Schluchtenguan

Penelopina nigra


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Schluchtenguan (Penelopina nigra), der mitunter auch «Mohrenguan» genannt wird, ist in den Bergwäldern Mittelamerikas zu Hause. Er gehört innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur umfangreichen Ordnung der Hühnervögel (Galliformes) und da zur Familie der Hokkos (Cracidae). Rund fünfzig perlhuhn- bis truthuhngrosse Arten umfasst diese wenig bekannte Vogelsippe. Allesamt leben sie in der Neuen Welt, und sie tragen mehrheitlich recht «abenteuerliche» Namen wie Mitu, Schaku, Aburri, Schakutinga, Tschatschalaka oder eben Guan.

 

Glänzende Männchen, wellengebänderte Weibchen

Der Schluchtenguan ist ein ziemlich kleines Mitglied der Hokkofamilie: Ausgewachsene Individuen wiegen etwa 800 Gramm und weisen eine Länge von gewöhnlich 57 bis 65 Zentimeter auf, wovon 23 bis 29 Zentimeter auf den Schwanz entfallen. Interessanterweise sind die Weibchen mit 60 bis 65 Zentimeter im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen (57 bis 62 Zentimeter), was bei keiner anderen Hokkoart der Fall zu sein scheint.

Der Schluchtenguan gehört ferner zu den wenigen Hokkos, bei denen die Geschlechter sehr verschieden gefärbt sind: Während das Gefieder des Männchens vollständig schwarz ist und oberseits einen metallischen Grün- und Blauglanz aufweist, ist das des Weibchens auf braunschwarzem Grund kastanienbraun wellengebändert. Ausserdem besitzt das Männchen einen orangeroten Kehllappen und einen ebensolchen Schnabel, während dem Weibchen der Kehllappen fehlt und der Schnabel schwarzbraun ist. Intensiv gefärbt sind der Kehllappen und der Schnabel des Männchens allerdings nur während der Fortpflanzungszeit. In der übrigen Zeit des Jahres verblasst die Färbung stark, und der Kehllappen ist dann auch deutlich kleiner.

Einzigartig unter den Hokkos ist im übrigen, dass den jungen Schluchtenguanmännchen nach dem Dunenkleid ein spezielles Jugendgefieder wächst, das sich deutlich vom Erwachsenenkleid unterscheidet: Es ist überwiegend schwarz, hat jedoch erstens keinen metallischen Glanz und ist zweitens kastanienbraun gebändert und gesprenkelt. Die halbwüchsigen Junghähne lassen sich dadurch mühelos von den Althähnen unterscheiden. Demgegenüber sehen die Junghennen äusserlich den Althennen ziemlich ähnlich, nur erweckt ihr Gefieder einen etwas «verwaschenen» Eindruck.

 

In nebelfeuchten Schluchten wohnhaft

Das Verbreitungsgebiet des Schluchtenguans erstreckt sich über die Berggebiete fast der gesamten mittelamerikanischen Landbrücke - von den südmexikanischen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas südwärts durch das südwestliche Guatemala, das nordöstliche El Salvador und das westliche Honduras bis ins nordwestliche Nicaragua. In Nicaragua, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommt die Art hauptsächlich im bergigen Umfeld der Ortschaften Ocotal, San Rafael del Norte, Jinotega und Matagalpa vor.

Innerhalb seines Verbreitungsgebiets hält sich der Schluchtenguan in erster Linie in den dichten, nebelfeuchten Bergwäldern zwischen 1000 und 2600 Metern ü.M. auf, die geprägt sind durch flechtenbehangene Bäume und Baumfarne im «Obergeschoss», durch dichtes Gesträuch im Unterwuchs und durch moosüberwuchertes Fallholz am Boden. Interessanterweise zeigt er hierbei eine deutliche Vorliebe für steile Berghänge und Schluchten - daher sein Name.

