Sandtigerhai

Carcharias taurus


© 2000 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Den Marinbiologen ist es längst bewusst: Ihrem schlechten Ruf als «Menschenfresser» zum Trotz haben die Haie den Menschen weit mehr zu fürchten als dieser die Haie. Diese Tatsache lässt sich am Beispiel des Sandtigerhais (Carcharias taurus) anschaulich belegen: Obschon bisher keine Angriffe auf Menschen durch ihn nachgewiesen sind, ist er vom Menschen dermassen stark bejagt worden, dass er schon 1974 als weltweit erster seiner Sippe in Teilen seines Verbreitungsgebiets unter gesetzlichen Schutz gestellt werden musste. Heute wird er von der Weltnaturschutzunion (IUCN) in seinem gesamten Verbreitungsgebiet als im Fortbestand gefährdet («verletzlich») eingestuft.

 

Bis 3,2 Meter lang

Der Sandtigerhai ist ein Mitglied der Familie der Sandtigerhaie (Odontaspididae), einer kleinen, nur vier Arten umfassenden Haifamilie. Bei den anderen drei Arten handelt es sich um den Indischen Sandtigerhai (Carcharias tricuspidatus), den Kleinzahn-Sandtigerhai (Odontaspis ferox) und den Grossaugen-Sandtigerhai (Odontaspis noronhai).

Die Familie der Sandtigerhaie gehört innerhalb der Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes), die sich aus den Haien und Rochen zusammensetzt, zur Ordnung der Makrelenhaie (Lamniformes). Letztere ist mit nur 16 ­ von weltweit 370 ­ Haiarten zwar eine der kleinsten Haiordnungen, doch gehören ihr die grössten und «prominentesten» aller Haiarten an, darunter der Walhai (Rhincodon typus) aus der Familie der Walhaie (Rhincodontidae), der Riesenhai (Cetorhinus maximus) aus der Familie der Riesenhaie (Cetorhinidae) und der Weisse Hai (Carcharodon carcharias) aus der Familie der Heringshaie (Lamnidae).

Der Sandtigerhai ist ein recht grosser Hai: Erwachsene Individuen weisen im allgemeinen eine Länge von 2 bis 2,2 Metern auf und können maximal 3,2 Meter lang werden, wobei wie bei vielen Haiarten die Weibchen im Durchschnitt grösser sind als die Männchen. Letztere werden selten länger als 2,6 Meter. Davon abgesehen sind die beiden Geschlechter einander äusserlich sehr ähnlich: Die Schnauze ist flach und zugespitzt; die Augen sind verhältnismässig klein; die beiden Rückenflossen sind von gleicher Grösse, wobei die vordere verhältnismässig weit hinten liegt; die Haut ist oberseits bronzefarben und oftmals mit dunkelroten Flecken übersät, unterseits weisslich.

Die Verbreitung des Sandtigerhais erstreckt sich auf weite Bereiche der gemässigten wie auch der subtropischen und tropischen Zonen beider Hemisphären: Man findet ihn im westlichen Atlantik vom Golf von Maine ganz im Norden der USA südwärts über den Golf von Mexiko und das Karibische Meer bis nach Patagonien im Süden Argentiniens. Im östlichen Atlantik kann man ihm vereinzelt im Mittelmeer begegnen, und er kommt regelmässig von den Kanarischen Inseln südwärts bis zum Golf von Guinea vor, während er weiter südlich, wo der kühle Benguela-Strom die afrikanische Küste umspült, fehlt. Im Indischen Ozean leben grössere Bestände des Sandtigerhais vor allem im Bereich der südafrikanischen Ostküste und des Roten Meers. In den Gewässern rund um den indischen Subkontinent wird sein Platz vom Indischen Sandtigerhai eingenommen (der aber wahrscheinlich gar keine separate Art, sondern bloss eine Unterart des «eigentlichen» Sandtigerhais ist). In den Gewässern des Malaiischen Archipels ist der Sandtigerhai nur spärlich anzutreffen. Hingegen kommt er recht zahlreich rund um Australien vor, ferner im westlichen Pazifik nordwärts bis Korea und Japan, ostwärts etwa bis Tuvalu, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.

 

Er kann im Wasser schweben

Dem Sandtigerhai begegnet man zumeist in Küstennähe. Manchmal begibt er sich bis in die Brandungszone der Küsten; besonders häufig hält er sich aber im Umfeld küstenfernerer Korallen- und Felsenriffe auf, vom oberflächennahen Wasser bis hinunter in Tiefen von mindestens 200 Metern. Er ist ein ausdauernder, wenn auch ziemlich gemächlicher Schwimmer.

