Der Schwalbenschwanz (Papilio machaon)

oder

Die zwei Leben der Schmetterlinge


© 1987 Markus Kappeler



Kriechtier-, Vogel- und Säugerjunge gleichen ihren Eltern im allgemeinen sehr. Bei den Schmetterlingen ist das nicht der Fall: Sie beginnen ihr Leben als erdgebundene, blätterfressende Raupe und machen dann später eine wundersame Verwandlung zum federleichten, nektarsaugenden Falter durch.



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«Metamorphose» nennt der Fachmann den einzigartigen Gestaltwandel, der sich im Verlauf des Schmetterlingslebens abspielt und der sicherlich zu den faszinierendsten biologischen Vorgängen zählt. Dieses «Wunder der Natur» soll hier am Beispiel des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon), einem der auffälligsten und schönsten Schmetterlinge Mitteleuropas, näher betrachtet werden. So, oder doch recht ähnlich, spielt sich der Lebenszyklus der meisten einheimischen Tagfalter ab.

Wie alle Insekten beginnt der Schwalbenschwanz sein Leben als Ei. Sorgfältig war dieses vom begatteten Schmetterlingsweibchen an eine der arttypischen Raupenfutterpflanzen geklebt worden. Solche sind die verschiedenen Doldengewächse, zu denen auch Gartenpflanzen wie Karotte («Rüebli»), Fenchel und Petersilie gehören. Das Schmetterlingsei, dessen Durchmesser weniger als 1 Millimeter beträgt, enthält einen Dottervorrat, der für die gesamte Entwicklung der Jungraupe im Ei ausreicht.

Nach 8-10 Tagen durchnagt die kleine Raupe die Eihülle und befreit sich. Schon bald beginnt sie von ihrer Wirtspflanze zu fressen und legt dabei eine verblüffende Fresslust an den Tag. Innerhalb zweier Wochen vermag sie ihr «Geburtsgewicht» zu vertausendfachen! Tatsächlich besteht der Lebensinhalt der Raupe in erster Linie aus Fressen, Fressen und nochmals Fressen. Der rasch heranwachsenden Raupe wird die nur begrenzt dehnbare Chitinhaut bald zu eng: Sie wird kurzerhand abgestreift. Dieser Häutungsvorgang wiederholt sich viermal im Leben der Schwalbenschwanzraupe, wobei das Tier jeweils auch seine Färbung ändert. Nach einem Monat unermüdlichen Fressens ist die Raupe etwa 4-5 Zentimeter lang. Nun ist die Zeit für die Verpuppung gekommen.

Zur Verpuppung sucht sich die Raupe eine geeignete Stelle an einem Stengel ihrer Nahrungspflanze aus. Dort befestigt sie ihr letztes Beinpaar auf einem Polster aus selbstgesponnenen Fäden. Um den Leib schlingt sie einen kräftigen Seidenfaden und gurtet sich damit in aufrechter Haltung an den Stengel. Eine Veränderung im Hormonhaushalt sorgt nun für den Aufbau der Puppenhülle unter der Raupenhaut. Diese platzt schliesslich auf und wird mit heftigen Bewegungen abgestreift: Die sogenannte Puppenruhe beginnt. Ruhig erscheint die Puppe allerdings nur nach aussen. Unter der starren Puppenhülle erfolgt jetzt nämlich im Lauf von etwa zwei Wochen die umwälzende Verwandlung der Raupe zum Falter.

Eines schönen Tages, nach Ablauf der Verwandlung, platzt die Puppenhülle an vorgebildeten Nahtstellen auf, und heraus zwängt sich der prächtige Falter. An erhöhter Stelle ruhend presst er Luft und Blutflüssigkeit in die Adern seiner noch weichen, stark zerknitterten Flügel. Dadurch werden sie zu ihrer vollen Grösse gestreckt. Nach 10 bis 20 Minuten sind die Flügel geglättet und binnen weniger Stunden erhärtet. Jetzt kann der Falter seinen ersten Flug unternehmen. Im Gegensatz zur Raupe besitzt der Falter keine beissenden Mundwerkzeuge und ernährt sich nicht kriechend von Blattgewebe, sondern er fliegt in der warmen Sommerluft von Blüte zu Blüte und trinkt mit seinem Saugrüssel süssen Blütensaft (Nektar).

Die Lebenserwartung des flugfähigen Falters (Imago) ist recht kurz: Er stirbt im allgemeinen schon nach wenigen Wochen. In dieser knappen Zeit muss seine wesentliche biologische Aufgabe erfüllen: die Sicherstellung der Nachkommenschaft. Zur Paarung treffen sich Männchen und Weibchen nach wirbelnden Balzflügen auf einer Blume und verhaken ihre Geschlechtsorgane am Körperhinterende ineinander. So übergibt das Männchen sein Samenpaket dem Weibchen. Schon wenig später beginnt das Weibchen mit der Suche nach geeigneten Raupenfutterpflanzen und legt auf diesen seine Eier ab. Damit ist der Lebenskreislauf geschlossen.

(Der beschriebene Lebenszyklus spielt sich in Mitteleuropa jährlich zweimal ab. Die erste Schwalbenschwanz-Generation fliegt von April bis Juni, die zweite von Juli bis August. Deren Nachkommen überwintern dann als Puppen und bilden im Frühjahr wieder die erste Faltergeneration.)




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