In seinem schwer zugänglichen Lebensraum ist der Schluchtenguan tagsüber rege. Wie alle Hokkos ernährt er sich überwiegend von Früchten und Beeren, nimmt aber auch zarte Blätter und Triebspitzen zu sich und pickt hie und da nach Insekten und anderen tierlichen Happen bis zur Grösse einer Maus. Bei der Nahrungssuche hält er sich zumeist in den fünf bis fünfzehn Meter hohen Baumkronen auf. Die langen, kräftigen Hinterzehen erlauben ihm zusammen mit den robusten Vorderzehen ein festes Umfassen von Ästen und Zweigen. Tatsächlich vermag er sich selbst im dünnen Gezweig der peripheren Kronenpartien sicher und gewandt umherzubewegen, und er kann sogar kopfüber an Zweigen hängend zu Beeren und Früchten gelangen. Täglich kommt der Schluchtenguan aber auch - wenigstens für kurze Zeit - auf den Waldboden hinunter, um herabgefallene Früchte zu verspeisen, in der Bodenstreu nach Kleintieren zu scharren, mineralhaltige Erde aufzunehmen, an einer Wasserstelle zu trinken oder ein Staubbad zu nehmen.

Zwar ist der Schluchtenguan bestimmt kein begnadeter Flieger und zumeist zu Fuss unterwegs. Für den Kurzstreckenflug durch das engmaschige Pflanzengewirr des Bergwalds ist er aber bestens ausgerüstet: Die breiten, aussen gerundeten Flügel erlauben ihm ein wendiges Gleiten, und der lange, keilförmige Schwanz bewährt sich als vorzügliches Steuerruder.

 

Pfeifkonzerte und Knatterflüge

Die meiste Zeit des Jahres führt der Schluchtenguan ein heimliches, schweigsames Leben inmitten des Dickichts der mittelamerikanischen Bergwelt. Da er zudem über scharfe Augen verfügt und ein sehr scheuer, umsichtiger Vogel ist, begegnet man ihm höchst selten. Entdeckt der Schluchtenguan nämlich einen Menschen, so «schlüpft» er zumeist lautlos von Ast zu Ast und entfernt sich frühzeitig aus der «Gefahrenzone». Manchmal verharrt er auch regungslos im Schutz dichten Blattwerks und wartet ab, bis der menschliche «Störenfried» vorbeigezogen ist. So oder so bleibt der schlanke Vogel gewöhnlich unbemerkt.

Etwas lauter und auffälliger als sonst verhält sich der Schluchtenguan einzig im Frühling, wenn er den Drang verspürt, sich fortzupflanzen: Dann nämlich errichtet jeder erwachsene Hahn einen Eigenbezirk und äussert in «seinem» Stück Wald - vor allem am frühen Morgen und am späteren Nachmittag - alle paar Minuten einen lauten, klaren, in der Tonhöhe über etwa zwei Oktaven ansteigenden Pfiff, der so klingt, als würde er von einem Menschen stammen. Pfeift ein Hahn, so antworten gewöhnlich sämtliche anderen Revierinhaber in der Nachbarschaft, so dass mitunter ganze Schluchten von einem Pfeifkonzert erfüllt sind. Die Pfiffe dienen einerseits der Abgrenzung des Eigenbezirks gegenüber anderen Männchen und andererseits der Anlockung paarungswilliger Weibchen.

Doch nicht nur akustisch machen die Hähne etwaige Nebenbuhler und mögliche Partnerinnen auf sich aufmerksam, sondern auch optisch mittels augenfälliger Revierflüge. Zu diesem Zweck steigen sie im Astwerk eines hohen, an einer Lichtung stehenden Baums empor, werfen sich von dort in die Luft und gleiten mit ausgebreiteten Flügeln elegant über die Lichtung. In der Mitte des Gleitflugs äussern sie zuerst einen ihrer arttypischen Pfiffe, dann lassen sie plötzlich ihre ausgebreiteten Flügel heftig vibrieren und erzeugen so - aufgrund speziell gebauter Schwungfedern - ein überraschend lautes, knatterndes Geräusch. Haben die Männchen einen «Knatterflug» beendet, so steigen sie am gegenüberliegenden Rand der Lichtung oft gleich wieder in den Wipfel eines Baums und wiederholen die Vorstellung in umgekehrter Richtung.

