Sansibargalago

Galago zanzibaricus


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Galagos gehören innerhalb der Ordnung der Primaten zur Sippe der Halbaffen, welche rund 30 Prozent aller Primatenarten umfasst. Mit ihrem grossen rundlichen Kopf, den ausdrucksvollen runden Augen und dem kuscheligen Fell passen die Galagos exakt in das von Karl Lorenz beschriebene «Kindchenschema», das bei uns spontan den Pflege- und Hätscheltrieb auslöst. Die häufig für die Galagos verwendete Bezeichnung «Buschbabys» empfinden wir denn auch als sehr passend für diese niedlichen Tierchen, obschon dieser Zweitname eigentlich anderen Ursprungs ist: «Bush Baby» nannten die in Ostafrika lebenden Engländer früher den Riesengalago, weil dessen weit hörbare nächtliche Lautäusserungen stark an Kleinkindergeschrei erinnern. Obschon die Rufe der meisten anderen Galagoarten keineswegs wie Babygeschrei tönen, wurde der Name dann später auf die ganze Gruppe übertragen.

 

Zwölf verschiedene Galagoarten

Die systematische Gliederung der Familie der Galagos (Galagidae) wird derzeit überarbeitet. Die Fachleute sind nämlich heute der Ansicht, dass es mindestens zwölf verschiedene Galagoarten gibt - und nicht nur jene sechs, die in den meisten Enzyklopädien genannt werden. Möglicherweise werden in naher Zukunft sogar noch weitere Arten dazukommen, da die Tiere nunmehr das Objekt eingehender Feldforschung sind.

Die Grösse der Galagos ist sehr unterschiedlich: Während die kleinsten die Grösse einer Maus aufweisen, sind die grössten etwa katzengross. Der kleinste Galago - und gemeinsam mit dem madagassischen Mausmaki (Microcebus murinus) weltweit der kleinste aller Primaten - ist mit einer Kopfrumpflänge von etwa 12 cm und einem Gewicht um 60 g der Zwerggalago (Galago demidovii). Eine weitere recht kleine Art ist der Thomas-Galago (G. thomasi) mit etwa 90 g. Als nächstgrössere Art kommt der Sansibargalago (G. zanzibaricus) mit ungefähr 140 g, gefolgt von einer Gruppe von sieben Galagoarten, die alle zwischen 200 und 300 g wiegen. Unter ihnen der Senegalgalago (G. senegalensis), der Moholi (G. moholi), der Buschwaldgalago (G. alleni) sowie der Westliche und der Östliche Kielnagelgalago (G. elegantulus und G. inustus). Die grössten Galagos sind schliesslich der Garnett-Galago (G. garnetti) mit einem Gewicht von etwa 770 g und der Riesengalago (G. crassicaudatus), bei dem einzelne Individuen bis zwei Kilogramm schwer werden und eine Kopfrumpflänge von 35 cm erreichen können.

 

Galagos werden erst abends munter

Wie die meisten Halbaffen werden die Galagos erst bei Dunkelheit munter. Den Tag verschlafen sie teils in Baumhöhlen, teils in selbstgefertigten Laubnestern. Der Grund für ihre nächtliche Lebensweise liegt vermutlich darin, dass sie ihren Lebensraum mit höheren Affen teilen. Diese sind ausschliesslich am Tag unterwegs und stellen für die kleinen Galagos eine übermächtige Konkurrenz dar, der sie ausweichen müssen. Lediglich auf Madagaskar, wo es keine höheren Affen gibt, konnten einige Halbaffenarten (Lemuren) ihre Aktivität auf den Tag verlegen.

In Anpassung an die nächtliche Lebensweise sind die Augen der Galagos sehr gross und damit besonders lichtempfindlich. Zur Erhöhung der Lichtstärke befindet sich zudem im Augenhintergrund eine lichtreflektierende Schicht, das Tapetum lucidum. Dieses wirft wie ein Spiegel alle eintretenden Lichtstrahlen ins Auge zurück, so dass sie die Sinneszellen der Netzhaut gleich noch ein zweites Mal reizen.

