Dornenkrone - Acanthaster planci

Kissenstern - Culcita novaguineae

Blauer Seestern - Linckia laevigata

Blasenseestern - Echinaster callosus


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mitten im Indischen Ozean, rund 700 Kilometer südlich des Äquators, liegt der Chagos-Archipel. Er besteht aus fünf Atollen und zwei angehobenen Korallenkalkinseln. Die gesamte Landfläche beläuft sich auf lediglich 60 Quadratkilometer. Hiervon entfällt rund die Hälfte auf das angehobene Eiland Diego Garcia, das sich am südöstlichen Ende des Archipels befindet.

Politisch bildet der Chagos-Archipel eine britische Aussenbesitzung namens «Britisches Territorium im Indischen Ozean» (BIOT). Dessen Hoheitsgebiet erstreckt sich über insgesamt 54 400 Quadratkilometer (Schweiz: 41 285 km2). Ab dem späten 18. Jahrhundert wurden auf der abgeschiedenen Inselgruppe Kokosplantagen angelegt und zwecks Gewinnung von Kopra bewirtschaftet. Zwischen 1967 und 1973 wurden die Kokosplantagen jedoch aufgegeben, und die ansässige Bevölkerung - mehrheitlich Nachfahren der einst für die Arbeit in den Plantagen hergebrachten Negersklaven - wurde vollständig evakuiert, um den Archipel zu einem Militärstützpunkt der USA auszubauen. Sämtliche menschlichen Aktivitäten sind heute auf Diego Garcia beschränkt. Im übrigen Archipel kann sich die Tier- und Pflanzenwelt an Land wie im Wasser ungestört entwickeln.

Von grosser Bedeutung ist dieser fast uneingeschränkte Naturschutz weniger im Hinblick auf die Landlebewesen, deren Artenvielfalt wie auf den meisten entlegenen Ozeaninseln ziemlich gering ist, sondern vor allem hinsichtlich der marinen Lebensformen in den Korallengärten, die sich im Bereich des Chagos-Archipels über eine Fläche von mehr als 20 000 Quadratkilometern ausdehnen. Unglaublich vielgestaltig und bunt ist die Tierwelt, welche diesen grössten intakten Korallenriffkomplex im Indischen Ozean bewohnt. Darunter befinden sich zahlreiche Seesternarten, von denen wir auf diesen Seiten vier vorstellen wollen: die Dornenkrone (Acanthaster planci), den Kissenstern (Culcita novaguineae), den Blauen Seestern (Linckia laevigata) und den Blasenseestern (Echinaster callosus).

 

500 Millionen Jahre alt

Die Klasse der Seesterne (Asteroidea) gehört im System der Tiere zum Stamm der Stachelhäuter (Echinodermata), dem als weitere Klassen die Seelilien und Haarsterne (Crinoidea), die Seewalzen und Seegurken (Holothuroidea), die Seeigel (Echinoidea) und die Schlangensterne (Ophiuroidea) zugerechnet werden. Die Stachelhäuter blicken auf eine ausserordentlich lange Entwicklungsgeschichte zurück: Sie lässt sich anhand von Fossilfunden bis ins Kambrium, also mehr als 500 Millionen Jahre, zurückverfolgen. «Altertümlich» sind die heutigen Stachelhäuter aber keineswegs, sondern bilden eine höchst erfolgreiche marine Tiergruppe: In weltweit rund 7000 Arten (wovon etwa 2000 Seesterne) sind sie über sämtliche Ozeane und Meere verbreitet, und sie haben sich in unterschiedlichste ökologische Nischen eingepasst - von der lichtdurchfluteten, turbulenten Gezeitenzone bis hinunter in die finstere, stille Tiefsee.

Anatomisch gesehen gehören die Stachelhäuter zweifellos zu den ungewöhnlichsten Tierformen, denn sie weisen - im Gegensatz zur sonst allgemein üblichen Zweiseitigkeit - einen kreisförmigen Bauplan mit fünf Achsen auf. Es gibt bei ihnen also kein Vorn und Hinten, kein Links und Rechts, bloss ein Oben und Unten. Die Fünfstrahligkeit bezieht sich nicht allein auf die äussere Form, sondern auch auf die inneren Organe, von denen alle wichtigen in fünffacher Ausführung vorhanden sind. Bemerkenswert ist ferner, dass den Stachelhäutern ein Kopf ebenso fehlt wie ein Hirn. Sie verfügen allerdings über ein komplexes Netz von Nervenzellen, das über den gesamten Körper verteilt ist und wahrscheinlich ähnlich leistungsfähig ist wie das bei anderen Wirbellosen übliche nervliche «Schaltzentrum» im Kopfbereich.

