Dominikanischer Schlitzrüssler
Solenodon paradoxus
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Über die Säugetierordnung der Insektenesser
(Insectivora) wissen die wenigsten von uns Genaueres. Vielleicht
eine Handvoll der ungefähr 350 verschiedenen Insektenesserarten,
darunter den Europäischen Igel (Erinaceus europaeus)
und den Europäischen Maul wurf (Talpa europaea),
kennen wir einigermassen. Vom grossen Rest der vielgestaltigen
Sippe haben wir hingegen noch kaum je gehört. Dabei befinden
sich unter ihnen höchst interessante Lebewesen - so etwa
der Dominikanische Schlitzrüssler (Solenodon paradoxus),
der hier vorgestellt werden soll.
Einst Auffangbecken «überzähliger»
Säugetiere
Als die Ordnung der Insektenesser zu Beginn des 19.
Jahrhunderts neu in das Klassifizierungssystem der Tiere aufgenommen
wurde, da ordnete man ihr nicht nur die tatsächlichen Insektenesser
zu, sondern auch eine ganze Reihe «überzähliger»
Säugetiere, von denen man nicht recht wusste, wo man sie
sonst unterbringen sollte. Fälschlicherweise gehörten
so die Spitzhörnchen, die Riesengleiter und die Rüsselspringer
zeitweilig der Ordnung der Insektenesser an. Das wurde dann aber
nach und nach berichtigt, und heute wird jede dieser drei Tiergruppen
in ihre eigene Ordnung (Scandentia, Dermoptera, Macroscelidea)
gestellt.
Die Insektenesser werden jetzt im allgemeinen in sechs
Familien gegliedert: Die mit Abstand grösste und zudem fast
weltweit verbreitete Familie bilden die Spitzmäuse (Soricidae),
zu der mit über 250 Arten rund drei Viertel aller Insektenesser
zählen. Unter ihnen befindet sich das kleinste Landsäugetier
der Welt, die Etruskerspitzmaus (Suncus etruscus), welche
als erwachsenes Tier kaum zwei Gramm und als neugeborenes sogar
nicht einmal ein Fünftel Gramm auf die Waage bringt!
Ebenfalls weitverbreitet ist die Familie der Maulwürfe
(Talpidae), welche ungefähr 30 Arten umfasst und in weiten
Teilen Nordamerikas, Europas und Asiens zu Hause ist. Dasselbe
gilt für die Familie der Igel (Erinaceidae), welche sich
aus etwa 15 Arten zusammensetzt und Afrika, Europa und Asien
bewohnt.
Die drei restlichen Familien weisen weit stärker
begrenzte Verbreitungsgebiete auf: Die Familie der Goldmulle
(Chrysochloridae) ist mit ungefähr 20 Arten beschränkt
auf die trockeneren Landstriche des südlichen Afrikas. Die
Familie der Tanreks (Tenrecidae) kommt mit etwa 30 Arten hauptsächlich
auf Madagaskar und in den äquatorialen Regenwäldern
Afrikas vor. Die kleinste und geografisch am meisten eingeschränkte
Insektenesserfamilie ist schliesslich, mit nur 2 Arten auf den
Karibikinseln Kuba und Hispaniola, die Familie der Schlitzrüssler
(Solenodontidae).
Giftig und urtümlich
Die beiden karibischen Schlitzrüsslerarten sehen
einander recht ähnlich und sind auch tatsächlich eng
miteinander verwandt, weshalb sie in ein und dieselbe Gattung
gestellt werden: Es handelt sich um den Dominikanischen Schlitzrüssler
(Solenodon paradoxus) einerseits und den Kubanischen Schlitzrüssler
(Solenodon cubanus) andererseits. Beide gehören zu
den grössten Vertretern der Insektenesser, wobei der Dominikanische
Schlitzrüssler mit einem Gewicht von bis zu einem Kilogramm,
einer Kopfrumpflänge von etwa 30 Zentimetern und einer Schwanzlänge
um 25 Zentimeter im Mittel etwas grösser ist als der Kubanische
Schlitzrüssler.