Der Körper aller Fische, so auch der des Sandtigerhais, ist schwerer als das umgebende Wasser und hat darum aufgrund der Erdanziehungskraft die Tendenz, auf den Meeresboden abzusinken. Um dies zu vermeiden, haben die Knochenfische (mit Ausnahme der bodenlebenden Plattfische) in ihrer Stammesgeschichte eine Schwimmblase entwickelt: Es handelt sich um einen häutigen Sack, der mit Gas gefüllt ist, welches von speziellen Gasdrüsen geliefert wird. Die Schwimmblase stellt einen «hydrostatischen Apparat» dar, der die Knochenfische in die Lage versetzt, ihr spezifisches Gewicht dem des umgebenden Wassers anzupassen und demzufolge im Wasser zu schweben.

Den Knorpelfischen fehlt die Schwimmblase. Alle Haie (und auch alle Rochen) müssen deshalb ständig in schräg nach oben gerichteter Schwimmbewegung bleiben, um nicht auf den Boden zu sinken. Tatsächlich sind Hochseehaie Tag und Nacht, also auch in ihren Ruhephasen und beim Schlafen, zu dauernder Bewegung gezwungen. Nicht so der Sandtigerhai: Er hat einen hai-untypischen «Trick» entdeckt, um trotz Fehlens einer Schwimmblase im Wasser schweben zu können: Er schwimmt von Zeit zu Zeit zur Wasseroberfläche und schluckt Luft, die dann bis zur nächsten Mahlzeit in seinem Magen bleibt. Dadurch vermag er sein spezifisches Gewicht demjenigen des Meerwassers recht gut anzugleichen ­ und kann so die Energie einsparen, die seine Vettern gegen das ständige Absinken aufwenden müssen. Er ist darum wie die Knochenfische, jedoch im Gegensatz zu den meisten anderen Haien, in der Lage, bewegungslos im Wasser schwebend zu «lauern» ­ ein ziemlich erschreckender Anblick für einen unerfahrenen Taucher!

 

Jagd im Verband

Auf die Jagd geht der Sandtigerhai vorwiegend nachts, mitunter aber auch bei Tageslicht. Er ist ein zünftiger Raubfisch, der vor allem ein breites Spektrum von mittelgrossen Knochenfischen erbeutet, darunter Heringe, Blaubarsche, Makrelen, Schnapper, Lippfische und Seehechte. Daneben überfällt er aber auch kleinere Haie und Rochen sowie grosse Tintenfische und Krebstiere.

Meistens ist der Sandtigerhai allein unterwegs. Manchmal begegnet man ihm aber auch in Verbänden von ein paar Dutzend Individuen. Die Bildung solcher Rudel erfolgt erstens bei den saisonalen Wanderungen, welche vor allem die in den gemässigten Zonen der nördlichen und südlichen Hemisphäre lebenden Bestände durchführen. Zweitens scheint ein Zusammenhang mit dem Fortpflanzungsgeschehen zu bestehen. Nicht selten schweben solche Haiverbände nämlich zur Paarungszeit einträchtig im Eingangsbereich von Unterwasserhöhlen und bei Schiffswracks. Drittens, und überraschenderweise, gehen Sandtigerhaie mitunter im Rudel auf die Jagd: Sie umzingeln zunächst einen grossen Schwarm von Beutefischen und fallen dann gemeinsam über diese her.

 

Kannibalische Haikinder

Von allen Wirbeltieren scheint der Sandtigerhai eine der ungewöhnlichsten ­ und makabersten ­ Formen der Fortpflanzung zu haben. Je 15 bis 25 Eier bilden sich bei den Weibchen zur Fortpflanzungszeit in den paarigen Eierstöcken und gelangen danach in die paarigen Eileiter. Dort werden sie befruchtet und von Eihüllen umschlossen, dann treten sie in die beiden gebärmutterartigen Aussackungen der Eileiter ein. Die Keimlinge schlüpfen dort in einem verhältnismässig frühen Entwicklungsstadium aus den Eiern und verfügen zunächst über einen recht grossen Dottersack auf ihrer Bauchseite, der sie mit allen nötigen Nährstoffen versorgt.

