Schwarze Korallen

Antipatharia


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



150 Arten Schwarzer Korallen

Die Nesseltiere (Cnidaria), zu denen die Seeanemonen, die Quallen und die Korallen gehören, bilden mit rund 10 000 verschiedenen Arten eine recht umfangreiche Tiersippe. Weil ihr Körper sehr einfach gebaut ist, zählen die Nesseltiere zu den urtümlichsten Vertretern des Tierreichs. Dieser Ursprünglichkeit zum Trotz sind sie jedoch sehr erfolgreiche Lebewesen, welche sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte über alle Ozeane und Meere unseres Planeten ausgebreitet haben und in ihrer Unterwasserwelt allesamt wichtige ökologische Rollen spielen. Hervorzuheben sind insbesondere die Steinkorallen, welche für die Bildung der tropischen Korallenriffe verantwortlich sind. Ohne ihr unermüdliches Wirken gäbe es weder das immense Great-Barrier-Riff vor Australiens Ostküste noch all die vielen Atolle der Südsee.

Der Stamm der Nesseltiere gliedert sich in vier Klassen: die Echten Quallen (Scyphozoa), die Hydrozoen (Hydrozoa), die Würfelquallen (Cubozoa) und die Blumentiere (Anthozoa). Letztere bilden mit rund 6000 Arten die grösste dieser Klassen und werden ihrerseits in drei Unterklassen gegliedert: Erstens die Zoantharia oder Hexacorallia, zu denen die riffbildenden Steinkorallen einerseits und die bezaubernden Seeanemonen andererseits gehören; zweitens die Alcyonaria oder Octocorallia, welche die Seefächer, Seefedern und Seepeitschen sowie die Orgelkorallen und die roten Edelkorallen umfasst; und drittens die Ceriantipatharia, zu denen neben den hübschen Zylinderrosen die Schwarzen Korallen (Familie Antipatharia) zählen.

Insgesamt kennen wir rund 150 Arten von Schwarzen Korallen. Die Klassifizierung der verschiedenen Arten hat sich allerdings von alters her als sehr schwierig erwiesen und ist in Fachkreisen weiterhin Gegenstand eifriger Diskussionen. Drei hauptsächliche Gattungen werden jedoch im allgemeinen anerkannt: Antipathes, Cirripathes und Leiopathes.

Die Schwarzen Korallen sind über alle Ozeane der Welt verbreitet, wobei die meisten Arten in tropischen und subtropischen Gewässern leben. Über ihre Verbreitung und ihre Lebensweise ist aber in den wenigsten Fällen Näheres bekannt, denn sie leben gewöhnlich in verhältnismässig tiefem Wasser und sind deshalb erst ansatzweise erforscht.

Seit Urzeiten werden aber die dunkel gefärbten Stöckchen der Schwarzen Korallen zu allerlei Amuletten und Schmuckstücken verarbeitet und in jüngerer Zeit zunehmend auch in naturbelassener Form als Reiseandenken verkauft. In weiten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets wurden und werden sie deshalb im Übermass «gefischt», was vielerorts zu einer massiven Verminderung ihrer Bestände geführt hat.

 

Von Fächern und Flaschenbürsten

Wie bei den riffbildenden Steinkorallen ist das, was wir im Volksmund als «Schwarze Koralle» bezeichnen, zoologisch gesehen eine vieltausendköpfige Kolonie winziger Organismen, welche dicht beisammen auf einem gemeinsam gebauten Gerüst von pflanzenähnlichem Wuchs sitzen. Die Höhe dieser Kolonien kann - abhängig von der Korallenart und vom Alter - zwischen ein paar Zentimetern und mehreren Metern betragen.

Die «Grundeinheiten» der Korallenstöcke sind die Korallenpolypen. Es handelt sich dabei um winzige, zarte Wesen von sehr einfachem Bau: Ihr Körper ist von gedrungener, sackartiger Gestalt. Die nach oben gerichtete Öffnung des «Sacks» ist von einem Kranz von sechs kurzen, dicken Tentakeln umsäumt, die sich sanft im Wasser wiegen, während der Boden fest auf der Unterlage haftet. Untereinander sind die Korallenpolypen durch ein gemeinsames lebendes Gewebe verbunden und stehen somit in stofflichem Kontakt miteinander.

Das Gerüst, auf dem die Polypen der Schwarzen Korallen sitzen und das von ihnen gemeinschaftlich durch Sekretion aufgebaut wird, besteht aus schwarzem oder braunem Material von hornartiger, elastischer Beschaffenheit. Es unterscheidet sich hierdurch deutlich vom kalksteinartigen, brüchigen Gerüst der riffbildenden Steinkorallen. Der kissenartig abgeflachte «Fuss» des Korallenstocks ist gewöhnlich auf einer festen Unterlage, etwa einem Felsstück oder einer Steinkoralle, verankert.

