Seeleopard

Hydrurga leptonyx


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Fünf antarktische Robben

Im Bereich des Südpols befindet sich der sechste Kontinent unseres Planeten: Antarktika. Mit einer Fläche von 12,4 Millionen Quadratkilometern ist dieser «Südkontinent» gut anderthalbmal so gross wie Australien. Zu sehen ist er allerdings kaum, denn er liegt zu etwa 98 Prozent unter einer permanenten Eisdecke begraben, welche gebietsweise mehr als vier Kilometer dick ist. Nur die Küsten sind an gewissen Stellen und zu gewissen Zeiten eisfrei.

Wegen seiner Unsichtbarkeit wird kaum je vom frostigen Kontinent Antarktika gesprochen. Die Rede ist praktisch immer von der Antarktis als frostiger Region am Südende der Erdkugel. Dabei gilt es zu beachten, dass dieser Begriff erheblich umfassender ist und zusätzlich zum antarktischen Kontinent auch das ganze Südpolarmeer einschliesst. Letzteres reicht nordwärts weit über den Schelfeis-, den Packeis- und den Treibeisgürtel hinaus bis zur rund 1500 Kilometer entfernten «Antarktischen Konvergenz». Bei letzterer handelt es sich um einen etwa 50 Kilometer breiten Meeressaum, an dem das von Süden nach Norden strömende kalte Oberflächenwasser in die Tiefe absinkt.

Antarktika, der Kontinent, zählt zweifellos zu den lebensfeindlichsten Festländern der Erde. Im Durchschnitt ist es hier 30°C kälter als in der Arktis, also am Nordende der Erdkugel (wo sich kein Kontinent befindet). Meistenorts steigt die Temperatur nie über den Gefrierpunkt, hingegen fällt sie vielerorts regelmässig unter -50°C. Die tiefste, jemals auf unserem Planeten registrierte Temperatur wurde mit -82°C in Antarktika gemessen, und dasselbe gilt für die höchste Windgeschwindigkeit von 322 Kilometern je Stunde.

Angesichts dieser klimatischen Werte ist es nicht überraschend, dass sich nur ganz wenige Landlebewesen in Antarktika anzusiedeln vermocht haben. Geschafft haben das scheinbar Unmögliche zwei extrem widerstandsfähige Blütenpflanzen, rund 300 Flechten und eine Hand voll wirbellose Tiere (v.a. Insekten). Betrachtet man hingegen die Fauna und Flora der Antarktis als Region, so zeigt sich ein völlig anderes Bild: Ganz im Gegensatz zur «Leere» des Lands überquellen nämlich die antarktischen Gewässer förmlich von Leben. Ein breites Spektrum von Krebstieren, Tintenfischen und anderen wirbellosen Meerestieren sowie von Fischen, Seevögeln und Meeressäugern haben hier ihre Heimat.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass nahe der antarktischen Küste - im Bereich der «Antarktischen Divergenz» - eine starke Aufwärtsströmung herrscht, welche nährstoffreiches Tiefenwasser an die Meeresoberfläche spült. Dieses bietet enormen Beständen von frei schwebenden pflanzlichen und tierlichen Kleinstorganismen eine reiche Nahrungsgrundlage. Von diesem «Phytoplankton» und «Zooplankton» ernährt sich eine Vielzahl wenig grösserer tierlicher Geschöpfe. Zu nennen ist vor allem der Krill (Euphausia superba), ein garneelenartiges, ein bis zwei Gramm schweres Krebschen aus der Ordnung der Leuchtkrebse (Euphausiacea), das oft in riesigen Schwärmen auftritt.

Es sind in erster Linie diese «Krillwolken», welche eine ideale Nahrungsquelle für Fische und Tintenfische, aber auch für Meeresvögel, Robben und Wale bieten. Fische und Tintenfische ihrerseits bilden die Hauptspeise für zahlreiche Raubfische, Meeresvögel, Delphine und Robben. Und letztere wiederum sind begehrte Beute für Schwertwale und bejagen sich teilweise gegenseitig. So existiert in den antarktischen Gewässern ein komplexes Nahrungsnetz, welches letztlich in starkem Mass auf den Krillkrebschen aufbaut.

Sechs Arten von Robben sind in der Antarktis zu Hause und damit Teil dieses reichen marinen Ökosystems: der Kerguelen-Seebär (Arctocephalus gazella), der Südliche See-Elefant (Mirounga leonina), die Weddell-Robbe (Leptonychotes weddelli), die Ross-Robbe (Ommatophoca rossi), der Krabbenesser (Lobodon carcinophagus) und der Seeleopard (Hydrurga leptonyx). Von letzterem soll auf diesen Seiten berichtet werden.

