San Marino


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



«Rimini Hinterland»

Millionen von Touristen suchen Jahr für Jahr zur Sommerzeit an der italienischen Adriaküste Erholung und Entspannung. Über Hunderte von Kilometern reiht sich an Europas grösstem Badestrand praktisch ein Seebad an das andere. Besonders beliebt ist der Küstenstreifen bei Rimini mit seinen breiten, feinsandigen Stränden. Hier, auf den weltberühmten Meilen zwischen Cesenatico im Norden und Cattolica im Süden, bieten sich dem Besucher alle nur denkbaren Arten touristischer Annehmlichkeiten und Unterhaltungsmöglichkeiten: von Liegestühlen in Zehner- und Zwanzigerreihen über Divisionen von Tretbooten und Scharen von Tennisplätzen bis hin zu all den Ristoranti mit ihren üppigen Düften und den Discos mit ihrem rhythmischen Stampfen.

Die Adria bei Rimini hat aber durchaus mehr zu bieten als nur die Möglichkeit eines Badeurlaubs. Gleich hinter den heissen Lidos warten nämlich ganz andere Welten, erschliessen sich völlig neue Urlaubsdimensionen. Meistens nur an Regen- und Algentagen eher widerwillig erkundet, wird die «Entroterra Riminese», das «Rimini Hinterland», von Kennern sehr geliebt.

Geografisch gesehen umfasst das Hinterland von Rimini die beiden Flusstäler Val Marecchia und Val Conca und ist eine prächtige Gegend mit hübschen kleinen Dörfern inmitten grüner Täler. Lichtdurchflutete Pinienwälder und silbrig schimmernde Olivenhaine wechseln ab mit gepflegten Rebgärten und mit Plantagen, in denen Zitronen und Orangen wie Lampions glühen. Stilvolle Paläste, trutzige Kastelle und vergoldete Basiliken zeugen von 3000 Jahren kulturreicher Geschichte, zu welcher Griechen, Römer, Sarazenen, Langobarden, Staufer, Franken und manche anderen Völker ihren Teil beitrugen.

Inmitten dieser «Entroterra Riminese» liegt, mit ihren Festungen alle Burgen ringsherum noch überragend, die Republik San Marino, von der hier die Rede sein soll.

 

Drittkleinster Staat Europas

Die Republik San Marino ist eine staatlich souveräne Enklave im nördlichen Italien, keine zwanzig Kilometer von der Adriaküste entfernt am Ostrand des Apennins gelegen. Mit einer Fläche von 61 Quadratkilometern ist sie nach der Vatikanstadt und nach Monaco der drittkleinste Staat Europas und weltweit nach Nauru (Ozeanien) die zweitkleinste Republik.

Herz des Landes ist der Monte Titano, ein wuchtiger Kalkfelsen mit drei steil aufragenden, in nordsüdlicher Richtung angeordneten Gipfeln und einer maximalen Höhe von 756 Metern. Auf jedem dieser drei Felszacken namens Rocca Guaita, Rocca della Fratta und Rocca Montale steht eine Festung. Die drei Burgen sind untereinander durch einen Wehrgang verbunden und gewähren einen herrlichen Rundblick: Im Norden fällt er in die italienische Region Emilia Romagna, im Osten reicht er bis an die Adria, im Süden schweift er in die Region Marche, und im Westen geht er bis zu den Gipfeln des Apennins.

Im übrigen liegt dem Besteiger der «Rocche» ganz San Marino zu Füssen, denn viel grösser als die Ausläufer des Monte Titano ist die kleine Republik nicht. 200 bis 500 Meter liegt das Land über dem Meeresspiegel. Es wird von ein paar kleinen Flüssen durchschnitten, welche teils direkt in die Adria fliessen, teils Nebenflüsse der Marecchia sind.

Das Klima San Marinos entspricht demjenigen Mittelitaliens mit regenreichen, milden Wintern und ziemlich trockenen, heissen Sommern. Der Zwergstaat hat denn auch typische Mittelmeervegetation. Es wachsen sowohl Nadel- als auch Laubbäume, darunter Kiefern, Eichen, Pappeln und Ulmen. Die Tierwelt umfasst an grösseren Säugetieren Füchse, Dachse, Wiesel, Igel und Hasen.

Gleich unterhalb der drei «Rocche» schmiegt sich San Marinos gleichnamiges Hauptstädtchen an den Westhang des Monte Titano. Keine hundert Meter Luftlinie entfernt, jedoch an der nordöstlichen Flanke des Bergs befindet sich der kleine Ort Borgo Maggiore, das traditionelle Handelszentrum der Republik. Die dritte bedeutendere Siedlung San Marinos, das Agrar- und Industriezentrum Serravalle, liegt ganz im Norden des Lands im Ausatal. Der Rest der rund 23 000 Personen zählenden sanmarinesischen Bevölkerung lebt in Dörfern und Streusiedlungen rund um den Monte Titano herum.

