Langschwanz-Schuppentier
Manis tetradactyla
© 1993 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Sippe mit nur sieben Arten
Die Schuppentiere gehören zweifellos zu den absonderlichsten
Säugetieren der Erde: Anstelle eines Haarkleids tragen sie
einen artischockenartigen Schuppenpanzer, anstelle von Zähnen
verfügen sie über einen Kaumagen, und ihre Lieblingsspeise
bilden Ameisen und Termiten.
Interessanterweise finden sich auf unserem Planeten
noch zwei weitere Gruppen bizarrer Säugetiere, welche ebenfalls
einen gepanzerten Leib aufweisen, ebenfalls zahnlos sind und
sich ebenfalls von Ameisen und Termiten ernähren. Es handelt
sich zum einen um die Schnabeligel aus Neuguinea und Australien,
welche ein dichtes Stachelkleid tragen, und zum anderen um die
Gürteltiere aus der Neuen Welt, welche über einen schildkrötenartigen
Hautknochenpanzer verfügen.
Wir wissen seit langem, dass die Schnabeligel weder
mit den Schuppentieren noch mit den Gürteltieren näher
verwandt sind. Neuer ist hingegen die Erkenntnis, dass auch die
Schuppentiere und die Gürteltiere keine nahen Verwandten
sind. Während die Gürtel tiere heute zur Ordnung der
Nebengelenktiere (Xenarthra) gerechnet werden (zu denen auch
die Ameisenbären und die Faultiere gehören), stellt
man die Schuppentiere jetzt in eine eigene Ordnung namens Pholidota,
was auf deutsch «Schuppenträger» bedeutet. Die
früher übliche Vereinigung der Schuppentiere und der
Nebengelenktiere zur Ordnung der Zahnlosen (Edentata) hat sich
als unrichtig erwiesen, weshalb sie in der neueren Systematik
nicht mehr aufscheint.
Es gibt weltweit nur sieben Schuppentierarten. Sie
sind alle dermassen eng miteinander verwandt, dass sie nicht
nur der gleichen Familie (Manidae), sondern sogar ein und derselben
Gattung (Manis) angehören. Ihre Verbreitung ist auf
die Alte Welt beschränkt: Drei Arten kommen in Süd-
und Südostasien vor, vier Arten leben in Afrika südlich
der Sahara. In Europa gemachte fossile Schuppentierfunde deuten
allerdings darauf hin, dass die Verwandtschaft der «lebenden
Fichtenzapfen» einst beträchtlich weiter verbreitet
und wohl auch artenreicher war als sie es heute ist.
Zu den vier afrikanischen Schuppentieren gehören
zwei bodenlebende Arten, das Riesenschuppentier (Manis gigantea)
und das Steppenschuppentier (Manis temmincki), sowie zwei
baumlebende Arten, das Weissbauch-Schuppentier (Manis tricuspis)
und das Langschwanz-Schuppentier (Manis tetradactyla).
Die Verbreitungsgebiete der beiden bodenlebenden afrikanischen
Arten ergänzen sich - von wenigen Überlappungen abgesehen
- gegenseitig: Das Riesenschuppentier kommt in Westafrika und
im nördlichen Zentralafrika vor, während das Steppenschuppentier
im östlichen und südlichen Afrika zu Hause ist. Die
Verbreitungsgebiete der beiden baumlebenden afrikanischen Arten
sind hingegen auf weiter Fläche deckungsgleich: Beide bewohnen
die Regenwaldgebiete West- und Zentralafrikas. Das Langschwanz-Schuppentier
weist allerdings das kleinere Verbreitungsgebiet der beiden auf:
Dieses erstreckt sich von Senegal und Gambia im Westen bis nach
Uganda im Osten und Angola im Süden, während das Verbreitungsgebiet
des Weissbauch-Schuppentiers im Osten noch bis nach Kenia und
Tansania reicht und sich in Zaire und Angola deutlich weiter
nach Süden ausdehnt.
