Schweiz
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Wer sich einmal eine Karte von Europa etwas näher besieht,
der stellt rasch fest, dass es neben der eigentlichen Schweiz
noch eine ganze Anzahl von Landschaften gibt, die ebenfalls den
Beinamen Schweiz tragen, so zum Beispiel die Sächsische
Schweiz, die Fränkische Schweiz, die Pommersche Schweiz,
die Holsteinische Schweiz oder die Luxemburgische Schweiz. Auch
in Amerika schmücken sich einige Regionen mit diesem Namen,
und Neuseeland gilt als die «Schweiz des Pazifiks».
Das Prädikat «Schweiz» ist gewissermassen ein
Gütesiegel für ein besonders reizvolles Landschaftsbild.
Die malerische Landschaft hat die Schweiz schon früh
zu einem der klassischen europäischen Urlaubsländer
gemacht. Der Kleinstaat im Herzen Europas ist aber zweifellos
noch aus manch anderem Grund bemerkenswert: als neutrales Land
etwa, das sich aus allen kriegerischen Ereignissen der letzten
hundert Jahre herauszuhalten wusste; als Nation, in der Bürger
mit vier grundverschiedenen Sprachen ohne nennenswerte ethnische
Probleme zusammenhalten; als mustergültige Demokratie, in
welcher ohne die Billigung des Volks gar nichts läuft; und
nicht zuletzt als Staat mit einer besonders stabilen Währung
und einem der höchsten Lebensstandards der Welt.
Reich an Gletschern und Viertausendern
Die Schweiz lässt sich grob in drei grosse natürliche
Landschaftsräume gliedern: 60 Prozent der Landesfläche
nehmen die Alpen ein, etwa 10 Prozent entfallen auf den Jura,
und rund 30 Prozent beansprucht das von diesen beiden Gebirgen
umrahmte Mittelland.
Der Jura, ein aus Kalken, Mergeln und Tonen aufgebautes
Mittelgebirge, erstreckt sich vom Rhonetal bis zum Rheintal in
einem weiten Bogen über das ganze nordwestliche Grenzgebiet
der Schweiz und gipfelt im 1679 Meter hohen Mont Tendre. Man
könnte den Jura als ein Kind der Alpen bezeichnen: Als sich
diese nämlich aufgrund der Einwirkung gewaltiger geophysikalischer
Kräfte herausbildeten, verursachten die entstehenden Schubkräfte,
welche über das Mittelland hinweg wirkten, ihrerseits diese
Auffaltung.
Das Schweizer Mittelland ist ein durchschnittlich
580 Meter über dem Meeresspiegel liegendes Plateau, das
sich als 20 bis 70 Kilometer breites Band vom Genfer See bis
zum Bodensee quer durch die Schweiz zieht. Die Ablagerungen der
eiszeitlichen Gletscher haben hier eine hügelige, seenreiche,
von zahlreichen Wasserläufen durchzogene, insgesamt überaus
liebliche Landschaft geformt. Das Mittelland ist heute das dichtbesiedelte
wirtschaftliche Herz der Schweiz, denn Landwirtschaft, Industrie
und Verkehr konnten sich hier besonders gut entfalten.
Ohne scharfe Grenze steigen die Alpen über die
niedrigen Voralpen aus dem Mittelland auf und gipfeln in den
besonders stark angehobenen Zentralalpen, welche hauptsächlich
aus Graniten und kristallinen Schiefern zusammengesetzt sind.
Etwa hundert Alpengipfel reichen knapp an die 4000-Meter-Grenze
heran oder überschreiten sie. Zu diesen imposanten Viertausendern
gehören etwa der Piz Bernina (4049 m), die Jungfrau (4158
m), das Finsteraarhorn (4274 m), das Matterhorn (4478 m), der
Dom (4545 m) und schliesslich die Dufourspitze im Monte-Rosa-Massiv
(4634 m), welche in Europa einzig vom Mont Blanc (4807 m) an
der französisch-italienischen Grenze noch an Höhe übertroffen
wird.
Die Alpen sind im Bereich der Schweiz stark vergletschert.
Insgesamt ist ein über 1300 Quadratkilometer grosses Areal
unter ewigem Eis begraben, verteilt auf mehr als 1800 Gletscher,
von denen der Aletschgletscher mit seiner rund 22 Kilometer langen
und bis 800 Meter dicken «Zunge» der mächtigste
des ganzen Alpenraums ist.