Wie alle Insektenesser sind die Schlitzrüssler
«Halbsohlengänger»: Sie treten beim Gehen jeweils
mit der ganzen Sohle ihrer Vorderfüsse auf, heben aber die
Hinterfüsse bis zu den Zehenwurzeln an, so dass die Fersen
den Boden nicht berühren. Die Vordergliedmassen sind zudem
länger als die Hinterbeine und weisen fünf mit kräftigen
Krallen bewehrte Finger auf. Am grossen Kopf der Schlitzrüssler
fallen die rundlichen Ohren, die winzigen Augen, die borstigen
Schnurrhaare und vor allem der lange und sehr bewegliche «Rüssel»
auf, an dessen Ende seitlich die Nasenlöcher sitzen.
Sehr gross sind im übrigen die Speicheldrüsen
der Schlitzrüssler, und dies nicht ohne Grund: Wie einige
Spitzmäuse, darunter die Wasserspitzmaus (Neomys fodiens),
produzieren die Schlitzrüssler einen giftigen Speichel.
Das Gift, ein lähmendes Nervengift, wird in den Ausführgängen
der Speicheldrüsen des Unterkiefers produziert. Die Öffnungen
dieser Ausführgänge befinden sich beiderseits des Unterkiefers
an den Wurzeln der zweiten Schneidezähne. Diese sind ziemlich
gross und haben eine tiefe Furche auf der Innenseite, durch die
der giftige Speichel wie in einem Kanal geleitet wird. (Diesem
Gebissmerkmal verdanken die Schlitzrüssler ihren wissenschaftlichen
Gattungsnamen: Solenodon bedeutet «Furchenzähner».)
Wenn die Schlitzrüssler ihre Beute beissen, fliesst der
giftige Speichel direkt in die Bissverletzung. Von Untersuchungen
an «giftigen» Spitzmäusen ist bekannt, dass
die Abwehrbewegungen und vor allem das Fluchtvermögen der
Beutetiere schon nach dem ersten Biss jeweils merklich nachlassen.
Beim Schlitzrüssler dürfte der giftige Speichel eine
ähnliche Wirkung haben.
Die Insektenesser gelten in vieler Hinsicht als die
ursprünglichsten aller heute lebenden Höheren (d.h.
eine Placenta besitzenden) Säugetiere, und die Schlitzrüssler
bilden hierin keine Ausnahme. Sie weisen verschiedene Körpermerkmale
auf, welche wahrscheinlich schon für die ersten «placentalen»
Säugetiere typisch waren, welche gegen Ende der Kreidezeit,
vor gut 70 Millionen Jahren, aus hochentwickelten Reptilien hervorgegangen
waren. Zu diesen Merkmalen gehören beispielsweise die winzigen
Augen, die kleinen, kaum gefurchten Grosshirnhälften und
die dafür mächtig ausgeprägten Riechlappen im
Hirn (was auf einen besonders leistungsfähigen Geruchssinn
hindeutet). Auch das aus vierzig Zähnen bestehende Gebiss
ist mit seiner klaren Unterteilung in Schneide-, Eck-, Vorbacken-
und Backenzähne sehr ursprünglich gebaut, und dasselbe
gilt für die Gehörknöchelchen und das Schlüsselbein.
Alles in allem scheinen sich die Schlitzrüssler
verhältnismässig wenig von der Grundform der ersten
Höheren Säugetiere wegentwickelt zu haben - auch wenn
sie im Laufe der Jahrmillionen einige höchst fortschrittliche
«Erfindungen» verwirklicht haben wie beispielsweise
die mobile Rüsselschnauze und den giftigen Speichel. Sie
vermitteln uns dadurch einen einzigartigen Blick auf die Wurzeln
des Säugetier-Stammbaums, geben uns also nicht zuletzt eine
Ahnung davon, wie die frühen Vorfahren des Menschen ausgesehen
haben mögen.
Klicklaute dienen der Echoortung
Der Dominikanische Schlitzrüssler ernährt
sich fast ausschliesslich von tierlichen Stoffen. Bei der Nahrungssuche
stöbert er eifrig am Boden umher, streckt seine bewegliche
Nase prüfend in jede Höhlung, jede Ritze, jeden Winkel
und stochert hier und dort mit ihr im lockeren Erdreich. Immer
wieder kommen auch die kräftigen Krallen seiner Vorderpfoten
zum Einsatz, um beispielsweise Rinde von morschen Ästen
abzusprengen, Löcher im Boden auszuheben oder Steine umzudrehen.
