Cuberaschnapper - Lutjanus cyanopterus

Hundsschnapper - Lutjanus jocu

Schwarzflossenschnapper - Lutjanus buccanella

Mahagonischnapper - Lutjanus mahogoni


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Von den fünf Hauptgruppen der Wirbeltiere - den Säugern, den Vögeln, den Kriechtieren, den Lurchen und den Fischen - ist letztere mit rund 23 000 wissenschaftlich erfassten Arten die bei weitem formenreichste. Ungefähr zwei Drittel aller Fischarten sind Meeresbewohner. Deren Vielfalt ist in den tropischen und subtropischen Gewässern beträchtlich grösser als in den gemässigten und polaren, und sie ist in den lichtdurchfluteten, küstennahen Meeresbereichen erheblich grösser als in der schattigen Tiefsee. Aus all dem wird verständlich, weshalb die küstennahen Regionen der tropischen Meere zu den biologisch reichsten Gebieten unseres Planeten gehören. Dies trifft nicht zuletzt für «Westindien», die Inselwelt Mittelamerikas, zu.

 

Korallengärten von überwältigender Schönheit

Westindien gliedert sich erstens in die Grossen Antillen, welche das Karibische Meer nach Norden hin gegen den Atlantischen Ozean abgrenzen, zweitens die Kleinen Antillen, welche die östliche Grenze zwischen Karibik und Atlantik bilden, und drittens die Bahamas, die sich auf einem untermeerischen Festlandsockel zwischen der nordamerikanischen Halbinsel Florida und der Antilleninsel Hispaniola hinziehen.

Politisch bilden die Bahamas keine Einheit: Der südlichste Bereich des langgezogenen Archipels ist nicht Teil des unabhängigen «Commonwealth of the Bahamas», sondern bildet eine britische Kronkolonie mit dem Namen «Turks- und Caicos-Inseln». Das kleine Territorium besteht aus acht flachen Inseln, etwa vierzig Sandbänken («Cays») und zahllosen Felsklippen, welche über ein Meeresgebiet von rund 15 000 Quadratkilometern verstreut liegen, jedoch eine Landfläche von insgesamt nur 430 Quadratkilometern aufweisen.

Der Untergrund der Turks- und Caicos-Inseln besteht aus porösem Kalk- und Kalksandstein, in welchem Niederschlagswasser rasch versickert. Süsswasser ist darum - bei ohnehin geringen jährlichen Niederschlägen von nur 500 bis 800 Millimetern - an der Oberfläche rar und die Pflanzendecke entsprechend schütter.

Landsäugetiere haben - von den Haus- und Nutztieren des Menschen abgesehen - keine den weiten Weg vom Festland auf die abgeschiedenen Eilande gefunden. Als einzige grössere Wirbeltiere sind ein Wirtelschwanzleguan, eine Schlankboa, ein paar Fledermäuse und drei Dutzend Vögel auf den Turks- und Caicos-Inseln heimisch. Äusserst bunt und vielfältig zeigt sich demgegenüber das Leben in den tropisch-warmen Küstengewässern der Turks- und Caicos-Inseln: Korallengärten von überwältigender Schönheit säumen die untermeerischen Schultern der Inseln und bieten einer verwirrenden Zahl farbenprächtiger Meerestiere Nahrungsgrundlage und Zufluchtsort.

Anzumerken ist, dass die Turks-Inseln zwar demselben untermeerischen Kalksteinsockel aufliegen wie die Caicos-Inseln, dass die beiden Inselgruppen jedoch durch eine 35 Kilometer breite Wasserstrasse, die «Turks Islands Passage», voneinander getrennt sind, welche jäh mehr als 2200 Meter in die Tiefe abfällt. Während das Meer zwischen den Inseln der Turks- bzw. der Caicos-Gruppe auf Tausenden von Quadratkilometern nur wenige Meter tief ist, sandige Böden aufweist und weite Seegraswiesen, Mangrovenwälder und Korallengärten gedeihen lässt, finden sich im Bereich der Turks Islands Passage sowie entlang der windexponierten nördlichen und östlichen Küsten der Inseln bizarre Felslandschaften, welche stark umströmte Saumriffe tragen. Die Unterwasserlebensräume im Bereich der Turks- und Caicos-Inseln sind somit besonders abwechslungsreich, und entsprechend vielgestaltig ist die Meeresfauna, welche das grosse Angebot an ökologischen Nischen nutzt.

