Schwarzer Litschi

Kobus leche smithemani


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der «WWF Conservation Stamp Collection»)



Sambias Bangweulu-Becken ist weltberühmt. Neben David Livingstones Bericht über seine beschwerliche Suche nach der Quelle des Nils ist dafür sicher auch der enorme Wildreichtum dieses Teils Afrikas verantwortlich. Im Bereich des Bangweulu-Beckens befinden sich heute drei Nationalparks, sechs Wildparks sowie ein Feuchtgebiet, das mit einer Fläche von etwa 12.000 Quadratkilometern zu den ausgedehntesten des ganzen Kontinents zählt. Dieses Sumpfland ist die Heimat des Schwarzen Litschis (Kobus leche smithemani), einer hübschen Antilope aus der grossen Familie der Hornträger (Bovidae).

 

Drei Litschi-Unterarten

Der Schwarze Litschi ist eine von drei Unterarten des Litschis (Kobus leche), auch Litschi-Wasserbock oder Litschi-Moorantilope genannt. Die drei Unterarten unterscheiden sich einerseits durch ihre geografische Verbreitung, andererseits durch ihre Fellfärbung:

Der Rote Litschi (Kobus leche leche) ist die am weitesten verbreitete und zahlreichste Unterart. Er kommt in Sambia am Oberlauf des Kafue-Flusses, des Sambesis sowie des Lualabas vor, ferner in Botswana im Bereich des Kwando/Linyanti/Chobe-Flussystems. Der Rote Litschi ist oberseits rotbraun, unterseits weiss gefärbt. Die Vorderseite seiner Vorderläufe ziert ein schwarzes Band.

Der Kafue-Litschi (Kobus leche kafuensis) kommt ausschliesslich in Sambias Kafue-Niederungen vor. Seine Fellfärbung ist ähnlich wie beim Roten Litschi, doch zieht sich bei ihm das schwarze Band von den Vorderbeinen bis zu den Schulterblättern empor. Er hat ferner ein besonders mächtiges Gehörn.

Der Schwarze Litschi (Kobus leche smithemani) ist wie gesagt in Sambias Bangweulu-Becken beheimatet. Im Gegensatz zu seinen beiden Vettern besitzt er ein oberseits dunkelbraunes bis schwarzes Fell.

Alle drei Litschis sind mittelgrosse Antilopen. Die Männchen sind beträchtlich grösser als die Weibchen. Beim Schwarzen Litschi erreichen sie eine Schulterhöhe von etwa 100 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 118 Kilogramm, während die Weibchen höchstens 92 Zentimeter hoch und 74 Kilogramm schwer werden. Die Litschi-Männchen können nebst ihrer Grösse auch leicht anhand ihrer prachtvoll geschwungenen Hörner von den Weibchen unterschieden werden. Bei den erwachsenen Böcken des Schwarzen Litschis werden die Hörner durchschnittlich 55 Zentimeter lang. Dieselbe Länge weisen die Hörner des Roten Litschis auf. Diejenigen des Kafue-Litschis messen hingegen rund 15 Zentimeter mehr. Den Rekord hält ein in den zwanziger Jahren geschossener männlicher Kafue-Litschi mit einer Hornlänge von 94 Zentimetern.

 

Litschis sind wasserliebende Antilopen

Alle drei Litschis sind in ihrer Lebensweise stark an Wasser- und Sumpfgelände gebunden. Innerhalb der Sippe der Antilopen werden sie in dieser Hinsicht nur noch von der Sitatunga (Tragelaphus spekei) übertroffen: Letztere hält sich ausschliesslich in Sumpfwäldern, Morästen, Schilf- und Papyrusdickichten auf, schwimmt auch ausgezeichnet und ruht tagsüber oft im Wasser. Bei Gefahr kann sie so wegtauchen, dass nur ihre Nasenöffnungen aus dem Wasser hervorragen. Für einen Hornträger ist dies recht ungewöhnlich.

