Schmetterlinge ade?


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen
im «Natürlich», Nr. 8/87)



Hand aufs Herz: Wo und wann haben Sie zum letztenmal einen Bläuling gesehen? Ist Ihnen schon aufgefallen, wie rasch die Schmetterlinge aus unserer Umwelt verschwinden? Tatsächlich sind heute 102 der insgesamt 180 Tagfalterarten der Schweiz vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Im Jahr 2000 werden unsere Kinder wohl die meisten dieser bunten Sommervögel nur noch vom Hörensagen kennen - sofern wir nicht endlich unsere Umwelt schonender behandeln.



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Der Rückgang der Schmetterlinge in der Schweiz ist augenfällig. Immer weniger der bunten Sommerboten sehen wir bei unseren Spaziergängen über die Wiesen gaukeln. Wissenschaftliche Studien bestätigen den stillen Zerfall der Falterbestände: Mehr als die Hälfte der schweizerischen Tagschmetterlingsarten sind heute ausgestorben oder vom Rückgang betroffen und damit über kurz oder lang ebenfalls vom Aussterben bedroht. Eine dramatische Verarmung der einstmals reichen Schmetterlingsfauna hat vor allem das Schweizer Mittelland erlitten. So beträgt zum Beispiel der Tagfalterrückgang in der thurgauischen Gemeinde Weinfelden zwischen 1913 und 1976 67 Prozent. Bei Witzwil im Berner Seeland sind seit dem Zweiten Weltkrieg 40 Prozent der Falterarten verschwunden. Und in einem Untersuchungsgebiet bei Biel hat die Tagfalter-Artenzahl in den letzten 60 Jahren um 57 Prozent abgenommen.

Tatsächlich vermögen sich in den intensiv bewirtschafteten Ackerbaugebieten des Schweizer Mittellands heute höchstens noch zehn Schmetterlingsarten ohne grössere Schwierigkeiten zu halten. Es handelt sich dabei um 1. ein paar sehr anpassungsfähige «Allerweltsarten», deren Raupen sich von vielerlei verschiedenen oder sehr verbreiteten Pflanzen wie etwa der Brennessel ernähren (z. B. Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge); 2. einige Wanderfalter, welche ihre arterhaltenden Entwicklungsräume in den Mittelmeerländern haben und auf der Alpennordseite nur als mehr oder weniger regelmässige Sommergäste auftauchen (z. B. Distelfalter, Admiral); 3. eine Anzahl ausgesprochener Kulturfolger (z. B. Zitronenfalter, Rapsweissling).

Die restlichen Tagfalter sind in den Jura und in die Voralpen abgedrängt oder fristen in kümmerlichen Rückzugsgebieten ein isoliertes Inseldasein.

 

«Spezialisten» leben gefährlich

Das Pech der luftigen Wesen: Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind sie allesamt auf die Nutzung eines ganz bestimmten Lebensraums spezialisiert. Auf oft verblüffende Weise haben sie sich in Gestalt und Verhalten an ihn angepasst. Dies kann aber - in Naturschutzkreisen eine Binsenweisheit - sehr rasch verhängnisvoll sein: Schon geringfügige Veränderungen der Umwelt genügen nämlich, dass solche «Spezialisten» aus ihrer angestammten Heimat verschwinden. Nun waren aber die Umweltveränderungen in diesem Jahrhundert - und besonders in den letzten dreissig Jahren - alles andere als minimal! Kein Wunder also, wenn der Niedergang der Schmetterlinge derart rasant vor sich geht.

Krasse Umweltveränderungen ergeben sich aus der direkten Zerstörung von Schmetterlingswohnräumen. Kräuterreiche Heumatten, Riedwiesen, Moore, Flussauen, natürliche Bachläufe, ungenutzte Wegborde, abwechslungsreiche Waldränder, Hecken und Feldgehölze - alle diese Landschaftselemente (und Schmetterlingsbiotope) verschwanden und verschwinden noch immer in erschreckendem Tempo. Sie weichen einer Zivilisations Einöde, die sich aus Wohnsiedlungen, Industrieanlagen und Verkehrswegen einerseits sowie maschinengerechten landwirtschaftlichen Produktionsflächen und Wirtschaftswäldern andererseits zusammensetzt. Diese bedenkliche Entwicklung ist besonders ausgeprägt im Schweizer Mittelland, greift aber immer stärker auch auf den Jura, die Voralpen und selbst auf die Alpen über.

