Ein Musterbeispiel:

Der Schulbiotop «Christoph Merian»


© 1984 Markus Kappeler



Das Primarschulhaus «Christoph Merian» in Basel besitzt einen vorbildlichen Schulbiotop. Initiative Lehrer, begeisterungsfähige Schüler und einsatzfreudige Eltern haben ihn in ihrer Freizeit geschaffen. 1981/82 haben sie den langweiligen Rasen mit dem Schild «Betreten verboten» zwischen Schulhaus und benachbarter Alterssiedlung umgestaltet. Ein prächtiger Schulbiotop mit Kiesfläche, Weiher, Feuchtgebiet und Magerwiese ist dabei herausgekommen. Und in einem Zuge ist sogar noch ein währschafter Schülergarten mit eigenem Komposthaufen entstanden.

«Wir sind alles Laien und haben doch dieses Experiment zu aller Zufriedenheit durchführen können», sagt einer der massgeblich beteiligten Lehrer. Was er uns mündlich erzählt hat, gibt einen guten Einblick in den Verlauf des gelungenen «Experiments»:

«Eigentlich begann es im Sommer 1980 mit einem Lehrerbildungsausflug zu einem bio-dynamischen Bauernhof. Dort war uns hautnah gezeigt worden, wie sehr der Mensch in der heutigen Zeit der Natur zu Leibe rückt, und wie viel doch der Einzelne im Kampf gegen diese fatale Entwicklung tun könnte. Wir kamen alle tief beeindruckt nach Basel zurück, mit der beinahe uneingeschränkten Bereitschaft, uns in unserem persönlichen Einflussbereich für das Wohlergehen der Natur einzusetzen. Und was lag für uns Lehrer als Bereich näher als unsere Schule?

So kam denn die Idee auf, aus dem makellos gepflegten, aber völlig unnützen Rasen hinter dem Schulhaus einen Schulbiotop zu schaffen. Ein Riesenweiher schwebte uns vor - im Stil der öffentlichen Gemeindebiotope in der Umgebung Basels.

Diese Weiheridee unterbreiteten wir dem Quartiergärtner, der uns schon mit unserem Pausenhof-Spielgerät vorzüglich geholfen hatte. Und das war unser grosses Glück. Er war begeistert vom Gedanken eines Schulbiotops, fand aber, wir könnten uns anstelle des Weihers ruhig etwas Originelleres einfallen lassen, und erzählte uns von der Naturgartenidee, vom Gedankengut Le Roy's, von Urs Schwarz und Alex Oberholzer.

Daraufhin setzten wir uns nochmals zusammen und kamen schon bald zum Schluss, dass es tatsächlich viel interessanter und sinnvoller wäre, wenn unsere Anlage den Urzustand des Geländes, auf dem unser Schulhaus steht, wiederspiegeln würde - wie damals, als Birs und Rhein hier riesige Schottermassen ablagerten. Unser Biotop sollte ein standortgemässes Kies-Oedland mit seinen faszinierenden Pioniergesellschaften sein - ein Lebensraumtypus, der in unserer Region fast überall dem menschlichen Zugriff zum Opfer gefallen ist.

«Macht das!» war die simple, aber für uns sehr wesentliche Reaktion des Quartiergärtners auf unsere neue Idee. «Ich stelle Euch mein Fachwissen jederzeit zur Verfügung.» Und tatsächlich hat er nicht nur in diesem vorbereitenden Stadium, sondern auch in den späteren Phasen immer wieder mit Rat und Tat entscheidend zur erfolgreichen Realisierung unseres Projekts beigetragen. Unter anderem haben wir ihn bei allen unseren Eingaben an Behörden als «unseren» Fachmann angegeben, was oft sehr hilfreich war.

Die praktische Planung unseres Schulbiotops hat sich eigentlich ganz von selbst ergeben und lautete etwa folgendermassen: Um eine wasserdurchlässige, humusarme Kiesfläche zu schaffen, müssen wir Erde weggraben und Kies auffüllen. Mit der Erde, die dabei anfällt, gestalten wir einen Hügel. Auf dem Hügel würde sich eine Hecke mit ein paar einheimischen Sträuchern sehr gut machen. Am Rand des Hügels legen wir einen kleinen, ausschliesslich regenwassergespeisten Weiher an, weil der für den Unterricht sehr vielfältig verwendbar ist. Und beim Überlauf des Weihers legen wir ein kleines Feuchtgebiet an. Auf dem noch verbleibenden Rasen lassen wir eine blumenreiche Magerwiese entstehen. Und auf der Rückseite des Hügels, gegen die Alterssiedlung hin, pflanzen wir ein paar schöne Rosensträucher - als kleine Versöhnungsgeste für die Bewohner der Siedlung, die vielleicht über unsere Wildnis nicht sehr erbaut sind.