Die Litschis führen eine etwas weniger extreme Lebensweise. Sie halten sich zwar ebenfalls dauernd in überfluteten und sumpfigen Fluss- und Seeufermarschen, in Schilf- und Röhrichtbeständen oder auf Sumpfwiesen auf, bleiben jedoch stets im Bereich des Ufers. Wenn sich der Wasserstand in der Regenzeit hebt und weite Flächen überschwemmt, verteilen sich die hübschen Antilopen über das morastige Land und betreten bei Wasserhochstand sogar die umliegenden festen Gebiete. Sinkt das Wasser während der Trockenzeit wieder ab, so sammeln sie sich in den Senken und verbleibenden Lagunen. Im Gegensatz zur Sitatunga ruhen die Litschis während des Tages ausschliesslich an trockenen Stellen.

Wie die Sitatunga sind die Litschis an die Fortbewegung auf dem weichen Boden in ihrem Lebensraum gut angepasst. Ihre langen Hufe sind weit spreizbar, so dass sich das Körpergewicht beim Auftreten auf eine verhältnismässig grosse Fläche verteilt und die Tiere weniger stark einsinken. Auf hartem Untergrund bewegen sich die Tiere dagegen geradezu schwerfällig und mühselig.

Die Nahrung der Litschis setzt sich hauptsächlich aus Wasserpflanzen, Schilf- und Papyrussprossen sowie Gräsern aller Art zusammen, welche im Uferbereich wachsen. Interessanterweise wird der Nahrungswettstreit innerhalb der Litschi-Trupps dadurch vermindert, dass die Weibchen im allgemeinen an feuchteren Stellen essen als die Männchen.

 

Litschikinder sind Ablieger

Die Paarungszeit des Schwarzen Litschis fällt in die Monate März und April. Nach einer Tragzeit von ungefähr sieben Monaten bringt das Weibchen im September oder Oktober - zu Beginn der Regenzeit - jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Wie bei den meisten Antilopenarten begleitet das Neugeborene seine Mutter nicht von Anfang an bei der Nahrungssuche, obschon es dazu durchaus in der Lage wäre, sondern es legt sich gut versteckt an einer sicheren Stelle ins hohe Gras und wartet dort geduldig die Rückkehr seiner Mutter ab. Diese besucht ihr Junges jeweils nur zum Säugen am frühen Morgen und am späten Nachmittag. Man nennt Huftierjunge, welche dieses Verhalten zeigen, «Ablieger» - im Gegensatz zu den «Nachfolgern», welche gerade während der ersten Tage und Wochen ihres Lebens aufs engste mit der Mutter zusammenbleiben und ihr auf Schritt und Tritt nachfolgen. Die Abliegeperiode dauert beim Litschijungen etwa zwei Monate. Danach begleitet es seine Mutter überallhin. Bereits im Alter von drei bis vier Monaten wird es von seiner Mutter entwöhnt.

Die jungen Litschis sind in ihren ersten Lebensmonaten sehr anfällig auf Fressfeinde. Bis zu fünfzig Prozent kann die Jungensterblichkeit betragen! Mit sechs bis sieben Monaten beginnen bei den Männchen die Hörner zu spriessen. Mit zwölf Monaten sind ihre Hörner zwar schon recht ausgeprägt; sie sind jedoch noch nicht leierförmig geschwungen, sondern wachsen vorerst ziemlich gerade in die Höhe. Noch im Alter von drei Jahren lassen sich die Jungböcke aufgrund ihrer Hornform und des noch wenig muskulösen Nackens leicht von den ausgewachsenen Männchen unterscheiden. Erst im vierten Jahr sind sie voll ausgewachsen. Schwarze Litschis können ein Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren erreichen.

