Schraubenziege
Capra falconeri
© 1995 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Als Nutztier ist uns die Ziege bestens bekannt. Seit
der Jungsteinzeit, also seit mehr als 8000 Jahren, lebt sie in
enger Gemeinschaft mit dem Menschen und wird von ihm als Fleisch-,
Milch- und Lederlieferant sehr geschätzt. Weniger bekannt
sind dagegen die wildlebenden Verwandten der Hausziege, welche
in den Gebirgen Eurasiens und Nordafrikas zu Hause sind und allesamt
vom Menschen stark zurückgedrängt worden sind. Eine
dieser Wildziegen ist die Schraubenziege (Capra falconeri),
die ihren Namen den spiralig gewundenen Hörnern verdankt,
welche bei den Männchen - entlang der Windung gemessen -
bis 160 Zentimeter lang werden können. Von ihr soll auf
diesen Seiten die Rede sein.
Verwirrende Ziegenverwandtschaft
Die Schraubenziege gehört innerhalb der Ordnung
der Paarhufer (Artiodactyla) zur Familie der Hornträger
(Bovidae) und da zur Gattungsgruppe der Böcke (Caprini).
Neben den Ziegen (Gattung Capra) gehören zu dieser
Gruppe auch die Schafe (Gattung Ovis), die Thare (Gattung
Hemitragus), der Mähnenspringer (Ammotragus lervia)
und das Blauschaf (Pseudois nayaur). Es handelt sich ausnahmslos
um mittelgrosse Huftiere von eher gedrungenem Körperbau,
wobei die Männchen («Böcke») deutlich grösser
und schwerer sind als die Weibchen («Geissen») und
auch wesentlich mächtigere Hörner tragen als diese.
Alle Wildziegen sind Gebirgstiere, ja überwiegend
sogar Hochgebirgsbewohner, und zwar dermassen ausgeprägt,
dass die Täler und Ebenen, welche die verschiedenen von
ihnen besiedelten Gebirgsstöcke voneinander trennen, eigentliche
«Barrieren» darstellen. Die Verbreitung der Wildziegen
ist deshalb stark «inselartig» geprägt, und
wie man vermuten kann, hat sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte
eine Vielzahl unterschiedlicher Formen auf den getrennten «Gebirgsinseln»
herausgebildet.
Allerdings sind von blossem Auge nur die Männchen
der verschiedenen Formen leicht voneinander zu unterscheiden,
während die Weibchen oft kaum auseinanderzuhalten sind.
In der Tat sind sich alle Wildziegenformen hinsichtlich ihres
allgemeinen Körperbauplans sehr ähnlich. Ihre enge
Verwandtschaft zeigt sich ferner darin, dass sie sich alle in
Menschenobhut problemlos miteinander kreuzen lassen.
Diese grundsätzliche Ähnlichkeit der verschiedenen
Wildziegenformen spiegelt zum einen die Tatsache wider, dass
sich die Gattung erdgeschichtlich gesehen recht spät herausgebildet
hat. Die ältesten Ziegenfossilien, die uns bekannt sind,
stammen nämlich aus dem mittleren Pleistozän, haben
also ein Alter von «nur» rund einer Million Jahre.
Zum anderen hat die jahrtausendelange Beziehung der Ziegen mit
dem Menschen eine «verwischende» Rolle gespielt:
Vielerorts sind nämlich im Laufe der Zeit umfangreiche Bestände
verwilderter Hausziegen entstanden. Das hat zur Folge, dass heute
oft unklar ist, ob es sich bei einer bestimmten Population freilebender
Ziegen um a. echte Wildziegen, b. verwilderte Nachfahren einstmals
domestizierter Ziegen oder c. Mischlinge zwischen Wildziegen
und verwilderten Hausziegen handelt.