Auf diese Weise erwischt der Dominikanische Schlitzrüssler
hauptsächlich wirbellose Kleintiere wie Schnecken, Regenwürmer,
Tausendfüsser, Termiten, Grillen, Käfer und allerlei
Insektenlarven. Auch Frösche, Eidechsen und nestjunge Kleinvögel
gehören wahrscheinlich zu seinen Opfern. Die aufgeschreckten
Beutetiere springt der tüchtige Jäger jeweils unverzüglich
an, drückt sie mit den krallenbewehrten Pfoten zu Boden
und lähmt bzw. tötet sie mit gezielten Bissen.
Aktiv ist der Dominikanische Schlitzrüssler vorwiegend
nachts. Den Tag verschläft er gewöhnlich in einer Erdhöhle,
einer Felsnische, einem hohlen Baumstrunk oder sonst einem sicheren
Versteck. Er führt zwar im allgemeinen ein Leben als Einzelgänger;
zu den anderen, in seinem Streifgebiet ansässigen Artgenossen
hat er aber laufend Kontakt und verständigt sich mit ihnen
durch Laute und Geruchsstoffe. Er hat nämlich gut entwickelte
Duftdrüsen in den Achselhöhlen und in der Leistengegend.
Damit vermag er einerseits Duftmarken zu setzen, indem er sich
an bestimmten Gegenständen reibt. Andererseits erhält
seine Fährte eine geruchliche Tönung. So kann er dem
Rest der lokalen Population Mitteilungen zum Beispiel über
seine Fortpflanzungsbereitschaft hinterlassen.
Der Dominikanische Schlitzrüssler verfügt
ferner über ein recht breites Spektrum unterschiedlicher
Laute wie Zwitschern, Schnauben, Qieken, Zirpen und Klicken.
Die meisten dieser Lautäusserungen dienen dazu, den übrigen
Artgenossen die Anwesenheit und wohl auch die aktuelle Verfassung
kundzutun. Besonders die Klicklaute, welche teilweise jenseits
der menschlichen Hörfähigkeit liegen, scheinen hingegen
eine andere Funktion auszuüben: Sie stehen vermutlich im
Dienst einer einfachen Form von Echoortung, verschaffen also
dem Schlitzrüssler ein akustisches Bild seiner näheren
Umgebung. Ähnliches ist von einigen Spitzmausarten bekannt,
wie ja auch, in weit höher entwickelter Form, von den Fledermäusen
und Delphinen.
Die weiblichen Schlitzrüssler werden ungefähr
alle zehn Tage für knapp einen Tag brünstig, während
die Männchen ständig paarungsbereit zu sein scheinen.
Nach einer Trächtigkeit von unbekannter Dauer bringt das
Weibchen jeweils ein oder zwei nackte, rosafarbene Junge zur
Welt, welche lediglich 40 bis 55 Gramm wiegen. Die jungen Schlitzrüssler
bleiben während mehrerer Monate mit ihrer Mutter zusammen,
was für Insektenesser eine ungewöhnlich lange Zeit
ist. In den ersten Lebenswochen sind sie recht unselbständig
und halten sich dauernd in ihrem Wurflager auf. Später begleiten
sie ihre Mutter auf deren nächtlichen Fresswanderungen,
gehen interessiert neben ihr her und lernen von ihr, welche Nahrung
bekömmlich ist, indem sie an ihrem Mund lecken, so bald
sie etwas zu sich nimmt. Die erste feste Nahrung nehmen sie etwa
ab der 13. Lebenswoche zu sich, werden aber noch ungefähr
bis zur 20. Woche gesäugt.
Nicht auf Fressfeinde eingerichtet
Vor der Eroberung der karibischen Inselwelt durch
den Menschen waren der Dominikanische und der Kubanische Schlitzrüssler
auf ihren beiden Heimatinseln zweifellos weitverbreitete und
häufige Tiere gewesen. Nachdem aber der Mensch in die Abgeschiedenheit
der Antilleninseln eingedrungen war, da wurden die Schlitzrüssler
- und mit ihnen unzählige weitere Vertreter der einzigartigen
karibischen Tierwelt - immer weiter zurückgedrängt.
