Scheckente
Polysticta stelleri
© 2001 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die meisten der rund 150 Arten von Gänsen, Enten,
Schwänen und Sägern, aus denen sich die Ordnung der
Gänsevögel (Anseriformes) zusammensetzt, leben im Bereich
von Flüssen, Seen, Sümpfen und anderen Süssgewässern.
Nur auf ihrem Zug ins Winterquartier, im Winterquartier selbst
und auf dem Rückweg zum Brutgebiet halten sie sich teils
auch an Flussmündungen und in anderen brack- oder gar salzwasserhaltigen
Küstenlebensräumen auf.
Ein paar wenige Gänsevögel können jedoch
als echte marine Arten bezeichnet werden. Zu ihnen gehören
drei Arten von Dampfschiffenten, die im südlichen Südamerika
heimisch sind, und vier Arten von Eiderenten, deren Brutgebiete
in der arktischen Zone der Alten und der Neuen Welt liegen. Die
kleinste unter den Eiderenten ist die Scheckente (Polysticta
stelleri). Von ihr soll auf diesen Seiten die Rede sein.
In Nordsibirien zu Hause
Die Eiderenten bilden innerhalb der Familie der Entenvögel
(Anatidae) eine eigene Gattungsgruppe namens Somaterinii. Es
werden zwei Gattungen unterschieden: Die Gattung Somateria
umfasst die «eigentliche» Eiderente (Somateria
molissima), die Prachteiderente (Somateria spectabilis)
und die Plüschkopfente (Somateria fischeri), während
der Gattung Polysticta nur die Scheckente angehört.
Mit einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich
43 bis 47 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 70 bis
76 Zentimetern und einem Gewicht von 800 bis 900 Gramm ist die
Scheckente ein mittelgrosses Mitglied der Entenvogelfamilie.
Wie bei vielen Entenarten unterscheiden sich die beiden Geschlechter
stark in ihrem Aussehen: Während das Weibchen - ähnlich
der weiblichen Stockente (Anas platyrhynchos) - ein braunschwarz
gesprenkeltes Tarnkleid trägt, ist das Federkleid des Männchens
auffällig schwarz-weiss-rostrot gemustert.
Die Scheckente hat eines der nördlichsten Verbreitungsgebiete
aller Vögel, denn die allermeisten Individuen halten sich
das ganze Jahr über nördlich des Polarkreises auf.
Der Grossteil der Population schreitet in zwei getrennten Regionen
Nordsibiriens zur Brut: Bei der westlichen Region handelt es
sich vor allem um die Taimyr-Halbinsel und die benachbarten Halbinseln
Gydan und Jamal. Der Bestand dieser westsibirischen Population
wird auf ungefähr ein Fünftel des Gesamtbestands geschätzt.
Bei der östlichen Region - dem Hauptbrutgebiet der Art -
handelt es sich vor allem um die Deltas der Flüsse Olenek,
Lena, Jana sowie Indigirka und um die Neusibirischen Inseln.
Diese ostsibirische Population umfasst rund vier Fünftel
des Artbestands. Eine dritte Brutpopulation findet sich schliesslich
in Alaska. Diese nordamerikanische Population besteht allerdings
aus nur wenigen hundert Individuen.
Erpel ohne Vaterpflichten
Selbst für arktische Verhältnisse treffen
die Scheckenten relativ spät im Jahr aus ihren Winterquartieren
kommend in ihren Brutgebieten ein. Beispielsweise treffen sie
im Delta der Lena erst Mitte Juni - als letzte Wasservogelart
- ein. Das Fortpflanzungsgeschehen hat bei den Scheckenten allerdings
längst begonnen, denn wie bei vielen anderen ziehenden Entenvögeln
finden Balz und Paarung im Winterquartier statt. Dort bilden
sich im zeitigen Frühjahr «Balzgruppen», die
sich gewöhnlich aus einem Weibchen und drei bis fünf
Männchen zusammensetzen. Die Männchen buhlen eifrig
um die Gunst des Weibchens, indem sie in seiner Nähe allerlei
ritualisierte Bewegungsabläufe zeigen, darunter das von
Konrad Lorenz so benannte «Kurzhochwerden». Immer
wieder finden auch rasante Balzflüge statt, die vom Weibchen
initiiert werden und bei denen die ganze Gruppe in enger Flugformation
ohne wesentliche Ortsverschiebung umherfliegt.