Die Einwohner San Marinos sind überwiegend katholisch; ihr Alltag wird stark durch die Kirche geprägt. Amtssprache ist das Italienische, aber da sich San Marino von alters her deutlich vom umliegenden Italien isoliert, hat sich als Umgangssprache ein ausgeprägter örtlicher Dialekt, das «Romagnol», herausgebildet.

 

Nach dem Eremiten Marinus benannt

Seinen Namen führt San Marino auf Marinus zurück, einen ursprünglich von der dalmatinischen Insel Rab stammenden Steinmetzen, der unter dem römischen Kaiser Diokletian seines christlichen Glaubens wegen verfolgt wurde. Er flüchtete aus Rimini, wo er gearbeitet hatte, und liess sich auf dem Monte Titano nieder. Hier, in unzugänglicher Schutzlage, gründete er am 3. September des Jahres 301 eine Zufluchtstätte für verfolgte Christen und kam alsbald in den Ruf der Heiligkeit. So will es zumindest die Legende.

Nach unserem heutigen Wissen dürfte es zwar in der Tat einen Eremiten namens Marinus gegeben haben, der sich einst auf den Monte Titano zurückgezogen hatte. Ob ihm aber wirklich die Ehre zukommt, San Marino als Republik ins Leben gerufen zu haben, erscheint eher fraglich. Diese gebührt wohl eher San Marinos Kloster, das am 20. Februar 885 im römischen «Placitum feretranum» erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Gewiss ist, dass die heutigen staatlichen Institutionen San Marinos im 12. Jahrhundert entstanden sind und dass die erste Verfassung der kleinen Republik aus dem Jahre 1263 stammt. Somit zählt San Marino zu den ältesten unabhängigen Staaten der Erde, denn trotz der versuchten und zweimal sogar kurzfristig erfolgreichen Übergriffe seitens des Fürstengeschlechts Malatesta aus Rimini und der römischen Kurie hat es seine Eigenständigkeit bis in unsere Zeit hinüberzuretten vermocht. Dabei spielte sicher mit eine Rolle, dass die kleine Agrarrepublik einerseits zu arm war, um für grössere Mächte ein lohnendes Eroberungsobjekt abzugeben, und andererseits zu schwach, um jemals selbst andere Territorien gefährden zu können.

 

Halbjährlich wird die Macht im Lande neu verteilt

1862 schloss San Marino mit dem damals neugegründeten Königreich Italien einen Freundschaftsvertrag («Convenzione di Amicizia e Buon Vicinato»), der die Unabhängigkeit San Marinos garantiert, ferner die Zoll- und Währungsunion mit Italien regelt und den Einsatz italienischer Polizisten und Richter auf sanmarinesischem Boden festlegt. Dieser Vertrag, der San Marino gewissermassen zum italienischen Protektorat macht, wurde 1939 und 1971 erneuert. An den Grenzen San Marinos finden sich deshalb bis zum heutigen Tag weder Zöllner noch Schranken. Und es gibt keinerlei Daten über den Im- und Export und somit das Bruttosozialprodukt der Republik, da diese in den italienischen Zahlen enthalten sind.

Legislatives Staatsorgan ist in San Marino der «Consiglio Grande e Generale» («Grosser und Allgemeiner Rat»), ein Einkammerparlament, das sich aus sechzig Abgeordneten zusammensetzt. Diese werden alle fünf Jahre in allgemeinen Wahlen von den volljährigen Bürgern und Bürgerinnen des Landes in ihr Amt eingesetzt.

Die exekutive Gewalt liegt beim «Congresso di Stato» («Staatskongress»), einem Kollegialorgan aus sechs hauptberuflichen Staatssekretären, und den beiden «Capitani Reggenti» («Regierende Hauptmänner»). Diese beiden Staatsoberhäupter wählt der «Consiglio Grande e Generale» in halbjährlichem Turnus aus seinen Reihen. Sie sitzen den Versammlungen des Parlaments ebenso vor wie den Sitzungen des Kabinetts und sie vertreten das Land nach aussen. 1981 wurde dabei erstmals in der langen Geschichte San Marinos eine Frau gewählt. Am ersten April und am ersten Oktober eines jeden Jahres wird die «Macht» im Lande neu verteilt, und natürlich ist dann ganz San Marino auf den Beinen. Es herrscht Volksfeststimmung, und es finden allerlei Anlässe und Umzüge in alten Trachten statt.