Die Zuordnung der zahlreichen freilebenden Ziegenbestände
zu bestimmten Arten ist aus diesen Gründen äusserst
schwierig, und die Ansichten der Fachleute über die genaue
Zahl der Arten, welche zur Gattung Capra gehören,
liegen dementsprechend weit auseinander. Viele Experten sprechen
aber heute von sechs verschiedenen Arten. Es handelt sich um
den «eigentlichen» Steinbock (Capra ibex),
den Iberiensteinbock (Capra pyrenaica), den Westkaukasischen
Tur (Capra caucasica), den Ostkaukasischen Tur (Capra
cylindriformes), die Bezoarziege (Capra aegagrus)
und die Schraubenziege.
Die Schraubenziege scheint auf den ersten Blick wegen
der eigenwilligen Form ihrer Hörner klar vom Rest der Gattungsgruppe
unterscheidbar zu sein. Bei näherem Hinsehen zeigt sich
aber, dass die auffallenden Hornwindungen in weniger ausgeprägter
Form auch beim Ostkaukasischen Tur angedeutet sind und dass der
Hornbau ausserdem gewisse Anklänge an die Hörner der
Bezoarziege zeigt.
Im übrigen unterliegt die Form des Gehörns
der männlichen Schraubenziegen je nach deren geografischer
Herkunft einer gewissen Variation: Die beiden Hörner können
in unterschiedlichem Winkel zueinander (weit- bis spitzwinklig)
nach hinten oben gerichtet sein; und sie können unterschiedlich
stark (locker schraubenförmig bis eng korkenzieherförmig)
um ihre Längsachse gewunden sein. Aufgrund solcher Variationen
- sowie der Tatsache, dass die Schraubenziegen im Norden des
Verbreitungsgebiets deutlich grösser sind als im Süden
- wurde die Art in der Vergangenheit in bis zu sieben geografische
Unterarten gegliedert. Heute spricht man zumeist nur noch von
drei Unterarten, nämlich von der Astor-Schraubenziege (Capra
falconeri falconeri), der Grosshorn-Schraubenziege (Capra
falconeri megaceros) und der Bucharischen Schraubenziege
(Capra falconeri heptneri). Es scheint aber auch zwischen
diesen drei Unterarten zahlreiche Zwischenformen zu geben, weshalb
es viele Experten vorziehen, überhaupt keine Rassen zu unterscheiden.
Im westlichen Himalaja zu Hause
Die Schraubenziege ist eine stattliche Vertreterin
ihrer Sippe: Grossgewachsene Böcke können eine Schulterhöhe
von über einem Meter und ein Gewicht von mehr als hundert
Kilogramm erreichen, und auch die deutlich kleineren Geissen
können immerhin bis 70 Zentimeter hoch und 40 Kilogramm
schwer werden. Die Weibchen tragen ebenfalls «Stirnwaffen»,
doch sind ihre Hörner mit einer Länge von höchstens
25 Zentimetern erheblich kleiner als die der Männchen.
Die Heimat der Schraubenziege sind der Hindukusch
und einige weitere Gebirgsregionen im Westen des Himalajas. In
dieser politisch instabilen Gegend zwischen dem südlichen
Tadschikistan und Usbekistan im Norden und dem zentralen Afghanistan
und Pakistan im Süden bewohnt sie die felsenreichen Gebiete
in mittleren und tieferen Lagen - von 600 bis 3600 Metern ü.M.
Mit Vorliebe hält sie sich in zerklüftetem Gelände
mit steilen Felswänden, tiefen Schluchten und unwegsamen
Geröllfeldern auf.
In ihrem schroffen Lebensraum erweist sich die Schraubenziege
dank ihrer harten Hufe, ihrer kompakten Gestalt und ihrer muskulösen
Beine als vorzügliche Kletterin, die sich schnell und gewandt
fortbewegt und mühelos Stellen erreichen kann, die praktisch
keinem anderen Tier zugänglich sind. So vermag sie eine
«Nahrungsnische» zu nutzen, welche anderen Pflanzenessern
nicht offensteht.
Wie alle Wildziegen ist die Schraubenziege eine strikte
Vegetarierin: Sie ernährt sich in ihrer gebirgigen Heimat
von einer breiten Vielfalt von Gräsern, Kräutern, Stauden,
Sträuchern und niedrigwüchsigen Bäumen, welche
zwischen den Felsen wachsen. In ihrer Nahrungswahl ist sie ziemlich
anpassungsfähig und richtet sich nicht nur nach den örtlichen
Gegebenheiten, sondern auch nach dem jahreszeitlichen Angebot.
