Schuhschnabel - Balaeniceps rex
© 2001 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
1927 schrieb der schwedische Tierschriftsteller Bengt
Berg ein viel beachtetes Buch mit dem Titel «Abu Markub».
Letzteres bedeutet «Vater des Schuhs» und ist der
arabische Name für jenen grossen, blaugrauen Vogel, den
wir Schuhschnabel (Balaeniceps rex) nennen. Durch Berg
wurde der «eigenartigste Vogel des ganzen Erdballs»,
den er in den Papyrussümpfen am Weissen Nil aufgespürt
und fotografiert hatte, allgemein bekannt und durfte fortan in
keinem zoologischen Garten oder Museum fehlen. Erst in den vergangenen
drei Jahrzehnten haben Feldforscher allerdings die Lebensweise
des Schuhschnabels etwas zu erhellen vermocht.
Pelikan oder Storch?
Der Schuhschnabel weist eine durchschnittliche Standhöhe
von 115 Zentimetern und eine mittlere Flügellänge von
68 Zentimetern auf. Sein auffälligstes Körpermerkmal
ist zweifellos der ungefähr 19 Zentimeter lange, aussergewöhnlich
hohe und breite Schnabel, der zwar entfernt an einen arabischen
Schlupfschuh erinnert, jedoch keinem anderen Vogelschnabel gleicht.
In seinem Körperbau weicht der Schuhschnabel
so sehr von allen anderen Vögeln ab, dass er von den Ornithologen
in eine eigene Familie (Balaenicipitidae) gestellt wird. Über
seine Verwandtschaft innerhalb der gefiederten Welt wurde lange
Zeit rege diskutiert, nachdem er vom englischen Museumsfachmann
John Gould im Jahr 1851 der wissenschaftlichen Welt zur Kenntnis
gebracht worden war. Manche Fachleute waren der Ansicht, dass
der Schuhschnabel ein entfernter Verwandter der Pelikane (Familie
Pelecanidae) innerhalb der Ordnung der Ruderfüsser (Pelecaniformes)
ist. Andere hielten ihn für eine ungewöhnliche Form
von Reiher (Familie Ardeidae) innerhalb der Ordnung der Stelzvögel
(Ciconiiformes). Und nochmals andere stellten ihn - ebenfalls
innerhalb der Ordnung der Stelzvögel (Ciconiiformes) - in
die Nähe der Störche (Familie Ciconiidae). Aufgrund
eingehender körperbaulicher Untersuchungen wurde er schliesslich
in die Ordnung der Stelzvögel eingeteilt und da in der Nähe
der Störche untergebracht. Neuere molekularbiologische Untersuchungen
des Erbguts (DNS-Analysen) scheinen die Richtigkeit dieser Zuordnung
jetzt zu bestätigen.
Ungeselliges Leben in Sumpflandschaften
Das Verbreitungsgebiet des Schuhschnabels erstreckt
sich über weite Bereiche des östlichen und zentralen
Afrikas. Die Hauptbrutgebiete befinden sich in den Sumpflandschaften
des Sudans, Ugandas, Kongo-Kinshasas (Ex-Zaires) und Sambias.
Kleinere Brutbestände kommen in Äthiopien, Ruanda,
Tansania und der Zentralafrikanischen Republik vor. Verschiedentlich
wurde ferner von Schuhschnabel-Sichtungen in Angola, Botsuana,
Kamerun, Kenia und Malawi berichtet. Dabei dürfte es sich
aber entweder um vagabundierende Jungvögel oder um Verwechslungen
mit anderen grossen Stelzvögeln, etwa dem Afrika-Marabu
(Leptoptilos crumeniferus), gehandelt haben. Brutbestände
scheint es in den letztgenannten Ländern jedenfalls keine
zu geben.
Als Lebensraum wählt der Schuhschnabel unwegsame
Süsswassersümpfe, welche dicht mit Schilf (Phragmites
australis), Papyrus (Cyperus papyrus), Rohrkolben
(Typha spp.) und anderen wasserliebenden Gräsern
sowie mit Schwimmblatt- und Schwimmpflanzen bewachsen sind. Vorzugsweise
bewohnt er grossflächige Sumpflandschaften. Ausserhalb der
Brutsaison kann man ihm aber auch in kleineren Feuchtgebieten
(von zum Teil weniger als einem Quadratkilometer Oberfläche)
und in saisonal überschwemmten Grasländern begegnen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Mitgliedern der Stelzvogelordnung
ist der Schuhschnabel ein ausgesprochen ungeselliger Vogel. Praktisch
immer und überall begegnet man ihm einzeln. Selbst in Gebieten
mit verhältnismässig grosser Bestandsdichte halten
sich die dickschnäbligen Vögel mindestens 200 Meter
voneinander entfernt auf - und zwar die umherstreifenden «Junggesellen»
und «Jungfrauen» ebenso wie die sesshaften, «verheirateten»
Brutvögel.
