Sankt-Helena-Regenpfeifer

Charadrius sanctaehelenae


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Sankt-Helena-Regenpfeifer (Charadrius sanctaehelenae) gehört innerhalb der vielgestaltigen Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) zur Familie der Kiebitze und Regenpfeifer (Charadriidae), welche weltweit über 60 Arten umfasst. Wie sein Name sagt, findet man den langbeinigen Vogel ausschliesslich auf Sankt Helena - jenem winzigen Eiland inmitten des Südatlantiks, das wohl jedem von uns als Verbannungsort von Napoleon Bonaparte, dem einst mächtigen Kaiser der Franzosen, ein Begriff ist.

Fossilfunde deuten darauf hin, dass der Sankt-Helena-Regenpfeifer schon seit rund 60.000 Jahren auf Sankt Helena heimisch ist. Auf welche Weise es seinen frühen Vorfahren gelungen war, das entlegene Stückchen Land im weiten Ozean zu erreichen und zu kolonisieren, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Nachweislich waren sie seinerzeit aber von Afrika herübergekommen, denn dort lebt der nächste Verwandte des Sankt-Helena-Regenpfeifers, der Hirtenregenpfeifer (Charadrius pecuarius).

Manche Fachleute betrachten den Sankt-Helena-Regenpfeifer aufgrund stammesgeschichtlicher Erwägungen als «Abkömmling» des Hirtenregenpfeifers und geben ihm den Status einer geografischen Unterart desselben (namens Charadrius pecuarius sanctaehelenae). Dagegen spricht aber, dass sich der Sankt-Helena-Regenpfeifer in den sechzig Jahrtausenden der Isolation auf seiner abgeschiedenen Insel sowohl hinsichtlich seiner Gestalt als auch hinsichtlich seines Verhaltens zu einer eigenständigen Vogelform weiterentwickelt hat, die sich heute klar vom Hirtenregenpfeifer unterscheidet. So ist der Sankt-Helena-Regenpfeifer deutlich grösser und über fünfzig Prozent schwerer als der Hirtenregenpfeifer. Er hat einen merklich längeren Schwanz und längere Beine sowie kürzere, stärker abgerundete Flügel als jener. (Seine stelzenartigen Beine haben ihm auf seiner Heimatinsel den Namen «Wirebird» («Drahtvogel») eingetragen.) Auch gibt es augenfällige Unterschiede hinsichtlich der Gesichtszeichnung und der übrigen Gefiederfärbung der beiden Arten. Im allgemeinen gilt der Sankt-Helena-Regenpfeifer deshalb in der Fachwelt als selbständige Art.

 

Ebene Flächen sind Mangelware

Sankt Helena ist vulkanischen Ursprungs. Irgendwann in grauer Vorzeit - vor 50 bis 14 Millionen Jahren - tauchte die Insel aufgrund untermeerischer Eruptionen aus den dunkelblauen Fluten des Südatlantiks auf. Heute weist sie eine Fläche von 122 Quadratkilometern und einen Durchmesser von maximal 17 Kilometern auf. Das Inselinnere wird von einem im Halbrund verlaufenden Bergrücken beherrscht, dessen höchste Erhebung der Diana's Peak mit 823 Metern ist. Die Erosion hat kräftig auf das Vulkangestein eingewirkt. In die Berghänge hat sie tiefe, schmale Täler eingenagt, welche strahlenförmig in allen Richtungen der Küste zulaufen. Ebene Flächen sind auf Sankt Helena «Mangelware».

Wer sich mit dem Schiff Sankt Helena nähert, erhält vorerst den Eindruck einer überaus öden Insel. Steil, trocken und nur spärlich bewachsen ragen die graubraunen Felsen aus dem Meer auf. Mächtige Agaven und bizarre Opuntien sind neben ein paar zähen Büschen und widerstandsfähigen Gräsern praktisch die einzigen Pflanzen, die hier zu gedeihen vermögen. Begibt man sich ins Inselinnere, so bietet sich oberhalb der 400-Meter-Höhenlinie aber plötzlich ein anderes Bild: Hier findet sich eine mehr oder weniger geschlossene grüne Pflanzendecke mit kleinen Wäldchen, dichten Grasflächen und blühenden Dickichten.