Wenn die Keimlinge eine Länge von etwa siebzehn Zentimetern erreicht haben, ist ihr Nahrungsvorrat aufgezehrt, und der leere Dottersack wird von ihnen einverleibt. Zu diesem Zeitpunkt besitzen die Jungtiere bereits scharfe, einsatzfähige Zähne, und ihr Körper ist soweit entwickelt, dass sie in den beiden Gebärmuttersäcken umherschwimmen können. Beides lässt erahnen, wie sich die jungen Sandtigerhaie von nun an im Mutterleib ernähren: Offenbar sind sie, Monate bevor sie geboren werden, bereits aktive Raubfische ­ und die Beutefische sind ihre Geschwister! Tatsächlich tragen die Sandtigerhai-Weibchen umso weniger Junge in sich, je weiter fortgeschritten ihre Trächtigkeit ist. Bei der Geburt, welche acht bis neun Monate nach der Befruchtung der Eier stattfindet, sind schliesslich nurmehr zwei Jungtiere übrig ­ in jedem der beiden Gebärmuttersäcke eines. Diese beiden Jungen messen bei der Geburt mehr als einen Meter in der Länge und sind ­ wenig erstaunlich ­ für den weiteren «Kampf ums Überleben» bestens gewappnet.

Wann sich die jungen Sandtigerhaie zum ersten Mal selbst fortpflanzen und wie hoch ihre Lebenserwartung unter natürlichen Bedingungen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Bei besser bekannten Haiarten dauert es mehrere Jahre, bis die Tiere die Geschlechtsreife erreichen, und das Höchstalter beträgt mehrere Dutzend Jahre. Dies dürfte auch für den Sandtigerhai gelten.

 

Zu Unrecht als «Menschenfresser» verrufen

Wie die meisten Haiarten wird der Sandtigerhai in vielen Bereichen seines weiten Verbreitungsgebiet gezielt vom Menschen verfolgt, wobei meistens beköderte Langleinen zum Einsatz kommen. In der ostasiatischen Küche wird das Sandtigerhai-Fleisch sehr geschätzt. Aus der Leber wird vielerorts vitaminreiches Öl («Lebertran») gewonnen. Und die Flossen sind sehr begehrt für die chinesische Haiflossensuppe.

Wie viele andere Haie gerät der Sandtigerhai ferner häufig als zufälliger, oft unerwünschter, Beifang in die Stell-, Schwebe- und Schleppnetze, welche von Fischern für den Fang von Knochenfischen verwendet werden. Die Ausfälle, welche seine Population hierdurch erfährt, sind aufgrund der riesigen Armada von Berufsfischern auf allen Ozeanen und Meeren enorm.

Nicht zuletzt macht dem Sandtigerhai in gewissen Teilen seines Verbreitungsgebiets auch sein Ruf als Menschenfresser zu schaffen, obschon wir heute wissen, dass er für Taucher und Schwimmer gar keine Gefahr darstellt. Sein schlechter Ruf beruht in erster Linie auf Verwechslungen mit dem ähnlich aussehenden Tigerhai (Galeocerdo cuvieri) aus der Familie der Blauhaie (Carcharhinidae), der oft bis ins flachste Küstenwasser vordringt und dort nach allem schnappt, was sich bewegt ­ mitunter auch nach schwimmenden Menschen. Die Beobachtung des Sandtigerhais unter Wasser zeigt hingegen, dass er sich Menschen gegenüber keineswegs angriffig zeigt. Seine übliche Ernährungsweise, der Bau seiner Zähne sowie der Mageninhalt erlegter Individuen belegen klar, dass er sich in aller Regel von Beute ernährt, die wesentlich kleiner ist als ein Mensch. Ein menschlicher Schwimmer oder Taucher passt also gar nicht in sein «Beuteschema».

Dessen ungeachtet wurde der Sandtigerhai ­ der aufgrund seiner Grösse und seiner gemächlichen Schwimmweise ein überaus leichtes Ziel abgibt ­ insbesondere in australischen und nordamerikanischen Gewässern lange Zeit in grosser Zahl von schiesswütigen Sporttauchern unter Verwendung von Harpunen und Explosivgeschossen erlegt. Dies hat dazu geführt, dass die Bestände des Sandtigerhais selbst in Gebieten massiv zurückgingen, wo sie nicht unter dem kommerziellen Fischfang litten. In den Küstengewässern von New South Wales (Australien) betrug der Schwund dieser Haiart zwischen 1950 und 1990 nahezu 95 Prozent. In den Küstengewässern von Florida und Nordkarolina ist der Sandtigerhai inzwischen praktisch vollständig verschwunden. Nördlich hiervon, in der Chesapeake-Bucht, ist sein Bestand allein zwischen 1980 und 1990 um mindestens 80 Prozent geschrumpft.

