Schneeleopard

Panthera (Uncia) uncia


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Eine Hochgebirgskatze

Der Schneeleopard (Panthera uncia), der früher auch «Irbis» genannt wurde, gehört innerhalb der Familie der Katzen zur Gattung der Grosskatzen. In mancher Hinsicht verhält er sich allerdings nicht wie eine typische Grosskatze. So brüllt er zum Beispiel nie, sondern er schnurrt und heult wie eine Kleinkatze. Auch nimmt er nicht in liegender, sondern in kauernder, d.h. kleinkatzentypischer Stellung Nahrung zu sich. Hinzu kommt, dass er mit einer Schulterhöhe von ungefähr 60 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 40 bis 50 Kilogramm die kleinste aller Grosskatzen ist - kleiner noch als der «gewöhnliche» Leopard (Panthera pardus). Manche Fachleute bezeichnen den Schneeleoparden aus diesen Gründen kurzerhand als «Mittelkatze» und stellen ihn in eine eigene Gattung (Uncia).

Die Heimat des Schneeleoparden sind der Himalaja, der Pamir, der Hindukusch, der Altai, der Tienschan und weitere zentralasiatische Gebirgszüge. Dort hält er sich vorzugsweise oberhalb der Baumgrenze in Höhen von 3000 bis 4000 Metern auf und steigt manchmal sogar bis auf 6000 Meter hinauf. An seine ungastliche Gebirgsheimat mit ihren Geröllhalden, Felswänden und Schneeflächen ist der Schneeleopard mit seinem rauchgrau gefleckten, aussergewöhnlich dichten Fell, seinem langen Schwanz und seinen breiten Pranken vorzüglich angepasst: Der dicke, verhältnismässig helle Pelz schützt ihn gegen die bissige Kälte und ist zugleich im Fels ein vorzügliches Tarnkleid. Der lange Schwanz dient ihm als «Balancierstange» beim Wandern auf schmalen Felsgraten und als «Steuerruder» beim Überspringen von Abgründen. Und mit seinen Riesenpfoten findet er auch in den steilsten Felswänden sicheren Tritt und sinkt im Schnee nicht tief ein.

 

Meister des Weitsprungs

Noch vor zehn Jahren war über die Lebensweise des Schneeleoparden so gut wie nichts bekannt gewesen. Das ist kaum erstaunlich: Sein abgelegenes Zuhause, sein einzigartiges Tarnkleid und sein scheues Wesen - in Verbindung mit seinen scharfen Sinnen - bewirken nämlich, dass ihn selbst die zentralasiatische Bergbevölkerung kaum je zu Gesicht bekommt. Nun hat aber eine Studie, die der südafrikanische Biologe Rodney Jackson in Nepal durchgeführt hat, endlich Aufschluss über das Leben dieser geheimnisvollen Grosskatze gegeben.

Die Studie hat gezeigt, dass der erwachsene Schneeleopard wie fast alle Katzen als Einzelgänger lebt. In der Nähe von Dörfern geht er ausschliesslich nachts auf die Pirsch; in abgelegenen Gegenden ist er aber oft auch mitten am Tag unterwegs. Gern benutzt er grosse Felsblöcke, um seine Umgebung nach Beute abzusuchen. Diese Ausgucke erklettert er im allgemeinen nicht, sondern springt mit einem mächtigen Satz hinauf. Überhaupt ist er ein phantastischer Springer, der Weiten von bis zu fünfzehn Metern überwinden kann - das ist Weltrekord im Tierreich.

Die Studie hat ferner ergeben, dass der Schneeleopard hinsichtlich seiner Beutetiere wenig wählerisch ist: Er bejagt so ziemlich alles, was ihm über den Weg läuft, und er vermag selbst Tiere zu reissen, die dreimal so schwer sind wie er selbst. Huftiere aller Art bilden den Hauptteil seiner Kost. Zu nennen sind Blauschaf (Pseudois nayaur), Steinbock (Capra ibex), Schraubenziege (Capra falconeri), Reh (Capreolus capreolus), Wildschwein (Sus scrofa), Moschustier (Moschus moschiferus), Thar (Hemitragus jemlahicus), Goral (Nemorhaedus goral), Argali (Ovis ammon ammon) und wie sie noch alle heissen. Daneben fallen ihm aber auch Pfeifhasen (Ochotona spp.), Murmeltiere (Marmota spp.), Glanzfasane (Lophophorus spp.), Königshühner (Tetraogallus spp.) und andere mittelgrosse, bodenlebende Säuger und Vögel zum Opfer.

