Jamaika-Schlankboa
Epicrates subflavus
© 1984 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
«Gelbe Schlange» oder «Nanka»
wird die Jamaika-Schlankboa (Epicrates subflavus) in ihrer
Heimat genannt. Sie gehört einer Gruppe nahe verwandter
Schlankboas an, die auf den Westindischen Inseln in der Karibischen
See vorkommen.
Die Schlankboas (Gattung Epicrates) gehören
innerhalb der Klasse der Kriechtiere (Reptilia) zur Ordnung der
Schuppenkriechtiere (Squamata) und da wiederum zur Familie der
Riesenschlangen (Boidae). Die Riesenschlangen umfassen 64 Arten,
darunter die grössten Schlangen der Erde: Netzpython und
Anakonda. Sie sind aber auch die urtümlichsten aller heute
lebenden Schlangen. Ihr Körper birgt noch deutliche Reste
des Beckengürtels und der ehemaligen Hinterbeine. Keine
der Riesenschlangen ist giftig. Sie töten ihre Beutetiere
durch Umschlingen und Erwürgen.
Insgesamt zehn Schlankboa-Arten sind heute bekannt.
Nur eine davon - die Regenbogenboa (Epicrates cenchria)
- lebt auf dem Festland: Sie bewohnt das nördliche Südamerika.
Die anderen sind alle Inselformen: Sie sind über die Grossen
und Kleinen Antillen sowie die Bahamas verbreitet.
Die Jamaika-Schlankboa ist auf der 11 400 km2 grossen
Insel Jamaika zuhause. Ursprünglich hatte sie auch etliche
kleine Nebeninseln Jamaikas besiedelt, wurde aber dort in jüngerer
Zeit ausgerottet. Im falschen Glauben, sie sei giftig, töten
die Bewohner Jamaikas leider die hübsche Schlange wann und
und wo immer sie ihr begegnen.
Ein auffälliges Tarnkleid
Die Jamaika-Schlankboa ist eine der grössten
ihrer Gattung. Die Gesamtlänge erwachsener Tiere kann bis
zu 3,5 Meter betragen. Möglicherweise hat es früher
sogar noch grössere Exemplare gegeben. «Eine Boa von
enormen Ausmassen» erwähnt Philipp H. Gosse jedenfalls
in seinem 1851 erschienenen Buch mit dem Titel «Der Aufenthalt
eines Naturforschers auf Jamaika»: «Um sich des Todes
eines derart schrecklichen Tieres zu vergewissern, hatten die
Eingeborenen den Schlangenkörper mit ihren Buschmessern
in viele kleine Stücke gehauen. Ich sammelte die einzelnen
Teile aber ein. Nachdem sie zusammengesetzt waren, mass das riesenhafte
Tier fast genau 20 Fuss (=6 Meter) und war so dick wie eines
Mannes Bein.»
Der Artname der Jamaika-Schlankboa - subflavus
- bedeutet «dunkelgelb». Er bezieht sich auf die
sehr charakteristische senfgelbe Grundfärbung der vorderen
Körperhälfte des Tiers. Auch der jamaikanische Name
«Gelbe Schlange» weist auf diese Färbung hin.
Gegen das Körperende hin wird die Grundfarbe der Boa zunehmend
dunkler und geht im Schwanzbereich schliesslich in ein tiefes
Blauschwarz über. Auf diesem Untergrund heben sich deutliche
blauschwarze und ockergelbe Zickzack-Querbänder ab.
Diese im Grunde genommen recht auffallende Musterung
ist in Wirklichkeit ein ausgezeichnetes Tarnkleid. Im Spiel von
Licht und Schatten des Pflanzendickichts werden die Umrisse der
Schlange aufgelöst, und das Tier verschmilzt optisch mit
seiner Umgebung.