Weniger offensichtlich, aber darum nicht minder umweltverändernd wirken sich heute die unüberblickbaren Mengen chemischer Stoffe aus, die der Mensch in die Umwelt abgibt. Dazu zählen in erster Linie die Pestizide, die in der Intensivlandwirtschaft eingesetzt werden. Immer mehr scheinen aber heute auch die - oft grossräumig verfrachteten - Abgase aus Kehrichtverbrennungsanlagen, Industriebetrieben und Motorfahrzeugen zum traurigen Schicksal der Schmetterlinge beizutragen. Darauf lässt nicht zuletzt der Rückgang alpenbewohnender Schmetterlinge schliessen, der ohne erkennbare Lebensraumveränderungen erfolgt.

Gegenüber den genannten Umweltveränderungen spielt die direkte Verfolgung der Schmetterlinge durch Sammler eine untergeordnete Rolle. Sie kann aber vor allem für seltene und daher begehrte Arten eine zusätzliche Belastung darstellen. In Deutschland wurde so zum Beispiel nachweislich die letzte Population des Schwarzen Apollos in der Rhön ausgelöscht.

 

Moderne Landwirtschaft,...

Als Verursacher Nummer 1 des rapiden Schwunds der Tagfalterbestände in der Schweiz gilt die moderne Landwirtschaft: 100 Schmetterlingsarten - das sind 55 Prozent der Schweizer Falterwelt - werden durch sie auf die eine oder andere Art negativ beeinflusst. Die Zusammenhänge sind rasch erläutert: Obwohl sich die landwirtschaftliche Nutzfläche durch Überbauungen aller Art stark vermindert hat, stiegen in der Schweiz die bäuerlichen Ernteerträge seit der Jahrhundertwende um das Dreifache. Diese gewaltige Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität beruht zum einen auf der weitgehenden Mechanisierung der verschiedenen Arbeitsgänge. Zu diesem Zweck werden maschinengerechte Produktionsflächen geformt und dabei ökologisch unersetzliche Landschaftselemente wie Hecken, Feuchtgebiete und natürliche Bachläufe zuhauf liquidiert. Zum anderen gründet die enorme Ertragssteigerung auf dem Grosseinsatz landwirtschaftlicher Hilfsstoffe: So werden mit Unmengen von Hof- und Mineraldüngern etwa magere Blumenwiesen in produktive, aber biologisch eintönige Fettwiesen umgewandelt. Und mit grosszügigen Pestizidbehandlungen wird versucht, die Kulturpflanzen vor Unkräutern und Ungeziefer zu schützen - ungeachtet der Tatsache, dass die Breitbandwirkung dieser Chemikalien oft sowohl Freund wie Feind vernichtet.

Keine Frage: Dem katastrophalen Rückgang der Pflanzen- und Tierwelt in den landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen unseres Landes muss dringend ein Riegel geschoben werden. Die folgenden Schritte sind hierfür notwendig: 1. Rückkehr zu einer umweltschonenderen Nahrungsproduktion durch eine deutliche Kurskorrektur der heutigen Agrarpolitik; 2. Erhalten sämtlicher nochverbliebenen naturnahen Landschaftselemente durch den konsequenten Vollzug der Raumplanungs- sowie der Natur- und Heimatschutzgesetze; 3. Schaffen eines sogenannten «Biotopverbundsystems», durch welches die noch vorhandenen ökologisch wertvollen Landschaftselemente untereinander und mit grösseren Schutzgebieten netzartig verknüpft werden.

 

...moderne Forstwirtschaft...

Als bedeutender Verursacher Nummer 2 des Schmetterlingsrückgangs in der Schweiz gilt die moderne Forstwirtschaft: 90 Arten - das sind 50 Prozent der schweizerischen Schmetterlingsfauna - werden durch die vielfältigen Forstintensivierungs-Massnahmen der neueren Zeit in mehr oder minder grossem Mass geschädigt. Auch hier sind die Zusammenhänge offenkundig: Wälder sind schattige und verhältnismässig blütenarme Lebensräume. Die meisten waldbewohnenden Schmetterlingsarten sind daher an Stellen mit geringem Deckungsgrad und entsprechend guter Besonnung des Waldbodens gebunden; hier bietet eine reiche Kraut- und Strauchschicht den Raupen wie den Faltern ausreichend Nahrung. Die eigentlichen Lebensnischen der Schmetterlinge sind somit die Waldlichtungen, die Waldwege und die Waldränder. Gerade diese Elemente sind aber im Lauf der letzten Jahrzehnte auf breiter Front der intensivierten, oftmals nach rein ökonomischen Gesichtspunkten betriebenen Waldnutzung zum Opfer gefallen.