Die krasse Zonierung der Pflanzendecke auf Sankt Helena ist darauf zurückzuführen, dass die Niederschläge an der Küste mit etwa 400 Millimetern im Jahr markant geringer sind als in den Bergen, wo sie rund 1000 Millimeter betragen. Zudem umhüllen in den höheren Lagen an ungefähr 130 Tagen im Jahr feuchte Nebelschwaden das Land - ein Wetterphänomen, das in den tieferen Lagen kaum vorkommt. Regen geht im übrigen nicht gleichmässig während des ganzen Jahres nieder, sondern ist im allgemeinen auf zwei «Regenzeiten» zwischen Januar und April einerseits und Juni und September andererseits begrenzt.

Die spärlichen Niederschläge haben ebenso wie die schroffe Topographie Sankt Helenas markante Auswirkungen auf das Vorkommen des Sankt-Helena-Regenpfeifers. Denn zum einen ernährt er sich - ebenso wie der Hirtenregenpfeifer in Afrika - vornehmlich von Käfern, Raupen, Spinnen und anderen wirbellosen Kleintieren, die er nur in Gebieten mit dichter Vegetation in genügend grosser Zahl vorfindet. Aus diesem Grund leben die meisten Sankt-Helena-Regenpfeifer im grünen Inselinnern in Höhenlagen zwischen 400 und 700 Metern. Zum anderen ist der kleine Vogel - wie sein afrikanischer Vetter - ein Bewohner offener Grasländer, also eines Lebensraums, der auf Sankt Helena recht knapp bemessen ist. In der Tat gibt es auf Sankt Helena insgesamt nur etwa fünfzehn Stellen, an denen regelmässig vier oder mehr Sankt Helena-Regenpfeifer angetroffen werden können. Und Hauptbrutgebiete gibt es - entsprechend der geringen Zahl grösserflächiger Grasländer - inselweit nur gerade sechs Stück.

Im 19. Jahrhundert machten weder Charles Darwin, der die Insel 1836 anlässlich seiner Weltumsegelung besuchte, noch andere Naturforscher irgendwelche Angaben über die Bestandsgrösse des Sankt-Helena-Regenpfeifers. Sie stellten sein Vorkommen fest und waren der Ansicht, dass die Art «nicht selten» sei. Grobe Schätzungen in den sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts sprachen von «gegen eintausend Individuen». Dies dürfte jedoch angesichts des knappen verfügbaren Lebensraums überhöht gewesen sein. 1984 wurden dann im Rahmen einer wissenschaftlichen Bestandszählung zwischen 125 und 300 Individuen, 1989 mit derselben Methode rund 450 Individuen ermittelt. Dies stimmt recht gut überein mit den Schätzungen erfahrener Vogelkundler aus den Jahren 1952 und 1984, welche von 100 bis höchstens 300 Paaren sprachen.

 

Einfache Mulde dient als Nest

Der Sankt-Helena-Regenpfeifer lebt ausserhalb der Brutsaison gewöhnlich einzelgängerisch oder in loser und eher zufälliger Verbindung mit ein paar wenigen Artgenossen. Er ist damit deutlich weniger gesellig als der Hirtenregenpfeifer, der hie und da Verbände von über 200 Individuen bildet.

Die Paare formen sich unmittelbar im Anschluss an die ersten winterlichen Regen. Acht Wochen später legt das Weibchen dann seine zumeist zwei Eier, aus denen nach einer Brutzeit von etwa dreieinhalb Wochen die Jungen schlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Nahrungsbedingungen für die gefiederten Insektenesser jeweils optimal.