Die weiblichen Litschis bringen zumeist schon in ihrem zweiten Altersjahr ein Junges zur Welt. Die männlichen Litschis erreichen zwar ebenfalls schon mit ungefähr achtzehn Monaten die Geschlechtsreife, erhalten aber erst im Alter von etwa fünf Jahren die Gelegenheit, sich fortzupflanzen. Erst in diesem Alter sind ihre Kräfte und ihr Gehörn stark genug, dass sie sich im Kampf mit ihren Geschlechtsgenossen ein Territorium erobern können. Ein solches aber ist unabdingbare Voraussetzung für die Paarung mit den Weibchen.

 

Unbeständige Gesellschaft

Der Aufbau der Litschi-Gesellschaft ist schwer fassbar: Neben einzelgängerischen Weibchen und Männchen gibt es Trupps von fünf bis fünfzig Tieren sowie Herden von bis zu tausend Individuen, wobei alle diese Litschi-Formationen sehr unbeständig sind. Nur zwischen Mutter und Kind scheint eine zumindest vorübergehend feste Verbindung zu bestehen.

Litschi-Männchen sind territorial. Sie besetzen zwei bis drei Hektar grosse Gebiete und vertreiben daraus sämtliche Rivalen. Überschreitet ein benachbarter «Grundbesitzer» die gemeinsame Territoriumsgrenze, so kommt es zum Kampf. Nicht sesshafte, «besitzlose» Böcke dürfen sich hingegen ungehindert durch die Territorien bewegen - sofern sie den Weibchen nicht zu nahe kommen. Sonst werden auch sie sofort angegriffen und aus dem Territorium verjagt. Der Höhepunkt der territorialen Auseinandersetzungen wird während der Paarungszeit im März und April erreicht.

Bei den Auseinandersetzungen der Schwarzen Litschis handelt es sich nicht um Beschädigungskämpfe, sondern sozusagen um Ringkämpfe nach festgelegten Regeln: Mit tiefgehaltenem Kopf und ineinanderverschränkten Hörnern schieben und ringen die Böcke oftmals minutenlang miteinander und messen so ihre Kräfte aneinander. Der Kampf endet schliesslich damit, dass eines der beiden Männchen aufgibt und sich schleunigst vom Kampfplatz entfernt. Schlimme Verwundungen oder gar tödliche Verletzungen sind bei diesen Grenzgefechten äusserst selten. In vielen Fällen kommt es sogar nicht einmal zum offenen Kampf: Scheinangriffe und Drohgesten genügen oftmals, um einen Rivalen aus dem «Hoheitsgebiet» zu verdrängen.

Wie die meisten pflanzenessenden Wildtiere überwachen die Schwarzen Litschis fast ununterbrochen ihre Umgebung, um etwaige Fressfeinde - zu denen Löwen, Leoparden, Geparden, Hyänen und Wildhunde gehören - frühzeitig zu erkennen. Bei Gefahr stossen die dunklen Antilopen einen lauten Alarmruf aus, den sie durch kräftiges Auspressen von Atemluft durch ihre halbgeschlossenen Nüstern erzeugen.

Im allgemeinen flüchten sich die Schwarzen Litschis bei einem Angriff sofort ins Wasser, wo sie in einem sehr charakteristischen Galopp erstaunlich rasch vorankommen und ihre Verfolger leicht abzuschütteln vermögen. Schon David Livingstone hat diesen sonderbaren Gang der Litschis, bei dem die Tiere ihren Kopf weit nach vorn strecken und ihre Hörner beinahe auf die Schultern legen, in seinem Reisebericht erwähnt. Im übrigen schwimmen Litschis auch sehr gut, tun dies aber erst, wenn ihre Hufe keinen Grund mehr fassen.

 

Eine bedrohte Antilope

Die Heimat des Schwarzen Litschis, das Bangweulu-Becken, liegt weit entfernt von sämtlichen Städten und grossen Verkehrswegen Sambias. Es ist ein weitgehend unberührtes Land. Die spärlich vorhandene, weit verstreut lebende menschliche Einwohnerschaft ist sehr arm, und da sich der Boden für die landwirtschaftliche Nutzung schlecht eignet, ist das Becken bislang von sämtlichen staatlichen Entwicklungsprogrammen verschont geblieben.