 

Bis 500 Kilogramm schwer

Der Seeleopard gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Unterordnung der Wasserraubtiere (Pinnipedia) und da zur Familie der Hundsrobben (Phocidae). Er ist ein mächtiges Tier, das eine mittlere Körperlänge von etwa 290 Zentimetern und ein mittleres Gewicht von ungefähr 350 Kilogramm aufweist, wobei die Weibchen die Männchen im Durchschnitt deutlich übertreffen. Besonders gross gewachsene Weibchen können eine Länge von 3,8 Metern erreichen und nahezu 500 Kilogramm auf die Waage bringen.

Der Seeleopard bewohnt das Südpolarmeer rund um den Globus herum. Im Allgemeinen hält er sich in den kalten Gewässern südlich der Antarktischen Konvergenz auf. Er scheint aber ein erstaunlicher «Wanderer» zu sein, denn immer wieder stossen «Irrgäste» weit über die Antarktische Konvergenz hinaus nach Norden vor und tauchen dann beispielsweise bei Tasmanien, beim Kap Hoorn oder beim Kap der Guten Hoffnung auf. Die nördlichste Stelle, an der jemals ein Seeleopard gesichtet wurde, ist die Lord-Howe-Insel, welche östlich Australiens auf dem 31. südlichen Breitengrad und damit in der warmen gemässigten Klimazone liegt.

Die meiste Zeit des Jahres hält sich der Seeleopard allerdings an den äusseren Rändern der antarktischen Packeiszone auf, also in jenen Bereichen, wo Winde und Strömungen die vielgestaltigen Treibeisstücke zu bizarren Flächen zusammengeschoben haben.

 

Krill und Pinguine

Über die Gesellschaftstruktur des Seeleoparden wissen wir noch kaum Bescheid, da Langzeitstudien in der Antarktis praktisch nicht durchführbar sind. Vieles deutet aber auf eine im Wesentlichen einzelgängerische Lebensweise hin.

Etwas besser Bescheid wissen wir über die Ernährungsgewohnheiten des Seeleoparden. Der antarktische Meeressäuger ist ein tüchtiger Unterwasserjäger und scheint sich - im Gegensatz zu manchen seiner Vettern - hinsichtlich seiner Beutetiere kaum festzulegen. Magenuntersuchungen haben gezeigt, dass er praktisch alles verzehrt, was er zu erjagen vermag - von Krill über Tintenfische und Fische bis hin zu Pinguinen und den Jungtieren anderer Robben. Selbst dem Menschen gegenüber erweist er sich als recht aggressiv. Es ist jedenfalls wiederholt berichtet worden, dass Seeleoparden Menschen angegriffen und sogar auf dem Eis verfolgt haben.

Zum Ergreifen seiner Opfer dient dem Seeleoparden sein mächtiges Raubtiergebiss mit dolchartigen Eckzähnen. Bemerkenswert ist der Bau seiner Backen- und Vorbackenzähne, von denen jeder mehrere fortsatzähnliche Höcker trägt. Schliesst der Seeleopard seinen Mund, so greifen die Höcker der beiden Zahnreihen im Ober- und Unterkiefer so ineinander, dass sie eine Art Seihvorrichtung bilden. Tatsächlich sind die Fachleute der Ansicht, dass sich der Seeleopard - ähnlich wie sein treffend benannter Vetter, der Krabbenesser, und auch wie die Bartenwale - zu einem grossen Teil von Krillkrebschen ernährt, die er aus dem Meerwasser seiht. Sie nehmen an, dass er mit weit geöffnetem Mund in einen Krillschwarm hineinschwimmt, einen grossen Schluck «Krillsuppe» in seinen Rachen aufnimmt, dann die Kiefer schliesst und hernach das Meerwasser durch sein «Filtergebiss» hindurch aus dem Mund presst, so dass lediglich die Krebschen zurückbleiben und er diese praktisch trocken hinunterschlucken kann. Tatsächlich beobachten konnte man dieses «Krillfiltern» zwar noch nie, doch sprechen die Zahnstruktur, die übergrosse Mundöffnung und Mundhöhle sowie der Mageninhalt untersuchter Tiere klar für diese Annahme.