Eine Fischfamilie, welche weltweit über 300 Arten umfasst und in praktisch allen küstennahen Lebensräumen der warmen Meere - so auch des Karibischen Meers - mit einer oder mehreren Arten vertreten ist, sind die Schnapper (Lutjanidae) aus der Ordnung der Barschartigen Fische (Perciformes). Auch die Turks- und Caicos-Inseln beheimaten eine ganze Reihe von Schnapperarten, darunter der Cuberaschnapper (Lutjanus cyanopterus), der Hundsschnapper (Lutjanus jocu), der Schwarzflossenschnapper (Lutjanus buccanella) und der Mahagonischnapper (Lutjanus mahogoni). Von ihnen soll hier berichtet werden.

 

Der Cuberaschnapper

Mit einer Länge von bis zu 160 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 60 Kilogramm ist der Cuberaschnapper der grösste Schnapper des Atlantiks. Individuen, welche die genannte Grösse erreichen, sind zwar Ausnahmefälle, doch werden solche von einem Meter Länge und zwanzig Kilogramm Gewicht keineswegs selten angetroffen.

Im westlichen Atlantik hat der Cuberaschnapper ein recht ausgedehntes Verbreitungsgebiet: Es umfasst sämtliche westindischen Inseln sowie die Küsten des Golfs von Mexiko und die Ostküste Mittelamerikas. Im Norden reicht es entlang der nordamerikanischen Ostküste weit über Florida hinaus. Und im Süden erstreckt es sich entlang der südamerikanischen Küste bis zur Gegend von Recife in Brasilien.

Als erwachsenes Tier führt der Cuberaschnapper ein einzelgängerisches Leben und scheint nirgendwo häufig zu sein. Er hält sich im allgemeinen im Bereich von Felsvorsprüngen oder im Umfeld von Korallenriffen über felsigem Boden auf, und zwar zumeist in Tiefen zwischen zwanzig und vierzig Metern. Hier betätigt er sich wie alle Schnapper als tüchtiger Räuber und überfällt vor allem mittelgrosse Fische sowie grössere Krebstiere wie Hummer und Krabben. Mit seinen kräftigen Kiefern und scharfkantigen Zähnen vermag er deren Hautpanzer mühelos aufzubrechen.

Soweit wir wissen, findet die Fortpflanzung der Cuberaschnapper hauptsächlich im Spätsommer statt. Wie bei den meisten anderen Knochenfischen wird keine elterliche Brutfürsorge betrieben. Stattdessen gibt das Cuberaschnapper-Weibchen jeweils eine enorm grosse Menge von Eiern ins freie Wasser ab, welche zeitgleich vom Männchen besamt werden und sich in der Folge mit den Meeresströmungen über oftmals weite Distanzen ausbreiten. Zwar fällt der Grossteil der schutzlos treibenden Eier bzw. der daraus schlüpfenden Jungfische irgendwann anderen Meeresbewohnern zum Opfer. Dank der riesigen Eizahl ist aber stets gewährleistet, dass wenigstens ein paar von ihnen bis zur Geschlechtsreife überleben und dann ihrerseits zur Arterhaltung beitragen können.

Wie bei den meisten Schnapperarten bewohnen die jungen Cuberaschnapper andere Lebensräume als ihre Eltern: Sie halten sich meistens in unmittelbarer Küstennähe in seichten, von Seegräsern oder Mangroven bewachsenen Gebieten auf. Hier finden sie nicht nur ein reichhaltiges Angebot an kleinwüchsigen Beutetieren. Sie sind auch ihrerseits recht gut geschützt vor den Übergriffen grösserer Raubfische, die sich nicht in untiefes Wasser vorwagen. Zu letzteren darf man durchaus auch die erwachsenen Cuberaschnapper zählen, denn diese erweisen sich beim Beutefang als wenig wählerisch und würden bedenkenlos auch kleinere Vertreter ihrer eigenen Art überfallen, sofern sich ihnen die Gelegenheit dazu böte. Durch die Trennung der Lebensräume der jungen und der erwachsenen Cuberaschnapper wird also der Kannibalismus wirkungsvoll auf ein Minimum beschränkt.

