Vom Fressen und Gefressenwerden


© 1987 Markus Kappeler



Tagschmetterlinge ernähren sich zur Hauptsache von pflanzlicher Kost. Sie sind ihrerseits - besonders im Raupenstadium - wieder Leckerbissen für eine ganze Schar von Feinden. So bilden sie wichtige Glieder verschiedenster Nahrungsketten.


* * * * *


Tagschmetterlinge sind - als Raupen und als Falter - mit wenigen Ausnahmen strenge Vegetarier. Die Raupen fressen im allgemeinen Blätter, Blüten und Früchte von Blütenpflanzen. Dabei sind manche Raupenarten keineswegs heikle Kostgänger: Sie akzeptieren eine grosse Vielfalt verschiedener Pflanzenarten. Man nennt solche Raupen, zu denen zum Beispiel die des Grossen Kohlweisslings gehört, «polyphag». Andere hingegen sind auf eine ganz bestimmte Pflanzenart angewiesen und verhungern eher, als dass sie sich von einer anderen Art ernähren würden («monophag»). So verzehrt zum Beispiel die Raupe des Hochmoorgelblings nur gerade Blätter der Moorbeere. Wieder andere - zu denen etwa die Schwalbenschwanz-Raupe zählt - fressen nur untereinander eng verwandte Pflanzenarten («oligophag»).

Die erwachsenen Falter nehmen flüssige Nahrung zu sich. In der Regel saugen sie Nektar aus Blütenkelchen. Auch hier scheinen die einzelnen Falterarten Vorlieben für bestimmte Blütenarten zu haben; man weiss aber darüber noch sehr wenig. Ein paar Falterarten nehmen auch gerne die ausfliessenden Säfte verletzter Bäume und gärender Früchte zu sich. Und sogar übelriechende Stoffe wie Kot und Aas finden ihre Liebhaber!

Die Schmetterlinge ihrerseits dienen einem ganzen Heer von Feinden als Nahrung. Es gibt kein Stadium in ihrer Entwicklung, welches nicht mehr oder weniger spezialisierten Fressfeinden, Parasiten und Krankheitserregern zum Opfer fällt. Zu den schlimmsten Feinden der Schmetterlinge gehören die Vögel. Meisen und Würger beispielsweise sind eifrige Schmetterlingsjäger, vor denen auch das winzigste Ei, die bestgetarnte Raupe und der «flatterhafteste» Falter nicht sicher sind. Als weitere Hauptfeinde der Schmetterlinge sind die Schlupfwespen und die Raupenfliegen zu nennen. Ihre Larven leben als Schmarotzer in Raupen und töten diese schliesslich ab. Daneben machen aber auch Spitzmäuse und Eidechsen, Frösche und Kröten, Spinnen und Ameisen, Käfer und Wanzen in grosser Zahl unentwegt Jagd auf Schmetterlingseier, Raupen und Falter. Und zu allem Überfluss benützen auch noch allerlei Pilze, Viren und Bakterien die Tiere als Basis für ihre Entwicklung.

Eigentlich erstaunlich, dass angesichts dieses Heeres von Feinden die Schmetterlinge überhaupt fortzubestehen vermögen. Dass dem so ist, dafür sorgen vielfältige Strategien, welche die Schmetterlinge im Laufe ihrer Stammesgeschichte als Antwort auf den steten Druck feindlicher Einflüsse entwickelt haben.

Da sind zum einen die enormen Fortpflanzungsraten der Schmetterlinge zu nennen. Die Weibchen der meisten Tagfalterarten legen nach der Begattung mehrere hundert Eier. Ginge aus jedem Ei eine Raupe und aus jeder Raupe ein Falter hervor, so würde die Erde schon nach wenigen Schmetterlingsgenerationen von gigantischen Falterschwärmen heimgesucht, und sämtliche Vegetation wäre innerhalb kurzer Zeit von Massen gefrässiger Raupen kahl gefressen.

Zum anderen verfolgen die Schmetterlinge mancherlei Feindvermeidungs-Strategien: Die Eier und Puppen sind durch ihre Färbung und Gestalt dermassen gut ihrer Umgebung angepasst, dass sie vom ungeübten Auge überhaupt nicht wahrgenommen werden. Auch bei den Raupen besteht die einfachste Methode zur Feindvermeidung darin, sich nicht blicken zu lassen. So verstecken sich viele Raupen tagsüber und kommen nur nachts zum Fressen hervor. Die meisten Raupen sind ferner durch ihre Färbung und Zeichnung in ihrer Umgebung bestens getarnt: Sie weisen dasselbe Grün auf wie die Blätter, von denen sie sich ernähren, oder sie sind braun gesprenkelt wie die Rinde, auf der sie sich aufhalten. Einige Arten besitzen auch ganz besondere Schutzeinrichtungen: Die Raupe des Schwalbenschwanzes zum Beispiel stülpt bei Gefahr eine rote Nackengabel aus, die einen widerlichen Duft verbreitet. Eine grosse Vielfalt von Feindvermeidungs-Methoden finden sich auch bei den ausgewachsenen Faltern. Sie schützen sich eben falls mit allerlei Tarn-, Warn und Schrecktrachten. Und auch bei ihnen gibt es mancherlei Spezialerfindungen. So besitzen etwa die Zipfelfalter an ihren Hinterflügeln auffällige kleine Punkte und Schwänzchen, welche an Fühler und Augen erinnern. Allfällige Angreifer vermuten den Kopf am falschen Ende und sind überrascht, wenn der Falter scheinbar rückwärts davonfliegt.

So kommt es, dass sich unter natürlichen Verhältnissen Nachkommenschaft und Verluste zahlenmässig die Waage halten: Von jeder Schmetterlingsart kommen so viele Tiere mit dem Leben davon, wie für die Erha tung der Art notwendig sind. Gerade durch dieses Fressen und Gefressenwerden aber erfüllen die Schmetterlinge ihre wichtige Aufgabe im Haushalt der Natur: Sie bilden wesentliche Glieder zahlreicher Nahrungsketten. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge werden jährlich weltweit mehrere Milliarden Tonnen pflanzlicher Biomasse von Schmetterlingsraupen verzehrt und auf diese Weise ins globale Nahrungsnetz eingebracht! Darüberhinaus ge hören die Schmetterlinge neben den Bienen zu den wichtigsten Blütenbestäubern.




ZurHauptseite