Was besser erforscht und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde, ist die Angewohnheit zumindest einzelner Seeleoparden, Jagd auf Pinguine zu machen. Vor allem im Bereich der Ross-Insel im von Neuseeland beanspruchten Sektor der Antarktis wurden entsprechende Beobachtungen gemacht. Dort lebt eine rund 300.000 Individuen umfassende Kolonie von Adeliepinguinen (Pygoscelis adeliae), welche regelmässig von Seeleoparden heimgesucht wird. Die Seeleoparden erlegen die Pinguine manchmal nach wilder Unterwasserjagd, häufiger aber, wenn diese beim Hinausspringen aus dem Wasser auf eine Eisscholle keinen Halt finden und ins Meer zurückfallen. Mitunter «pflücken» die grossen Robben ihre Opfer auch direkt von der Wasseroberfläche weg, und in seltenen Fällen überfallen sie sogar Pinguine, die sich am Rand einer Eisscholle aufhalten.

Es gibt ferner zahlreiche verbürgte Berichte über erfolgreiche Angriffe von Seeleoparden auf junge Kerguelen-Seebären, Krabbenesser, Weddell-Robben und sogar See-Elefanten.

Es sind diese Übergriffe auf andere warmblütige Tiere, die dem Seeleoparden den Ruf eines besonders gefährlichen Jägers des Südpolarmeers eingetragen haben. Verschiedene Marinbiologen bezweifeln allerdings, dass dieses Verhalten sehr typisch ist. Sie meinen, dass sich nur vereinzelte Individuen auf die Erbeutung solch grosser Beutetiere spezialisiert haben und dass sich die meisten anderen - wie erwähnt - mehrheitlich von Krill ernähren.

 

Sie dröhnen unter Wasser

Wie andere Robben äussert der Seeleopard beim Schwimmen unter Wasser ein breites Spektrum von Lauten. Besonders häufig lässt er ein lang gezogenes, tiefes «Dröhnen» vernehmen, das so kräftig sein kann, dass es für einen Menschen, der auf einer Eisscholle steht, als Vibration wahrnehmbar ist. Zweifellos dienen solche Laute der innerartlichen Verständigung. Darüberhinaus dürfte die stimmfreudige Robbe dazu fähig sein, sich mittels ihrer Laute - nach dem Echolotprinzip - zu orientieren und möglicherweise auch Beutetiere zu orten.

Die Fortpflanzungsgewohnheiten des Seeleoparden sind nur sehr lückenhaft bekannt. Die Weibchen bringen ihre Jungen gewöhnlich zwischen Oktober und Dezember, also im antarktischen Frühling, auf dem Packeis zur Welt. Es handelt sich um «Einzelkinder», welche bei der Geburt etwa 1,6 Meter lang und ungefähr 30 Kilogramm schwer sind. Sie werden ungefähr vier Wochen lang gesäugt und vermögen in dieser Zeit dank des hohen Fettgehalts der mütterlichen Milch ihr Geburtsgewicht zu verdreifachen. Schon im Alter von drei Wochen unternehmen sie die ersten Ausflüge ins Wasser. Seeleoparden können nachweislich 26 und wahrscheinlich über 40 Jahre alt werden.

 

Das Antarktisvertragswerk - ein Segen

Es ist sehr schwierig, die Grösse der Seeleopardenpopulation einigermassen verlässlich abzuschätzen, da die Tiere über die gesamte antarktische Packeiszone verstreut leben und sich stets nur ein kleiner Teil von ihnen auf dem Eis aufhält, also überhaupt sichtbar ist. Hochrechnungen aufgrund von Bestandserhebungen in überschaubaren Untersuchungsgebieten ergeben Zahlen für die Gesamtpopulation von 200.000 bis 500.000 Individuen. Da dies als gesunder Bestand gewertet wird und da es keinerlei Hinweise auf eine negative Bestandsentwicklung gibt, gilt die Art derzeit nicht als gefährdet.

Verwundbar ist sie aber allemal. Denn ihr Fortbestand hängt in starkem Mass von der Unversehrtheit des marinen antarktischen Ökosystems ab. Würde insbesondere die Ausbeutung der Krillbestände im grossen Stil (z.B. für die Futtermittelproduktion) einsetzen, so könnte das Nahrungsnetz in den antarktischen Gewässern rasch und empfindlich gestört werden und würde wohl nicht zuletzt die Population des Seeleoparden innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen.