Auf den 41 293 Quadratkilometern, welche das Hoheitsgebiet
der Schweiz gesamthaft umfasst, leben heute rund 6,7 Millionen
Menschen, was einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte
von etwa 160 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht. Dieser
Mittelwert verrät allerdings wenig über die sehr unterschiedliche
Verteilung der Bevölkerung: So weist der Bergkanton Graubünden,
der sich in der südöstlichen Ecke des Landes befindet,
eine Bevölkerungsdichte von lediglich 23 Einwohnern pro
Quadratkilometer auf, während im hochindustrialisierten
Stadtkanton Basel eine solche von über 5000 festzustellen
ist.
Vier Sprachregionen
Weil die Schweiz dreisprachig sei, so hat einmal die
amerikanische Zeitung «Indianapolis Star» ihre Leser
informiert, hätten fast alle grösseren Orte auch drei
Namen. Das bekannteste Beispiel hierfür sei Luzern - französisch
heisse dieser Ort Lausanne und italienisch Lugano. Nun ja; eines
an dieser Meldung ist immerhin halbwegs richtig: Die Schweizer
sprechen, obschon sie nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung
Europas ausmachen, nicht alle dieselbe Sprache, sondern gehören
vier (nicht drei) eigenständigen Kultur- und Sprachkreisen
an. In den nördlichen, östlichen und zentralen Landesteilen
leben die Deutschschweizer, im Westen und Südwesten die
französischsprachigen Welschen, auf der Alpensüdseite
die italienischsprachigen Tessiner und im bergigen Südosten
die Rätoromanen. Hier kurze Steckbriefe dieser vier Schweizer
Volksgruppen:
Deutschschweizer: 65 Prozent der Schweizer
Bevölkerung sprechen sogenanntes «Schwyzerdütsch»,
eine aus dem Alemannischen hervorgegangene Sprache mit zahlreichen
ausgeprägten örtlichen Dialekten. Obschon sich die
Deutschschweizer im Alltag ausnahmslos in dieser Sprache miteinander
unterhalten, so wird sie doch kaum je geschrieben. Zu gross sind
offensichtlich die Unterschiede zwischen den einzelnen Dialekten,
als dass man sich auf eine gemeinsame Schriftsprache hätte
einigen können. Lieber verwenden die Deutschschweizer in
ihren Zeitungen, Briefen und Büchern die hochdeutsche Sprache
(die sie vom ersten Schuljahr an gründlich lernen). Und
auch bei Vorträgen und Ansprachen aller Art bedienen sie
sich gewöhnlich des Hochdeutschen, wobei aber ihre deutschschweizerische
Herkunft jederzeit klar zutage tritt. «In ihrer Aussprache
wehen raue Alpenwinde», hielt ein norddeutscher Journalist
einmal treffend fest.
Der Deutschschweizer gilt als pünktlich, fleissig
und zuverlässig und vielleicht manchmal etwas stur. Sein
Leben läuft in geordneten Bahnen, denn er hat das Erbe der
alemannischen Vorfahren weitgehend beibehalten. Er ist denn auch
der beste Kapitalist von allen vier Schweizern: Praktisch sämtliche
Grosskonzerne und Grossbanken haben im deutschschweizerischen
Mittelland ihren Hauptsitz.
Welsche: Französisch haben gut
18 Prozent der Schweizer als Muttersprache, wobei die Schrift-
als auch die Umgangssprache weitgehend mit der französischen
Hochsprache übereinstimmen. Patois, ein mit keltischen,
lateinischen, burgundischen und alemannischen Brocken versetzter
Dialekt ist fast vollständig verschwunden.
Der französischsprachige Schweizer wird vom Deutschschweizer
im allgemeinen als «Welscher» bezeichnet, und die
französischsprachige Westschweiz, für welche sonnenüberflutete
Reblandschaften, pittoreske Fischerdörfer, alte Uhrmacherstädtchen
und mondäne Kurorte charakteristisch sind, nennt er «Welschland».
Welsche hiessen einst die keltischen Bewohner Westeuropas. Warum
dieser Name dann ausgerechnet für den französischsprachigen
Westschweizer erhalten blieb, ist nicht klar. Er selber bezeichnet
sich nämlich als «Romand» und seine Heimat als
«Romandie».