Mittlerweile haben die Senioren allerdings dermassen Freude am Biotop, dass sie uns Rossköpfe in den Weiher eingesetzt haben, obwohl sich diese späher einmal lautstark bemerkbar machen könnten. Und eine nette alte Dame übernimmt während längerer Trockenzeiten die Organisation des Biotopspritzens mit den Kindern. Über diese nachbarlichen Beziehungen freuen wir uns natürlich ganz besonders.

Nachdem wir uns im Kollegium darüber einig waren, dass wir das Projekt durchführen wollten, haben wir es den zuständigen Behörden zur Bewilligung unterbreitet. Das war im Frühjahr 1981. Der Bedarf eines Schulbiotops, unser Wille zur Schaffung eines solchen, das ungefähre Konzept der Anlage, unser kompetenter Fachmann und das Datum des Baubeginns waren die wesentlichen Punkte, die in unserem Gesuch zum Ausdruck kamen. Ausserdem haben wir immer betont, dass die Arbeiten nicht an ein Baugeschäft zu überweisen sind, sondern dass wir den Biotop auf jeden Fall in eigener Regie, zusammen mit Schülern und Eltern, erschaffen wollten. Weil sonst der ganze Sinn einer solchen Aktion und vielleicht sogar derjenige der Anlage selbst in Frage gestellt wäre.

Mit dem Segen der Behörden für unser Projekt «marschierte» dann eines schönen Morgens im August 1981 ein kleiner Bagger bei uns auf. Und fing auch schon an zu buddeln. Da lief es uns ganz schön kalt den Rücken hinunter! Wir erschraken über unseren eigenen Mut. Denn das sah ganz grässlich aus: Wo vorher der sauber gepflegte Rasen gewesen war, sah man plötzlich nur noch einen unbeschreiblichen Dreck.

Zum Glück kam da auch schon der Kies - 4 Lastwagen voll. Diese fuhren bis in den Pausenhof und luden mit einem Riesenlärm ihre Ladung ab. Und da hat dann eigentlich das Fest begonnen. Alle Kinder hingen an den Fenstern. In den Pausen spielten sie in dem mächtigen Kiesberg. Und auch wir fassten wieder etwas Mut. Jedermann spürte, dass etwas Grosses bevorstand.

So gross wie der Kiesberg selbst war schon bald auch unser Problem, wie wir wohl den Kies je in den Aushub bringen würden. Nachdem nämlich die Kinder an mehreren Tagen mit ihren Karettli und Kesseli Kies transportiert hatten, war der Berg immer noch gleich mächtig.

So schrieben wir denn einen Hilferuf an die Eltern der Schüler aller zwölf Klassen und baten um ihre handfeste Mitarbeit. Und da geschah das Überraschende und ganz speziell Erfreuliche: Am Samstag, dem 22.August 1981, um 8 Uhr früh standen siebzig einsatzbereite Mütter, Väter und Bekannte der Kinder im Pausenhof. Glücklicherweise hatten wir am Vorabend die gewünschten Geländestrukturen mit Pfosten markiert und kurz beschrieben. Z.B. «Hier kleiner Hügel aus Gemisch lx Kiest 2x Erde». Oder «Hier führt Kiesweg entlang». So hat jedermann in etwa gesehen, was zu tun ist; die Gruppen, die sich formierten, konnten selbständig arbeiten. Um 10 Uhr war jedenfalls die ganze Arbeit bereits erledigt.

Völlig ungeplant ist am selbigen Morgen - unter der spontanen und fachkundigen Leitung des Chefs einer nahen Schrebergarten-Kolonie - gleich noch ein prächtiger Schüler-Nutzgarten entstanden.

In den folgenden Wochen sammelten alle Klassen auf Exkursionen und ganztägigen Ausflügen in Kiesgruben, auf typischen Magerwiesen etc. Samen, die dann in der Folge im Schulbiotop ausgesät wurden.