Die ansässigen Weibchen halten sich zwar derweil ruhig. Im Pflanzenwuchs verborgen begutachten sie jedoch die pfeifenden und knatterfliegenden Revierinhaber aufmerksam und schätzen ab, welcher von ihnen wohl der «männlichste» ist und sich am besten als «Samenspender» für ihre Jungen eignet. Schliesslich trifft jedes Weibchen seine Wahl und schliesst sich einem Männchen an. Sobald die «Kurzehen» für den betreffenden Frühling geschlossen sind, nimmt die Häufigkeit der Knatterflüge schnell ab, und dasselbe gilt für die Pfeifkonzerte. Bis zum nächsten Frühjahr kehrt in den nebelfeuchten Schluchten der mittelamerikanischen Berge wieder Ruhe ein.

 

Zwillinge sind die Regel

Der Schluchtenguan nistet im Unterschied zu den meisten anderen Mitgliedern der Hokkofamilie nicht ausschliesslich im Kronenbereich des Waldes, sondern gelegentlich auch auf dem Waldboden. Allerdings legt auch er die Mehrzahl seiner Nester über dem Erdboden an. So befanden sich von sechzehn Nestern, die anlässlich einer wissenschaftlichen Erhebung im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca gefunden wurden, deren fünfzehn in Höhen von 2,5 bis 12 (durchschnittlich 5) Metern, und nur eines lag am Boden.

Das Nest des Schluchtenguans ist ein einfaches, flach schüsselförmiges Gebilde aus Zweigen und anderen Pflanzenteilen und gleicht in seiner Bauweise einem grossen Taubennest. Gewöhnlich liegt es gut getarnt durch Blätter, Flechten, Aufsitzerpflanzen und Lianen in einer Astgabel, manchmal aber auch in der Wedelkrone eines Baumfarns. Bodennester sind gewöhnlich in die weggescharrte Bodenstreu eingebettet und ebenfalls sehr schwer zu entdecken.

Das Gelege umfasst in der Regel zwei weissliche Eier, welche etwa sieben Zentimeter lang und fünf Zentimeter dick sind. Soweit wir wissen, werden sie vom Weibchen allein erbrütet. Ob das Männchen derweil in der Nachbarschaft Wache hält und das Weibchen bei Gefahr warnt, wie dies bei anderen Hokkoarten vorkommt, ist fraglich. Wohl eher hat sich das Männchen zu diesem Zeitpunkt bereits wieder von seinem Weibchen getrennt, denn von Vaterpflichten will er nachweislich nichts wissen.

Die Brutdauer ist mit ungefähr vier Wochen verhältnismässig lang, und dementsprechend sind die Küken beim Schlüpfen recht weit fortgeschritten. Sie verlassen gewöhnlich das Nest, sobald ihr Dunenkleid trocken ist. Schon nach Stunden können sie mühelos im Gezweig herumklettern und nach wenigen Tagen auch fliegen. Anfänglich hudert das Weibchen die wärmebedürftigen Dunenküken nachts auf dem Schlafast unter seinen Flügeln, und es ernährt sie während der ersten Wochen mit vorgehaltenen Futterbröckchen, nach denen die Jungen eifrig picken. Bei unmittelbarer Gefahr für die Küken zeigt das Weibchen ein geschicktes Ablenkungsmanöver, das man auch von anderen Vogelarten kennt: Es täuscht eine Verletzung vor und versucht so, die Aufmerksamkeit des Feinds auf sich und von den Jungen weg zu lenken, während letztere in Deckung gehen.

Die jungen Schluchtenguans bleiben in freier Wildbahn wahrscheinlich bis zum Beginn der nächsten Fortpflanzungszeit mit ihrer Mutter zusammen und gehen dann eigene Wege. Voll ausgewachsen und geschlechtsreif sind sie allerdings erst gegen Ende ihres zweiten Lebensjahrs. Eine Lebensspanne von zwanzig Jahren und mehr dürfte keine Seltenheit sein.