 

Käse, Souvenirs, Briefmarken

Rund die Hälfte des sanmarinesischen Hoheitsgebiets wird landwirtschaftlich genutzt. Haupterzeugnisse, teilweise für den Export bestimmt, sind Oliven, Wein (ein Moschato), Molkereiprodukte (vor allem Käse), Wolle und Weizen. Die Bedeutung des Agrarsektors für San Marinos Wirtschaft hat jedoch in jüngerer Zeit stark abgenommen. Zum einen ist im Laufe unseres Jahrhunderts eine Vielzahl kleinerer Gewerbebetriebe entstanden, darunter kunstgewerbliche Keramikwerkstätten, Seiden- und Baumwollwebereien sowie Leder- und Süsswarenfabriken. Noch stärker beeinflusst wurde die traditionelle agrarische Lebensweise der Bevölkerung jedoch durch den besonders ab den sechziger Jahren einsetzenden Strom von Touristen, zumeist Tagesausflüglern von der nahen Adriaküste.

Mehr als drei Millionen Besucher sind es mittlerweile, welche jedes Jahr - vornehmlich zwischen Mai und September - «Kleinstaatatmosphäre» in San Marino schnuppern. Sie besichtigen die Burgen, Museen und Kirchen des Hauptstädtchens, bewundern die herrliche Aussicht, die man von den Treppenwegen und den «Rocche» hat, kaufen sich ein «typisches» Souvenir und vielleicht noch irgendwelche günstigen Spirituosen und Rauchwaren - und verlassen San Marino in der Regel schon vor dem Einsetzen der Dämmerung wieder. So kommt es, dass San Marino zwar arm an Einrichtungen für Urlauber ist (von einem Campingplatz in Murata und einem geheizten Hallenbad in Borgo Maggiore abgesehen), der Tourismus aber dennoch die wichtigste Einnahmequelle des Zwergstaats bildet.

Grössere Einnahmen erzielt San Marino ferner durch den Verkauf von Briefmarken, welche bei Philatelisten auf der ganzen Welt begehrte Sammelobjekte darstellen. Und nicht zuletzt erhält der Kleinstaat beachtliche Subventionen durch Italien; dies als Vergütung für den Verzicht auf bestimmte Rechte wie den Betrieb eines eigenen kommerziellen Fernsehsenders und die Schaffung einer Freihandelszone.

 

Sehenswerte Città di San Marino

Die Città di San Marino, die Hauptstadt der Republik, ist prachtvoll auf der Westflanke des im Osten steil abfallenden Monte Titano gelegen. Ein Bombardement im Zweiten Weltkrieg konnte der altehrwürdigen Stadt auf dem Berg glücklicherweise nichts anhaben. Man betritt die Altstadt, die von einer gut erhaltenen Ringmauer umgeben ist, gewöhnlich durch den aus dem 14. Jahrhundert stammenden Torturm Porta San Francesco. Gleich dahinter steht die ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche San Francesco mit anschliessendem Kloster, in dessen Kreuzgang sich ein kleines Museum mit sakralen Gegenständen und eine Pinakothek (Gemäldesammlung) befinden. Hauptwerke sind Tizians «Heiliger Franziskus» und Guercinos «Stigmatisierung des heiligen Franziskus».

Von der Kirche führt schräg die charakteristische Via Antonio Grafo aufwärts zur Piazza della Libertà, von der aus man eine herrliche Aussicht gegen Westen hat. Hier befindet sich der neugotische Palazzo Pubblico (Regierungspalast), der 1894 im Stil des früheren, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Rathauses erbaut wurde. Er ist ebenso Sitz der sanmarinesischen Regierung wie Tagungsort des Parlaments. Schon von aussen ist der Bau sehr imposant, aber im Innern sind vor allem die weite Eingangshalle, das Treppenhaus, das Audienzzimmer und der Ratssaal eine wahre Augenweide. Wichtigstes Ausstellungsstück ist ein Gemälde von Guercino, das den heiligen Marinus darstellt.

Etwas oberhalb der Piazza della Libertà befindet sich die Basilica di San Marino. In dieser 1836 bis 1855 neoklassizistisch erneuerten Kirche werden die Reliquien des heiligen Marinus aufbewahrt. Ferner birgt sie Gemälde von Schülern Tizians, den alten Thron der Capitani Reggenti und ein paar wertvolle Heiligenstatuen. Gleich neben der Basilika steht das Kirchlein San Pietro, dessen eine Apsisnische als einstige Schlafstätte des heiligen Marinus gedeutet wird.