Im Frühling und Sommer ist der Anteil an frischen Gräsern
und Kräutern in ihrer Kost besonders hoch. Im Herbst und
Winter, wenn diese Pflanzen mehr und mehr austrocknen und an
Nährwert verlieren, nimmt sie hingegen eher Blätter
und Zweige von Sträuchern wie dem Sanddorn oder Bäumen
wie der Steineiche zu sich.
Interessanterweise nascht die Schraubenziege nicht
nur gern auf den Hinterbeinen stehend an Bäumen. Vielfach
klettert das bergtüchtige Huftier auch in das Geäst
derselben hoch, um an das begehrte Blattwerk zu gelangen, und
bewegt sich dabei selbst auf fingerdicken Ästen mit erstaunlicher
Sicherheit umher. Häufig stören sich in Bäumen
kletternde Schraubenziegen allerdings gegenseitig, so dass eines
der Tiere zum «Abspringen» gezwungen ist. Und des
öfteren wird eine kletternde Ziege auch durch ein Tier,
das vom Boden aus Blätter verzehrt, vom Baum «geschüttelt».
Auffällig ist, dass Geissen und Jungtiere sowohl auf Bäumen
als auch im Fels besser und leichter zu klettern scheinen als
alte Böcke. Letztere werden offensichtlich durch ihr grosses
Gehörn in ihrer Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt.
Vorwiegend ist die Schraubenziege tagsüber aktiv.
Im Frühling und Sommer, wenn das Nahrungsangebot reichlich
ist, widmet sie sich hauptsächlich am frühen Morgen
und am späten Nachmittag der Nahrungsaufnahme und zieht
sich über Mittag unter schattige Felsüberhänge
zurück, um dort stundenlang zu lagern und wiederzukäuen.
Im Winter ist sie jedoch oft auch während der Mittagsstunden
unterwegs und legt deutlich kürzere Ruhepausen ein.
Männchen mit stechendem Ziegenbockgeruch
Die meiste Zeit des Jahres leben die Schraubenziegen
recht friedlich mit- und nebeneinander und wandern auf der Suche
nach möglichst guten Weideplätzen kreuz und quer in
ihren felsenreichen Wohngebieten umher. Dies ändert sich
jedoch, wenn die Weibchen in Brunft kommen, was hauptsächlich
in den Monaten November und Dezember der Fall ist. Dann strömen
die erwachsenen Männchen einen stechenden «Ziegenbockgeruch»
aus, werden zu erbitterten Rivalen und liefern einander heftige
Zweikämpfe, um auf diese Weise das Vorrecht zur Paarung
mit den brünftigen Weibchen zu erlangen.
Den Kämpfen geht gewöhnlich ein auffälliges
Imponiergehaben der rivalisierenden Männchen voraus: Jeder
der beiden Böcke stellt sich breitseits zum Gegner und zieht
das Kinn an, so dass seine Hörner senkrecht oder sogar ein
wenig nach vorn geneigt zum Himmel zeigen. Die untere Gesichtshälfte
ist dabei in der wallenden Halsmähne verborgen, die Rückenhaare
sind gesträubt, der Schwanz ist aufgerichtet. Dieses Breitseiten-Imponieren
gibt unterlegenen Böcken die Gelegenheit, die «Vormacht»
eines Rivalen beizeiten zu erkennen und sich zurückzuziehen,
ohne in einem aussichtlosen Kampf unnötig Energie zu verbrauchen
und vielleicht sogar zu Schaden zu kommen. Hinsichtlich ihres
Imponiergehabens ist die Schraubenziege der Bezoarziege ähnlich,
jedoch deutlich verschieden von den Steinböcken und Turen,
welche dieses Verhalten nicht oder vergleichsweise selten zeigen.