Einzigartig ist im Übrigen die Fortbewegungsweise der Stachelhäuter, die mit Hilfe von «Schlauchfüsschen» erfolgt. Es handelt sich dabei um Ausstülpungen eines speziellen Wassergefässsystems, das sich im Körperinneren befindet. Durch hydraulische Druckregulierung können die aus Poren in der Haut hervortretenden Füsschen ausgedehnt oder zusammengezogen und dank feinster Muskelfasern auch bewegt und für schreitende Bewegungen eingesetzt werden.

 

Die Dornenkrone

Die Dornenkrone, eine von bloss zwei Arten in der Familie Acanthasteridae, gehört zu den recht gut untersuchten Seesternen. Das hat damit zu tun, dass sie - wie wir noch sehen werden - in den 1960er Jahren in den Ruf eines Korallenriffschädlings geriet.

Als erwachsene Tier weist die Dornenkrone einen Durchmesser von zumeist 25 bis 35 Zentimetern auf, kann aber mitunter bis 60 Zentimeter gross werden. Mit ihren gewöhnlich 14 bis 18 Armen scheint sie sich über die «fünfstrahligen Gesetze» ihrer Verwandtschaft hinweg zu setzen. Die überzähligen Arme sind jedoch sekundäre Ausbildungen.

Das Verbreitungsgebiet der Dornenkrone erstreckt sich über weite Bereiche sowohl des Indischen als auch des Pazifischen Ozeans - von der Küste Ostafrikas und vom Roten Meer im Westen quer durch die tropischen Bereiche des Indopazifiks bis zur Westküste Amerikas im Osten. Nordwärts kommt sie bis Japan, südwärts bis zur Lord-Howe-Insel vor. Gewöhnlich hält sie sich in den vor der Brandung gut geschützten Bereichen der Korallenriffe auf, so vor allem in Lagunen.

Die hauptsächliche Nahrung der Dornenkrone besteht aus Korallen, genauer gesagt aus dem lebenden Gewebe, das die Korallenstöcke überzieht, sowie den in den Stöcken hausenden Korallenpolypen. Wie fast alle Seesterne geht sie bei der Nahrungsaufnahme umgekehrt vor als die meisten übrigen Tiere, denn sie verfügt über keinerlei Mundwerkzeuge, um die Nahrung in ihren Magen zu befördern. Stattdessen stülpt sie ihren umfangreichen Magen durch die auf der Körperunterseite liegende Mundöffnung nach aussen und breitet ihn lappenartig über die Korallenstockpartie aus, über der sie sich befindet. In der Folge sondert sie starke Fermente ab, welche das Korallengewebe zersetzen. Mikroskopisch kleine Wimperhärchen, die sich auf der Magenwand befinden, befördern dann die angedauten Gewebepartikel zum Mund und von da in die in den Armen befindlichen blinddarmartigen Verdauungsorgane. Dort werden die «Bissen» fertig verdaut und die Nährstoffe daraus gewonnen. Die unverdaulichen Speisereste werden schliesslich über den auf der Körperoberseite befindlichen After ausgeschieden. Eine Mahlzeit dauert gewöhnlich vier bis sechs Stunden. Danach bewegt sich die Dornenkrone ein Stück weiter - und lässt einen Fleck weissen Korallenskeletts zurück. So verzehrt er täglich 300 bis 400 Quadratzentimeter Korallen.

Einige Seesternarten betreiben Brutpflege, indem die weiblichen Tiere ihre befruchteten Eier bis zum Schlüpfen der Jungen in speziellen Brutkammern verwahren. Bei den allermeisten Seesternen, so auch bei der Dornenkrone, geben die Männchen und die Weibchen aber einfach gleichzeitig Samenzellen bzw. Eier ins Wasser ab. Die Befruchtung erfolgt also im freien Wasser, und der Nachwuchs ist von Anfang an auf sich selbst gestellt. Beim Grossen Barriereriff vor Australiens Ostküste findet das Ablaichen zwischen November und Januar, also zur wärmsten Jahreszeit statt, und man nimmt an, dass das Fortpflanzungsgeschehen der Dornenkrone auch anderenorts saisonal gebunden vonstatten geht. Die Anzahl der Eier, die ein Weibchen im Verlauf einer Fortpflanzungssaison erzeugt, ist enorm: Bei grösseren Individuen sind es bis zu sechs Millionen.