Das unauffällige Wesen der Jamaika-Schlankboa
hat mehrere Autoren vermuten lassen, sie sei in ihrer Heimat
praktisch ausgestorben. Dies ist aber glücklicherweise nicht
der Fall. Eine 1982 durchgeführte Studie über die Verbreitung
der Boa auf der Insel hat ergeben, dass das scheue Tier in mindestens
neun der dreizehn Amtsbezirke Jamaikas noch vorkommt. Sie ist
allerdings nirgendwo häufig und hält sich vorwiegend
in schwer zugänglichem Gelände auf. Sie bewohnt sehr
unterschiedliche Lebensräume, scheint also sehr anpassungsfähig
zu sein. Die wichtigsten Rückzugsgebiete der Gelben Schlange
auf Jamaika sind heute die Mangrovensümpfe westlich der
Hellshire-Hügel, das trockene, buschbestandene Küstengebiet
bei Portland, das Kalkstein-Gelände der Cockpit-Gegend und
der Bergregenwald an den Hängen der Blauen Berge.
Mit Lippe und Zunge auf Beutefang
Die Jamaika-Schlankboa ist wie alle Schlangen stumm
und gibt höchstens ein stimmloses Zischen von sich. Auch
kann sie Schwingungen der Luft nicht wahrnehmen, ist also taub.
Erschütterungen der Erde oder der Unterlage, auf der sie
ruht, empfindet sie aber recht gut. Auch sieht sie - zumindest
auf kürzere Entfernungen - nicht schlecht.
Zum Aufspüren der Beute verfügt die Boa
aber noch über andere, weit empfindlichere Sinnesorgane:
Sinneszellen, die in kleinen, rechteckigen Öffnungen ihrer
Lippenschilder sitzen, ermöglichen es ihr, auch schwächste
Wädmestrahlen wahrzunehmen. So kann sie warmblütige
Tiere selbst in deren Verstecken finden. Überaus fein arbeitet
auch das Geruchsorgan der Schlankboa, das als sogenanntes «Jacobsonsches
Organ» in zwei Gruben im Gaumendach sitzt. Mit den beiden
Spitzen ihrer Zunge führt die Schlange diesem Organ winzige
Teile aus der Luft zu. Das bekannte Züngeln der Schlangen
dient also dem Riechen und entspricht dem Wittern der Säuger.
Dank diesen beiden Sinnesorganen ist die Jamaika-Schlankboa vom
Licht unabhängig und kann ihre Beutetiere bei Tag und bei
Nacht gleich gut aufspüren.
Tatsächlich ist die Gelbe Schlange vorwiegend
nachts rege. Den Tag verbringt sie geschützt in Felsenhöhlen,
Steinhaufen oder Baumhöhlen und geht dann in der Nacht auf
Jagd. Sie erlegt allerlei kleinere Tiere wie Nager und Vögel,
die sie leicht überwinden und verschlingen kann. In den
Mangrovensümpfen ernährt sie sich vor allem von Krabben.
Wie alle Riesenschlangen überrascht sie ihre Beute durch
ein jähes Vorschnellen des Kopfes und des Vorderkörpers.
Mit ihren scharfen, langen Zähnen beisst sie sich fest und
wickelt sich - noch bevor sich das Opfer vom ersten Schrecken
erholt hat - mit zwei oder drei Schlingen um dessen Körper.
Sie «zermalmt» aber ihr Opfer niemals, wie man oft
liest, sondern erstickt es oder verursacht innere Blutungen.
Schlangenknäuel
«Wenn die Gelbe Schlange sich paart, was im
Frühjahr der Fall ist, so kommen andere derselben Art herbei
und winden sich um das Paar, bis sich ein riesiges Knäuel
aus lebenden Schlangenkörpern gebildet hat. Solche Knäuel
werden von den Eingeborenen des öfteren gefunden und ohne
Schwierigkeiten umgebracht, weil die Tiere dann sehr unaufmerksam
sind», schreibt Gosse in seinem Buch von 1851. Und dem
Bericht eines Dr. Bancroft aus derselben Zeit entnimmt man: «Laut
glaubwürdiger Aussage einiger Pflanzer werden in den bewaldeten
Gebieten der Insel nicht selten Gruppen von zehn oder zwölf
Gelben Schlangen mit verschlungenen Schwänzen gefunden.
