Schwertwal - Orcinus orca

Schwarzer Schwertwal - Pseudorca crassidens


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Angehörigen der Ordnung der Waltiere (Cetacea) - die Wale, Delphine und Tümmler - bilden seit Jahrtausenden Anlass für unzählige Mythen und Sagen. Und selbst auf uns moderne Menschen üben die Waltiere eine ungewöhnliche Faszination aus. Das ist auch nicht verwunderlich, sind sie doch in der Tat aussergewöhnliche Geschöpfe. Unter ihnen befindet sich beispielsweise mit dem Blauwal (Balaenoptera musculus) das grösste Tier, das jemals auf unserem Planeten gelebt hat, mit dem Buckelwal (Megaptera novaeangliae) wohl der begabteste «Sänger» der Tierwelt, und mit dem Schwertwal (Orcinus orca) eines der mächtigsten und spektakulärsten Raubtiere der Erde.

Neben diesen besser bekannten Arten umfasst die Ordnung der Waltiere noch etwa 90 weitere Formen, von denen viele recht unbekannte Wesen sind. Zu ihnen gehört unter anderem der Schwarze Schwertwal (Pseudorca crassidens), der nächste Verwandte des eigentlichen Schwertwals, der oft auch «Falscher Schwertwal» oder «Unechter Schwertwal» genannt wird - Bezeichnungen, die wir hier vermeiden wollen, denn «falsche» oder «unechte» Tierarten gibt es natürlich nicht.

Vom «eigentlichen» Schwertwal und vom Schwarzen Schwertwal, welche beide Mitglieder der Familie der Delphine (Delphinidae) und damit der Sippe der Zahnwale (Odontoceti) sind, soll auf diesen Seiten die Rede sein.

 

Mannshohes Schwert, wulstige Nase

Der Schwertwal ist der grösste aller Delphine: Erwachsene Männchen weisen im allgemeinen eine Länge zwischen 6,5 und 8,2 Metern und ein Gewicht von bis zu 4,5 Tonnen auf. Die Weibchen sind etwas kleiner und leichter: Sie werden gewöhnlich 6 bis 7 Meter lang und wiegen 2,5 bis 3 Tonnen.

Wie alle Delphine besitzt der Schwertwal eine spindelförmige und damit sehr strömungsgünstige Körperform. Im Unterschied zu den meisten anderen Delphinen sind aber seine Kiefer vorne abgerundet und bilden keinen »Schnabel». Ferner sind seine Brustflossen rundlich und nicht langgezogen wie bei den «normalen» Delphinen. Das wohl auffälligste Kennzeichen des Schwertwals ist jedoch - einmal abgesehen von seiner schwarzweissen Zeichnung - seine schlanke Rückenfinne, welche sich bei den Männchen bis zu einer Höhe von zwei Metern erhebt. Die Rückenfinne hat Stabilisierungsaufgaben, entspricht also dem «Schwert» einer Segeljacht, nur liegt sie nicht unter, sondern auf dem Schwimmkörper. Ihr verdankt der Schwertwal seinen Namen.

Der Schwarze Schwertwal ist deutlich kleiner als der eigentliche Schwertwal: Erwachsene Männchen erreichen gewöhnlich eine Länge um 5,3 Meter und ein Gewicht von rund 2 Tonnen. Die Weibchen messen im allgemeinen etwa 4,5 Meter und wiegen ungefähr 1,2 Tonnen.

Der Schwarze Schwertwal ist schlanker gebaut als der eigentliche Schwertwal, hat schlanke, delphinartige Brustflossen und sein wenig mehr als fussgrosses «Schwert» auf dem Rücken verdient kaum diesen Namen. Ein unverkennbares Merkmal des Schwarzen Schwertwals ist die wulstige «Nase», die fast wie die Muffel eines Elchs über die Unterlippe herabhängt. Ausser einem grauen Kehlfleck ist der Schwarze Schwertwal vollständig schwarz gefärbt. Auf diese
«finstere» Färbung ist sein deutscher Artname zurückzuführen.

Der eigentliche Schwertwal hat von allen Walen eines der weitesten Verbreitungsgebiete: Er kommt von Pol zu Pol in allen Weltmeeren vor. Am häufigsten scheint er sich in relativer Küstennähe, innerhalb eines «Gürtels» von etwa 800 Kilometern Breite, aufzuhalten. Man kann ihm aber jederzeit auch in praktisch jedem anderen Winkel der Ozeane begegnen.