Beim Fischen fällt er gern vornüber
Wie der Grossteil der Stelzvögel ist der Schuhschnabel
ein Beutegreifer. Bei der Jagd hält er sich gewöhnlich
in Gegenden auf, wo die Vegetation weniger als einen Meter hoch
ist, und meidet Bereiche, welche mit den bis über vier Meter
hohen Papyrusstauden bewachsen sind. Das hat drei Gründe:
Erstens ist die Sicht in niedriger Sumpfvegetation besser, zweitens
fällt ihm dort das Starten und Landen leichter, und drittens
ist das Beutetierspektrum ausserhalb der überaus dichten
Papyrusbestände grösser.
Früher war man der Ansicht, dass der Schuhschnabel
seine Nahrung vor allem nachts suche. Neuere Feldstudien haben
das widerlegt: Der blaugraue Vogel ist fast ausnahmslos am Tag
unterwegs. Wenn er bei der Jagd auf Beute lauert, steht er oft
lange Zeit unbeweglich - wie versteinert - im Sumpf und richtet
seine Augen starr auf das Wasser. Dabei entgeht ihm nicht die
leiseste Bewegung des Pflanzengewirrs und auch nicht das geringste
Kräuseln der Wasseroberfläche. Gerät ein Fisch
oder ein anderes Beutetier in seine Reichweite, so stösst
er blitzschnell und zielsicher seinen Kopf ins Wasser und packt
mit seinem scharfrandigen, hakenbewehrten Schnabel zu.
Oft reisst ihn die Wucht der Bewegung aus dem Gleichgewicht,
so dass er vornüber fällt und sich zuerst wieder aufrappeln
muss, wobei er sich häufig mit den Flügeln abstützt.
Das geschieht vor allem dann, wenn er nicht auf festem Boden
steht, sondern von einem Schwimmpflanzenteppich aus jagt. Vielfach
packt er im Übrigen zusammen mit der Beute ein ganzes Bündel
Sumpfpflanzen und tut sich schwer damit, dieses loszuwerden,
ohne dass die zappelnde Beute verloren geht. Das Beutegreifen
des Schuhschnabels ist also insgesamt keine sonderlich elegante
Angelegenheit.
Meistens jagt der Schuhschnabel in der erwähnten
Weise aus dem Anstand heraus, wie es bei uns etwa der Graureiher
(Ardea cinerea) tut. Mitunter schreitet er aber auch nach
Art unseres Weissstorchs (Ciconia ciconia) langsam und
mit grösster Aufmerksamkeit in seichtem Wasser umher - zum
Beispiel in «Kanälen», welche von Flusspferden
(Hippopotamus amphibius) oder Elefanten (Loxodonta
africana) geschaffen wurden.
Die Hauptbeutetiere des Schuhschnabels sind grössere
Fische wie der Leopardlungenfisch (Protopterus aethiopicus),
der Senegal-Flösselhecht (Polypterus senegalus) oder
der Mosambik-Buntbarsch (Tilapia mossambica bzw. Sarotherodon
mossambicus). Daneben erlegt er allerlei kleinere Fische,
ferner Frösche, Wasserschlangen, Warane, junge Krokodile
und gelegentlich sogar Wasservögel, Ratten und andere warmblütige
Tiere.
Nach jedem Zupacken - ob erfolgreich oder nicht -
verschiebt der Schuhschnabel seinen Standort. Manchmal schreitet
er bloss ein paar Meter weit weg; zumeist aber fliegt er ein
gutes Stück weit in geringer Höhe an einen neuen «Einsatzort».
Nebst diesen Ortsverschiebungen im Tiefflug unternimmt
der Schuhschnabel häufig ausgedehnte Segelflüge in
Höhen von 500 Metern und mehr. Mit seinen langen und breiten
Schwingen ist er ein ausgezeichneter Segler, der sich - ähnlich
wie die Störche oder Geier - von Wärmeaufwinden in
die Höhe tragen lässt, also kaum Energie verbraucht.
Die Segelflüge stehen nicht im Zusammenhang mit dem Nahrungserwerb:
Sie finden einerseits bei saisonal bedingten Ortsverschiebungen
und beim Umherstreifen der Jungvögel statt. Andererseits
scheinen sie als eine Form der territorialen Kundgebung zu dienen,
denn insbesondere zu Beginn der Fortpflanzungszeit segeln Schuhschnabelpaare
ausgiebig oberhalb ihres Brutreviers.