Neben dem Gesichtssinn sind auch Gehör und Geruchssinn der Galagos hervorragend ausgebildet. Beide Sinne spielen bei der Nahrungssuche eine wichtige Rolle. Darüberhinaus sind sie aber auch von grosser Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt der Galagopopulationen. In der Nacht verständigen sich die Galagos nämlich durch laute Schreie einerseits und durch Geruchsmarken andererseits.

Zum Absetzen von Duftmarken wenden sie ein sehr eigentümliches Verfahren, das sogenannte Harnwaschen, an: Sie balancieren auf den Gliedmassen einer Körperseite, während sie Urin auf die Hand- und Fussfläche der anderen Körperseite abgeben. Anschliessend reiben sie diese gegeneinander. Dann wird das Gleiche auf der anderen Seite wiederholt. Beim Umherstreifen im Wohngebiet setzen sie in der Folge mit den so angefeuchteten Hand- und Fussflächen überall Geruchsmarken, welche für alle Artgenossen gut «lesbare» Informationen über deren Urheber vermitteln.

 

Teils flinke Hüpfer, teils gemächliche Kletterer

Die meisten Galagos bewegen sich flink und geschickt durch das Geäst und zeichnen sich durch ein enormes Sprungvermögen aus. Die Grundlage hierfür bildet die starke Verlängerung zweier Fusswurzelknochen, wodurch die Hinterbeine fast die doppelte Länge der Vordergliedmassen erreichen. Eine wichtige Rolle beim Herumturnen in Gezweig und vor allem bei den oft meterweiten Sprüngen übernimmt aber auch der lange Schwanz der Galagos: Er dient als Gleichgewichtsorgan. Zu den erstaunlichsten Weitspringern unter den Galagos gehören der Senegalgalago und der Moholi. In einem Versuch sprang ein Senegalgalago fast senkrecht vom Boden auf eine Plattform, die sich in 2,25 m Höhe über ihm befand. Das ist mehr als das Zehnfache seiner Körperlänge (ohne Schwanz)! Der Mensch vermag vergleichsweise nicht einmal das Anderthalbfache seiner Grösse zu überspringen...

Vom Moholi wiederum wissen wir, dass er mühelos Sprünge in waagrechter Richtung von mehr als fünf Metern Weite auszuführen vermag. Dabei setzt er zumeist von einem senkrechten Ast oder Stämmchen ab und landet auch wieder auf einer senkrechten Unterlage. Am Ziel trifft er jeweils mit den Hinterfüssen zuerst auf. Der anfangs gestreckte Oberkörper wird nämlich noch in der Luft weit zurückgenommen. Damit soll vermutlich der empfindliche Kopfbereich vor Verletzungen geschützt werden.

Die Fortbewegungsweise ist aber nicht bei allen Galagoarten dieselbe: Sansibargalago und Zwerggalago beispielsweise bewegen sich im Geäst vorwiegend rennend umher und springen wenig. Auch auf dem Boden hüpfen sie nicht auf den Hinterbeinen, wie dies etwa der Moholi vorzugsweise tut. Der «Schwergewichtler» unter den Galagos, der Riesengalago, wiederum ist ein eher gemächlicher Kletterer, der sich bei der Nahrungssuche viel ruhiger durchs Geäst bewegt als seine kleinergewachsenen Vettern.

 

In Tansania leben mindestens fünf Arten

Die Galagos sind in Afrika südlich der Sahara weit verbreitet. Die Verbreitungsgebiete der verschiedenen Arten sind jedoch nicht in allen Fällen genau bekannt. Dies vor allem deshalb, weil wie erwähnt mehrere Arten erst in jüngerer Zeit von den ehemaligen Arten abgetrennt worden sind, ihre Vorkommen aber noch nicht restlos abgeklärt sind.