Der Schwarze Schwertwal kommt ebenfalls rund um den Erdball herum vor, ist aber weitgehend auf die Gewässer der tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Klimazonen beschränkt. Nur hin und wieder taucht er auch an Orten mit kühlem gemässigtem Klima auf. Er ist im übrigen ein typischer Bewohner der Hochsee, der nur dort auch in Küstennähe anzutreffen ist, wo der Meeresboden steil in die Tiefe abfällt, wie es etwa bei ozeanischen Inseln häufig der Fall ist.

 

Vier Generationen im selben Rudel

Der eigentliche Schwertwal gehört heute zu den recht gut untersuchten Waltieren. Als besonders aufschlussreich haben sich jene Langzeitstudien erwiesen, welche seit den frühen sechziger Jahren vor der Pazifikküste der kanadischen Provinz Britisch-Kolumbien, bei Vancouver Island, durchgeführt werden. Aus diesen Studien ist klar hervorgegangen, dass der Schwertwal ein überaus intelligentes Lebewesen mit einer sehr komplexen Gesellschaftsstruktur ist. Letztere basiert auf Kleingruppen oder «Rudeln» mit starkem innerem Zusammenhalt. Im allgemeinen bestehen diese Rudel aus fünf bis zwanzig Individuen, die sich aus einem erwachsenen Männchen, mehreren erwachsenen Weibchen und einigen Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts zusammensetzen.

Die Weibchen scheinen häufig ihr Leben lang in ihrem Geburtsrudel zu verbleiben. Sie verlassen dieses höchstens, wenn es aufgrund der im Laufe der Zeit anwachsenden Mitgliederzahl einmal zur Abspaltung eines «Tochterrudels» kommt. Die Männchen scheinen dagegen ihr Geburtsrudel in der Regel zu verlassen, sobald sie geschlechtsreif sind. Ob sie in der Folge ihr Leben als Einzelgänger fristen oder ob sie mit ihresgleichen sogenannte «Junggesellengruppen» bilden (wie es bei landbewohnenden Grosssäugern mit ähnlichem Sozialgefüge häufig der Fall ist), wissen wir nicht. Auf jeden Fall stellen sie aber ein «Reservoir» dar, welches jederzeit für Ersatz besorgt ist, wenn sich irgendwo ein neues Rudel bildet oder wenn ein gruppenführendes
Männchen aus irgendeinem Grund ausfällt. Es ist denkbar, dass die «überschüssigen» Männchen solche Ablösungen auch aktiv herbeiführen, indem sie mit Leitmännchen rivalisieren und sie wenn möglich aus ihren Gruppen vertreiben. Aber auch hierüber ist noch kaum etwas bekannt.

Die Geschlechtsreife tritt bei beiden Geschlechtern zwischen acht und vierzehn Jahren ein. In der Folge bringen die Weibchen alle drei bis acht Jahre ein einzelnes Junges zur Welt, wobei die Tragzeit jeweils ungefähr 17 Monate dauert. Eine feste Fortpflanzungszeit gibt es bei den Schwertwalen nicht; Jungtiere treten zu allen Jahreszeiten auf. Die bei Britisch-Kolumbien untersuchten Schwertwalgruppen umfassten bis zu vier Generationen von Tieren, welche friedlich zusammen lebten und jagten. Dies ist deshalb möglich, weil Schwertwale eine ähnliche Lebenserwartung haben wie der Mensch, also bis zu 80 oder sogar 100 Jahre alt werden können.

 

Walessender Wal

Der eigentliche Schwertwal hat recht leistungsfähige Augen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass er des öfteren seinen Kopf aus dem Wasser hebt, um seine Umgebung mit den Augen zu mustern. Noch weit empfindlicher und besser entwickelt ist jedoch sein Gehör. Der Schwertwal ist ein sehr lautfreudiges Tier und verfügt über ein grosses Repertoire verschiedenartiger Laute. Einige davon dienen zweifellos der Verständigung mit anderen Artgenossen, sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Rudels. Wie der Buckelwal äussert der Schwertwal ferner längerdauernde Abfolgen von Tönen, sogenannte «Gesänge», über deren Funktion wir noch wenig wissen. Diese Gesänge klingen bei allen Mitgliedern eines Schwertwalrudels gleich, unterscheiden sich aber von Gruppe zu Gruppe geringfügig und von Population zu Population deutlich. Wieder andere Laute verwendet der Schwertwal, um sich nach dem Prinzip des Echolots ein akustisches Bild seiner Umgebung zu machen. Mit Hilfe strahlenförmig gebündelter Peiltöne tastet er die ihn umgebende Unterwasserwelt ab und wertet anschliessend die Echos aus, die von den vorhandenen Objekten zurückgeworfen werden. Man glaubt heute, dass diese akustischen Bilder, die sich der Schwertwal (wie die meisten anderen Waltiere auch) in seinem komplex strukturierten Gehirn zu machen vermag, mindestens so präzis sind wie die optischen Bilder, auf die sich der Mensch zur Orientierung in seiner Umwelt abstützt.