Fünf Gliedmassen und ein Muskelmagen
Mit einer Kopfrumpflänge von 30 bis 40 Zentimetern
und einem Gewicht um 2,5 Kilogramm ist das Langschwanz-Schuppentier
das kleinste Mitglied der Familie, wobei zwischen Männchen
und Weibchen keine nennenswerten Grössenunterschiede bestehen.
Sein Kopf ist im Verhältnis zum restlichen Körper auffallend
klein. Überaus lang ist hingegen - wie der Name sagt - sein
Schwanz, der mit 60 bis 70 Zentimetern beinahe die doppelte Kopfrumpflänge
aufweist. Bemerkenswert ist die Zahl der Wirbel, die mit 46 oder
47 Stück grösser ist als bei sämtlichen anderen
Säugetieren der Erde. Die hohe Schwanzwirbelzahl verleiht
dem Schwanz eine bemerkenswerte Beweglichkeit, und sie macht
ihn in Verbindung mit der überaus kräftigen Schwanzmuskulatur
zu einem greiffähigen, vielseitig einsetzbaren Kletterorgan,
welches dem beschuppten Baumbewohner beim Herumklettern im Geäst
unschätzbare Dienste als «fünfte Gliedmasse»
leistet. Dies umso mehr, als sich auf der Unterseite der Schwanzspitze
ein nacktes, sehr empfindliches Hautpolster befindet, welches
- ähnlich einer Fingerkuppe - als Tastorgan dient.
Das auffälligste Körpermerkmal des Langschwanz
Schuppentiers ist zweifellos sein Schuppenpanzer. Auf dem Rücken
sind die dachziegelartig übereinanderliegenden Hornschuppen,
welche von der Lederhaut gebildet werden und im Gewebefeinbau
mit unseren Fingernägeln vergleichbar sind, ungefähr
drei Zentimeter lang. Sie sind von dunkelbrauner Farbe und weisen
einen hellbraunen, oft auch gelben Rand auf. Brust und Bauch
sowie die Innenseiten der Gliedmassen sind nicht beschuppt, sondern
haben eine spärliche, schwarze Behaarung. Ebenfalls schuppenfrei
sind die Schnauze, die Kopfseiten und die Kehle. Hingegen trägt
der Schwanz nicht nur auf der Oberseite, sondern - von der erwähnten
nackten Stelle an der Schwanzspitze abgesehen - auch auf der
Unterseite Schuppen. Rund einen Drittel des gesamten Körpergewichts
macht das einzigartige «Fell» des Langschwanz-Schuppentiers
aus, was ein bei Säugetieren ungewöhnlich hoher Anteil
ist.
Aussergewöhnlich sind im übrigen die «Mundwerkzeuge»
des Langschwanz-Schuppentiers: Die Kiefer sind zahnlos, und die
Kiefermuskulatur ist stark rückgebildet. Tatsächlich
zerkaut das Schuppentier seine Nahrung - mit Chitinpanzern ausgestattete
Ameisen und Termiten - nicht im Mund, sondern zerkleinert sie
in seinem mit verhornten Wänden ausgestatteten «Muskelmagen».
Zwecks Steigerung von dessen Mahlwirkung verschluckt es immer
wieder Sand und kleine Steinchen, welche dann gewissermassen
die Funktion von Zähnen übernehmen. Um seine kleingewachsenen
Beutetiere zu fangen und in den Magen zu befördern, verfügt
das Langschwanz-Schuppentier über eine sehr ungewöhnliche,
wurmförmige Zunge. Sie ist gegen 20 Zentimeter lang und
wird in der Ruhelage in eine Scheide zurückgezogen, die
bis in die Brusthöhle hinein reicht. Riesige Speicheldrüsen
sind eine weitere Anpassung an die spezielle Ernährungsweise
des Schuppentiers: Sie versorgen die Zunge mit reichlich klebrigem
Speichel, an dem die Termiten und Ameisen haften bleiben.
Ein wendiger Kletterer und vorzüglicher Schwimmer
Das Langschwanz-Schuppentier ist ein ausgeprägter
Baumbewohner. Es verbringt die meiste Zeit seines Lebens hoch
oben im Kronendach des Regenwalds und erweist sich dort als ein
sehr wendiger, wenn auch nicht sonderlich schneller Kletterer.