Das Regenpfeifer-Weibchen legt seine beiden Eier gewöhnlich im offenen Grasland in eine selbstgeschaffene Mulde. Während der Hirtenregenpfeifer seine Nestmulde mit trockenem Huftierdung polstert, verzichtet der Sankt-Helena-Regenpfeifer auf jegliches Nistmaterial. Gewöhnlich bebrütet ausschliesslich das Weibchen das Gelege. Das Männchen beteiligt sich aber ebenfalls am Brutgeschäft: Es steht jeweils Wache, wenn das Weibchen zum Zweck der Nahrungssuche vorübergehend das Nest verlässt. In Ausnahmefällen setzt sich das Männchen dann auch für kurze Zeit auf das Gelege.

Die Jungen schlüpfen in einem dichten Dunenkleid hochentwickelt aus dem Ei, und zwar beide stets am selben Tag. Sobald sie abgetrocknet sind, verlassen sie unter Führung ihrer Eltern die Stätte ihrer Geburt und vermögen sich als echte Nestflüchter vom ersten Tag an selbständig zu ernähren. Genau wie die Altvögel rennen sie bei der Nahrungssuche jeweils ein kurzes Stück, um dann plötzlich stehen zu bleiben und - ohne den Kopf zu bewegen - die nähere Umgebung mit ihren grossen Augen nach Insekten zu überblicken. Erspähen sie dabei ein Beutetier, so eilen sie rasch hin und packen es mit ihrem spitzen Schnabel.

In ihrem schwarz-weiss gemusterten Dunenkleid sind die Küken des Sankt-Helena-Regenpfeifers der Umgebung vorzüglich angepasst. Droht ihnen Gefahr, so gehorchen sie dem Warnruf ihrer Eltern unverzüglich und «drücken» sich geschickt, während die Altvögel den vermeintlichen oder tatsächlichen Feind abzulenken versuchen. Oftmals ziehen sie dessen Aufmerksamkeit durch Vortäuschen einer Verletzung («Sichlahmstellen») auf sich und locken ihn so von den Jungen weg. Häufig umfliegen sie den Störenfried auch oder greifen ihn sogar an, um ihn zu verwirren.

Die Jungvögel wachsen rasch heran und sind schon nach vier Wochen flugfähig. Insgesamt etwa sieben Wochen lang werden sie von ihren Eltern sorgsam behütet, dann löst sich die Kleinfamilie auf. Wahrscheinlich sind die Jungvögel schon nach einem Jahr fortpflanzungsfähig, doch scheinen sie im allgemeinen erst nach knapp zwei Jahren selber zur Brut zu schreiten.

 

Mensch und Vieh, Maina und Katze

Wer Sankt Helena besucht, kann gut verstehen, warum sich die Engländer seinerzeit dafür entschieden hatten, diese Insel als Verbannungsort für Napoleon zu wählen: Sankt Helena gleicht einer natürlichen Festung inmitten des südatlantischen Ozeans. Kahle, schroffe Klippen umrahmen das ganze Eiland und machen eine sichere Landung vom Meer her nur an einer einzigen Stelle, der James Bay, möglich. Selbst in unserer modernen Welt, deren entfernteste Regionen bald für jedermann bequem erreichbar sind, widersetzt sich Sankt Helena dem Fremden: Weit entfernt von den regulären Schiffahrtslinien, mangels nennenswerter Exportgüter ohne jeglichen Frachtverkehr und aufgrund des schwierigen Terrains auch ohne eigenen Flugplatz, kann Sankt Helena noch heute nur mit sehr grossem Zeitaufwand besucht werden. Dies vermittelt dem Sankt-Helena-Regenpfeifer einen guten Schutz gegen schädliche Einflüsse von aussen.