Über die Lebensdauer der Cuberaschnapper gibt es keine Informationen. Sie dürften aber wie die meisten grösseren Fische ein Alter von vielen Jahren erreichen können.

 

Der Hundsschnapper

Der Hundsschnapper ist zwar deutlich kleiner als der Cuberaschnapper, doch gehört auch er zu den grossen Mitgliedern der Schnapperfamilie: Erwachsene Individuen können bis 80 Zentimeter lang und über 12 Kilogramm schwer werden. In seinem «Raubfischgebiss» trägt der Hundsschnapper besonders grosse, spitze Eckzähne. Der Tatsache, dass letztere selbst bei geschlossenem Maul sichtbar sind, verdankt er seinen Namen.

Der Hundsschnapper ist hauptsächlich im Bereich der karibischen Inselwelt weit verbreitet, doch kann man die Art auch entlang der nordamerikanischen Küste (nordwärts bis über Florida hinaus) und entlang der südamerikanischen Küste (südwärts bis über die Amazonasmündung hinaus) antreffen.

Wie der Cuberaschnapper führt der Hundsschnapper als erwachsenes Tier im allgemeinen ein einzelgängerisches Leben, und wie jener scheint er nirgendwo häufig vorzukommen. Er hält sich vorzugsweise im Umfeld von Saumriffen auf, und zwar meistens in deren küstenferneren, tiefergelegenen Bereichen, in Tiefen zwischen zehn und dreissig Metern. Dort verbirgt er sich tagsüber in einem Unterschlupf zwischen Felsen und geht nachts auf Beutefang, wobei ihm ein breites Spektrum von Fisch-, Krebstier- und Weichtierarten zum Opfer fällt.

 

Der Schwarzflossenschnapper

Mit einer Länge von gewöhnlich unter 50 Zentimetern ist der Schwarzflossenschnapper ein mittelgrosses Mitglied seiner Familie. Seinen nicht ganz zutreffenden Namen trägt er nach einem auffälligen schwarzen Fleck an der Basis seiner ansonsten transparenten Brustflosse.

Das Verbreitungsgebiets des Schwarzflossenschnapper fällt schwergewichtig mit dem karibischen Raum zusammen. Im Norden erstreckt es sich zusätzlich der nordamerikanischen Küste entlang bis über Florida hinaus, im Süden reicht es der südamerikanischen Küste entlang aber nur bis zur Gegend von Trinidad. Allerdings kommt der Schwarzflossenschnapper auch südlich der Amazonasmündung in den Küstengewässern Brasiliens vor, doch scheint es sich dabei um eine separate Population zu handeln.

Der Schwarzflossenschnapper ist einer der häufigsten Schnapper der Karibik. Als erwachsenes Tier lebt er im Gegensatz zum Cubera- und zum Hundsschnapper in mitunter kopfstarken Schwärmen. Diese halten sich gewöhnlich in Tiefen zwischen 80 und 150 Metern auf, und zwar in Gebieten mit sandigem Boden ebenso wie in solchen mit felsigem Untergrund. Dort scheinen sie vor allem Jagd auf andere Fische zu machen.

 

Der Mahagonischnapper

Von den vier vorgestellten Schnapperarten ist der Mahagonischnapper der kleinste: Erwachsene Individuen erreichen eine Länge von gewöhnlich etwa 40 Zentimetern. Seine Rückenflosse weist ebenso wie seine Schwanzflosse einen mehr oder weniger ausgeprägten mahagonifarbenen Saum auf, daher sein Name.

Das Verbreitungsgebiet des Mahagonischnappers erstreckt sich ähnlich wie das des Schwarzflossenschnappers von der nordamerikanischen Küste bei Florida im Norden bis zur südamerikanischen Küste bei Venezuela im Süden über die gesamte westindische Region. Besonders häufig scheint die Art aber rund um die Inseln des Bahama-Archipels vorzukommen.

Der Mahagonischnapper hält sich in der Regel in recht seichtem, nur fünf bis zwanzig Meter tiefem Wasser auf, und zwar häufig im Umfeld von Korallenriffen auf felsigem Untergrund, während er Gebiete mit sandigem Boden meidet. Wie der Schwarzflossenschnapper lebt er als erwachsener Fisch in Schwärmen, die oft mehrere Dutzend Individuen umfassen. Auf die Jagd geht er im allgemeinen nachts und stellt dann meistens kleineren Fischen nach.