Dies kommt hauptsächlich im April und Mai vor, wann offenbar
ihre Fortpflanzungszeit ist. So überrascht, zischen die
Tiere furchterregend, und es geht eine ganze Weile, bis sie sich
gelöst haben.»
Diese Schilderungen haben sich in jüngerer Zeit
an Tieren in Gefangenschaft bestätigen lassen: Während
der Paarung verschlingen die beiden Partner ihre Schwänze
und halten auf diese Weise für mehrere Stunden Kloakenkontakt.
Während dieser Zeit versuchen andere Männchen, die
vom Geruch des fortpflanzungsbereiten Weibchens angelockt worden
sind, sich ebenfalls mit ihm zu paaren. Über mehrere Wochen
hinweg wird so das Weibchen von verschiedenen Männchen begattet.
Riesenschlangen-Zwerge
Im Gegensatz zu den Riesenschlangen der Alten Welt,
den Pythons, legen die Boas keine Eier, sondern sind lebendgebärende
Schlangen. Die Jamaika-Schlankboa bildet keine Ausnahme. Bei
neun Geburten in Gefangenschaft kamen im Durchschnitt 24 Jungschlangen
je Geburt zur Welt. Das Maximum betrug 34.
Für die Geburt zieht sich das Boa-Weibchen in
eine Baumhöhle oder an einen anderen geschützten Ort
zurück. Es betreibt aber keine Brutpflege, sondern überlässt
seine Nachkommen gleich nach der Geburt sich selbst.
Die neugeborenen Schlängchen sind nur 25 bis
30 Zentimeter lang und wiegen höchstens 15 Gramm. Sie sind
aber sofort selbständig und wachsen sehr rasch, obwohl sie
noch bis zur dritten Lebenswoche keine Nahrung zu sich nehmen.
Ihre Nahrung beziehen sie während dieser Zeit ausschliesslich
aus dem Dottersack, den sie in ihrer Bauchhöhle mit sich
tragen. Sie besitzen anfänglich ein rostrotes Kleid mit
dunklen Querbändern und zeigen die Erwachsenenfärbung
erst im Alter von drei bis vier Jahren.
Todbringende Fremdlinge
In ihrer Inselheimat brauchen erwachsene Jamaika-Schlankboas
ausser dem Menschen keinen Feind zu fürchten. Den Jungtieren
hingegen droht Gefahr durch verschiedene natürliche Fressfeinde
sowie durch eine Reihe ehemals inselfremder Säugetiere,
die der Mensch seit der Entdeckung Jamaikas im Jahre 1492 teils
absichtlich, teils unbeabsichtigt eingeführt hat.
Zu diesen Fremdlingen gehörten schon früh
Ratte, Hund und Katze. Im Jahre 1872 wurden überdies Indische
Mungos (Herpestes edwardsi) auf der Insel ausgesiedelt
- in der Hoffnung, sie würden der Ratten Herr werden, die
vor allem in den Zuckerrohr-Plantagen beträchtlichen Schaden
verursachten. Die Mungos erwiesen sich als wenig wirksam bei
der Bekämpfung der Rattenplage. Hingegen führte die
Aussiedlung dieser flinken Raubtiere zu einem ernsthaften Rückgang
und in einigen Fällen sogar zum Aussterben einheimischer
Tierarten.
Zu den ersten Opfern gehörte die Schwarznatter
(Alsophis ater), von der es noch zwanzig Jahre vor der
Einführung des Mungos geheissen hatte, sie sei die häufigste
Schlange Jamaikas. Später kamen die beiden grössten
endemischen (d.h. nur auf Jamaika heimischen) Echsenarten hinzu:
der Jamaika-Wirtelschwanzleguan (Cyclura collei) und die
Gelbe Gallwespenschleiche (Celestus occiduus). Und auch
mindestens fünf endemische Vogelarten sowie eines der beiden
endemischen Landsäugetiere - die Jamaika-Reisratte (Oryzomys
antillarum) - fielen den Ratten, Mungos, Hunden und Katzen
zum Opfer.