Eines hinsichtlich der Vielfalt einheimischer Galagos reichsten afrikanischen Länder ist Tansania. Nicht weniger als fünf, möglicherweise sogar sechs Galagoarten sind dort anzutreffen:

In den östlichen Landesregionen kommen der Riesengalago und der äusserlich recht ähnliche, jedoch etwas kleinere Garnett-Galago vor. Während sich der Riesengalago in den unterschiedlichsten Waldtypen wohlfühlt, bewohnt der Garnett-Galago nur ausgewählte Küsten-, Galerie- und Bergwälder. Der Riesengalago ist ferner wesentlich weiter verbreitet als der Garnett-Galago: Man findet ihn überall zwischen Angola im Nordwesten, Kenia im Nordosten und der Südspitze Afrikas. Dem Garnett-Galago begegnet man hingegen lediglich in Somalia, Kenia und Tansania.

Im Südwesten Tansanias leben der Senegalgalago und der Moholi. Auch diese beiden Arten sehen einander äusserlich sehr ähnlich (und gelten erst seit kurzem als separate Arten). Beide bevorzugen als Lebensraum lichte Gehölze, besonders Akazienwäldchen, besiedeln aber hier und dort auch dichtere Wälder. Der Senegalgalago ist - sowohl innerhalb Tansanias als auch auf dem restlichen Kontinent - erheblich weiter verbreitet als der Moholi.

Auf der Insel Sansibar ist, wie sein Name besagt, der Sansibargalago zu Hause. Er kommt aber auch auf dem Festland vor, und zwar in Tansania, Kenia, Malawi und möglicherweise Mosambik. Vorzugsweise bewohnt er Küstenwälder sowie höhergelegene Bergwälder.

Im Süden Tansanias lebt möglicherweise noch eine sechste Galagoart, der Zwerggalago. Museumspräparate deuten jedenfalls auf seine Existenz in diesem Landesteil hin; der Nachweis im Feld fehlt aber noch. Der Zwerggalago ist grundsätzlich ein Dschungelbewohner, der über den gesamten Regenwaldgürtel des westlichen und zentralen Afrikas (ostwärts bis Uganda) verbreitet ist.

 

Galagos sind Gemischtköstler

Alle Galagos ernähren sich von einer gemischten Kost aus Insekten, Früchten und Baumsäften. Während aber bei den kleineren Galagoarten der Anteil der Insekten überwiegt, bevorzugen die grossen Arten Obst und Baumsäfte. Die Nahrung des Sansibargalagos beispielsweise besteht zu 70 Prozent aus Insekten und zu 30 Prozent aus Früchten. Dank seiner grossen und sehr beweglichen «Fledermausohren» und mithin seines hervorragenden Gehörs vermag er viele Beutetiere, so etwa Nachtfalter und Heuschrecken, beim Vorüberfliegen zielsicher aus der Luft zu schnappen. Die Füsse fest im Geäst verankert, streckt sich der Galago plötzlich und fängt die Beute mit einer oder zwei Händen.

Älteren Berichten zufolge sollen die beiden grösseren Galagoarten, der Riesengalago und der Garnett-Galago, des öfteren auch Vögel erbeuten. Der bekannte Naturforscher Henry O. Forbes beispielsweise schrieb 1894 in einem seiner Reiseberichte, dass der Garnett-Galago «jedes Federvieh tötet, das er überraschend anspringen und überwältigen kann». Und 1951 schrieb der südafrikanische Zoologe Austin Roberts in seinem Buch über die Säugetiere Südafrikas: «Haushühner werden vom Riesengalago oft angegriffen, wenn sie sich nachts auf einem Baum zur Ruhe begeben haben. Am nächsten Morgen kann man sie dann tot unter ihren Schlafplätzen finden, wobei lediglich das Gehirn verzehrt worden ist.»

Neueren Untersuchungen zufolge scheinen die grossen Galagoarten keineswegs so blutrünstig zu sein, wie dies früher geschildert wurde. Es stimmt jedoch, dass sie hin und wieder einen Vogel fangen und verspeisen.