Die Wuchsform der Korallenstöcke kann sehr unterschiedlich sein: Oft sind sie in einer Ebene fein verzweigt, wobei die einzelnen «Zweige» entweder frei nebeneinander stehen oder aber mit benachbarten Zweigen verwachsen, so dass ein filigranes Netzwerk entsteht. Solche Kolonien haben ein fächerartiges Aussehen. Bei anderen Arten sind die Korallenstöcke wirtelig verzweigt, das heisst die Seitenästchen setzen rings um den Hauptstengel an. Solche Kolonien ähneln dann Flaschenbürsten.

 

Sesshafte Raubtiere

Schwarze Korallen leben gewöhnlich in deutlich grösserer Tiefe als andere Korallen. Während letztere zumeist nur im sonnendurchfluteten, oberflächennahen Wasser vorkommen, findet man die Schwarzen Korallen im allgemeinen in Tiefen von 30 bis 110 Metern, und es wurden sogar schon welche in über 5000 Metern Tiefe entdeckt.

Wie bei den «normalen» Korallen wird zwar auch bei den Schwarzen Korallen die Standortwahl der Kolonien stark von der im Wasser vorhandenen Lichtmenge beeinflusst ­ dies jedoch mit umgekehrtemVorzeichen: So hat eine in den Gewässern Hawaiis durchgeführte Studie über die Art Antipatharia grandis gezeigt, dass ältere, erwachsene Kolonien nur an Orten zu gedeihen vermögen, wo das vorhandene Licht maximal 60 Prozent des an der Wasseroberfläche vorhandenen Lichts entspricht. Und die Larven dieser Art, welche für die Koloniegründung und damit die Wahl des Standorts des späteren Korallenstocks zuständig sind, können sogar nur dort überleben, wo die Lichtmenge weniger als 25 Prozent des Oberflächenlichts entsprach. Diese «schummerige» Lichtintensität ist in klarem Wasser erst bei einer Tiefe ab etwa 35 Metern erreicht, und deshalb finden sich Kolonien von Schwarzen Korallen gewöhnlich unterhalb dieser Linie.

Schwarze Korallen ernähren sich von Zooplankton, also von winzigen tierlichen Organismen, welche frei im Meerwasser schweben. Treiben solche Kleinstlebewesen mit der Strömung vorbei und berühren dabei die Tentakel eines Korallenpolypen, so werden sie von diesem unweigerlich eingefangen und verspeist.

Die räuberischen Polypen setzen hierfür wirkungsvolle «Waffen» ein: die sogenannten «Nesselzellen», von denen die Nesseltiere ihren Namen haben. Es handelt sich um Zellkapseln, welche mit Gift gefüllt und durch einen zusammengerollten «Schlauch» verschlossen sind. Berührt ein Planktontierchen die empfindlichen «Härchen» auf der Aussenseite einer Nesselzelle, so wird der Schlauch der Kapsel blitzschnell und mit Wucht herausgeschleudert. Dank kleiner Stilette an seiner Spitze durchdringt er die Körperwand des Opfers, und sogleich wird das Gift in dessen Körper gepumpt. Gleichzeitig sorgen kleine Widerhäkchen am Schlauch dafür, dass die Beute nicht weggetrieben wird.
Das freigesetzte Gift ist gewöhnlich hochwirksam und führt rasch zur Lähmung oder gar Tötung des Opfers. Dieses wird in der Folge vom Korallenpolypen in den Hohlraum, den sein sackförmiger Körper umschliesst, befördert und dort verdaut.

 

Siebzigjährige Korallenstöcke

Schwarze Korallen können sich sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich fortpflanzen. Bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung brechen jeweils einzelne Zweigenden an vorbestimmten Bruchstellen ab, werden von der Strömung eine gewisse Strecke mitgetragen, setzen sich dann unweit der Mutterkolonie fest und bilden dort eine neue Kolonie. Auf diese Weise können unter Umständen ganze «Wälder» von Schwarzen Korallen entstehen.