Infolge des erschreckenden Rückgangs seiner Bestände ­ und im Bewusstsein, dass der grosse Raubfisch ebenso wie viele grosse Landraubtiere aufgrund seiner geringen Nachzuchtrate und seiner langsam verlaufenden Jugendentwicklung schon mässige Bestandseinbussen kaum mehr wettzumachen vermag ­ ist der Sandtigerhai inzwischen in Teilen seines Verbreitungsgebiets unter gesetzlichen Schutz gestellt worden, so in den Küstengewässern der australischen Bundesstaaten Queensland und New South Wales, ferner in den Hoheitsgewässern der USA (sowohl im Golf von Mexiko als auch im Atlantik). In den übrigen Bereichen seines Verbreitungsgebiets dauert sein Niedergang jedoch uneingeschränkt an. Es ist deshalb zu befürchten, dass er über kurz oder lang in vielen Regionen vom Aussterben bedroht sein wird. Welche Folgen der Wegfall dieses mächtigen Wasserraubtiers für die marinen Ökosysteme, denen er angehört, dereinst haben wird, ist schwer abzuschätzen. Folgenlos wird er aber zweifellos nicht sein.


 

Legenden


Der Sandtigerhai (Carcharias taurus) ist ein recht grosser und «stämmig» gebauter Hai: Erwachsene Individuen weisen im allgemeinen eine Länge von 2 bis 2,2 Meter auf und können maximal 3,2 Meter lang werden. Für die Art kennzeichnend sind die flache, zugespitzte Schnauze, die verhältnismässig kleine und weit hinten liegende erste Rückenflosse sowie die dunkelrote Fleckung der Haut im hinteren Körperbereich.

Die Verbreitung des Sandtigerhais erstreckt sich auf weite Bereiche der gemässigten wie auch der subtropischen und tropischen Zonen des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans. Der bronzefarbene Hai ist ein zünftiges Meeresraubtier, das vor allem ein breites Spektrum von mittelgrossen Knochenfischen erbeutet, darunter Heringe, Blaubarsche, Makrelen, Schnapper, Lippfische und Seehechte.

Den Haien fehlt ­ im Gegensatz zu den Knochenfischen ­ eine Schwimmblase. Sie müssen deshalb ständig in Schwimmbewegung bleiben, um nicht auf den Boden abzusinken. Das gilt jedoch nicht für den Sandtigerhai, denn er schwimmt von Zeit zu Zeit zur Wasseroberfläche und schluckt Luft, die dann bis zur nächsten Mahlzeit in seinem Magen bleibt. Wie die Knochenfische, jedoch im Gegensatz zu den meisten anderen Haien, ist er so in der Lage, bewegungslos im Wasser schwebend zu «lauern» ­ ein ziemlich erschreckender Anblick für einen unerfahrenen Taucher!

Meistens ist der Sandtigerhai allein unterwegs. Manchmal begegnet man ihm aber auch in kleinen Verbänden. Nicht selten halten sich solche Hairudel einträchtig im Eingangsbereich von Höhlen oder bei Schiffswracks auf (hier beim Wrack der «Papoose» vor der Küste Nordkarolinas). Man glaubt, dass solche Rudelbildungen mit dem Fortpflanzungsgeschehen zusammenhängen.

Der Sandtigerhai ist in Teilen seines Verbreitungsgebiets als «Menschenfresser» verrufen. Der schlechte Ruf besteht jedoch zu Unrecht, denn er beruht in erster Linie auf Verwechslungen mit dem ähnlich aussehenden und tatsächlich für den Menschen gefährlichen Tigerhai (Galeocerdo cuvieri). Für den Sandtigerhai sind bisher keine Angriffe auf Menschen nachgewiesen.

Schauaquarien schätzen den Sandtigerhai sehr: Er ist ein unempfindlicher Pflegling, der sich rasch an die Lebensbedingungen in einem künstlichen Becken gewöhnt und oftmals viele Jahre darin überdauert. Seine stattliche Grösse, seine Tendenz zum gemächlichen Schwimmen und nicht zuletzt sein eindrucksvolles, zumeist entblösstes Gebiss machen ihn im Übrigen zu einem für die Aquariumsbesucher sehr attraktiven Tier .




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