Das Weissbauch-Schuppentier, das ja denselben Lebensraum nutzt,
hält sich hingegen zumeist in den tieferen Waldetagen oder
sogar auf dem Boden auf, weshalb zwischen den beiden Arten kaum
Nahrungswettstreit besteht.
Das Langschwanz-Schuppentier ist sowohl am Tag als
auch in der Nacht rege. Die meiste Zeit seiner Aktivphasen widmet
es der Nahrungssuche. 150 bis 200 Gramm Ameisen und Termiten
benötigt es täglich, und hierzu reisst es entweder
mit seinen kräftigen Vorderkrallen die Nester baumlebender
Ameisen- und Termitenvölker auf oder es überfällt
die Tierchen entlang ihrer «Strassen». Bei der Nahrungsaufnahme
schnellt seine Zunge fortwährend mit grosser Geschwindigkeit
vor und zurück und sticht gezielt in die engen Gänge
der Ameisen- und Termitennester.
Interessanterweise ist das Langschwanz-Schuppentier
nicht nur ein geschickter Kletterer, sondern auch ein vorzüglicher
Schwimmer. Das ist mitunter eine sehr vorteilhafte Fähigkeit:
Wird das Schuppentier nämlich im Geäst von einem Feind
bedrängt und hält es sich über einem Gewässer
auf, so lässt es sich einfach fallen und bringt sich schwimmend
in Sicherheit. Wohl deshalb zeigt es eine ausgeprägte Vorliebe
für Waldstücke mit Bäumen, die im und am Wasser
stehen.
Ist diese elegante Form der Flucht vor einem Fressfeind
nicht möglich, so rollt sich das Schuppentier kugelförmig
zusammen, so dass rundherum nur Schuppen zu sehen sind. Macht
sich der Feind an der «Schuppenkugel» zu schaffen,
so stösst es ein abweisendes, schlangenartiges Zischen aus,
produziert impertinent riechendes Sekret aus seinen Analdrüsen
und gibt Harn ab. In höchster Not schlägt es mit den
robusten Krallen seiner Vorderbeine heftig um sich, um den Feind
abzuwehren.
Wohngebiete mit persönlicher Duftnote
Die Langschwanz-Schuppentiere leben gewöhnlich
einzelgängerisch. Sie sind im übrigen «Gewohnheitstiere»,
die sich möglichst ihr ganzes Erwachsenenleben lang in einem
klar begrenzten Wohngebiet aufhalten, in welchem sie sich gut
auskennen und in welchem sie regelmässig dieselben Schlafplätze
(zumeist Baumhöhlen) und Wechsel benützen. Letztere
kennzeichnen sie auf ihren Wanderungen durchs Geäst immer
wieder mit Urin und mit dem stark riechenden Sekret aus ihren
Analdrüsen und verleihen dadurch ihrem Wohngebiet eine «persönliche
Duftnote». Dies vermittelt den mit einem ausgezeichneten
Geruchssinn ausgestatteten Tieren nicht nur ein Gefühl der
Geborgenheit, sondern informiert auch alle Artgenossen darüber,
dass das betreffende Waldstück bewohnt ist. So vermögen
die ungeselligen Tiere auf einfache Weise, «unliebsame»
Begegnungen zu vermeiden. Benachbarte Langschwanz-Schuppentiere
können einander zweifellos anhand dieser Geruchsspuren individuell
erkennen, und die Männchen vermögen auf diesem Weg
auch festzustellen, wann die ortsansässigen Weibchen paarungsbereit
sind.
Die Paarungen sind nicht an eine bestimmte Saison
gebunden, sondern konnen zu allen Jahreszeiten statt finden.
