Saiga
Saiga tatarica
© 1995 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die endlos weiten, kargen Steppen Zentralasiens sind
die Heimat der Saiga (Saiga tatarica), eines mittelgrossen
Huftiers aus der Familie der Hornträger (Bovidae). Die genaue
verwandtschaftliche Stellung der Saiga innerhalb dieser grossen
und vielgestaltigen Familie ist bis heute nicht restlos geklärt.
Manche Zoologen betrachten sie als ein Mitglied der Unterfamilie
der Schaf- & Ziegenartigen (Caprinae), andere wollen sie
eher den Gazellenartigen (Antilopinae) anschliessen. Unbestritten
ist, dass die Saiga in ihrem Körperbau Merkmale beider Sippen
zeigt. Sie vermittelt also zwischen den Gazellen einerseits und
den Schafen & Ziegen andererseits und wird wohl - um diese
Mittelstellung zu veranschaulichen - am besten einer eigenen
Unterfamilie (Saiginae) zugeordnet.
Huftier mit Buckelnase
Die Saiga hat ungefähr Gemsengrösse: Erwachsene
Tiere weisen eine Kopfrumpflänge von gewöhnlich 110
bis 140 Zentimetern und eine Schulterhöhe von 60 bis 80
Zentimetern auf. Das Gewicht schwankt bei den Weibchen im allgemeinen
zwischen 20 und 40, bei den Männchen zwischen 30 und 50
Kilogramm. Hörner tragen nur die Männchen. Sie messen
in der Länge 20 bis 55 Zentimeter, sind bernsteinfarben
und weisen 12 bis 20 ringförmige Wülste auf.
Hinsichtlich all dieser körperbaulichen Merkmale
ist die Saiga ein durchaus «normales» Mitglied der
Hornträgerfamilie. Ein Körperteil ist jedoch höchst
ungewöhnlich ausgebildet und macht die Saiga selbst für
den Laien unverwechselbar: die «aufgeblähte»,
buckelige Nase, welche den Mund überragt und einen kurzen,
weichen, beweglichen Rüssel - mit nach vorn unten gerichteten
Nasenlöchern - bildet.
Die voluminöse Buckelnase der Saiga enthält grossflächige,
schneckenförmig gewundene Nasenknochen («Nasenmuscheln»),
welche mit stark durchbluteter Schleimhaut überzogen sind,
und stellt eine Anpassung an das Leben in den unwirtlichen eurasischen
Steppengegenden mit ihren grimmig kalten Wintern und trockenheissen
Sommern dar: Zum einen dient sie dazu, im Winter die eisige Atemluft
ausreichend aufzuwärmen und anzufeuchten, bevor dieselbe
in die Lungen gelangt. Zum anderen schützt sie das Hirn
der Saiga vor Überhitzung im Sommer, weil das zufliessende
Blut auf seinem Weg durch das reich verzweigte Gefässnetz
der feuchtkalten Nasenschleimhaut um ein paar entscheidende Grad
abgekühlt wird. Des weiteren ist die grosse Nase besonders
gut geeignet, das Einatmen von feinem Staub, der in der windreichen
Steppe stets reichlich aufgewirbelt wird, zu verhindern. Und
nicht zuletzt stellt sie auch ein überaus feinfühliges
Geruchsorgan dar. Dank ihres «nasalen Vielzweckorgans»
vermag die Saiga selbst in öden, halbwüstenartigen
Steppengebieten zu leben, in denen kein anderes Grosswild ein
Auskommen findet.
Kalmückien, Kasachstan, Mongolei
Die Saiga war bis zum Ende des Eiszeitalters (Pleistozäns)
vor rund 10 000 Jahren in allen Steppen Eurasiens zwischen dem
40. und 75. Grad nördlicher Breite heimisch gewesen - von
den Britischen Inseln im Westen über Deutschland und Russland
bis Alaska im Osten. Klimatische Veränderungen einerseits
und menschliche Aktivitäten andererseits liessen dieses
riesenhafte Verbreitungsgebiet in der Folge allmählich schrumpfen.