Der gute Gesichtssinn und das noch bessere Gehör sowie die beachtliche Grösse, die enorme Kraft und die sehr hohen Schwimmgeschwindigkeiten (von bis zu 50 Stundenkilometern) machen den Schwertwal zu einem überaus tüchtigen Jäger. Kein Meereslebewesen ab einer gewissen, die Mühe lohnenden Grösse ist vor seinem Angriff sicher. Auf seinem Speisezettel stehen beispielsweise Tintenfische, Fische und Meeresvögel aller Art, ferner Robben und Meeresschildkröten, und nicht zuletzt praktisch alle anderen Waltiere, von den kleinsten Delphinen bis hin zu den mächtigsten Bartenwalen. Weil der Schwertwal auch Jagd auf seine Vettern macht, wird er vielfach «Mörderwal» genannt. Im englischen Sprachraum ist «Killer Whale» sogar sein offizieller Name. Das Erbeuten von Tieren derselben zoologischen Ordnung hat jedoch mit Mord nichts zu tun. Es ist nicht anders zu bewerten, als wenn afrikanische, asiatische oder südamerikanische Eingeborene Affen für ihre Ernährung jagen.

Es machen übrigens keineswegs alle Schwertwale Jagd auf ihre Verwandten. Die meisten Schwertwalrudel scheinen sich nämlich auf ganz bestimmte Beutetiere zu spezialisieren. So gibt es beispielsweise in den Gewässern Britisch-Kolumbiens Rudel, die sich fast ausschliesslich von Lachs und anderen grossen Schwarmfischen ernähren. In perfekt abgestimmter Gemeinschaftsjagd umzingeln sie diese jeweils kreisförmig, treiben sie zusammen und schlagen sich anschliessend ihre Bäuche voll. Andere Rudel durchstöbern vorwiegend tiefere Gewässer auf der Suche nach warmblütiger Beute, besonders Robben und Waltieren. Manchmal «lungern» sie auch tagelang vor Seelöwen- oder Pinguinkolonien herum und warten geduldig darauf, dass unerfahrene oder unachtsame Tiere den Fehler machen, ins Wasser zu gehen.

 

Jäger rasanter Hochseefische

Über die Lebensweise des Schwarzen Schwertwals ist noch kaum etwas bekannt. Wie der eigentliche Schwertwal ist er ein geselliges Tier und lebt im allgemeinen in kleineren Rudeln, deren Zusammenhalt überaus stark ist. Auffällig, sogar durch Schiffsböden hindurch vernehmbar, sind die zahlreichen Lautäusserungen, welche die Tiere im Verband fast ständig von sich geben.

Der Schwarze Schwertwal ernährt sich hauptsächlich von Tintenfischen und grösseren Fischen, darunter so rasant-kräftigen Hochseeformen wie den Thunfischen. Es wurde aber auch schon beobachtet, wie er Jagd auf kleinere Waltiere machte.

 

Einziger Feind: der Mensch

Ob jemals ein Mensch einem Schwertwal zum Opfer fiel, ist fraglich. Zwar wird behauptet, es seien schon (erfolglose) Angriffe auf Menschen verübt worden. Verbürgte Berichte über Tötungen gibt es jedoch keine. Über den umgekehrten Fall bestehen hingegen keine Zweifel: Sowohl der eigentliche Schwertwal als auch der Schwarze Schwertwal werden von alters her vom Menschen bejagt.