Neidlos anerkennt der Welsche, dass der tüchtig-nüchterne
Deutschschweizer die grösseren wirtschaftlichen Leistungen
vollbringt. Dafür isst, tanzt und feiert der Welsche besser
und öfter; Savoir vivre ist für ihn kein Fremdwort.
Eine welsche Erfindung ist im übrigen jenes typisch schweizerische
Käsegericht namens Fondue. Und zum Fondue passt ein aromatischer
Fendant, ein spritziger Neuenburger oder ein edler Waadtländer
- heimische Weissweine, von denen die Welschen jährlich
eine Million Hektoliter keltern.
Tessiner: Italienisch wird von knapp
10 Prozent der Schweizer Bevölkerung gesprochen, und zwar
vor allem im Tessin, dann aber auch in den südalpinen Tälern
Puschlav, Bergell und Misox. Vielfach wird als Umgangssprache
nicht die italienische Hochsprache verwendet, sondern von Region
zu Region unterschiedliche lombardische Mundarten, die mitunter
ein bisschen französisch klingen. Immer aber dient als Schriftsprache
das «echte» Italienisch.
Ein überaus mildes Klima und eine stellenweise
mediterrane Vegetation mit Palmen, Magnolien, Zypressen, Feigenbäumen
und Mimosen erinnern im Bereich der Tessiner Seen an südliche
Gestade. «Sonnenstube der Schweiz» ist denn auch
der Werbeslogan, mit dem das Tessiner Fremdenverkehrsamt alljährlich
weit über eine Million Deutschschweizer und Deutsche in
das Tessin lockt.
Obschon der Tessiner fröhlich, kinderlieb und
etwas melancholisch ist wie der Italiener, so will er doch mit
seinem südlichen Nachbarn möglichst wenig zu tun haben
und steht Italien und dessen Problemen ziemlich gleichgültig
gegenüber. Trotz der sprachlichen und geografischen Nähe
zu Italien fühlt er sich als echter Schweizer.
Rätoromanen: Rätoromanisch
wird von knapp 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung in verschiedenen
Talschaften Graubündens, der bergigen südöstlichen
Region der Schweiz, gesprochen. Es gilt als vierte Landessprache,
jedoch nicht als offizielle Amtssprache.
Wie ihr Name sagt, haben die Rätoromanen etwas
von den alten Römern und etwas von den Rätern. Die
Römer kennen wir aus dem Geschichtsunterricht; aber wer
waren die Räter? Ein geheimnisvolles Volk unbestimmter Herkunft,
das im Altertum von der Poebene bis zum Bodensee herrschte und
dessen Sprache möglicherweise mit dem Etruskischen und dem
Arabischen verwandt war. Kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung
eroberten dann die Römer Rätien und romanisierten Land
und Sprache nachhaltig. Nach den Römern kamen die Franken,
später folgten die Staufer und die Habsburger. Das rätische
Volk löste sich immer mehr auf, und mit ihm schrumpfte die
Verbreitung des Rätoromanischen - bis auf die wenigen Sprach-
und Kulturinseln, die heute noch in der Südostschweiz und
in Norditalien erhalten geblieben sind.
Die rätoromanische Sprache ist ein vom Italienischen
nicht beeinflusstes uraltes Volkslatein mit einem Wortschatz,
der in den anderen romanischen Sprachen längst verschollen
ist. Allein in der Schweiz zerfällt das Rätoromanische
in fünf verschiedene Dialekte mit je eigener Schreibart,
wobei vor allem das Surselvische (Vorderrheintal), das Sutselvische
(Hinterrheintal, Albula, Julier) und das Ladinische (Engadin,
Münstertal) noch lebendig sind. Als einheitliche Lese- und
Schriftsprache wird nun seit geraumer Zeit das sogenannte «Rumantsch
Grischun» entwickelt.
Die Räter waren einst vornehmlich Bergbauern
gewesen; heute sind sie grossenteils im Tourismus tätig.
Im Engadin, dem obersten Bereich des Inntals, findet man noch
heute ihre typischen «Haufendörfer», in denen
dicht gedrängt und geschlossen die wuchtigen Steinhäuser
stehen mit den winzigen Fenstern und den Fassadenverzierungen
in Sgraffito-Technik: Rosetten, Ranken und andere Motive aus
der italienischen Renaissance, welche mit einem Kratzbeil in
den feuchten Putz geritzt werden.