Immerhin reichte es aber noch im 17. Jahrhundert im Westen bis
zu den Karpaten und zum Bug und erstreckte sich von da ostwärts
über praktisch sämtliche Steppen des zentralen Eurasiens.
Auf -zig Millionen Tiere wird der Gesamtbestand der Art zu jener
Zeit geschätzt.
Im vorigen Jahrhundert wurde die Saiga dann in ihrem
ganzen Verbreitungsgebiet durch den Menschen masslos bejagt,
so dass sie zu Beginn unseres Jahrhunderts zu den Tierarten gehörte,
mit deren Aussterben man in wenigen Jahren rechnen musste. Glücklicherweise
konnte das «Schicksalsrad» der Saiga damals noch
im letzten Augenblick durch gezielte Schutzmassnahmen angehalten
werden, und heute gibt es wieder lebensfähige Saigapopulationen
in drei verschiedenen Regionen: Eine Population lebt südwestlich
der Wolga und nordwestlich des Kaspischen Meers in der zur Russischen
Föderation gehörenden Kalmückischen Republik.
Eine zweite, wesentlich grössere Population findet sich
östlich des Uralflusses in Kasachstan. Und eine dritte,
sehr kleine Population ist in der seenreichen Beckenregion der
westlichen Mongolei, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
heimisch.
Zwischen den Saigas, die im russisch-kasachischen
Teil des Verbreitungsgebiets leben, und jenen, welche östlich
des Mongolischen Altai-Gebirgszugs in der Mongolei vorkommen,
bestehen gewisse Unterschiede bezüglich der Form und Struktur
ihrer Nasenmuscheln. Ausserdem sind die mongolischen Saigas durchschnittlich
kleiner als die russisch-kasachischen und tragen kürzere,
dünnere Hörner. All dies deutet darauf hin, dass die
mongolischen Saigas seit langer Zeit von den russisch-kasachischen
getrennt leben und eine eigenständige Entwicklung durchlaufen
haben. Sie werden deshalb als eine eigene Unterart namens «Mongolische
Saiga» (Saiga tatarica mongolica) von der «Russischen
Saiga» (Saiga tatarica tatarica) abgetrennt.
Halbwüchsige Mütter gebären Zwillinge
Die Vegetation der eurasischen Steppen setzt sich
zur Hauptsache aus Hartgräsern, Zwiebel- und Rhizompflanzen,
Flechten und kleinblättrigen Zwergsträuchern zusammen.
Die Saigas scheinen praktisch das gesamte Spektrum dieser Steppenpflanzen
für sich nutzen zu können, sogar solche, die von anderen
Tieren wegen ihres Giftstoff- oder Salzgehalts verschmäht
werden. Mehr als hundert verschiedene Pflanzenarten sind bislang
als Futterpflanzen der genügsamen Huftiere nachgewiesen.
Die Saigas sind im übrigen sehr gesellige Tiere.
Sie bilden gemischtgeschlechtliche Herden von ein paar Dutzend
bis hin zu mehreren tausend Tieren. In den meisten Bereichen
ihres Verbreitungsgebiets streifen diese Verbände ständig
umher, denn auf kleinen Flächen können die doch recht
grossen Tiere längerfristig nicht genügend Futter finden.
Eine hohe Beweglichkeit ist also für sie lebensnotwendig.
Wenn die Saigas weiden, dann wandern sie langsam und
legen nur wenige Kilometer in der Stunde zurück. Bemerken
die Tiere jedoch einen Wetterumschlag, der zu Dürre oder
Schnee führt, dann ziehen sie zielstrebig in entferntere
Gebiete und stehen unter Umständen nach zwei Tagen unvermittelt
über hundert Kilometer weiter weg. Solche «Ausweichmanöver»
führen letztlich zu ausgeprägten saisonalen Wanderungen
über insgesamt mehrere hundert Kilometer: Im Winter trotten
die Herden allmählich immer weiter nach Süden, wo keine
oder nur eine geringe Schneedecke liegt. Bei Tauwetter im Frühling
geht es dann wieder mehr und mehr nach Norden, wo das Futterangebot
reichlich ist.
Die Brunftzeit fällt bei den Saigas schwergewichtig
in den Monat Dezember, also mitten in den nördlichen Winter.