 

Schneeleoparden nähren Yeti-Legende

Früher galt der Schneeleopard als ein unermüdlicher Wanderer, der immerfort - wie ein Nomade - die unendliche Gebirgswelt Zentralasiens durchstreift. Heute wissen wir es besser: Jeder Schneeleopard besitzt ein festes Wohngebiet. Dessen Grösse scheint ziemlich variabel zu sein und richtet sich wohl in erster Linie nach dem örtlichen Nahrungsangebot, das heisst nach der lokalen Beutetierdichte. Im wildreichen Langu-Tal in Nepal wurden Streifgebiete von 20 bis 30 Quadratkilometern festgestellt; andernorts dürften sie bis über 100 Quadratkilometer umfassen. Der Vorteil der Ortstreue liegt für den einzelnen Schneeleoparden darin, dass er jeden Winkel seiner Umgebung kennt und darum stets weiss, wo am ehesten Beutetiere zu finden sind, von wo man eine gute Aussicht aufs Gelände hat und wo man ungestört schlafen kann.

Erhebliche Überlappungen der Wohngebiete benachbarter Schneeleoparden (beiderlei Geschlechts) scheinen die Regel zu sein. Die Tiere wissen voneinander und tolerieren sich gegenseitig, vermeiden aber das Jahr über nach Möglichkeit jede Begegnung mit ihren Artgenossen. Geruchsmarken und Kratzspuren, die sie auf ihren Streifzügen immer wieder an auffälligen Stellen anbringen, leisten ihnen dabei wertvolle Dienste.

Nur gegen Ende des Winters, im Februar und März, halten die Markierungen die Schneeleoparden nicht auf Distanz, sondern führen sie im Gegenteil zueinander, denn dann ist Paarungszeit. Während dieser aufregenden Phase des Jahres ertönt häufig ihr durchdringendes Heulen, das kilometerweit hörbar ist. Wenn dann die Dörfler in ihren dunklen Hütten ums flackernde Feuer kauern, während draussen heftige Schneestürme toben, und diese fast menschenartigen Laute dringen an ihr Ohr, so erhalten die gruseligen Geschichten über Yeti, den legendären Schneemenschen, neue Nahrung.

Im Frühsommer, nach einer Tragzeit von ungefähr 100 Tagen, bringt die Schneeleopardin in einem gut versteckten Lager unter Steinen oder in einer Felsnische zumeist zwei bis drei, seltener vier oder gar fünf Junge zur Welt. Diese bleiben während der ersten vier bis sechs Lebenswochen in ihrem sicheren Versteck. Danach begleiten sie ihre Mutter bei den Pirschgängen durchs Revier. Rund zwei Jahre lang lernen sie von ihr alles, was sie für ihr späteres Leben wissen und können müssen. Dann ziehen sie auf eigene Faust los. Ihre Lebenserwartung liegt bei etwa 15 Jahren.

 

Restbestand: 5000 bis 7000 Individuen

In früheren Zeiten war der Schneeleopard über ein Gebiet von ungefähr einer Million Quadratkilometern verbreitet gewesen - das entspricht etwa dreimal der Fläche Deutschlands oder fünfundzwanzigmal der Fläche der Schweiz. Heute ist er überall sehr selten geworden und mancherorts sogar vollständig verschwunden. Man schätzt, dass nur noch rund 5000 bis 7000 der prächtigen Katzen in freier Wildbahn überleben. In der von der Weltnaturschutzunion (IUCN) herausgegebenen «Roten Liste» wird der Schneeleopard deshalb in der unerfreulichen Kategorie der «vom Aussterben bedrohten Tierarten» geführt.