Glücklicherweise ist diese Gefahr vorderhand gering, denn der international anerkannte Antarktisvertrag, der 1961 in Kraft trat und mindestens bis 2041 allgemeine Gültigkeit hat, schützt die Antarktis als «ein dem Frieden und der Wissenschaft gewidmetes Naturreservat» wirkungsvoll vor den direkten Einflüssen des Menschen. In erster Linie sind durch den Vertrag jegliche Souveränitätsansprüche auf die «Eistorte» am Südpol eingefroren, alle militärischen Massnahmen sind untersagt, und jeglicher Abbau von Bodenschätzen ist verboten. In zweiter Linie bietet er dem südpolaren Ökosystem umfassenden Schutz. Übereinkommen, die den Antarktisvertrag begleiten, sind unter anderem: die Konvention zur Erhaltung der antarktischen Fauna und Flora durch Schutzzonen und Artenschutz (in Kraft seit 1964), die Konvention zur Erhaltung der antarktischen Robben (seit 1978) und die Konvention zur Erhaltung der lebenden antarktischen Meeresschätze - insbesondere Krill und Fisch - durch Nutzungsbeschränkungen (seit 1982). Ausserhalb des Antarktisvertrags wurde zudem durch die Internationale Walfangkommission (IWC) 1994 ein für fünfzig Jahre geltendes, 21 Millionen Quadratkilometer grosses Walschutzgebiet rund um die Antarktis errichtet.

Dieses international einmalige Vertragswerk hat wesentlich dazu beigetragen, die Antarktis vor der Habgier des Menschen zu schützen und sie zu einer der letzten grossen Wildnisse unseres Planeten werden zu lassen. Leider ist es aber keineswegs selbstverständlich, dass der Antarktisvertrag langfristig Bestand haben wird, denn in dem Masse, wie die übrigen Bereiche der Weltmeere leergefischt werden, nimmt die Gier nach den marinen Ressourcen der Antarktis zu. Aus diesem Grund gilt es, wachsam zu sein und schon bei den geringsten Anzeichen für eine Lockerung der im Antarktisvertrag festgehaltenen Bestimmungen energisch einzuschreiten.

 

 

 

Legenden

Der Seeleopard (Hydrurga leptonyx) ist ein stattliches Mitglied der Familie der Hundsrobben (Phocidae). Erwachsene Individuen weisen im Durchschnitt eine Länge von etwa 290 Zentimetern und ein Gewicht um 350 Kilogramm auf. Die Weibchen sind deutlich grösser als die Männchen; sie können in Ausnahmefällen bis 3,8 Meter lang und nahezu 500 Kilogramm schwer werden.

Der Seeleopard bewohnt das Südpolarmeer rund um den Globus herum. Er hält sich mehrheitlich am äusseren Rand der antarktischen Packeiszone auf und scheint eine im Wesentlichen einzelgängerische Lebensweise zu führen.

Der Seeleopard ist ein tüchtiger Unterwasserjäger, dem ein breites Spektrum mariner Tiere zum Opfer fällt - von Krebstieren und Tintenfischen über Fische aller Art bis hin zu Pinguinen und den Jungtieren anderer Robben. Zum Ergreifen seiner Beutetiere dient dem Seeleoparden ein mächtiges Raubtiergebiss mit dolchartigen Eckzähnen und gezackten Vorbacken- und Backenzähnen.

Die Übergriffe auf Pinguine, Jungrobben und sogar Menschen haben dem Seeleoparden den Ruf eines besonders gefährlichen Jägers des Südpolarmeers eingetragen. Verschiedene Marinbiologen sind jedoch der Ansicht, dass grosse, warmblütige Beute - im Bild ein Adeliepinguin (Pegoscelis adeliae) - eher die Ausnahme auf dem Speisezettel des Seeleoparden darstellt und dass er sich im Allgemeinen hauptsächlich von Krillkrebschen ernährt.

Seeleoparden haben ihrerseits kaum natürliche Feinde zu fürchten. Einzig von Schwertwalen (Orcinus orca) wissen wir, dass sie hin und wieder einen Seeleoparden erlegen. Im Bild mustern Eselpinguine (Pygoscelis papua) auf der zu den Südshetlandinseln gehörenden Livingston-Insel argwöhnisch einen ruhenden Seeleoparden.

Es ist sehr schwierig, einigermassen präzise Aussagen zur Grösse der Seeleopardenpopulation zu machen, da die Tiere über ein enormes Areal verstreut leben und sich stets nur ein kleiner Teil von ihnen auf dem Eis aufhält, also überhaupt zu sehen ist. Neueren Schätzungen zufolge dürfte der Gesamtbestand irgendwo zwischen 200.000 und 500.000 Individuen liegen.




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