Schraubenziege

Capra falconeri


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Als Nutztier ist uns die Ziege bestens bekannt. Seit der Jungsteinzeit, also seit mehr als 8000 Jahren, lebt sie in enger Gemeinschaft mit dem Menschen und wird von ihm als Fleisch-, Milch- und Lederlieferant sehr geschätzt. Weniger bekannt sind dagegen die wildlebenden Verwandten der Hausziege, von denen es insgesamt sechs Arten gibt. Eine dieser Wildziegen ist die Schraubenziege (Capra falconeri), die ihren Namen den spiralig gewundenen Hörnern verdankt, welche bei den Männchen ­ entlang der Windung gemessen ­ bis 160 Zentimeter lang werden. (Auch der häufig verwendete Zweitname «Markhor» spielt auf die Hornform an: Er stammt aus dem Afghanischen und bedeutet soviel wie «Schlangenhorn».)

Die Heimat der Schraubenziege sind der Hindukusch und einige weitere Gebirgsregionen im Westen des Himalajas. In dieser politisch sehr instabilen Gegend zwischen dem südlichen Tadschikistan und Usbekistan im Norden und dem zentralen Afghanistan und Pakistan im Süden bewohnt die stattliche Wildziege ­ grossgewachsene Böcke können eine Schulterhöhe von über einem Meter und ein Gewicht von mehr als hundert Kilo erreichen ­ die felsenreichen Gebiete in mittleren und tieferen Lagen. Mit Vorliebe hält sie sich in zerklüftetem Gelände mit steilen Felswänden, tiefen Schluchten und unwegsamen Geröllfeldern auf. Dort ernährt sie sich von einer breiten Vielfalt von Gräsern, Kräutern und Sträuchern, welche zwischen den Felsen wachsen. In ihrem schroffen Lebensraum erweist sich die Schraubenziege als vorzügliche Kletterin: Sie kann mühelos Stellen erreichen, die praktisch keinem anderen Tier zugänglich sind, und vermag so eine «Nahrungsnische» zu nutzen, welche für andere Pflanzenesser nicht offensteht.

Die meiste Zeit des Jahres leben die Schraubenziegen recht friedlich mit- und nebeneinander und wandern auf der Suche nach möglichst guten Weideplätzen kreuz und quer in ihren Wohngebieten umher. Dies ändert sich jedoch, wenn die Weibchen in Brunft kommen, was hauptsächlich im November und Dezember der Fall ist. Dann strömen die erwachsenen Männchen einen stechenden «Ziegenbockgeruch» aus, werden zu erbitterten Rivalen und liefern einander heftige Zweikämpfe, um das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen zu erlangen.

Nach der Brunftzeit beruhigt sich das Leben der Schraubenziegen rasch wieder. Im Frühling, nach einer Tragzeit von fünfeinhalb Monaten, kommen dann die Jungen als Einzelkinder oder als Zwillinge zur Welt. In dieser Jahreszeit spriesst überall neues Grün und bietet den Geissen, die ihre Kitze säugen, reichlich nährstoffreiche Nahrung. Die Jungen wachsen dementsprechend rasch heran und steigen alsbald ebenso trittsicher im felsigen Gelände umher wie die Erwachsenen. Mit ihrer Mutter bleiben sie bis zur nächsten Brunftzeit zusammen, manchmal auch noch durch den Winter hindurch bis kurz vor der Geburt der nächstjüngeren Geschwister. Ihre Lebenserwartung liegt in freier Wildbahn bei ungefähr zehn bis zwölf Jahren.

Eigentlich möchte man meinen, dass die Schraubenziegen in ihrer schroffen, unwegsamen Gebirgsheimat verhältnismässig ungestört und geborgen leben. Leider trifft das überhaupt nicht zu. Zwar haben die kletterfreudigen Huftiere kaum natürliche Feinde zu fürchten. Den erwachsenen Individuen dürfte wohl einzig der Schneeleopard gefährlich werden, den Kitzen zusätzlich der Steinadler. Schwer macht ihnen jedoch die intensive Bejagung durch den Menschen zu schaffen. Diese findet hauptsächlich im Winter statt, wenn die Schraubenziegen wegen des Schnees in tiefere Lagen ausweichen müssen. Das Fleisch, das Fell und auch die imposanten Hörner werden von der lokalen Bergbevölkerung hochgeschätzt ­ und Schusswaffen sind in der von kriegerischen Ereignissen gezeichneten Region überaus weit verbreitet. In vielen Bereichen ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets ist die Schraubenziege mittlerweile vollständig ausgemerzt worden; ihr Vorkommen ist auf wenige kleine Inseln mit niedrigen Beständen zusammengeschmolzen.

So steht die Schraubenziege heute als bedrohte Tierart auf der berüchtigten «Roten Liste», die von der Weltnaturschutzunion (IUCN) publiziert wird. Denn leider ist ein Ende der politischen Wirren in ihrer Heimat nicht in Sicht. Und solange diese Situation anhält, so lange ist es weder den lokalen Behörden noch dem Welt Natur Fonds (WWF) oder einer anderen internationalen Organisation möglich, der prächtigen Hochgebirgsfauna im Westen des Himalajas den dringend benötigten Schutz zukommen zu lassen.




ZurHauptseite