Nach der Brunftzeit beruhigt sich das Leben der Schraubenziegen
rasch wieder. Im Frühling, nach einer Tragzeit von fünfeinhalb
Monaten, kommen die Jungen gewöhnlich als Einzelkinder oder
als Zwillinge, seltener auch als Drillinge, zur Welt. In dieser
Jahreszeit spriesst überall neues Grün und bietet den
Geissen, die ihre Kitze säugen, reichlich nährstoffreiche
Nahrung. Die Jungen wachsen entsprechend rasch heran und steigen
alsbald ebenso trittsicher im felsigen Gelände umher wie
die Erwachsenen. Mit ihrer Mutter bleiben sie bis zur nächsten
Brunftzeit zusammen, manchmal auch noch durch den Winter hindurch
bis kurz vor der Geburt der nächstjüngeren Geschwister.
Die Geschlechtsreife tritt bei den jungen Weibchen
normalerweise im Alter von zweieinhalb Jahren ein, so dass sie
also im Alter von drei Jahren erstmals eigene Junge werfen. Die
Männchen dürften etwa im selben Alter geschlechtsreif
werden wie die Weibchen, doch müssen sie sich in freier
Wildbahn noch ein oder zwei weitere Jahre gedulden, bis sie sich
fortpflanzen können. Erst dann sind sie nämlich vollständig
ausgewachsen und vermögen sich im Wettkampf gegen die anderen
Böcke durchzusetzen. Die Lebenserwartung der Schraubenziegen
liegt in freier Wildbahn - unter natürlichen Verhältnissen
- bei zehn bis zwölf Jahren.
Von Schneeleoparden, Steinadlern, Hausziegen -
und Menschen
Eigentlich sollte man meinen, dass die Schraubenziegen
in ihrer schroffen, unwegsamen Gebirgsheimat verhältnismässig
ungestört und geborgen leben. Leider trifft das überhaupt
nicht zu. Zwar haben die kletterfreudigen Huftiere kaum natürliche
Feinde zu fürchten. Den erwachsenen Individuen dürfte
einzig der Schneeleopard (Panthera uncia) hin und wieder
gefährlich werden, den Kitzen zusätzlich der Steinadler
(Aquila chrysaëtus). Schwer macht ihnen jedoch die
intensive Bejagung durch den Menschen zu schaffen. Diese findet
hauptsächlich im Winter statt, wenn die Schraubenziegen
wegen des Schnees in tiefere Lagen ausweichen müssen. Das
Fleisch, das Fell und auch die imposanten Hörner werden
von der lokalen Bergbevölkerung hochgeschätzt - und
Schusswaffen sind in der von kriegerischen Ereignissen gezeichneten
Region überaus weit verbreitet. In vielen Bereichen ihres
ehemaligen Verbreitungsgebiets sind die Schraubenziegen mittlerweile
vollständig ausgemerzt worden. Ihr Vorkommen ist auf wenige
kleine Inseln mit niedrigen Beständen zusammengeschmolzen.
In einigen Bereichen des Verbreitungsgebiets stellt
im übrigen der Nahrungswettstreit mit Hausziegen eine schlimme
Gefahr für die Schraubenziegen dar. Da diese sich beinahe
ebenso geschickt im felsigen Gelände fortzubewegen vermögen
wie ihre wildlebenden Verwandten, zerstören sie vielerorts
in zunehmendem Mass deren kärgliche Nahrungsgrundlage. Hinzu
kommt die Gefahr, dass sich die Wildziegen mit den Hausziegen
kreuzen, was allmählich zu einer Auflösung der reinblütigen
Bestände führen kann - wie man dies von anderen Wildziegen-
und Wildschafbeständen her kennt.
So steht die Schraubenziege heute als bedrohte Tierart
auf der berüchtigten «Roten Liste», die von
der Weltnaturschutzunion (IUCN) herausgegeben wird. Denn leider
ist ein Ende der politischen Wirren in ihrer Heimat nicht in
Sicht. Und solange diese Situation anhält, so lange ist
es weder den lokalen Behörden noch dem Welt Natur Fonds
(WWF) oder anderen internationalen Organisationen möglich,
der prächtigen Hochgebirgsfauna im Westen des Himalajas,
zu der auch die Schraubenziege zählt, den dringend benötigten
Schutz zukommen zu lassen.
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