Die Jungen schlüpfen gestaffelt
Innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets schreiten
die Schuhschnabelpaare zu regional unterschiedlichen Zeiten zur
Brut. In jeder Region setzen aber die Bruten mit dem Beginn der
örtlichen Trockenzeit ein, wenn das Hochwasser zurückgeht.
Damit wird zweierlei erreicht: Zum einen besteht nicht die Gefahr,
dass das Nest nach Brutbeginn überflutet wird. Zum anderen
steht den Beutetieren mit absinkendem Wasserpegel immer weniger
Bewegungsraum zur Verfügung, womit den Schuhschnäbeln
die Jagd während der Jungenaufzucht leichter fällt.
Jedes Schuhschnabelpaar besetzt - zumindest während
der Brutsaison, in manchen Gegenden aber auch ganzjährig
- ein ausgedehntes Territorium, in welchem es keine fremden Artgenossen
duldet. Die Form des Territoriums ist je nach Lebensgebiet unterschiedlich:
In ausgedehnten Sumpflandschaften ist es praktisch kreisrund,
entlang von Seeufern jedoch streifenförmig. In einem gut
untersuchten Fall war ein Seeuferterritorium nur zwei- bis dreihundert
Meter breit, dafür über sieben Kilometer lang.
Sein Nest, eine umfangreiche Plattform aus Halmen,
fertigt das Paar entweder auf einem kleinen Inselchen oder aber
auf einem besonders dichten Schwimmpflanzenteppich an. Dahinein
legt das Weibchen in Abständen von etwa fünf Tagen
zwei oder drei Eier. Beide Altvögel wechseln sich beim Bebrüten
derselben etwa alle sechs Stunden ab. Ähnlich wie die Störche
begrüssen sich Männchen und Weibchen beim Schichtwechsel
jeweils mit Schnabelklappern und Verbeugungen.
Die jungen Schuhschnäbel schlüpfen nach einer Brutdauer
von etwa einem Monat gestaffelt - in Abständen von etwa
fünf Tagen - aus den Eiern. Dies ist deshalb der Fall, weil
die Altvögel gleich nach Ablegen des ersten Eis mit dem
Brüten begonnen haben. Die Jungen tragen anfangs ein silbergraues
Daunenkleid. Ihr Kopf ist bereits recht gross, doch ist die ungewöhnliche
Form des Schnabels noch nicht ausgebildet. Erst wenn im Alter
von etwa einem Monat die ersten Federn zu spriessen beginnen,
schwillt auch der Schnabel merklich an.
Anfangs werden die Jungvögel recht oft am Tag
gefüttert. Beide Eltern bringen ihnen vor allem Fische:
Sie würgen diese halb zerkleinert hoch und halten sie den
Jungen vor, worauf diese sich kleinere Stücke davon abreissen.
Nach etwa vier Wochen besuchen die Altvögel ihre Jungen
merklich seltener, bringen ihnen dafür aber grössere
Beute. Sie legen diese nun einfach ins Nest, worauf sich die
Jungen selbst bedienen.
Die Rivalität zwischen den jungen Schuhschnäbeln
ist gross. Gierig verschlingt jedes von ihnen alle erreichbaren
Bissen und gönnt seinen Geschwistern möglichst wenig.
Das hat vielfach zur Folge, dass nur das stärkste - meistens
das zuerst geborene - die Nestlingsphase überlebt. Man kennt
dieses gestaffelte Schlüpfen und die nachfolgende «natürliche
Auslese» unter den Nestlingen von manchen anderen Vogelarten.
Sie gewährleistet, dass auch in nahrungsarmen Gebieten oder
Jahren statt zwei oder drei unterernährten «Kümmerlingen»
wenigstens ein kräftiges Junges aufkommt.
Das Jugendgefieder der jungen Schuhschnäbel ist
im Alter von dreieinhalb Monaten vollständig ausgebildet.
In diesem Alter unternehmen sie ihre ersten Flüge in die
nähere Umgebung und versuchen alsbald auch ihr Jagdglück.
Noch mindestens vier Monate lang vermögen sie sich aber
nicht selbstständig zu ernähren, sondern müssen
von ihren Eltern zugefüttert werden. Soweit wir wissen,
sind sie im Alter von drei bis vier Jahren fortpflanzungsfähig.