Ein Hauptgrund für diese traurige Situation ist die Verdrängung und Verminderung der Beutetiere des Schneeleoparden durch die höher und höher in die Hochgebirgstäler drängenden Menschen. Denn dies hat zur Folge, dass er sich gezwungenermassen immer häufiger an Hausziegen, Hausschafen und anderen Nutztieren des Menschen vergreift. So nimmt die Feindschaft der Bergbewohner gegen die grosse Katze ständig zu, und darum fällt, obschon der Schneeleopard heute in fast seinem ganzen Verbreitungsgebiet unter gesetzlichem Schutz steht, alljährlich eine grössere Zahl von Individuen der Rache der Bergbewohner zum Opfer. Schliesslich vermag keine Behörde die Schutzbestimmungen in jenen unwegsamen Gegenden flächendeckend durchzusetzen.

Der andere wesentliche Grund für den Rückgang der Bestände ist die Verfolgung durch Felljäger. Zwar darf der prächtige Pelz des Schneeleoparden aufgrund der «Konvention über den internationalen Handel mit bedrohten Pflanzen- und Tierarten» (CITES), auch «Washingtoner Abkommen» (WA) genannt, seit über zwanzig Jahren weltweit nicht mehr gehandelt werden, doch blüht der illegale Handel noch immer. Ein erstklassiger Schneeleoparden-Pelzmantel, für den unter Umständen bis zu einem Dutzend Felle verarbeitet werden, bringt auf dem Schwarzmarkt über 60 000 US-Dollar. Solche Preise verlocken natürlich zur Wilderei, umsomehr als die Gefahr, erwischt zu werden, für die Jäger verhältnismässig gering ist und die Strafen im Vergleich zum Gewinn oftmals geradezu lächerlich sind.

Erschwerend wirkt sich in diesem Zusammenhang aus, dass heute nicht nur für das Fell des Schneeleoparden, sondern auch für seine Knochen Unsummen bezahlt werden. Grosskatzenknochen spielen von alters her eine wichtige Rolle in der chinesischen Volksmedizin, und mit dem rasch anwachsenden Wohlstand der südostasiatischen Handelszentren Hongkong, Singapur, Seoul und Taipeh, wo solche traditionellen Heilmittel zur Hauptsache umgeschlagen werden, wächst auch die Nachfrage nach derartigen «Ingredienzen». Auf welch verschlungenen Wegen sich dieser mehrheitlich illegale Handel abwickelt, zeigt die Beobachtung von Rodney Jackson, dass entlang der nepalesisch-tibetischen Grenze ein regelrechter «Markt» besteht, bei dem tote nepalesische Schneeleoparden gegen lebende tibetische Hausschafe eingetauscht werden.

All dies führt leider zu einem fortwährenden Rückgang der Schneeleopardenbestände. Ungebremst wird das einst ausgedehnte Verbreitungsgebiet immer stärker durchlöchert und zerstückelt, so dass letztlich vielerorts nur noch kleine, inselartig verstreute Bestände der eindrucksvollen Katze übrigbleiben, welche längerfristig kaum eine Überlebenschance haben.

Der wirksame Vollzug der Schutzgesetze zugunsten des Schneeleoparden hapert im übrigen nicht nur an der Unwegsamkeit seiner Hochgebirgsheimat, sondern auch daran, dass er so «unvorsichtig» war, sein Verbreitungsgebiet kreuz und quer über die Grenzen von zwölf verschiedenen Staaten zu legen. Es handelt sich um Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Bhutan, China (inkl. Tibet), Mongolei, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Diese Länder stehen einander teils mit Misstrauen, teils auch mit offener Feindschaft gegenüber, weshalb an eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Naturschutzbehörden nicht zu denken ist.