Auf breiter Front zerstörte die stetig anwachsende menschliche
Bevölkerung die natürliche Pflanzendecke, um Kultur-
und Siedlungsland zu schaffen, und entzog den Schlitzrüsslern
so die Lebensgrundlage.
Die nächtlichen Insektenesser wurden zudem auch
direkt dezimiert. Eine direkte Bejagung durch den Menschen scheint
zwar kaum stattgefunden zu haben, da die Schlitzrüssler
als ungeniessbar und im allgemeinen auch als unschädlich
galten. Mit den Siedlern kamen jedoch deren Hunde und Katzen,
welche gerne im Umfeld der Dörfer Jagd auf alles machen,
was sich bewegt. Und auch die vom Menschen eingeschleppten Mungos
(Herpestes edwardsi) und Wanderratten (Rattus norwegicus)
dürften den Schlitzrüsslern schwere Schäden zugefügt
haben. Denn auf Fressfeinde waren sie überhaupt nicht vorbereitet:
Das zeigt sich deutlich an ihrer niedrigen Fortpflanzungsrate,
aufgrund derer sie erlittene Bestandseinbussen kaum mehr wettzumachen
vermögen.
Die genaue Grösse der noch existierenden Schlitzrüsslerbestände
ist zwar nicht bekannt. Es ist aber unbestritten, dass sie überaus
selten und stark bedroht sind. Sowohl der Dominikanische als
auch der Kubanische Schlitzrüssler stehen heute auf der
von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) herausgegebenen
«Roten Liste» der vom Aussterben bedrohten Tierarten.
Ausserdem sind sie in Anhang 1 des Washingtoner Abkommens (WA)
aufgeführt, wodurch sie vom Handel zwischen den über
110 Unterzeichnerstaaten dieses internationalen Artenschutzübereinkommens
vollständig ausgeschlossen sind.
Konkrete Anstrengungen zum Schutz der Schlitzrüssler
werden seit geraumer Zeit unternommen. So startete der Welt Natur
Fonds (WWF) bereits 1975 ein erstes Projekt zur Rettung der Schlitzrüssler.
Damals beauftragte er den österreichischen Insektenesser-Spezialisten
Walter Poduschka damit, die Verbreitung und aktuelle Bestandssituation
der Schlitzrüssler auf Kuba und Hispaniola zu erforschen.
Auf Kuba steht die Art heute unter gesetzlichem Schutz.
Ausserdem wurden im gebirgigen Osten der Insel mehrere Naturschutzgebiete
geschaffen, in welchen neben dem Kubanischen Schlitzrüssler
auch der spektakuläre Elfenbeinspecht (Campephilus principalis)
und einige weitere stark bedrohte kubanische Tierarten vorkommen.
Die Chancen für den Fortbestand des Kubanischen Schlitzrüsslers
stehen damit gar nicht allzu schlecht.
Kaum Hoffnung scheint es dagegen für das längerfristige
Überleben des Dominikanischen Schlitzrüsslers in Haiti
zu geben. Haiti, das die westliche Hälfte Hispaniolas einnimmt,
gilt als eines der am schlimmsten verwüsteten Länder
der Karibik, ja womöglich der ganzen Welt. Von der natürlichen
Pflanzendecke sind nur noch ein paar klägliche Fetzen in
unzugänglichen und für die Landwirtschaft uninteressanten
Schluchten übrig. Diese kleinen, nicht miteinander verbundenen
Vegetationsreste dürften leider kaum genügen, um langfristig
überlebensfähige Schlitzrüsslerbestände zu
beherbergen.
In der Dominikanischen Republik, welche die Osthälfte
Hispaniolas einnimmt, sind die Aussichten für den Dominikanischen
Schlitzrüssler etwas günstiger. Die Art steht hier
unter gesetzlichem Schutz, und in jüngerer Zeit wurden -
unter anderem aufgrund der vom WWF gemachten Vorschläge
- mehrere Waldreservate geschaffen. Mit dem Vollzug der Naturschutzgesetze
hapert es allerdings, und das Management der Reservate lässt
ebenfalls noch zu wünschen übrig. Beides müsste
sich möglichst bald ändern, wenn der Dominikanische
Schlitzrüssler, seines Zeichens eines der altertümlichsten
Säugetiere der Welt, eine Zukunft haben soll.
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