Es ist unabdingbar, dass der Waldbau zukünftig wieder vermehrt naturnah, das heisst in Tieflagen mit standortgerechten, sich natürlich verjüngenden Laubmischwäldern betrieben wird. Besonderes Schwergewicht muss dabei auf das Erhalten und Neuschaffen gestufter und gelappt verlaufender Waldränder gelegt werden. Mindestens zwanzig Meter breite Säume mit gegen das Waldinnere langsam höher werdenden Sträuchern und niedrigwüchsigen Bäumen sind ideal.

 

...und Überbauungen aller Art

Überbauungen, Wohnhäuser, Industrieanlagen, Strassen usw. stehen auf Rang 3 in der Liste der Verursacher des Schmetterlingssterbens: 70 Arten - also 40 Prozent der Schweizer Schmetterlingswelt - werden dadurch negativ beeinflusst. Besonders ausgeprägt sind diese Schädigungen selbstverständlich in unseren Siedlungsräumen. Hier wird die durch Beton und Asphalt verursachte Verminderung der Falterlebensräume noch zusätzlich verschärft durch das Anpflanzen fremdländischer Ziergehölze und das Anlegen steriler Rasenflächen. Gärten mit solchen Pflanzensortimenten bilden für die einheimischen Schmetterlinge tote Zonen, denn sie bieten weder Raupen noch Faltern eine Nahrungsgrundlage. Erschwerend kommt ferner hinzu, dass der durchschnittliche Hobbygärtner mit Schädlingsbekämpfungsmitteln nicht gerade zimperlich umgeht: Nirgends sonst wird auf gleicher Fläche soviel Gift gespritzt wie in unseren Gärten.

Das muss sich ändern! Privat gärten, Parkanlagen, Grünflächen auf Industriearealen, Strassenböschungen und Bahndämme müssen vermehrt
naturnah bepflanzt werden. Auf Pestizide gilt es zu verzichten. So lassen sich ökologische Ausgleichsflächen von nicht zu unterschätzendem Wert schaffen ­ Ersatz für verlorene Hecken, Blumenwiesen und Staudenfluren. Fachleute sind der Ansicht, dass bereits verhältnismässig kleine, aber dicht vernetzte Naturgärten in wenigen Jahren eine ganze Reihe offenlandbewohnender Schmetterlinge - so zum Beispiel Ochsenauge, Aurorafalter und Hauhechelbläuling - in unsere Siedlungen zurück bringen könnten.

 

Schritt für Schritt

Soviel ist klar: Schuld am stillen Sterben der Schmetterlinge in unserem Land sind wir - mit unserem sorg- und hemmungslosen Wohlstandsverhalten. Schmetterlingsschutz verlangt darum von uns ein generelles Umdenken, und zwar in allen Bereichen unseres täglichen, die Umwelt betreffenden Tuns. Das fällt nicht leicht, gewiss. Doch ist dies noch lange kein Grund dafür, «schicksalsergeben» weiterzumachen wie bisher. Schliesslich geht es nicht allein um die bunten Falter; sie zeigen uns ja auch den Zustand unserer Umwelt und damit unserer eigenen Lebensgrundlagen an!

Hier sind ein paar einfache, aber um so wichtigere erste Schritte in der richtigen Richtung - für jeden von uns: 1. Keine Schmetterlinge fangen. Beim Fotografieren darauf achten, dass weder die Tiere gestört werden noch ihr Lebensraum beeinträchtigt wird. 2. Im Garten auf makellose Ordnung bis in den hintersten Winkel, auf Düngemittel und auf Pestizide verzichten. Zumindest ein Teil des Gartens soll verwildern und so zum Reich der einheimischen Tiere und Pflanzen werden dürfen. 3. Als Wohnungsmieter ohne eigenen Garten den Hausbesitzer darauf aufmerksam machen, wieviel lebendiger, farbenfroher und ökologisch sinnvoller eine naturnah bepflanzte Anlage ist gegenüber sterilem Rasen mit exotischen Ziergehölzen. 4. Sich für die Erhaltung der letzten noch verbliebenen Hecken, Feuchtgebiete und Magerrasen in der eigenen Gemeinde einsetzen. 5. Möglichst wenig Abfall und Abgase produzieren und dadurch Luft und Boden nicht unnötig mit Schadstoffen belasten. 6. Naturschonend (und gesund!) produzierte Nahrungsmittel kaufen, auch wenn diese etwas teurer sind. So kann die Landwirtschaft vom Zwang zu weiterer Rationalisierung befreit werden.




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