Glücklicherweise war keine der beiden Arten jemals das Ziel grösserer Walfang-Operationen, welche so verheerende Auswirkungen etwa auf den Blauwal, den Finnwal (Balaenoptera physalus) und den Pottwal (Physeter catodon) hatten. Über die Jahre und Jahrzehnte hinweg wurde aber dennoch auch von den Schwertwalen eine nicht unbedeutende Zahl erlegt. So war beispielsweise in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts das Öl des eigentlichen Schwertwals in Japan ebenso begehrt wie das des Pottwals, was grössere Fangaktivitäten zur Folge hatte. Das Fleisch beider Schwertwale wird noch heute in Japan und auf Taiwan sowie auf einigen Westindischen Inseln vom Menschen gerne verspeist, und die Nachfrage führt zu Fangtätigkeit in bescheidenem Ausmass. In anderen Ländern, darunter der Sowjetunion, wird Schwertwalfleisch als für den menschlichen Konsum ungeeignet erachtet, findet hingegen in der Tierfutterfabrikation Verwendung, weshalb Schwertwale auch hier, allerdings eher «nebenbei», bejagt werden.

Schlimmer hat sich für die beiden Schwertwale ihr Ruf als «Fischräuber» und damit Konkurrent des Menschen ausgewirkt. Vielerorts wurden die beiden Arten - und werden sie teils noch immer - aus diesem Grund verfolgt. In Grönland beispielsweise wurden bis 1976 Prämien als Belohnung für den Abschuss von Schwertwalen ausbezahlt. Auch Robben- und Walfänger waren früher auf die tüchtigen Wettbewerber gar nicht gut zu sprechen. Und der Schwarze Schwertwal steht auch heute noch bei den Thunfischfängern des Pazifiks im Ruf eines Schädlings. Allein im Bereich der japanischen Insel Iki wurden aus diesem Grund zwischen 1976 und 1982 gegen 1000 Schwarze Schwertwale getötet.

Ein neuerer Grund für die Verfolgung freilebender Schwertwale bildet der in den letzten drei Jahrzehnten weltweit entstandene Bedarf an Schwertwalen für Ozeanarien und Delphinarien. Hier gilt es allerdings, die Schädigung der Bestände durch den Fang abzuwägen gegen den Nutzen, den die Schwertwale aus diesen Institutionen ziehen. In Menschenobhut haben sich die «Mörderwale» und «Schwarzfische» nämlich als überaus freundliche und anhängliche sowie ausgesprochen verspielte und lernfähige Pfleglinge erwiesen. Und dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass den zuvor als «blutrünstige Räuber» verrufenen Tieren heute im allgemeinen grosse Sympathien entgegengebracht werden.

Weder der eigentliche noch der Schwarze Schwertwal scheinen derzeit vom Aussterben bedroht zu sein. Dies darf aber keinesfalls dazu verleiten, ihre Zukunft als gesichert anzusehen und die Hände in den Schoss zu legen. Beide Arten dürften nämlich weit seltener sein, als man aufgrund ihres Vorkommens in allen Weltmeeren und der relativ häufigen Sichtungen anzunehmen geneigt ist. Beide haben des weiteren eine recht geringe Fortpflanzungsrate, vermögen also Bestandseinbussen nur sehr langsam wieder wettzumachen. Es ist darum unerlässlich, dass die Situation der beiden Schwertwalarten sorgsam überwacht wird, damit notfalls rechtzeitig Massnahmen zu ihrem Schutz getroffen werden können. Es wäre eine Tragödie, wenn zwei der herrlichsten Geschöpfe der Ozeane aus purer Unachtsamkeit unsererseits verschwinden würden.

 

 

 

Legenden

Wenn er seinen Mund öffnet, ist es unverkennbar: Der Schwertwal ist ein Vertreter der Zahnwale. Auf jeder Seite des Ober- und des Unterkiefers besitzt er 10 bis 14 kräftige, kegelförmige Zähne.

Mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometern je Stunde gehört der Schwertwal zu den schnellsten wasserlebenden Tieren. Dies macht ihn zu einem überaus tüchtigen Jäger, der praktisch allen anderen Meereslebewesen gefährlich werden kann.

Der Schwertwal ist weltweit verbreitet. Selbst in den Gewässern der Antarktis treibt er sich herum und macht dort unter anderem Jagd auf Pinguine.

Wiederholt sind Rudel Schwarzer Schwertwale an flachen Küsten gestrandet und kläglich verendet. Die Frage nach den Ursachen dieser Unfälle wird mit diversen Theorien beantwortet. Wahrscheinlich ist, dass die Schwarzen Schwertwale als ausgeprägte Hochseebewohner an die Gefahren flacher Sandstrände, wo ihre Ortungstöne «verschluckt» werden, nicht gewöhnt sind.




ZurHauptseite