Von der Basilica di San Marino erreicht man über die Treppen der Via della Rocca die alten, aus dem 10. bis 14. Jahrhundert stammenden Wehrgänge und -türme auf den drei Zacken des Monte Titano. Die zentrale Burganlage auf dem Rocca della Fratta beherbergt ein bedeutendes Waffenmuseum mit vornehmlich Hieb- und Stichwaffen.

Unweit der Piazza della Libertà trifft man im übrigen auf die Bergstation der Seilbahn, welche die Città di San Marino mit dem tieferliegenden Borgo Maggiore verbindet. Dort befindet sich das sanmarinesische Briefmarken- und Münzenmuseum, dessen Besuch das Herz eines jeden Philatelisten höher schlagen lässt, denn es enthält sämtliche Briefmarken, welche San Marino jemals verausgabt hat - von der Erstausgabe im Jahre 1877 bis hin zu den modernsten Serien.

 

 

 

Legenden

 

Zwei «Capitani Reggenti» («Regierende Hauptmänner») lenken die Geschicke San Marinos als gleichberechtigte Staatsoberhäupter - jeweils ein halbes Jahr lang. Dann, am 1. April und 1. Oktober eines jeden Jahres, werden sie vom 60köpfigen Staatsparlament ausgetauscht. An diesen beiden Tagen herrscht in der Hügelrepublik Volksfeststimmung, und es finden allerlei traditionelle Veranstaltungen statt wie hier auf der Piazza della Libertà vor dem Palazzo Pubblico.

In den Sommermonaten, wenn die Adriaurlauber Handtuchkontakt mit dem Strandnachbarn haben, ist auch in San Marino Hauptsaison. Mehr als drei Millionen Touristen kann die staatlich souveräne Enklave im nördlichen Italien alljährlich verzeichnen, und es gibt wohl kaum einen Besucher, der nicht an Giuseppe Garibaldis Büste vor der Casa Simoncini vorbeikommt, wo der italienische Freiheitskämpfer 1849 mit seiner Frau Anita Zuflucht fand.

Wirtschaftlich von eher untergeordneter Bedeutung sind die kleinen kunstgewerblichen Betriebe San Marinos, die teils auf eine lange Tradition zurückblicken können. Doch haben neben den Lederwerkstätten und den Seidenwebereien besonders die sanmarinesischen Keramikbetriebe einen guten Ruf weit über die Grenzen des Zwergstaats hinaus. Wunderschöne Stücke gibt es da zu entdecken, die allerdings heute auch ihren Preis haben...

Kenner wissen es längst: Am besten speist man nicht an der adriatischen Küste, sondern im dahinterligenden Hügelland. Da erhält man noch Nudeln, die hausgemacht sind, Gemüse, das frisch aus dem Garten kommt, und Geflügel, das eine glückliche Jugend hatte. Auch in San Marino wird vielfach noch nach alten Rezepten mit ortstypischen Zutaten gekocht. Leider ist aber hier wie überall die berüchtigte «Cucina internazionale» auf dem Vormarsch.

Kaum einer der vielen Besucher San Marinos bleibt länger als einen Tag, denn schon vor dem Einsetzen der Dämmerung glauben die meisten, die Minirepublik bis in den letzten Winkel zu kennen. Schier unstillbar ist dafür die Nachfrage nach «typischen» sanmarinesischen Reiseandenken, weshalb Herstellung, Vertrieb und Verkauf von (oft zweifelhaften) Souvenirs für viele Sanmarinesen wichtige und einträgliche Erwerbszweige darstellen.

Unter Briefmarkensammlern sind die philatelistischen Schöpfungen San Marinos begehrte Sammelobjekte. Neben dem Fremdenverkehr bilden Briefmarken denn auch die wichtigste Einnahmequelle des Kleinstaats. Die im Bild vorgestellten Marken zeigen als Motiv den heiligen Marinus, Namenspatron San Marinos, wie ihn seinerzeit der italienische Barockmaler Guercino in seinem Gemälde festhielt, das heute im Palazzo Pubblico hängt.

«I balestieri», die Armbrustschützen, sind die Lieblinge der Republik San Marino. Das hat heute weniger mit territorialer Wehrhaftigkeit zu tun als vielmehr mit Folklore. Das sanmarinesische Armbrustschützen-Korps besteht nämlich schon seit 1295 und ist damit eine der ältesten militärischen Formationen der Welt. Jeweils am 3. September, dem Nationalfeiertag San Marinos, zeigen die Armbrustschützen vor versammeltem Publikum ihre Treffsicherheit - und posieren vor den versammelten Fotografen, hier mit der Festung La Guaita im Hintergrund.




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