Das Weibchen wählt schliesslich den ihm geeignet
erscheinden Partner, schliesst mit ihm einen Paarbund und lässt
sich von ihm begatten. Im Unterschied zu vielen anderen Gänsevögeln,
welche mehrjährige Paarbeziehungen eingehen, hält die
Partnerschaft bei der Scheckente nur jeweils eine Brutsaison
lang.
Nachdem die aufregende Zeit der Balz vorüber
ist und sich die Scheckentenpaare gebildet haben, ziehen die
Vögel in grösseren Schwärmen zu ihren Brutgebieten.
Dort lösen sich die Verbände innerhalb weniger Tage
auf, und jedes Paar sucht für sich allein einen geeigneten
Nistplatz.
Die bevorzugten Brutgebiete der Scheckenten befinden
sich in küstennahen Tundraregionen, wo Trockenland mosaikartig
mit kleinen, seichten Teichen abwechselt. Die Vögel haben
diesbezüglich überraschend feste Vorstellungen, denn
sie wählen stets Gebiete, in denen die Teiche 30 bis 80
Zentimeter tief sind, und meiden solche mit tieferen oder seichteren
Teichen.
In den meisten Fällen befindet sich das Scheckentennest
nur wenige Meter von einem Teich entfernt. Für den Nestbau
ist das Weibchen allein zuständig. Es wählt gewöhnlich
eine Mulde in einem dicken Moos-Flechten-Polster und kleidet
diese - als zusätzlichen Schutz gegen die Kälte des
arktischen Bodens - mit Daunenfedern, die es sich von Brust und
Bauch rupft, sowie Gräsern, Moosen und Flechten aus. In
der Folge legt es täglich ein Ei, bis sein aus fünf
bis acht Eiern bestehendes Gelege vollständig ist. Mit dem
Bebrüten beginnt es, nachdem es das vierte oder fünfte
Ei gelegt hat.
Die Brut dauert 26 bis 27 Tage, und auch hierin wird
das Weibchen nicht vom Männchen unterstützt. Selten
verlässt es sein Nest. Wenn es aber hin und wieder auf Nahrungssuche
geht, so deckt es das Gelege sorgfältig mit Daunenfedern
zu. Letztere haben - wie bei allen Eiderenten - ausserordentlich
gute Isoliereigenschaften und schützen das Gelege vorzüglich
gegen Auskühlung. Zudem tarnen sie das Gelege und bewahren
es so vor der Entdeckung durch etwaige tierliche Eiräuber.
Sobald das Weibchen mit dem Brutgeschäft angefangen
hat, trennt sich das Männchen von ihm und verlässt
den Nistplatz. Es gesellt sich zu anderen Männchen in der
Nachbarschaft, und diese Männchentrupps fliegen alsbald
gemeinsam aufs Meer hinaus. Im Lena-Delta sind Mitte Juli praktisch
keine Scheckentenmännchen mehr an Land anzutreffen. Ihr
Aufenthalt im eigentlichen Brutgebiet dauert also jeweils nur
etwa einen Monat.
Viele Lemminge sind gut für den Bruterfolg
Die Jungen schlüpfen alle etwa zeitgleich aus
den Eiern und tragen anfangs ein dickes schwarzes Daunenkleid.
Sie sind typische Nestflüchter: Schon am zweiten Tag nach
dem Schlüpfen verlassen sie in Begleitung ihrer Mutter das
Nest in Richtung Teich und erweisen sich dort von Anfang an als
ausgezeichnete Schwimmer und Taucher. Oftmals gesellen sich zu
den «Kleinfamilien» ein bis drei andere Weibchen
als wachsame «Tanten». Dabei handelt es sich entweder
um jugendliche Tiere, die sich noch nicht selbst fortpflanzen,
oder aber um solche, die ihr eigenes Gelege bzw. ihre Jungen
durch Fressfeinde verloren haben.
Die Weibchen und die Jungen verbringen die meiste
Zeit des Tages damit, am Rand der seichten Tundrateiche nach
kleinen Würmern, Mückenlarven und anderen Kleintieren
zu stöbern. Sie nehmen aber auch allerlei pflanzliche Stoffe
zu sich, insbesondere Teile von Laichkraut (Potamogeton spp.)
und Krähenbeere (Empetrum nigrum). In dieser Phase
stellen verschiedene Beutegreifer den jungen Scheckenten nach.
Zu nennen sind vor allem der Eisfuchs (Alopex lagopus),
die Schnee-Eule (Nyctea scandiaca), die Mittlere Raubmöwe
(Stercocarius pomarinus) und die Schmarotzerraubmöwe
(Stercorarius parasiticus). Bei Gefahr aus der Luft suchen
die Entenjungen unverzüglich Zuflucht in dichten Riedgrasbüscheln
im Uferbereich, bei Gefahr vom Ufer her schwimmen sie schleunigst
auf den Teich hinaus.