 

Tourismus bringt Beeinträchtigungen

Wie praktisch alle Meeresfische gelten die vier vorgestellten Schnapperarten nicht als unmittelbar von der Ausrottung bedroht. Das hat unter anderem mit ihrer weiten Verbreitung, ihrer grossen Fortpflanzungsrate und ihrer bemerkenswerten Fähigkeit zur Ausbreitung während der Ei- und Schlüpflingsphase zu tun. Unbestritten ist jedoch, dass die enorme Nachfrage nach diesen schmackhaften Speisefischen in der stark vom Tourismus geprägten Karibik zu einer spürbaren Ausdünnung der Bestände geführt hat.

Einzelgängerische, grossgewachsene Arten wie der Cuberaschnapper und der Hundsschnapper sind eine begehrte Beute von Anglern und mit Harpunen ausgerüsteten Tauchern. Im Bereich ungeschützter Riffabschnitte dürften ihre schon von Natur aus wenig dichten Bestände heute beträchtlich vermindert sein. Schwarmbildende, kleinergewachsene Arten wie der Schwarzflossenschnapper und der Mahagonischnapper sind ihrerseits ein lohnender Fang für Berufsfischer, weshalb ihnen mittels Netzen, Langleinen und Fallen massiv nachgestellt wird. Die jährlichen Fangzahlen zeigen, dass auch die Bestände dieser einstmals ziemlich häufigen Schnapper rückläufig sind.

Zum Rückgang der Schnapper in der Karibik haben aber nicht nur die direkten Nachstellungen seitens des Menschen beigetragen, sondern auch dessen vielfältige bauliche Aktivitäten im Küstenbereich. Auf den grossenteils für den Tourismus erschlossenen Inseln sind viele küstennahe Fischlebensräume - darunter die als «Fischkinderstuben» überaus bedeutsamen Mangrovenwälder und Seegraswiesen - durch Rodungen, Ausbaggerungen und die Einleitung von Abwässern zerstört oder doch massiv geschädigt worden.

Die Turks- und Caicos-Inseln waren lange Zeit ein touristisch wenig entwickeltes - und entsprechend gering geschädigtes - Territorium gewesen. Zwar wurden gewisse meeresbewohnende Krusten- und Schalentiere (vor allem Hummer und Fechterschnecken) ab den sechziger Jahren durch Fang und Export in die Touristenzentren der umliegenden Indelnationen erheblich übernutzt. Die marinen Lebensräume blieben dabei jedoch weitgehend unversehrt.

In den achtziger Jahren wurde dann der Tourismus auf den Turks- und Caicos-Inseln durch die britische Regierung stark gefördert, um auf diese Weise die Wirtschaftslage der kleinen Inselkolonie - und mithin den Lebensstandard der einheimischen Bevölkerung - zu verbessern. Tatsächlich kam der Tourismus alsbald in Schwung und ist mittlerweile zum Hauptwirtschaftszweig des Territoriums avanciert: Rund 80 000 Auslandgäste im Jahr verhelfen den Turks- und Caicos-Inseln derzeit zu Einnahmen von jährlich über fünfzig Millionen US-Dollar.

Die Touristen reisen hauptsächlich an, um in den einzigartigen Küstengewässern der Turks- und Caicos-Inseln allerlei wassersportlichen Aktivitäten zu frönen. Leider geht aber auch hier - wie an so vielen anderen Orten der Welt - das Tourismusgeschäft zu Lasten der natürlichen Umwelt. Es wird also durch den Fremdenverkehr genau das beeinträchtigt, was die Attraktivität des Territoriums für den Urlauber ausmacht. Naturschutz- wie auch Wirtschaftsfachleute fordern deshalb nachdrücklich, dass endlich umfassende Managementpläne erarbeitet werden, welche die Inselbevölkerung davor bewahren, ihr reiches natürliches Erbe unbedacht dem kurzfristigen Profit zu opfern. Noch ist es für eine schonende, nachhaltige Nutzung der wertvollen natürlichen Ressourcen auf den Turks- und Caicos-Inseln nicht zu spät, aber die Zeit drängt.




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