 

Bergwald weicht Kaffeeplantagen

Wie alle Hühnervogel hat der Schluchtenguan ein zartes, schmackhaftes Fleisch. Zudem bildet er aufgrund seiner Körpergrösse eine leichte und lohnenswerte Jagbeute. Er wird deshalb vom Menschen abgeschossen, wo und wann immer er sich zeigt. Man mag zwar denken, dass sein unwegsamer, nebelfeuchter Lebensraum einen gewissen Schutz vor Nachstellungen bietet. Weite Teile des fruchtbaren mittelamerikanischen Berglands sind jedoch heute urbar gemacht und besiedelt, und zumindest im Umfeld der menschlichen Siedlungen ist der Jagddruck auf sämtliche Wildtiere massiv. Darunter leidet zweifellos auch der Schluchtenguan, denn infolge seiner niedrigen Nachzuchtrate (nur zwei Eier je Gelege) und seiner langsamen Jugendentwicklung (zwei Jahre bis zur Fortpflanzungsfähigkeit) ist er sehr verletzlich: Innerhalb kurzer Zeit können lokale Bestände stark ausgedünnt oder gar ausgelöscht werden. In der Tat scheint die Jagd der Hauptgrund dafür zu sein, dass der Schluchtenguan an mehreren Vulkanen in El Salvador ausgestorben ist.

Noch mehr Schaden als die Jagd scheint dem Schluchtenguan allerdings die grossflächige Abholzung der mittelamerikanischen Bergwälder und damit der erhebliche Verlust von Lebensraum zugefügt zu haben. Besonders aus den unteren Bereichen des von ihm bewohnten Höhengürtels wurde er durch die Äcker und Felder der sich selbst versorgenden Bergbevölkerung sowie durch Kaffeeplantagen und (illegale) Kokapflanzungen vielerorts vollständig verdrängt.

Inzwischen sind die Bestände des Schluchtenguans im ganzen Verbreitungsgebiet stark zurückgegangen. Noch gilt die Art offiziell nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet, und sie ist deshalb nicht in der Roten Liste aufgeführt. Dies dürfte sich aber über kurz oder lang ändern - sofern es nicht bald gelingt, in ganz Mittelamerika einerseits die Jagd und andererseits die weitere Zerstörung der Bergwälder durch griffige gesetzliche Massnahmen drastisch einzuschränken. Dabei ist zu bedenken, dass der Schutz der Bergwälder ja auch im Interesse der menschlichen Bevölkerung steht, denn sie spielen für die ganzjährig ausreichende Wasserversorgung eine entscheidende Rolle: Als natürliche «Regenauffangbecken» speichern sie das kostbare Nass und geben es nur allmählich wieder ab, so dass auch in Trockenzeiten die Bäche und Flüsse nicht austrocknen.

Erfreulicherweise existiert bereits eine Anzahl von Schutzgebieten, in denen der Schluchtenguan eine verhältnismässig sichere Heimat gefunden hat: In Mexiko ist vor allem das 1190 Quadratkilometer grosse El-Triunfo-Biosphärenreservat zu nennen, das vom Welt Natur Fonds (WWF) seit Jahren mit erheblichen Mitteln unterstützt wird, ferner das 605 Quadratkilometer grosse La-Frailescana-Waldreservat. In Guatemala sind mehrere Vulkane, an deren Hängen der Schluchtenguan heimisch ist, zu Nationalparks erklärt worden. Für El Salvador, Honduras und Nicaragua ist zwar nicht sicher nachgewiesen, ob die bestehenden Reservate Bestände des Schluchtenguans beherbergen, doch wird es in mehreren Fällen als wahrscheinlich erachtet. Dies sind zweifellos wichtige Lichtblicke. Dennoch ist es dem Schluchtenguan - wie auch der übrigen vielgestaltigen Fauna und Flora Mittelamerikas - sehr zu wünschen, dass beizeiten weitere Bereiche der noch verbleibenden Wälder als Naturschutzgebiete ausgewiesen und so vor der Vernichtung durch den oftmals kurzsichtigen Menschen bewahrt werden.




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