Mit den Kindern zusammen wurde ebenfalls ein grosser Haufen von Ästen zum Vermodern zusammengetragen. Das ist eine recht einfache Sache und stellt doch einen ausserordentlich interessanten Lebensraum für unzählige niedere Tiere und Pflanzen dar.

Wir Lehrer beschafften noch ein paar grosse Kalksteinblöcke. In Gartenbaugeschäften sind solche Steine unglaublich teuer. Wir fuhren deshalb mit dem Auto zu einer Abbruchstelle in der Stadt und luden jeweils einen solchen Brocken auf.

Unsere Hecke wurde da schon wesentlich teurer, denn leider war der Stadtförster gar nicht begeistert von der Idee, mit unseren Schülern zusammen auf einer Exkursion passende Sträucher zu suchen. Etwas enttäuscht, sahen wir uns gezwungen, solche zu kaufen. Dank unserem Quartiergärtner kamen wir zum Ankaufspreis zu den Pflanzen und erhielten erst noch praktische Anleitung im Setzen derselben.

Nun kam der Winter und wir liessen unseren Biotop erst einmal ruhen.

Im Vorfrühling 1982 wurde dann in einer Aktion des Lehrerkollegiums, welche sich übcr mehrere Nachmittage hinweg zog, der Weiher gebaut - mit Gitter, Sand, Folie usw. Wir führten diese Arbeiten darum im Lehrerkreis aus, weil der Weiherbau eine recht anspruchsvolle Angelegenheit ist, und es darum schwierig gewesen wäre, unsere Primarschüler sinnvoll bei den Arbeiten einzusetzen. Und die Eltern wollten wir nicht nochmals aufbieten. Sie wären zwar sofort gekommen, doch stellten wir uns das Gedränge im Weiher lebhaft vor, und fanden dann, ein Dutzend Lehrer genüge da vollauf.

Beim Gestalten des Feuchtbiotops, dem Bepflanzen von Weiher und Uferzone und beim Anlegen von Unterschlüpfen für Frösche und Kröten wurden dann die Schüler wieder miteinbezogen. «Impf»-Wasser sowie Weiher- und Sumpfpflanzen konnten wir grösstenteils kostenlos aus bereits existierenden Weihern beziehen.

Und schon hielt der Frühling in unserem Schulbiotop Einzug! Unsere noch vor Jahresfrist sterile Rasenfläche und anschliessend unschöne Baugrube verwandelte sich innert kurzer Zeit in eine wunderbar belebte Wildnis. Wir waren alle überwältigt davon, wie sich auf diesem kleinen Raum plötzlich unzählige Blumen, Insekten und Vögel niederliessen. Sie boten ... und bieten noch heute überreichen Erlebnis- und Lehrstoff. Jeder beobachtet seine Samen, seinen Strauch beim Wachsen. Im Schulgarten säen, pflegen und ernten die Buben und Mädchen ihr Gemüse und verzehren den sagenhaft schmeckenden Salat gleich noch genüsslich in der Schulstube. In allen Gesichtern steht das Staunen und die Freude über diesen von uns geförderten Reichtum an Leben geschrieben.

Abschliessend noch ein Wort zur Finanzierung: Zum Zeitpunkt der Biotopplanung standen uns rund 3000 Franken, die von einem gelungenen Schulhausfest übrig geblieben waren, zur freien Verfügung. Das hatte uns in die angenehme Lage versetzt, dass wir unser Projekt auch dann hätten in die Wege leiten können, wenn unser anfängliches Budgetbegehren abschlägig behandelt worden wäre - was dann aber nicht der Fall war.

Bagger und Kieslieferung kosteten rund 1200, diverse Baumaterialien, Werkzeuge, Anleitungen etc. rund 500, verschiedene Pflanzen etwa 900, die Weiherfolie rund 1000 und ein Sitzplatz ca. 400 Franken. Alles in allem kam unser Biotop also auf nur rund 4000 Franken zu stehen.

Diese geringen Kosten konnten natürlich nur dank der bereitwilligen Fronarbeit aller Beteiligten erreicht werden. Dass aber gerade diese Einsätze zu den wertvollsten Erlebnissen im Zusammenhang mit unserem Biotop gehören, sei hier doch auch gesagt. Sie haben nicht nur Erfahrungen vermittelt, die unter die Haut gingen, sondern haben auch unsere Beziehungen untereinander in starkem Masse gefördert.»




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