Studien im Lena-Delta und auch in Alaska haben gezeigt,
dass der Bruterfolg der Scheckenten in direkter Wechselbeziehung
zur Bestandsdichte der Lemminge steht. In regelmässigen,
mehrjährigen Zyklen wachsen die Populationen dieser arktischen
Wühlmäuse zunächst stetig an und brechen irgendwann
abrupt zusammen. In den Jahren, in denen die Dichte der Lemmingbestände
hoch ist, ernähren sich die Beutegreifer der Arktis zu einem
wesentlichen Teil von diesen kurzschwänzigen Nagern. Der
Feinddruck auf die jungen Scheckenten ist dann verhältnismässig
gering. Ist das «Lemmingangebot» hingegen spärlich,
sind die arktischen Beutegreifer gezwungen, sich nach andererer
Beute umzusehen. Es kann dann geschehen, dass die Scheckentenweibchen
gebietsweise ihre sämtlichen Jungen verlieren. Da sich die
Zyklen der Lemmingpopulationen aber nicht überall in der
gleichen Phase befinden, gelingt es stets den einen oder anderen
Scheckentenbeständen, einen guten Bruterfolg zu erzielen.
Misslingt einem regionalen Scheckentenbestand der
Bruterfolg, so gesellen sich die Weibchen zumeist noch im Juli
zu den Männchen auf dem Meer. Doch selbst in erfolgreichen
Jahren verlassen die Weibchen mit ihrem Nachwuchs schon gegen
Ende August ihr Brutgebiet in Richtung Meer. Nur gut zwei Monate
im Jahr sind die Scheckenten also in der arktischen Tundra anzutreffen.
Die restlichen zehn Monate des Jahres verbringen sie auf dem
Meer. Dort führen sie ein sehr geselliges Leben in Verbänden,
die manchmal mehrere tausend Individuen umfassen.
«Meeresfrüchte» als Hauptspeise
Vorzugsweise halten sich die Scheckenten in Meeresgebieten
auf, wo das Wasser klar ist und die Wassertiefe weniger als zehn
Meter beträgt. Das kann im Bereich felsiger Küsten,
aber auch in Buchten und Fjorden sein. Ihre Kost setzt sich fast
vollständig aus kleinen marinen Wirbellosen zusammen, insbesondere
Weichtieren und Krebstieren, aber auch Meereswürmern und
kleinen Seesternen. Die meisten «Happen» messen in
der Länge bzw. im Durchmesser weniger als zwei Zentimeter.
Bei der Nahrungssuche tauchen die Vögel mit Unterstützung
ihrer Flügel von der Wasseroberfläche weg nach unten.
Sie erreichen dabei Tiefen von mehreren Metern und bleiben bis
zu einer Minute unter Wasser.
Die grosse Scheckentenpopulation, welche im nordöstlichen
Sibirien brütet, zieht im Herbst ostwärts, um im Bereich
der Beringsee vor der Küste Alaskas in eisfreien Gewässern
zu überwintern. Die kleinere Population, welche auf den
Halbinseln Taimyr, Gydan und Jamal brütet, zieht hingegen
westwärts. Der Grossteil dieser Population verbringt den
Winter im Bereich der Barentssee nordöstlich der Skandinavischen
Halbinsel. Ein kleiner Teil fliegt jedoch weiter und überwintert
in der Ostsee. Ein wichtiger Aufenthaltsort der letztgenannten
Scheckenten sind die Åland-Inseln, welche die vorliegenden
Briefmarken verausgaben. Der lokale Bestand schwankt gegenwärtig
zwischen etwa 70 und 300 Individuen.
Gefahr durch Erdöl und Kohlendioxid
Die Scheckente hatte lange Zeit die Besorgnis der
Naturschützer erregt. Dies war hauptsächlich darauf
zurückzuführen, dass der Brutbestand der marinen Enten
in Alaska scheinbar dramatisch schwand. In der Zwischenzeit hat
sich aber gezeigt, dass die früheren Bestandsschätzungen
für diese Region unzuverlässig waren. Es lässt
sich deshalb heute einzig feststellen, dass der Brutbestand der
Scheckenten in Alaska klein ist und dass er in den vergangenen
Jahrzehnten geschwunden ist. Das Ausmass des Bestandsrückgangs
scheint allerdings keineswegs alarmierend zu sein. Dies umso
mehr, als es sich bei den Scheckenten Alaskas um eine «Randpopulation»
handelt und die beiden Hauptpopulationen in Sibirien noch recht
umfangreich sind.