Eine gewisse Beeinträchtigung geht allerdings seit alters von der einheimischen menschlichen Bevölkerung (um 6000 Personen) und den von ihr eingebürgerten Tierarten aus: Der Bau von Häusern auf möglichst ebenem Land entzieht dem Sankt-Helena-Regenpfeifer Mal für Mal wichtige Lebensraumstücke. Der Einsatz von Düngern und Pestiziden auf den verstreut liegenden Feldern der Insulaner wirkt sich negativ auf die Insektenwelt und damit auf sein Nahrungsangebot aus. Die Nutzung der Grasländer als Weideland führt während der Brutsaison der Vögel immer wieder zur Zerstörung von Gelegen. Die einst zur Bekämpfung der Zeckenplage aus Indien eingeführten Hirtenmainas (Acridotheres tristis) aus der Familie der Stare stellen nicht nur aggressive Nahrungswettstreiter des Regenpfeifers dar, sondern vergreifen sich mitunter auch an seinen Eiern und Küken. Streunende Katzen bilden eine erhebliche Gefahr für Jung- wie Altvögel. Und auch eingeschleppte Ratten dürften hin und wieder für Gelegeverluste verantwortlich sein.

 

Vielversprechende Zukunft

Seit 1894 steht der Sankt-Helena-Regenpfeifer auf seiner Heimatinsel unter gesetzlichem Schutz, und tatsächlich wird der stelzbeinige Vogel seit Menschengedenken nicht bejagt. Auch werden seine Nester kaum je geplündert. Zur Erhaltung seiner Lebensgebiete wurde jedoch lange Zeit nichts unternommen. Daran hat sich zwar auch 1984 nichts geändert, als die kleine menschliche Gemeinde am «Ende der Welt» ein eigenes Naturschutzgesetz erliess und die Erhaltung der heimischen Fauna und Flora zur offiziellen Aufgabe der Inselbehörden erklärte. Die Ausgangslage für den umfassenden Schutz des Sankt-Helena-Regenpfeifers wurde dadurch aber wesentlich verbessert.

Um die genauen ökologischen Bedürfnisse des Sankt-Helena-Regenpfeifers abzuklären und um nötigenfalls geeignete Massnahmen zu seinem Schutz treffen zu können, wurde 1984 mit der Unterstützung des WWF und anderer Naturschutzorganisationen eine umfassende Feldstudie über die Lebensweise des seltenen Vogels durchgeführt. Die Studie hat unter anderem klar gezeigt, dass Beeinträchtigungen der Regenpfeifer-Population durch die menschliche Bevölkerung auch in Zukunft unvermeidlich sein werden, da letztere auf die Nutzung der wenigen ebenen Grasländer für den Hausbau, als Weideland, zur sportlichen Betätigung usw. nicht verzichten kann. Sie hat aber auch gezeigt, dass eine rücksichtsvollere Wahl der Bauplätze durchaus möglich wäre. Auch liesse sich mit einfachen Mitteln die Bewegungsfreiheit des Viehs während der Brutsaison des Sankt-Helena-Regenpfeifers auf Gebiete ohne Nester einschränken. Zudem könnte mit einfachen Mitteln der Hirtenmainabestands durch regelmässigen Fang vermindert werden, so wie dies seit geraumer Zeit erfolgreich mit dem Katzenbestand geschieht. Im übrigen hat die Studie darauf hingewiesen, dass langfristig gesehen Reservate im Bereich einiger Hauptbrutgebiete des Sankt-Helena-Regenpfeifers wünschenswert wären.

Sankt Helena ist stolz auf den Sankt-Helena-Regenpfeifer, seinen einzigen einheimischen Landvogel, und bildet ihn als «Nationalvogel» gern auf Münzen, Briefmarken usw. ab. Die Bereitschaft der Inselbevölkerung zur Erhaltung des attraktiven Vogels ist vorhanden, und es spricht deshalb nichts dagegen, dass die wissenschaftlich erarbeiteten Vorschläge zum Schutz dieser einzigartigen Vogelart zukünftig die nötige Beachtung finden werden. So sieht die Zukunft des Sankt-Helena-Regenpfeifers heute recht vielversprechend aus. In der Tat wird der Sankt-Helena-Regenpfeifer vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) und von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) inzwischen nur noch als «selten», nicht mehr als «gefährdet» eingestuft - was nichts anderes heisst, als dass derzeit anerkanntermassen keine akute Bedrohung für den Fortbestand des zierlichen Inselregenpfeifers mehr besteht.




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