Ein Römer, ein Schwede und ein Hunne
Nach einer langen und wirren Vorgeschichte, in welcher
im Gebiet der heutigen Schweiz Kelten, Räter, Römer,
Burgunder, Alemannen, Franken und andere Völker eine Rolle
gespielt hatten, schlug am 1. August 1291 die Geburtsstunde der
Schweiz: Damals kamen auf einer Wiese beim Vierwaldstättersee,
dem «Rütli», die Vertreter der drei Länder
Uri, Schwyz und Unterwalden zusammen und legten den legendären
«Rütli-Schwur» ab. Mit dem geleisteten Eid schlossen
sich die drei kleinen Alpenrepubliken zum «Ewigen Bund»
zusammen, um einander gegen die Übergriffe der Habsburger,
der Herzöge Österreichs, beizustehen und gemeinsam
ihre Freiheit zu verteidigen. So entstand die «Schweizerische
Eidgenossenschaft».
Tatsächlich gelang es den drei kleinen Ländern
in der Folge, mit vereinten Kräften die lokalen Expansionspläne
der Habsburger zu zerschlagen. Der überraschende Erfolg
des eidgenössischen Bündnisses sprach sich rasch herum,
und so schlossen sich ihm im Verlauf der Jahrhunderte immer weitere
Ländereien und Städte an - die meisten freiwillig,
ein paar zwangsweise. Allmählich nahm die Eidgenossenschaft
ihre heutige Form und Ausdehnung an, doch blieb sie weiterhin
ein überaus loser Bund eigenständiger Bauernrepubliken
und Stadtstaaten. Napoleon war es dann, der die Schweiz im Jahr
1803 nicht nur zu einem Vasallenstaat Frankreichs machte, sondern
auch zu einem gut strukturierten Staatenbund mit gleichberechtigten
Gliedstaaten, «Kantone» genannt. 1815, nach Napoleons
grosser Niederlage bei Waterloo, entstand schliesslich (anlässlich
des Wiener Kongresses) die Schweiz in ihren heutigen Grenzen
und mit ihrer jetzigen Staats- und Regierungsform.
«Waren die drei, die auf dem Rütli Einigkeit
schworen, ein Römer, ein Schwede und ein Hunne?» So
betitelte kürzlich ein Schweizer Sagenforscher seinen Bericht
über die mögliche Herkunft der ersten Eidgenossen -
und meinte diese Frage keineswegs spöttisch, sondern verwies
auf Petermann Etterlins «Kronika von der loblichen Eidgenossenschaft»,
ein Werk, das um das Jahr 1500 in Luzern entstanden war und die
vordem nur mündlich überlieferten Sagen der Alpenbevölkerung
zusammenfasste. Gemäss dieser Chronik sei es sehr wahrscheinlich,
dass die Unterwaldner die Nachfahren einiger altrömischer
Familien gewesen waren, welche beim Zerfall des Römischen
Reichs auf der Alpennordseite Zuflucht gefunden hatten. Aus den
in der Chronik erwähnten Erzählungen der Schwyzer wiederum
lasse sich schliessen, dass diese ursprünglich aus Skandinavien
im Bereich des heutigen Schwedens eingewandert waren. Und die
Urner schliesslich könnten derselben Chronik zufolge sogar
Nachkommen von Nomadenstämmen aus dem Süden des heutigen
Russland gewesen sein, welche mit den kriegerischen Hunnen in
das Alpenland gekommen waren.
Ob die Urschweizer tatsächlich so direkt von
Römern, Schweden und Hunnen abstammten, möge hier dahin
gestellt bleiben. Etterlins Chronik wie auch andere historische
Quellen deuten jedoch unmissverständlich darauf hin, dass
sich die Eidgenossen zu keiner Zeit untereinander verwandt fühlten.
Es war ihnen bewusst, dass ihre Ahnen von weit her, aus ganz
unterschiedlichen Himmelsrichtungen eingewandert waren und dass
sie ganz verschiedene Bräuche hatten. Und trotzdem verbündeten
sie sich auf dem Rütli, weil sie den Wert erkannten, den
ihr Zusammenschluss - ungeachtet der Herkunft - bot.