 

Eine komplexe Gesellschaftsstruktur

Während die tagaktiven, höheren Primaten gewöhnlich in volkreichen, belebten Gruppen unterwegs sind, streifen die Galagos bei ihrer nächtlichen Futtersuche in der Regel einzeln umher. Sie können auf diese Weise ihre Umgebung besser nach Beutetieren abhorchen und behindern sich nicht gegenseitig durch Geräusche.

Früher war man der Meinung, solch einzelgängerisches Fresswandern sei gekoppelt mit einer sehr simplen Gesellschaftsstruktur. Jüngere Feldstudien deuten jedoch darauf hin, dass die Galagos ganz im Gegenteil ein recht komplexes, von Art zu Art unter schiedliches gesellschaftliches Leben führen.

Beim Sansibargalago beispielsweise lebt jeweils ein erwachsenes Männchen mit ein bis zwei erwachsenen Weibchen und deren Kindern in einem festen Territorium von etwa 2,5 Hektaren. Beim Moholi dagegen besetzen kleinere Gruppen von Weibchen Eigenbezirke von etwa acht Hektaren, während die ranghohen Männchen sehr viel grössere Territorien für sich beanspruchen, welche die Bezirke mehrerer Weibchengruppen überlagern. So kommt es, dass sich jeweils nur ein einziges erwachsenes Männchen mit den Weibchen mehrerer Gruppen paart. Entsprechend gross ist der Wettbewerb zwischen den männlichen Galagos. Die «besitzlosen» Männchen leben nämlich halbnomadisch am Rand der Territorien und warten in dieser Position ungeduldig darauf, dass sich einem von ihnen die Gelegenheit bietet, ein dominantes Männchen zu vertreiben und dessen Posten einzunehmen.

 

Sie brauchen Wälder zum Überleben

Aufgrund ihrer nächtlichen Lebensweise treffen die Galagos wenig mit dem Menschen zusammen und werden darum von ihm auch weitgehend in Ruhe gelassen. Nur hin und wieder werden vor allem Vertreter der kleineren Arten gefangen und als Haustiere gehalten.

Trotzdem wird der Mensch den niedlichen Tieren gefährlich: Indem er auf breiter Front Waldstück um Waldstück rodet, entzieht er den Galagos den Lebensraum. Genaue Kenntnis über die Bestandssituation der verschiedenen Galagoarten besitzen wir zwar nicht. Zweifellos macht aber die Waldzerstörung vor allem den Arten mit kleiner Verbreitung und speziellen Lebensraumansprüchen sehr zu schaffen.

So dürften beispielsweise die Bestände des Sansibargalagos in Ostafrika durch die Abholzung der küstennahen Wälder bereits stark zurückgegangen sein. Die Art kommt zwar noch in einigen höhergelegenen Bergwäldern vor, so etwa in den tansanischen Uluguru-Bergen. Doch werden auch diese dem Druck der anwachsenden menschlichen Bevölkerung nicht mehr allzu lange standhalten. Für Tansania schätzt man, dass die Waldfläche Jahr für Jahr um rund ein Prozent abnimmt. Gegenüber ihren grösseren Verwandten haben die Galagos immerhin den Vorteil, dass verhältnismässig viele von ihnen auf kleinem Raum leben können. So hat man für den Sansibargalago Bestandsdichten von bis zu 160 Individuen pro Quadratkilometer festgestellt. Wenn aber die Wälder verschwinden, so tun es unweigerlich auch die Galagos.

Seit vielen Jahren setzt sich der Welt Natur Fonds (WWF) in Ostafrika dafür ein, dass möglichst grossflächige Naturlandschaften mitsamt ihrer vielfältigen Fauna und Flora unter Schutz gestellt und ausreichend bewacht werden. Gegenwärtig laufen in Tansania mehrere WWF-Projekte zur Erhaltung wichtiger Ökosysteme sowie zur Verbesserung der Lebenssituation der tansanischen Bevölkerung (z.B. hinsichtlich Wasserversorgung). Damit soll der immense Druck auf die letzten Naturareale vermindert und nicht zuletzt die Überlebenschance der interessanten Galagos verbessert werden.




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