenschaften besonders ausgeprägt.

Zwar scheint der Westliche Sägefisch nirgendwo gezielt bejagt zu werden, doch verfängt er sich häufig in Fischernetzen, die gar nicht für ihn ausgelegt wurden. Da die Küstenfischerei in sämtlichen tropischen und subtropischen Regionen sehr intensiv betrieben wird, sind die so verursachten Ausfälle beträchtlich. Denn der Sägefisch wird keineswegs als unerwünschter Beifang wieder lebend ins Meer zurückgeworfen. Das hat zum einen damit zu tun, dass er bei seinen Befreiungsversuchen mit der zahnbestückten Säge oft grösseren Schaden an den Fischernetzen anrichtet und deshalb von den Fischern als «Schädling» betrachtet und stets getötet wird. Zum anderen spielt eine Rolle, dass sich verschiedene Teile des Sägefischkörpers durchaus verwerten lassen: das Fleisch als Speise, die Flossen als Suppenbeilage, die Säge als Wandschmuck, der Lebertran als Volksmedizin und Schmiermittel, die rauhe Haut als fein schleifendes Poliertuch.

Verheerend wirkt sich hierbei aus, dass der Westliche Sägefisch erst nach mehreren Jahren und nach Erreichen einer beachtlichen Körpergrösse geschlechtsreif wird. Die Wahrscheinlichkeit ist somit gross, dass er sich in einem Fischernetz verfängt, bevor er die Gelegenheit hatte, sich fortzupflanzen. Das Fehlen von Nachwuchs ist aber für jede Tierart katastrophal.

Damit nicht genug, ist der Westliche Saegefisch in seinen küstennahen Lebensräumen auch noch der Befrachtung des Wassers mit Schadstoffen aller Art ausgesetzt - erstens ganz direkt, zweitens via die Nahrungskette und drittens durch die Verminderung seiner Beutetierbestände. Auch wenn sich über das Ausmass der Beeinträchtigung des Westlichen Sägefischs durch die Gewässerverschmutzung nichts Genaues sagen lässt, so steht doch ausser Zweifel, dass er hierunter ebenfalls erheblich leidet.

Gezielte Artenschutzmassnahmen lassen sich im Fall des Westlichen Sägefischs kaum ergreifen, da der grosse Fisch vor allem indirekten Gefahren ausgesetzt ist. Helfen würden ihm allgemeine Massnahmen zum Schutz der Küstenfischbestände vor Übernutzung sowie zum Schutz der Küstenökosysteme vor übermässiger Befrachtung mit Schadstoffen. Trotz beträchtlicher Bemühungen seitens der internationalen Naturschutzorganisationen zur Entwicklung und Einsetzung naturschonender («nachhaltiger») Nutzungskonzepte in Küstengewässern - nicht zuletzt zu Gunsten der zukünftigen Generationen der heutigen Küstenbevölkerungen - sind diesbezügliche Erfolge bislang leider weitgehend ausgeblieben. Für den Westlichen Sägefisch, der infolge seiner geringen Fortpflanzungsrate selbst bei Wegfall sämtlicher Schadfaktoren mehrere Jahrzehnte benötigen würde, um seine Bestände wieder aufzubauen, lassen sich darum keine erfreulichen Prognosen stellen.




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