Jedes erwachsene Männchen besetzt dann ein Territorium und
ist eifrig bemüht, sämtliche Rivalen von seinem Grundstück
fernzuhalten und gleichzeitig möglichst viele Weibchen um
sich zu versammeln. Das ist eine kräftezehrende Aufgabe:
Die anwesenden Weibchen müssen ständig umworben und
am Abwandern gehindert, männliche Eindringlinge mittels
Drohgebärden und oft auch Kampfhandlungen vertrieben werden.
Sieben bis acht Wochen dauert die aufregende Phase der Brunft,
und in dieser Zeit deckt das Männchen die gewöhnlich
fünf bis fünfzehn Weibchens seines «Harems».
Danach kehrt wieder der «Alltag» ein.
Ende April, Anfang Mai kommen die jungen Saigas nach
einer Tragzeit von etwa viereinhalb Monaten zur Welt. 75 Prozent
der Saigaweibchen gebären Zwillinge, die restlichen Einzelkinder.
Die Jungen vermögen meistens schon nach der ersten Lebensstunde
auf ihren dünnen Beinchen zu stehen, und mit zehn Tagen
laufen sie bereits so schnell und ausdauernd wie die Alttiere.
Ausgewachsen sind die jungen Saigas mit ungefähr
anderthalb Jahren. Die jungen Männchen erreichen dann erst
die Geschlechtsreife, pflanzen sich also frühestens in ihrem
zweiten Winter fort. Die jungen Weibchen sind hingegen schon
als Halbwüchsige im Alter von etwa einem halben Jahr geschlechtsreif,
so dass ein Grossteil von ihnen bereits am Ende des ersten Lebensjahrs
eigene Junge zur Welt bringt. Die hieraus resultierende, im Vergleich
zu anderen Huftieren sehr hohe Nachzuchtrate stellt eine weitere
wichtige Anpassung der Saigas an das rauhe und unberechenbare
Klima dar, welches in den eurasischen Steppengebieten herrscht.
Es kommt nämlich durchaus vor, dass nach einem besonders
dürren Sommer achtzig Prozent der Kälber tot sind.
Und eine Schneedecke von zwanzig Zentimetern, welche weiträumig
länger als zwei Wochen liegen bleibt, kann im Winter der
Hälfte sämtlicher Tiere das Leben kosten. Dank ihrer
enormen Vermehrungsfähigkeit gelingt es den Saigas aber,
nach einem solchen Massensterben ihre alte Kopfzahl schon innerhalb
von ein bis zwei Jahren wieder aufzubauen.
Saigahorn für die chinesische Volksmedizin
Ihre Fähigkeit, selbst grössere Bestandseinbussen
rasch wieder wettzumachen, kam der Saiga im Verlauf der letzten
zweihundert Jahre gut zustatten. Dadurch ist es ihr nämlich
gelungen, nicht nur natürliche Katastrophen, sondern auch
Massenabschlachtungen seitens des Menschen zu überleben
und letztlich der Ausrottung zu entgehen.
Die Saigas wurden in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet
von alters her ihres Fleischs und ihres Leders wegen bejagt.
Die Jagd mit traditionellen Mitteln scheint jedoch nie eine echte
Bedrohung für die Art dargestellt zu haben. Gefährlich
wurde es erst, als im vorigen Jahrhundert weitreichende Schusswaffen
allgemeine Verbreitung fanden und sich der Export von Saigahörnern
nach China und in andere fernöstliche Länder zu einem
florierenden Geschäft entwickelte. Saigahorn spielte in
der chinesischen Volksheilkunde schon damals unter anderem als
beruhigendes, krampflinderndes und fiebersenkendes Mittel eine
wichtige Rolle, und um den Bedarf der anwachsenden chinesischen
Bevölkerung nach Saigahorn-Heilmitteln zu stillen, wurden
die Tiere massenhaft abgeschossen. Zur selben Zeit weitete sich
im ganzen zentralasiatischen Raum die Haltung von Weidevieh stark
aus, wodurch die Saigas zusätzlich aus vielen ihrer angestammten
Lebensgebiete verdrängt wurden. So schrumpften die Bestände
schnell.