Wie manche anderen Stelzvögel können sie ein recht
hohes Alter erreichen: Der Rekord in Menschenobhut liegt bei
36 Jahren.
Sümpfe werden zu Reisfeldern
Weil der Lebensraum des Schuhschnabels unzugängliche
Sumpflandschaften sind, haben die Ornithologen die Grösse
des Artbestands lange Zeit massiv unterschätzt. Noch Ende
der 1970er-Jahre ging man von einer Gesamtpopulation von nur
etwa 1500 Individuen aus und stufte den Vogel als vom Aussterben
bedroht ein. Bestandserhebungen mit Hilfe von Kleinflugzeugen
- insbesondere im südlichen Sudan, den Hauptbrutgebiet des
Schuhschnabels - haben inzwischen gezeigt, dass der Artbestand
mindestens 11 000 Vögel umfasst, nämlich rund 9000
im Sudan und etwa 2000 im restlichen Verbreitungsgebiet. Dies
ist zwar keine enorme Zahl; sie lässt aber die Prognosen
hinsichtlich der Überlebenschancen der Art weit günstiger
ausfallen.
In den meisten Ländern, in denen der Schuhschnabel
vorkommt, steht er heute unter gesetzlichem Schutz. Tatsächlich
scheint nirgendwo eine gezielte Bejagung stattzufinden. Ausserdem
konnte der einst massenhafte Fang und Export von Schuhschnäbeln
für Zoos (wo die Nachzucht bisher erst ein einziges Mal
gelang) und Museen dank der Konvention über den internationalen
Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) stark
vermindert werden.
Zu schaffen macht dem Schuhschnabel jedoch der Verlust
seines Lebensraums auf breiter Front. Seit längerem werden
auch in Afrika Sümpfe als wertlose «Unländer»
betrachtet und nach Möglichkeit trockengelegt, um sie als
Anbauflächen oder als Viehweiden zu nutzen. So wurde zum
Beispiel die ganze östliche und südliche Uferzone des
Kyoga-Sees in Uganda in Reisfelder umgewandelt - und dadurch
der einst dort heimische Schuhschnabelbestand vollständig
verdrängt. Auch das riesenhafte, derzeit zurückgestellte
Jonglei-Kanal-Projekt im südlichen Sudan wird zweifellos
eine verheerende Wirkung auf den lokalen Schuhschnabelbestand
haben, sofern es dereinst verwirklicht wird.
Im Moment gilt der Schuhschnabel zwar nicht als aktuell
in seinem Fortbestand gefährdet. Sofern die gegenwärtigen
Entwicklungen innerhalb seiner Heimat anhalten, wird dies aber
demnächst der Fall sein. Der Weltvogelschutzverband «BirdLife
International» (ehem. ICBP) und die Weltnaturschutzunion
(IUCN) führen den Schuhschnabel deshalb in der Kategorie
«nächstens gefährdet» auf ihrer Roten Liste.
Legenden
Der Schuhschnabel (Balaeniceps rex) ist in der
gefiederten Welt ein Sonderling: Er steht verwandtschaftlich
keiner anderen Vogelsippe besonders nah und wird deshalb einer
eigenen Familie (Balaenicipitidae) - irgendwo zwischen den Störchen
(Ciconiidae) und den Reihern (Ardeidae) - zugeordnet. Ausgewachsene
Individuen weisen eine Standhöhe um 115 Zentimeter auf.
Männchen und Weibchen unterscheiden sich äusserlich
nicht.
Der Schuhschnabel bewohnt unwegsame Sumpflandschaften
im östlichen und zentralen Afrika. Dort betätigt er
sich als Beutegreifer. Zum Opfer fallen ihm hauptsächlich
Fische aller Art (unten; im Jugendgefieder). Er erlegt aber auch
Frösche, Wasserschlangen, Warane, junge Krokodile, Wasservögel
und Ratten.
Sein Nest, eine umfangreiche Plattform aus Halmen,
legt das Schuhschnabelpaar entweder auf einem kleinen Inselchen
oder aber auf einem besonders festen Schwimmpflanzenteppich an.
Beide Altvögel beteiligen sich partnerschaftlich sowohl
am Bau des Nests als auch am Bebrüten des Geleges und an
der Aufzucht der Jungen.
Die jungen Schuhschnäbel schlüpfen nach
einer Brutzeit von etwa einem Monat. Ihr Schnabel ist anfangs
keineswegs «schuhförmig» vergrössert. Erst
ab der fünften Lebenswoche schwillt er allmählich an.
An heissen Tagen füllen die Altvögel immer wieder ihren
voluminösen Schnabel mit Wasser und begiessen sowohl das
Nest als auch ihren Nachwuchs mit dem kühlen Nass (unten).
Der Schuhschnabel, so heisst es, habe «die
grösste Klappe Afrikas». Das Flusspferd würde
das gewiss bestreiten... Tatsache ist, dass der etwa 19 Zentimeter
lange und ausserdem sehr breite und hohe Schnabel des blaugrauen
Vogels keinem anderen Vogelschnabel gleicht. Allenfalls erinnert
er an einen arabischen «Schlupfschuh» - daher der
Artname.
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