Ohne Zweifel haben diese eingeschleppten Fremdlinge
auch wesentlich zum Bestandsrückgang der Jamaika-Schlankboa
beigetragen. Man nimmt aber an, dass die Gelbe Schlange mittlerweile
in einer Art natürlichem Gleichgewicht mit diesen Tierarten
lebt. Die Tatsache, dass sie bis heute überlebt hat, lässt
dies zumindest erhoffen.
Schutzmassnahmen
Die immer weiter voranschreitende Erschliessung Jamaikas
durch die stetig anwachsende menschliche Bevölkerung hat
zu einer drastischen Verminderung des Waldbestands geführt.
Waren ursprünglich rund neunzig Prozent der Insel waldbedeckt,
so sind es heute kaum mehr sieben Prozent. Nur die abgeschiedensten,
unzugänglichsten Gegenden weisen noch eine einigermassen
unberührte Pflanzendecke auf.
Diese letzten Flecken Natur sind für das Überleben
der Jamaika-Schlankboa - wie auch anderer, auf der Insel heimischer
Tier- und Pflanzenarten - von entscheidender Bedeutung. Ihr Schutz
ist zwar im Rahmen des nationalen Naturschutz-Programms vor gesehen,
aber noch in keinem Fall gesetzlich verankert worden. Es gibt
bislang weder Naturreservate noch Nationalparks auf Jamaika.
Von der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur
(IUCN) ist die Jamaika-Schlankboa längst auf die Rote Liste
der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt worden. In der
Liste der geschützten Tierarten Jamaikas ist sie aber bis
heute nicht enthalten. Somit ist die Tötung des Reptils
in seiner Heimat nicht strafbar. Leider gehört Jamaika auch
bis anhin nicht zu den Unterzeichnerstaaten des Internationalen
Abkommens über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten
(CITES), weshalb der Handel mit der Gelben Schlange ebenfalls
nicht gesetzeswidrig ist.
Weder gegen den Verlust ihres Lebensraums noch gegen
die direkte Verfolgung durch den Menschen ist die Jamaika-Schlankboa
also in irgend einer Weise geschützt. Schutz der Rückzugsgebiete,
Schutz der Art und Unterbindung des Handels sind die dringend
notwendigen Schritte zur Erhaltung der seltenen Schlange. Der
wichtigste Schritt zum Erreichen dieses Ziels aber ist die Information
der Einwohner Jamaikas über das friedfertige Wesen der Schlankboa.
Solange nämlich die Bevölkerung der Insel der harmlosen
Schlange derart ablehnend gegenübersteht, wie es das nachfolgende
Beispiel zeigt, so werden alle gesetzlichen Schutzbestimmungen
die Tierart nicht vor dem Aussterben bewahren können:
Als 1978 in der Nähe eines Dorfes auf einem Baum
eine grosse Boa entdeckt worden war, und niemand es wagte, auf
den Baum zu steigen, um die Schlange zu töten, wurde der
Dorfpolizist herbeigerufen. Dieser schoss das Reptil unter dem
Beifall der versammelten Dorfbevölkerung ab und wurde anderntags
in der Zeitung des Lands für seine mutige Tat gelobt.
Ganz bestimmt ist es nicht leicht, uralte Vorurteile
des Menschen aus der Welt zu schaffen. Will man aber das langfristige
Überleben der Jamaika-Schlankboa sichern, so ist es unerlässlich,
der Landbevölkerung verständlich zu machen, dass ihre
Gelbe Schlange nicht nur vollkommen harmlos ist, sondern - gerade
bei der Bekämpfung der Rattenplage - auch ausgesprochen
nützlich sein kann.
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