Nach einer Tragzeit von ungefähr fünf Monaten bringen
die Weibchen in einer ungepolsterten Baumhöhle jeweils ein
einzelnes Junges zur Welt. Dieses wiegt bei der Geburt 100 bis
150 Gramm und hat eine Gesamtlänge von 30 bis 35 Zentimetern.
Während der ersten Lebenswoche bleibt es ständig in
seinem sicheren Versteck, auch wenn die Mutter auf Nahrungssuche
geht. Danach klammert es sich auf dem Schwanz der Mutter (im
Bereich der Schwanzwurzel) fest und begleitet sie so bei ihren
Fresswanderungen durch das Wohngebiet. Gelegentlich «deponiert»
die Mutter ihren Sprössling auf einem Ast und holt ihn dort
nach einiger Zeit wieder ab. Schon im Alter von zwei Wochen nimmt
das Junge selbst Ameisen und Termiten zu sich. Die vollständige
Entwöhnung von der Muttermilch findet aber erst im Alter
von etwa drei Monaten statt.
Im Alter von vier bis fünf Monaten, kurz bevor
das Weibchen das nächste Kind zur Welt bringt, trennt sich
das Junge von seiner Mutter und streift in der Folge allein an
der Peripherie des mütterlichen Wohngebiets umher. Mit etwa
neun Monaten, kurz bevor sein jüngeres Geschwister diesen
Platz für sich benötigt, löst es sich dann endgültig
von seinem Geburtsort und begibt sich auf die Suche nach einem
eigenen Wohngebiet. In dieser Lebensphase scheinen die jugendlichen
Schuppentiere besonders anfällig auf Feinde zu sein, da
sie sich in unbekannte Regionen vorwagen und auch häufig
ohne den Schutz einer Baumhöhle auskommen müssen. Grössere
baumbesteigende Raubtiere wie der Leopard (Panthera pardus)
und der Felsenpython (Python sebae) können ihnen
dann gefährlich werden.
Medizin, Talisman und Zaubermittel
Leider fallen Schuppentiere - jugendliche wie erwachsene
- auch in grosser Zahl dem Menschen zum Opfer. Zum einen werden
sie wegen ihres wohlschmeckenden Fleischs überall stark
bejagt. Zum anderen werden ihnen - wohl der sonderbaren Erscheinung
wegen vielerorts magische Kräfte zugeschrieben, weshalb
besonders ihre Schuppen und ihre Klauen als Medizin, Talisman
und Zaubermittel sehr begehrt sind. Die direkte Verfolgung durch
den Menschen ist einer der Hauptgründe, weshalb die Schuppentiere
heute in ihrem Bestand gefährdet sind. Der andere Grund
ist der ebenfalls durch den Menschen verursachte, fortwährende
Verlust von Lebensraum.
Zwar ist es sehr schwer, die Bestandssituation des
Langschwanz-Schuppentiers abzuschätzen, da es als einzelgängerischer,
baumbewohnender und häufig nachtaktiver Regenwaldbewohner
in freier Wildbahn kaum je zu sehen ist. Es gibt allerdings Hinweise
darauf, dass es deutlich seltener ist als das Weissbauch-Schuppentier,
denn es scheint in starkem Mass auf unberührten, hochwüchsigen
Primärwald als Lebensraum angewiesen zu sein, während
jenes durchaus auch in Sekundärwald und in Plantagen anzutreffen
ist. Diese Abhängigkeit von Primärregenwald bedeutet
zweifellos eine immense Gefahr für den Fortbestand des Langschwanz-Schuppentiers,
da überall in Afrika die Regenwälder Stück für
Stück zerstört werden.
In Gambia, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
ist das Problem besonders akut, denn bereits hat die kleine Republik
den grössten Teil ihrer ursprünglichen Walddecke eingebüsst.
Es gibt zwar noch einige Restwaldstücke, welche unter gesetzlichem
Schutz stehen. Deren Gesamtfläche bemisst sich aber auf
lediglich 340 Quadratkilometer. Und zudem hapert es in Gambia
- wie so oft - mit dem Gesetzesvollzug, weshalb in diesen Waldreservaten
weiterhin Baum für Baum gefällt und zu Bau- und Brennholz
verarbeitet wird.
Noch findet eine kleinere Population von Langschwanz-Schuppentieren
in Gambia eine Heimat. Ob sie aber längerfristig eine Überlebenschance
hat, erscheint angesichts des stetig wachsenden Drucks der gambischen
Bevölkerung auf die letzten Waldreserven fraglich.
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