Dieser Grundgedanke ist es, der die Schweiz bis auf
den heutigen Tag durchdringt. Nach wie vor sehen sich die Schweizer
nicht als eine Nation im engeren Sinn, also eine nach Abstammung,
Sprache und Sitte zusammengehörige Gemeinschaft, sondern
als ein Bündnis von Volksgruppen unterschiedlichster Herkunft,
aber mit dem gemeinsamen Streben nach Unabhängigkeit und
Wohlergehen. Hierin liegt die verbindende Kraft dieses heterogenen
europäischen Kleinstaats.
Referendum und Initiative
Den Schweizer schlechthin findet man denn auch nirgendwo
in der Schweiz. Das ergibt sich nicht allein aus der Zugehörigkeit
jedes Schweizers zu einer der vier Sprachgruppen. Auch innerhalb
der vier «Schweizen» bekennt sich jedermann stets
zu «seinem» Kanton, von denen es insgesamt 26 gibt.
Der Schweizer ist also zuallererst und ganz wesentlich Genfer,
Zürcher, Jurassier, Basler, Tessiner, Berner, Urner oder
Bündner - und erst danach Schweizer.
Tatsächlich stellen die Kantone auch weit mehr
dar als blosse Verwaltungseinheiten: Sie haben als weitgehend
souveräne Einzelstaaten ihre eigene Verfassung, ihr eigenes
Parlament, ihre eigene Regierung und einen erheblichen Spielraum
bei der Gesetzgebung. Sie sind zuständig für das Erziehungs-,
Gesundheits- und Polizeiwesen im Kanton. Und sie haben die Steuerhoheit.
Der «Bundesrat» (die siebenköpfige Landesregierung)
und die «Bundesversammlung» (das zweikammerige Landesparlament)
bilden lediglich die Klammer, welche dieses bunte Mosaik von
selbstbestimmenden Volksgruppen zusammenhält. In die Kompetenz
des «Bundes» (Staates) fallen nur die ausdrücklich
in der Verfassung verankerten Aufgaben wie Aussenpolitik, Militärwesen,
Zoll, Post und Sozialversicherung.
Wie sehr die diversen ethnischen Gruppen der Schweiz
aber ihren eigenen Charakter hervorheben und erhalten, und wiewohl
zwischendurch gewisse Spannungen zwischen ihnen bestehen, so
sind doch alle Schweizer fest entschlossen, auch weiterhin zusammenzuhalten
und gemeinsam - wie einst die frühen Eidgenossen - die Zukunft
anzugehen.
Zur allgemeinen Zufriedenheit der Schweizer mit der
politischen Situation in ihrem Land trägt wesentlich bei,
dass sie nicht nur alle vier Jahre auf Kantons- und Bundesebene
ihr Parlament wählen dürfen, sondern dass sie auch
- wie in keinem anderen Land der Erde - unmittelbar in die Arbeit
von Regierung und Parlament eingreifen können. Der Schlüssel
zur Schweizer «Musterdemokratie» liegt zum einen
im sogenannten «Referendum», dem garantierten Recht
der Bürger zur Abstimmung über Verfassungsänderungen
(obligatorisch) sowie über Gesetzesentwürfe und andere
Bundesentscheide (fakultativ). Drei bis vier mal im Jahr werden
deswegen alle Eidgenossen an die Urne gerufen. Zum anderen können
die Bürger mittels der sogenannten «Initiative»,
einer spezifisch schweizerischen Einrichtung, eigene Gesetze
oder Verfassungsänderungen beantragen, über die dann
ebenfalls abgestimmt werden muss.
Ein denkwürdiger und für das Schweizervolk
sehr typischer Urnengang fand am 16. März 1986 zur Frage
«Beitritt zur UNO» statt. Obschon fast alle grossen
Schweizer Parteien und Verbände sich für den UNO-Beitritt
eingesetzt hatten, lehnten die Schweizer Stimmbürger dankend
ab. Sie hielten es lieber mit der Geschichte: Schon die Urkantone
hätten 1291 geschworen, keine fremden Richter zu dulden.
So beherbergt die Schweiz halt weiterhin in Genf den Europasitz
der UNO, ohne selber deren Mitglied zu sein...