Die geschlechtliche Fortpflanzung ist noch kaum erforscht, scheint sich aber ungefähr folgendermassen abzuspielen: Im Alter von etwa zehn Jahren werden die Kolonien geschlechtsreif, wobei jede Kolonie sowohl männliche als auch weibliche Polypen umfasst. Diese geben in der Folge alljährlich zu einem bestimmten Zeitpunkt Samen und Eier ins Wasser ab. Die befruchteten Eier, die dabei entstehen, entwickeln sich zu winzigen Larven, welche vorübergehend ein planktonisches Leben führen und von den Strömungen oft weit weg getragen werden. Schliesslich lassen sie sich an einem günstigen Ort nieder und bilden dort den Kern einer neuen Kolonie. So findet ständig eine flächendeckende Verjüngung der Bestände statt.

Schwarze Korallen wachsen ziemlich langsam. Es scheint, dass sie an Länge nur etwa sechs Zentimeter im Jahr zulegen und dass ein Korallenast von einem Zentimeter Durchmesser ungefähr fünfzehn Jahre alt ist. Beurteilt man grosse Korallenstöcke anhand dieser Zahlen, so zeigt sich, dass die Schwarzen Korallen offensichtlich ein Alter von mindestens siebzig Jahren erreichen können.

 

Raubbau statt Nachhaltigkeit

Die hübsche Form, die dunkle Färbung und die elastische Festigkeit der Schwarzen Korallen haben die Aufmerksamkeit des Menschen von alters her auf diese bizarren Meereslebewesen gelenkt. So stehen die Schwarzen Korallen etwa im Fernen Osten im Ruf, heilende und magische Kräfte zu besitzen, und werden deshalb - entweder zu Pulver zerrieben als Heilmittel oder zu Schmuck verarbeitet als Amulette - gegen allerlei Krankheiten eingesetzt.

In unserem Jahrhundert wurden die Schwarzen Korallen auch in der westlichen Welt sehr populär, und zwar als Schmuck wie auch als Souvenirs. Um die Korallenstöckchen zu Armreifen und Fingerringen zu verarbeiten, müssen sie zuerst monatelang in einer Spezialbeize eingelegt werden. Anschliessend können sie durch Erhitzen in kochendem Wasser so weich gemacht werden, dass sie in jede gewünschte Form gebogen werden können. Zum Schluss werden sie dann noch mit Hilfe spezieller Öle auf Hochglanz poliert.

Die Schwarzen Korallen werden in der Regel von Tauchern beschafft, welche die Korallenstöcke mit Äxten vom Untergrund lösen. Oftmals wird dabei Quadratmeter um Quadratmeter Meeresboden abgesucht und auch das kleinste Stückchen Koralle abgeräumt, so dass schliesslich ganze Küstengebiete völlig leergefischt sind. Natürlich siedeln sich früher oder später wieder Korallenlarven an. Die daraus entstehenden Korallenstöcke sind aber aufgrund ihres gemächlichen Wachstums erst in Jahrzehnten wieder erntebereit. Die Korallenfischer entziehen sich also durch ihre «Gründlichkeit» selbst die Lebensgrundlage, ebenso wie den lokalen Kunsthandwerkern. Solch starke Übernutzung der lokalen Bestände, verbunden mit einem massivem Rückgang der «Korallenindustrie», hat in den letzten Jahrzehnten insbesondere in der Karibik stattgefunden, so etwa auf Barbados, Jamaika, Curaçao, St. Lucia und den Jungferninseln.

Dabei könnte die Korallenfischerei durchaus nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit, also unter Berücksichtigung der natürlichen Nachwuchsrate der Schwarzen Korallen, betrieben werden. Versuche auf Hawaii haben dies eindeutig bewiesen. Dort wurde die jährliche Nachwachsmenge innerhalb eines bestimmten Gebiets exakt ermittelt und anschliessend die jährliche Erntemenge der Korallenfischer auf diese Menge begrenzt. Fazit der Versuche: Umsichtig gehandhabt könnte die Korallenfischerei zweifellos eine wichtige, langfristig fliessende Einkommensquelle für die lokale Küstenbevölkerung insbesondere kleinerer und ärmerer Inselstaaten darstellen. Leider zeigt aber die Erfahrung, dass die Profitgier des Menschen solchem Bestreben nach schonender Nutzung einer natürlichen Ressource meistens einen Strich durch die Rechnung macht. Und mit dem Vollzug gesetzlicher Bestimmungen ist es - mangels finanzieller Mittel - in vielen tropischen Inselstaaten ohnehin schlecht bestellt.

Weil einerseits die meisten Schwarzen Korallen in verhältnismässig tiefem (und somit für normal ausgerüstete Taucher unerreichbarem) Wasser vorkommen und andererseits die meisten Arten eine sehr weite geografische Verbreitung haben, ist immerhin derzeit nicht zu befürchten, dass sie in ihrem Fortbestand ernstlich gefährdet sind.




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