Schreikranich
Grus americana
© 1993 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung
«Gefährdete Tierarten», Groth AG, Unterägeri)
Mit einer Standhöhe von 150 Zentimetern und einer
Flügelspannweite von 220 Zentimetern ist der Schreikranich
(Grus americana) unbestritten Nordamerikas grösster
Vogel. Das gilt selbst für die Weibchen, welche im Durchschnitt
etwas kleiner und leichter sind als die Männchen. Ein typisches
Merkmal im Körperbau des Schreikranichs ist seine verlängerte,
in Windungen gelegte und teilweise in Hohlräumen des Brustbeins
eingelagerte Luftröhre. Dank dieser Einrichtung vermag der
Schreikranich ausserordentlich laut zu rufen. Besonders zur Brutzeit
sind seine schmetternden «Trompetentöne», die
wie «krruuu-krruuu» klingen, kilometerweit
zu hören. Der deutsche Artname ist also kein Zufall.
Der Schreikranich ist ein Bewohner von Sümpfen,
Mooren, Verlandungszonen von Seen und anderen Feuchtgebieten.
Hier ernährt er sich - im seichten Wasser einherschreitend
- von einer vielfältigen tierlichen Kost, welche Würmer,
Insektenlarven, Schnecken, Muscheln, Frösche, Krebse und
andere Kleintiere umfasst, nimmt aber hie und da auch pflanzliche
Stoffe zu sich. Der Schreikranich ist ferner ein ausgesprochener
Zugvogel, der Jahr für Jahr zwischen seinen Brutgebieten
und den weiter südlich gelegenen Winterquartieren hin- und
herpendelt. In keilförmiger Flugformation legen die grossen
Vögel je nach Wind und Wetter 50 bis 800 Kilometer am Tag
zurück und sind jeweils zwei bis vier Wochen lang unterwegs.
Im Frühjahr treffen die Schreikraniche gewöhnlich
Anfang April in ihren Brutgebieten ein. Gleich nach der Ankunft
legen die meist lebenslänglich «verheirateten»
Paare Brutreviere fest und beginnen alsbald mit dem Bau ihres
Nests. Letzteres ist kein besonders kunstvolles Gebilde, sondern
ein ziemlich ungeordneter, umfangreicher Haufen aus Schilfhalmen
und anderen trockenen Pflanzenteilen, welcher vom Kranichpaar
gemeinschaftlich an einer gut geschützten, unzugänglichen
Stelle im seichten Wasser angelegt wird.
Das Gelege besteht meistens aus zwei langovalen Eiern,
welche auf hellolivem Grund unregelmässig braun gesprenkelt
sind. Nach einer Brutdauer von etwa einem Monat schlüpfen
die beiden Jungen. Sie tragen anfangs ein rötlichbraunes
Daunenkleid. Im allgemeinen überlebt nur eines der beiden
die Nestlingszeit. Offensichtlich ist das Nahrungsangebot in
der Regel unzureichend, so dass es zu massiven Zänkereien
zwischen den Geschwistern kommt, in deren Folge das schwächere
vom Nest vertrieben wird und dann verhungert oder Fressfeinden
zum Opfer fällt. Nur selten gelingt dem Schreikranichpaar
die Aufzucht beider Jungvögel.
Mit etwa zehn Wochen sind die jungen Schreikraniche
flugfähig und verlassen dann unter Führung ihrer Eltern
den Brutplatz. Vorerst stöbern die Schreikranich-Kleinfamilien
in der näheren Umgebung ihrer Nistplätze umher. Dann,
im frühen Oktober, vereinigen sie sich mit ihren Nachbarn
zu kleinen Verbänden, um gemeinsam die Reise nach Süden
anzutreten.
Früher nisteten die Schreikraniche in jedem grösseren
Sumpf der nördlichen USA und des südlichen Kanada,
und sie überwinterten auf weiter Strecke am Golf von Mexiko,
entlang der Küsten von Louisiana, Texas und Nordmexiko.
Durch dle Trockenlegung von Feuchtgebieten zwecks Gewinnung landwirtschaftlicher
Anbauflächen wurden jedoch im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte
viele ihrer Brutgebiete vernichtet. Zudem wurden mit der allgemeinen
Verbreitung weitreichender Schusswaffen mehr und mehr der grossen
Vögel entlang ihrer Zugrouten abgeschossen und landeten
im Kochtopf. Ein massiver Schwund der Bestände war die Folge:
Bereits 1894 brüteten auf dem Gebiet der USA keine Schreikraniche
mehr. Und 1941 überwinterten am Golf von Mexiko noch ganze
16 Individuen! Das Ende dieser eleganten Vogelart schien gekommen.
Auf wundersame Weise vermochten sich diese letzten
paar Schreikraniche jedoch zu halten. Ihr Glück war, dass
sich sowohl ihr Brutgebiet als auch ihr Winterquartier in grossflächigen
Schutzgebieten befanden - im Wood-Buffalo-Nationalpark in Kanada
einerseits und im Aransas-Wildschutzgebiet an der Küste
von Texas andererseits. Ihr Glück war aber auch, dass sich
damals ein paar weitsichtige Menschen für ihren Schutz einzusetzen
begannen. Zuerst erfolgte ein grosser Aufklärungsfeldzug
in Presse und Rundfunk, um die Jäger vom Abschuss der prächtigen
Vögcl abzuhalten. Dann wurden ihre Sommer- und Winterquartiere
sorgsam überwacht. Später wurden die «überzähligen»
zweiten Eier aus ihren Nestern eingesammelt und in Menschenobhut
erbrütet, wodurch die Nachzuchtrate der winzigen Restpopulation
markant anstieg. Mit den Jungvögeln wurde zum einen eine
Zuchtgruppe in Gefangenschaft aufgebaut, zum anderen eine zweite
freilebende Brutpopulation im Grays-Lake-Nationalpark in Idaho
gegründet, welche jeweils im Bosque-del-Apache-Schutzgebiet
in Neumexiko überwintert.
Dank dieser aufwendigen Schutzmassnahmen leben heute
wieder rund 200 Schreikraniche in freier Wildbahn (nebst etwa
50 in Menschenobhut). Sobald es 200 Brutpaare in freier Wildbahn
gebe, meinen die Experten, sei der Schreikranich über den
Berg. Es ist dem majestätischen Vogel zu wünschen,
dass dieses Ziel bald erreicht ist.
Schreikranich
Grus americana
Systematik
Klasse: Vögel
Ordnung: Kranichvögel
Familie: Kraniche
Körpermasse
Standhöhe: ca. 150 cm
Spannweite: ca. 220 cm
Gewicht: um 7 kg
Fortpflanzung
Gelegegrösse: meist 2 Eier
Brutdauer: um 30 Tage
Höchstalter: ca. 25 Jahre
Bestandssituation
Bestand: ca. 250
Rote Liste: «bedroht»
CITES: Anhang I
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