[Anmerkung 2003: Dieser Text stammt, wie oben deklariert,
aus dem Jahr 1990. Die Situation betreffend UNO hat sich inzwischen
geändert: Die Schweiz hat am 3. März 2002 anlässlich
eines neuerlichen Urnengangs mit 54,6 Prozent Ja-Stimmen gegenüber
45,4 Prozent Nein-Stimmen beschlossen, sich dem «Völkerbund»
endlich doch noch anzuschliessen. «Unser Land wird nun
zukünftig im Gefangenenchor der internationalen Staatengemeinschaft
nach den Anweisungen der Supermächte mitsummen dürfen»,
meinten hernach die Gegner der Beitritts-Initiative, während
die Befürworter festhielten: «Mit dem Ja zum UNO-Beitritt
hat das Stimmvolk eine mythisch überhöhte Neutralitätshaltung
aufgegeben und den Weg geebnet für eine moderne Aussenpolitik.
War die Neutralität bis zum Zweiten Weltkrieg weise, hernach
bis zum Fall der Berliner Mauer pragmatisch, war sie seit den
Neunzigerjahren nur noch kurios.]
Bildlegenden
Bern, die Hauptstadt der Schweiz, wirkt auf Besucher
ganz besonders «schweizerisch». Hierzu tragen nicht
zuletzt das «Bärndütsch», der sehr ausgeprägte
Dialekt der Berner, und ihre oft spöttisch belächelte
Behäbigkeit bei. Gerade diesem Charakterzug ist es aber
wohl zu danken, dass sich die Altstadt Berns noch heute in ihrem
prächtigen historischen Gewand präsentiert.
Zu den imposantesten Zonen der Schweizer Alpen gehört
sicherlich das Berner Oberland, wo sich die Berge Eiger (3970m),
Mönch (4099m) und Jungfrau (4158m) befinden (v.l.n.r.) und
Jahr für Jahr viele tausend Winterferiengäste dem Skisport
frönen.
Eine traditionelle Schweizer Sportart ist das «Schwingen»,
eine volkstümliche Variante des Ringens. Jeweils zwei kräftige
Männer stehen sich dabei in der sägemehlgefüllten
Arena gegenüber und haben nur eines im Sinn: Den Gegner
an der kurzen Schwingerhose aus starkem Zwilch zu packen, anzuheben
und auf beide Schultern zu werfen (Bild: Schwingfest auf der
Rigi).
Die Haupteinnahmequelle der Schweizer Bauern ist die
Milchwirtschaft. Nur 10 Prozent der Landesfläche werden
für den Ackerbau, 40 Prozent dagegen als Viehweide oder
zum Anbau von Viehfutter für die insgesamt rund zwei Millionen
Schweizer Rinder genutzt. Besonders den Eutern der zum Verkauf
angebotenen Kühe gilt darum das Augenmerk der feingemachten
Bauern und Knechte anlässlich einer «Viehschau».
Vom Frühjahr bis zum Herbst wird das Vieh auf
den fruchtbaren Alpweiden «gesömmert», wo die
«Sennen» auch gleich die traditionelle Alpkäserei
betreiben. An einem festgesetzten Tag im Herbst versammeln sich
dann jeweils die Bauern mit Bergrechten zum «Chästeilet»
auf dem Berg, um ihren Anteil an den im Sommerhalbjahr produzierten
Käselaiben in Empfang zu nehmen.
Weltbekanntes «Markenzeichen» der Schweiz
sind die vor allem im französischsprachigen Bereich des
Juras gefertigten Uhren, von denen alljährlich etwa 60 Millionen
Stück exportiert werden. Die traditionellen Schweizer Produkte
wie Uhren, Käse und Schokolade sind hinsichtlich ihrer ökonomischen
Bedeutung allerdings längst von den Erzeugnissen der chemischen
und pharmazeutischen Industrie sowie des Maschinen- und Apparatebaus
überrundet worden.
In keiner anderen Demokratie der Welt können
die Bürger so unmittelbar in die Arbeit von Regierung und
Parlament eingreifen wie in der Schweiz. Mittels Volksbegehren
und bei Volksabstimmungen, die in einigen Kantonen bei Versammlungen
(«Landsgemeinden») unter freiem Himmel stattfinden,
haben sie das Recht auf direkte Mitsprache. Das mag zwar mitunter
einen etwas bedächtigen Gang der Dinge zur Folge haben,
hält die Schweizer Politiker aber wirkungsvoll von gefährlichen
Höhenflügen ab.
Zusatztext:
«Die Schweizer Kantone und ihre Wappen»
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