Jüngere Zählungen der beiden sibirischen
Bestände in deren Winterquartieren haben eine Zahl von etwa
40.000 Individuen für die westliche Teilpopulation und eine
solche von ungefähr 140.000 Individuen für die östliche
Teilpopulation ergeben. Der Gesamtbestand der Scheckente scheint
damit etwas kleiner zu sein als Mitte der Achtzigerjahre. Der
Bestandsschwund wird aber nicht als gravierend eingestuft, und
die Art gilt darum nicht als gefährdet.
Die Bildung kopfstarker Verbände im Winterhalbjahr
hat allerdings zur Folge, dass die Scheckenten durch lokale Schadereignisse
- beispielsweise Tankschiffhavarien - rasch empfindliche Bestandseinbussen
erleiden. So hat beispielsweise im Jahr 1973 eine kleinere Ölverschmutzung
im Varangerfjord ganz im Nordosten Norwegens etwa 2500 Enten
- darunter vielen Scheckenten - das Leben gekostet.
Eine potenziell weit grössere Gefahr für
die im hohen Norden heimischen Enten sehen die Fachleute allerdings
im so genannten «Treibhauseffekt», also der allmählichen
Erwärmung der Erde durch die von Menschen verursachten Veränderungen
des Gasgemischs in der Erdatmosphäre. Die arktische Tundra
gilt allgemein als eines derjenigen Ökosysteme, welche durch
die Erderwärmung sehr rasch einschneidende Veränderungen
erfahren werden. Noch ist es zu früh, um über die möglichen
Auswirkungen dieses insgesamt schwer einschätzbaren Phänomens
auf die Scheckentenbestände zu spekulieren. Es gilt aber
zumindest, die Bestandsentwicklung dieser hochnordischen Entenart
wachsam zu verfolgen.
Legenden
Die Scheckente (Polysticta stelleri) aus der Sippe
der Eiderenten weist eine Kopfrumpflänge von gewöhnlich
43 bis 47 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 70 bis
76 Zentimetern und ein Gewicht von 800 bis 900 Gramm auf. Wie
bei den meisten Entenarten unterscheiden sich die beiden Geschlechter
markant in ihrem Aussehen: Während das Federkleid des Männchens
(links) auffällig schwarz-weiss-rostrot gemustert ist, trägt
das Weibchen (rechts) ein schlichtes braun-schwarz gesprenkeltes
Tarnkleid.
Scheckenten sind hochnordische Vögel: Die
meisten von ihnen halten sich das ganze Jahr über nördlich
des Polarkreises auf, zwischen Norwegen im Westen und Alaska
im Osten. Und sie sind meeresbewohnende Vögel: Ausserhalb
der Brutzeit, das heisst rund zehn Monate im Jahr, leben sie
in kopfstarken Verbänden auf dem Meer und ernähren
sich schwimmend und tauchend von allerlei marinen Wirbellosen.
Im Unterschied zu vielen anderen Entenvögeln,
welche eine monogame Lebensweise führen, hält die Partnerschaft
bei den Scheckenten nur jeweis eine Fortpflanzungsperiode lang.
Ungewöhnlich ist auch, dass sich das Männchen vom Weibchen
trennt und wieder eigene Wege geht, sobald letzteres mit dem
Brutgeschäft begonnen hat. Nestbau, Brut und Jungenaufzucht
obliegen demzufolge allein dem Weibchen.
Das Gelege des Scheckentenweibchens umfasst fünf
bis acht Eier. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutdauer
von 26 bis 27 Tagen, tragen dann ein dickes schwarzes Daunenkleid
und sind typische Nestflüchter: Schon am zweiten Tag nach
dem Schlüpfen verlassen sie in Begleitung ihrer Mutter das
Nest, suchen einen nahegelegenen Teich auf und erweisen sich
dort sofort als ausgezeichnete Schwimmer und Taucher.
Der Gesamtbestand der Scheckente wird auf ungefähr
180.000 Individuen geschätzt. Vier Fünftel davon brüten
im nordöstlichen Sibirien und ziehen im Herbst ostwärts,
um im Bereich der Beringsee vor der Küste Alaskas in eisfreien
Gewässern zu überwintern. Das restliche Fünftel
brütet in Nordwestsibirien, zieht im Herbst westwärts
und verbringt den Winter im Bereich der Barentssee nordöstlich
der Skandinavischen Halbinsel. Ein paar hundert Individuen fliegen
noch weiter und überwintern in der Ostsee.
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