Etwa zwei Tage nach der Befruchtung schlüpft aus jedem Ei eine winzige Larve, welche keinerlei Ähnlichkeit mit ihren Eltern hat. Sie schwebt frei im Wasser, lebt also planktonisch. Zwar verfügt sie über kleine Wimperhärchen, mit deren Hilfe sie leichte Schwimmbewegungen auszuführen vermag. Grundsätzlich ist sie aber ganz den Meeresströmungen ausgeliefert. Als Nahrung dienen ihr noch winzigere, ebenfalls planktonische Algen. Im Verlauf von drei Wochen durchläuft die Dornenkronenlarve mehrere Entwicklungsstufen - und wird in dieser Zeit zumeist mehrere hundert Kilometer weit von ihrem Geburtsort fortgetragen. Im letzten Larvenstadium namens Brachiolaria lässt sie sich schliesslich auf einem Korallenriff nieder und wandelt sich innerhalb etwa eines Tages zum Miniatur-Seestern mit zunächst fünf Armen um. Dessen Durchmesser bemisst sich auf ungefähr einen Millimeter.

Zu Beginn ernährt sich das Jungtier wiederum von Algen. Im Alter von etwa sechs Monaten, wenn es einen Durchmesser von zirka einem Zentimeter aufweist und bereits mehrere zusätzliche Arme ausgebildet hat, stellt es auf Korallenkost um. Zur Fortpflanzung schreitet die junge Dornenkrone erstmals im Alter von etwa zwei Jahren, wenn sie eine Grösse von ungefähr zwanzig Zentimetern erreicht hat. Wie gross die Lebensdauer im Freileben ist, wissen wir nicht. In Aquarien sind Dornenkronen bis acht Jahre alt geworden.

In den späten 1960er Jahren geriet die Dornenkrone weltweit in die Schlagzeilen. Damals hatten sich ihre Bestände in einzelnen Bereichen des Grossen Barriereriffs unvermittelt und aus ungeklärten Gründen explosionsartig vermehrt. Riesige Korallengärten wurden von Abertausenden der Tiere vollständig kahl geweidet. Es begann ein dramatischer Feldzug gegen die «gefrässigen» Stachelhäuter. In einem einzigen Riffabschnitt wurden innerhalb von achtzehn Monaten 27 000 Dornenkronen eingesammelt und auf riesigen Scheiterhaufen an Land verbrannt - ohne dass sich am unbegreiflichen Geschehen erkennbar etwas geändert hätte. Irgendwann hörte der Spuk dann von allein und ebenso schnell auf, wie er begonnen hatte, und zwar offensichtlich deshalb, weil die Dornenkronen ihre eigene Nahrungsgrundlage vernichtet hatten. Zurück blieben kahle Riffe, die sich jedoch innerhalb weniger Jahre weit gehend erholten.

Die Auslöser für die verheerende Bestandsexplosion, die sich seither an verschiedenen Orten im Indopazifik wiederholt hat, sind bis heute ungeklärt. Man ist aber überzeugt, dass das ökologische Gleichgewicht in den betroffenen Korallenriffen durch irgendwelche Schadfaktoren bereits gestört war, als die Invasion der stacheligen Seesterne begann. Auf jeden Fall gilt die Dornenkrone heute nicht mehr als eine schlimme Invasorin, sondern höchstens als Nutzniesserin einer Krisensituation. Möglicherweise fällt ihr sogar die ökologisch wichtige Aufgabe zu, geschädigte Riffe für neues Korallenwachstum zu öffnen.

 

Der Kissenstern

In seiner Erscheinung weicht der armlose, dickliche Kissenstern aus der Familie Oreasteridae noch mehr vom typischen Bild eines Seestern ab als die Dornenkrone. Erwachsene Individuen weisen einen Durchmesser von gewöhnlich 20 bis 25 Zentimetern auf. Die Färbung ist überaus variabel.

Wie die Dornenkrone hat der Kissenstern eine sehr weite Verbreitung: Er kommt überall in den tropischen Bereichen des Indischen und des Pazifischen Ozeans vor, von Afrikas Ostküste im Westen bis Hawaii im Osten. Auch er ernährt sich hauptsächlich von Korallengewebe. Im Gegensatz zur Dornenkrone verspeist er aber manchmal auch Muscheln, Seeigel, Krabben und frischtote Fische.

 

Der Blaue Seestern

Der Blaue Seestern ist ein Mitglied der artenreichen Familie Ophidiasteridae und hat «konventionelle» Seesternform. Er ist im Indischen und im Pazifischen Ozean weit verbreitet und gehört mit seiner blauen Färbung zu den besonders auffälligen Bewohnern der Korallenriffe. Erwachsene Individuen erreichen einen Durchmesser um 30 Zentimeter.

Der Blaue Seestern hält sich im Allgemeinen in flachen, terrassenartigen Bereichen in den obersten, sonnigen Riffteilen auf. Dort ernährt er sich hauptsächlich von Algenmatten, welche auf Felsen, Korallengeröll und toten Korallenblöcken wachsen, und man geht davon aus, dass er zusammen mit den pflanzlichen Stoffen auch allerlei tierliche Mikroorganismen verspeist, die sich in den Algenmatten aufhalten.