 

Wohlwollen der Bergbevölkerung unabdingbar

Die Zerstückelung des Schneeleoparden-Lebensraums scheint besonders in Pakistan, Kasachstan, der Mongolei und der chinesischen Provinz Sinkiang (Xinjiang) bereits weit fortgeschritten zu sein. Der Fortbestand der Schneeleopardenbestände ist dort ernstlich in Frage gestellt.

In anderen Ländern sind bislang mehrheitlich kleinflächige Schutzgebiete ausgewiesen worden, in denen kaum mehr als zwei oder drei Schneeleopardenpaare eine Lebensgrundlage finden. Das scheint auch für Kirgisistan, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, zu gelten. Gemäss den Erhebungen des Feldbiologen Eugene Koshkarev umfasst die kirgisische Schneeleopardenpopulation schätzungsweise noch 100 bis 150 Individuen. Das entspricht - bei einem Verbreitungsgebiet in Kirgisien von etwa 6500 Quadratkilometern - einer mittleren Populationsdichte von rund 2 Schneeleoparden je hundert Quadratkilometer. Angesichts dieser Zahlen wird klar, dass die fünf kirgisischen Schutzgebiete, in denen Schneeleoparden vorkommen, nämlich der Ala-Archa-Nationalpark (194 km2), das Besh-Aral'skiy-Naturreservat (1167 km2), das Issyk-Kul'skiy-Naturreservat (190 km2), das Narynskiy-Naturreservat (183 km2) und das Sary-Chelekskiy-Biosphärenreservat (239 km2), allesamt viel zu klein sind, um längerfristig überlebensfähige Schneeleopardenbestände beherbergen zu können.

Einen Lichtblick vermittelt - neben Indien und Bhutan - immerhin Nepal, das sich vorbildlich für den Schutz des Schneeleoparden einsetzt. Das kleine Land verfügt mittlerweile über sechs grossflächige Gebirgsreservate, in denen ansehnliche Bestände der arg bedrängten Katze mitsamt ihren Beutetieren eine sichere Zuflucht finden.

Immer mehr setzt sich heute allerdings die Ansicht durch, dass es nicht genügt, Schutzgebiete zu schaffen, um das langfristige Überleben des Schneeleoparden zu gewährleisten. Denn Tatsache ist, dass sozusagen in sämtlichen Schutzgebieten der zentralasiatischen Gebirge zumindest saisonal Menschen leben und ihr Vieh weiden lassen. In vielen Fällen teilen diese Bergbewohner ihren Lebensraum seit Jahrtausenden mit den örtlichen Wildtieren. Sie können deshalb nicht ausgegrenzt oder umgesiedelt werden, ohne dass sich erheblicher Widerstand regt, was dem Naturschutz bestimmt nicht förderlich ist.

Es gilt deshalb, Lösungen für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Wildtieren innerhalb der besagten Schutzgebiete zu finden: Zum einen müssen Programme zur legalen, nachhaltigen Nutzung der Wildtierbestände entwickelt werden. Zum anderen müssen Erwerbsmöglichkeiten für die ansässige Bevölkerung geschaffen werden, beispielsweise im Rahmen der Schutzgebietsbewachung oder des Ökotourismus. Nur wenn die einheimische Bevölkerung Nutzen aus der sie umgebenden Natur zu ziehen vermag, ist sie auch gewillt, sich für deren Erhaltung einzusetzen. Das zeigt die Erfahrung. Und dass das Wohlwollen der lokalen Bevölkerung für das Wohlergehen eines Naturschutzgebiets grösste Bedeutung hat, dessen ist man sich in Naturschutzkreisen ebenfalls längst bewusst.

Bleibt anzumerken, dass es bei all diesen Schutzbestrebungen keineswegs «nur» um den Schneeleoparden geht, doch gilt ihm das Hauptaugenmerk. Denn er ist ein sehr empfindlicher «Anzeiger» dafür, wie gesund das Ökosystem der zentralasiatischen Gebirgswelt ist. Gelingt es uns, den Fortbestand des Schneeleoparden zu sichern, so werden auch all die anderen Vertreter der vielgestaltigen Tier- und Pflanzenwelt der zentralasiatischen Hochgebirge eine Überlebenschance haben.




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