Leider sind die Bestände des Schwarzen Litschis trotz der Abgeschiedenheit ihres Lebensraums in unserem Jahrhundert stark zurückgegangen. Lebten um die Jahrhundertwende im nördlichen Sambia noch rund 250.000 Schwarze Litschis, so waren es um 1940 bereits weniger als 60.000 und 1971 gar nur noch 16.500. Der Hauptgrund für den massiven Zerfall der Litschi-Population war die übermässige Bejagung der Tiere durch den Menschen. Die ursprünglichen Bewohner des Bangweulu-Beckens, welche die Schwarzen Litschis gelegentlich für ihre Ernährung erlegten, spielten hierbei wohl keine wesentliche Rolle. Schliesslich hatten sie die Tiere von alters her immer bejagt, ohne je einen grossen Einfluss auf deren Bestände ausgeübt zu haben. Schlimm wirkte sich hingegen die sehr einträgliche Wilderei aus, welche von ein paar skrupellosen, gewinnsüchtigen Bewohnern der Industriezentren Sambias gelenkt und mit modernen Hilfsmitteln im grossen Stil betrieben wurde.

Nachdem die sambische Naturschutzbehörde 1971 auf das Wildereiproblem im Bangweulu-Becken aufmerksam geworden war, unternahm sie grosse Anstrengungen, um der erschreckenden Abnahme der Wildtier-Bestände in jener Region entgegenzuwirken. Tatsächlich gelang es ihr, die Wilderei innerhalb kurzer Zeit stark einzudämmen. Der Erfolg der ergriffenen Schutzmassnahmen zeigte sich unter anderem in der Entwicklung der Litschi-Bestände: Im Jahr 1973 hatte sich die Population wieder auf 25.000 Tiere erhöht, 1975 auf 29.000 und 1983 auf 41.000. Das ist sehr erfreulich. Es darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schwarzen Litschis auch zukünftig gefährdet sein werden. Denn zum einen bleibt das Bangweulu-Becken auch weiterhin ein riesiges und unwegsames Gebiet, das nur sehr schwer zu überwachen ist. Zum anderen steigt der Jagddruck auf die Wildtiere Sambias infolge der rasch anwachsenden Bevölkerung massiv an. Es hängt darum weitgehend von den finanziellen und fachlichen Möglichkeiten der sambischen Naturschutzbehörde ab, wie sich die Situation des Schwarzen Litschis und der vielen anderen tierlichen und pflanzlichen Bewohner des Bangweulu-Beckens entwickeln wird.

Um Sambia bei seinen Bemühungen zum Schutz der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt seiner ausgedehnten Feuchtgebiete zu bekräftigen, unterstützt der Welt Natur Fonds (WWF) seit 1986 ein grossangelegtes Projekt zur Erhaltung des Bangweulu-Beckens und der Kafue-Niederungen. Grosses Gewicht wird bei diesem Projekt auf die Berücksichtigung der Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung gelegt. So soll unter anderem der Schwarze Litschi für die angestammten Bewohner des Bangweulu-Beckens weiterhin jagdbar sein. Die Abschussrate soll aber staatlich kontrolliert werden und darf auf keinen Fall die Vermehrungsrate der Tiere, welche bei etwa zwanzig Prozent im Jahr liegt, übertreffen. Man will damit erreichen, dass die Wildtierbestände im Bangweulu-Becken und in den Kafue-Niederungen nicht leergeschossen werden, sondern als langfristig nutzbare Einnahmequelle für die ansässige Bevölkerung erhalten bleiben. Nicht zuletzt erhofft man sich dadurch natürlich das Wohlwollen dieser Leute und ihre aktive Unterstützung der staatlichen Naturschutzbemühungen, was für die Erhaltung dieser einzigartigen Ökosysteme von nicht zu unterschätzendem Wert ist.




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