 

Der Blasenseestern

Wie der Blaue Seestern hat der Blasenseestern eine typische Seesterngestalt. Er gehört der Familie Echinasteridae an und wird ungefähr 25 Zentimeter gross.

Das Verbreitungsgebiet des Blasenseesterns ist nicht ganz so riesenhaft wie das der drei bereits vorgestellten Arten. Es dehnt sich zwar über den gesamten Indischen Ozeran aus, reicht aber im Pazifik ostwärts nur bis nach Neukaledonien.

Über die Lebensweise des Blasenseesterns ist so gut wie nichts bekannt. Von einem nahen Verwandten, dem Brasilienseestern (Echinaster brasiliensis), wissen wir, dass er sich hauptsächlich von Schwämmen (Spongia) und Seescheiden (Ascidia) ernährt.

 

Korallen werden bleich

Über die Bestandsgrössen und -dichten der vorgestellten Seesternarten liegen keine genaueren Informationen vor. Alle vier sind aber noch immer weit verbreitet, und sie scheinen überall gesunde Bestände aufzuweisen. Sie gelten deshalb nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet.

Ihr Überleben hängt jedoch von der Unversehrtheit ihres Lebensraums ab - und diesbezüglich ziehen gegenwärtig dunkle Wolken am Horizont auf. In jüngerer Zeit geschieht nämlich Unfassbares: Weltweit, in allen tropischen Meeren und Ozeanen, bleichen ganze Korallenriffe aus. Die Korallenpolypen stossen ohne ersichtlichen Grund die mit ihnen in Symbiose lebenden, farbgebenden Algen (Zooxanthellen) ab - und begehen damit praktisch Selbstmord, denn ohne ihre pflanzlichen Partner vermögen sie nicht lange zu überleben.

Mutmasslich handelt es sich bei diesem fatalen Verhalten der Korallenpolypen um eine «Stressreaktion», welche wohl vor allem durch drei Schadfaktoren ausgelöst wird: erstens die vielfältigen chemischen Schadstoffe, die im Wasser gelöst sind, zweitens die weltweite Erwärmung der Meere und drittens die verstärkte UV-Einstrahlung. Welche Konsequenzen dieses fortschreitende Ausbleichen der Korallenriffe nicht allein für die direkt betroffenen Geschöpfe, darunter die Seesterne, sondern letztlich für das gesamte marine Ökosystem - und mithin für die Menschheit - haben wird, ist im Moment völlig ungewiss. Besorgnis erregend ist aber zweifellos - und ein gewichtiges Argument, einerseits die weitere Verschmutzung der Meere und andererseits den Ausstoss jener Gase, welche für den «Treibhauseffekt» und für die Ausdünnung der Ozonschicht verantwortlich sind, auf globaler Ebene endlich und merklich zu vermindern.

 

 

 

Legenden

Die Dornenkrone (Acanthaster planci), welche als erwachsenes Tier einen Durchmesser von gewöhnlich 25 bis 35 Zentimetern aufweist, ist im Gegensatz zu den meisten Seesternen mit giftigen Stacheln bewehrt und verfügt nicht nur über 5, sondern über 14 bis 18 Arme. Ihre Färbung kann je nach Region und Kost variieren.

Der Blaue Seestern (Linckia laevigata) hat eine «konventionelle» Seesternform mit fünf Armen. Seine Spannweite beträgt im Erwachsenenalter um 30 Zentimeter. Als Nahrung dienen dem auffällig gefärbten Tier vor allem Algenmatten, welche auf Felsen, Korallengeröll und toten Korallenblöcken wachsen.

Der armlose, dickliche Kissenstern (Culcita novaguineae), der einen Durchmesser von gewöhnlich 20 bis 25 Zentimetern erreicht, weicht in seiner Erscheinung ebenso vom typischen Bild eines Seesterns ab wie die Dornenkrone. Wie jene ernährt er sich hauptsächlich von lebendem Korallengewebe, doch überfällt er im Unterschied zu ihr manchmal auch Muscheln, Seeigel und Krabben.

Die Grundfärbung des Kissensterns ist - selbst innerhalb einer lokalen Population - sehr variabel und reicht von schwarz über rot und grün bis hellgelb. Die aus Kalzit bestehenden Hautskelettplatten kontrastieren unterschiedlich stark mit der Grundfarbe.

Der Blasenseestern (Echinaster callosus) wird als erwachsenes Tier ungefähr 25 Zentimeter gross. Seine fünf Arme und sein Leib weisen blasenartige Hautausstülpungen auf, daher sein Name. Vermutlich ernährt er sich von Schwämmen und Seescheiden.




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