Am Ende des Ersten Weltkriegs wurde befürchtet,
dass die «Buckelnasen» im russisch-kasachischen Bereich
ihres Verbreitungsgebiets demnächst ausgerottet sein würden.
Es waren höchstens noch - alles in allem - ein paar tausend
Individuen übrig. In diesem letzten Augenblick erliess zuerst
Russland (1919), dann auch Kasachstan (1923) ein uneingeschränktes
Jagdverbot für Saigas. Glücklicherweise zeigten diese
neuen und strikt vollzogenen Verbote alsbald gute Wirkung: Schon
Mitte der zwanziger Jahre war eine allmähliche Zunahme der
Bestände bemerkbar, und Mitte der fünfziger Jahre gab
es wieder weit über zwei Millionen Saigas im russisch-kasachischen
Raum. Damals begann man, die Tiere nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit
für den Menschen zu nutzen. Eine eigene «Jagdwirtschaftsgesellschaft»
wurde zu diesem Zweck gegründet. Es zeigte sich, dass sich
jährlich bis zu einem Drittel der Saigas «ernten»
liess, ohne dass es weniger wurden. Dies bedeutete alljährlich
mehrere tausend Tonnen Fleisch, mehrere zehntausend Quadratmeter
Leder und mehrere zehntausend Gehörne, die auf kargem Boden
ganz von allein wieder nachwuchsen.
In der Mongolei scheint die Bejagung der Saigas niemals
im selben Ausmass stattgefunden zu haben wie in Russland und
in Kasachstan. Dennoch wurde die Situation auch hier gegen Ende
der sechziger Jahre prekär: Der Gesamtbestand war auf höchstens
noch ein paar hundert Tiere abgesunken, und das einstige Verbreitungsgebiet
war um insgesamt rund 80 Prozent geschrumpft. 1972 erhielt die
Saiga deshalb auch in der Mongolei gesetzlichen Jagdschutz. Und
obschon in gewissem Umfang weiter gewildert wurde, konnte sich
der Bestand halten, ja sogar leicht erholen. 1989 lebten im Halbwüstengebiet
Shargiin-Gobi im Bereich des Sees Tsagaan-Nuur wieder rund 1600
Individuen; beim weiter nördlich gelegenen See Har-Us-Nuur
gab es weitere knapp 40 Individuen.
Neuerliche Turbulenzen
So sah die Zukunft beider Saigarassen noch Ende der
achtziger Jahre recht vielversprechend aus - da erfolgte der
Zusammenbruch der Sowjetunion. Aufgrund der daraus resultierenden
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirren fanden die
bestehenden Natur- und Jagdgesetze kaum mehr Beachtung, worauf
die Saigas in Russland und Kasachstan gleich massenweise abgeschossen
wurden. Das ist kaum überraschend, wenn man weiss, dass
zu diesem Zeitpunkt ein Kilogramm Saigahorn auf dem fernöstlichen
Markt rund 600 US-Dollar wert war. Leider blieb auch die mongolische
Population von diesen neuerlichen «Turbulenzen» nicht
verschont: Ihr Bestand fiel innerhalb kurzer Zeit unter 350 Individuen.
Glücklicherweise ist in jüngster Zeit der
Preis für Saigahorn - vermutlich aufgrund des plötzlichen
Überangebots - auf 30 bis 45 US-Dollar je Kilogramm gesunken.
Dies hat zu einem Nachlassen des (illegalen) Jagddrucks auf die
bedauernswerten Tiere geführt. Und erfreulicherweise sind
nun auch die Anstrengungen zum Schutz der verbleibenden Saigabestände
in Kalmückien und in Kasachstan wieder verstärkt worden.
Ihre Zahl scheint sich bereits zu stabilisieren.
Eher düster sehen dagegen die Zukunftsaussichten
der Saigas in der Mongolei aus: Weder sind wirksame Massnahmen
zum Schutz der letzten Saiga-Restbestände vor Wilderern
getroffen worden, noch kommen dieselben innerhalb bestehender
oder geplanter Reservate vor. Wirksame Schritte sind für
die Rettung der Mongolischen Saiga abermals dringendst erforderlich.
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