Serval

Leptailurus serval


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Raubkatzen gelten im allgemeinen als Bewohner dichter Wälder. Diese Vorstellung wird sicherlich geprägt durch unsere beiden europäischen Katzenarten, die Wildkatze (Felis silvestris silvestris) und den Luchs (Lynx lynx), welche beide ausgesprochene Waldkatzen sind. In Wirklichkeit ist aber die Mehrzahl der insgesamt 37 Mitglieder der Familie der Katzen (Felidae) in waldlosen Gegenden heimisch. Von den 10 Katzenarten, die in Afrika vorkommen, ist sogar nur eine, die Afrikanische Goldkatze (Profelis aurata), eine ausgeprägte Waldbewohnerin. Zwei Arten, der Leopard (Panthera pardus) und die Falbkatze (Felis silvestris lybica), sind «Allerweltsbürger», fühlen sich also in unterschiedlichsten Lebensräumen wohl. Eine Art, die Rohrkatze (Felis chaus), lebt vorzugsweise in unzugänglichen Röhrichten. Zwei Arten, die Sandkatze (Felis margarita) und die Schwarzfusskatze (Felis nigripes), bewohnen Wüsten und Halbwüsten. Und vier Arten, der Löwe (Panthera leo), der Gepard (Acinonyx jubatus), der Karakal (Caracal caracal) und der Serval (Leptailurus serval), sind in den weiten afrikanischen Savannen zu Hause. Vom wenig bekannten Serval, dessen bevorzugter Lebensraum die Hochgrasfluren der Feuchtsavannen sind, soll auf diesen Seiten die Rede sein.

 

Überlange Pfoten und Riesenohren

Der Serval ist eine mittelgrosse Katze. Erwachsene Tiere wiegen gewöhnlich um 11, ausnahmsweise aber auch bis zu 18 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas kleiner sind als die Männchen.

Die Färbung und Musterung des Fells ist beim Serval wie bei den meisten gefleckten Katzen sehr veränderlich. Zum einen variiert die Grundfärbung von weisslich bis ockerbraun. Zum anderen kann das Fellmuster von grossfleckig über kleinfleckig bis getupft sein. Ausserdem finden sich hin und wieder wie beim Leoparden auch sogenannte «melanistische», also rein schwarz gefärbte Tiere. Während gefleckte und schwarze Servale schon immer als Farbschläge ein und derselben Art galten, wurden die fein getupften Servale einst als separate Art namens Servalkatze (Leptailurus brachyura) betrachtet. Das hat sich jedoch als ungerechtfertigt erwiesen, weshalb die getupften Servale heute ebenso wie die schwarzen lediglich als Farbschlag gelten.

Hinsichtlich seines Körperbaus sind für den Serval - neben dem verhältnismässig schmalen Rumpf, dem eher kleinen Kopf und dem recht kurzen Schwanz - die schlanken, «überhöhten» Vordergliedmassen kennzeichnend. Bei einer Kopfrumpflänge von 70 bis 95 Zentimetern bemisst sich die Schulterhöhe auf beachtliche 60 Zentimeter. Dies sind 8 bis 10 Zentimeter mehr als bei ähnlich schweren Katzenarten mit «typisch» katzenartigem Körperbau. Interessanterweise kommt die Armlänge beim Serval nicht durch eine Verlängerung der Unterarm- und Oberarmknochen zustande, wie dies beim ähnlich gebauten Geparden der Fall ist. Beim Serval sind die Mittelhandknochen verlängert (wobei natürlich eine Rolle spielt, dass der Serval wie alle Katzen ein Zehengänger ist). Die Verlängerung der Vorderläufe dient beim Serval auch nicht der Erhöhung der Laufgeschwindigkeit wie beim Geparden, sondern hat andere Zwecke: Erstens erlangt sein Kopf dadurch - in Verbindung mit dem verhältnismässig langen Hals - «Extrahöhe» über dem Boden. Dies vermittelt dem Serval entscheidende Vorteile bei der akustischen Ortung von Beutetieren in seinem unübersichtlichen Lebensraum. Zweitens macht sie seine Hand zu einem langen, sehr beweglichen Instrument, das sich ausgezeichnet zum Abtasten von Erdhöhlen und zum «Angeln» nach Nagetieren in deren Gängen eignet.

Ein auffälliges Körpermerkmal des Servals sind ferner auch seine überaus grossen Ohren, deren Innenkanten am Scheitel fast zusammenstossen. Sie deuten auf ein besonders scharfes Gehör hin, und in der Tat dürfte das Hörvermögen des Servals dasjenige aller anderen Katzen klar übertreffen - von der wüstenbewohnenden Sandkatze vielleicht abgesehen. Ebenso wie die verlängerten Vorderpfoten stellen diese Ohren eine Anpassung an die Jagd in den oft mannshohen und kaum je weite Sicht gestattenden Grasfluren der Feuchtsavannen dar. Die Ohren spielen für die Ortung von Beutetieren offensichtlich eine so wichtige Rolle, dass der Serval bei von Wind bewegtem Gras keine Chance auf Jagderfolg zu haben scheint. Jedenfalls jagt er selten, wenn Wind weht, sondern ruht dann und wartet ab, bis sich die Luft beruhigt hat.

 

Trickreicher Kleintierjäger

Der Serval ist ein hochspezialisierter Nagetierjäger. Gegen achtzig Prozent seiner Beutetiere bestehen gewöhnlich aus Nagern, so besonders aus graslandlebenden Ohrenratten (Gattung Otomys) und Vielzitzenmäusen (Gattung Mastomys). In geringerem Ausmass erbeutet er auch Vögel, ferner Echsen, Schlangen und diverse andere Kleintiere. Hin und wieder vermag er sogar einen Hasen oder einen Klippschliefer zu überwältigen. Doch an solche oder noch grössere Beutetiere macht er sich selten heran.

Auf seinen Pirschgängen wendet der Serval unterschiedlichste Jagdtechniken an. Häufig pirscht er - nach echter Katzenmanier - langsam und lautlos durch seinen Lebensraum und horcht dabei aufmerksam nach etwaigen «verräterischen» Geräuschen wie dem Raffeln eines Nagers vor seinem Erdbau oder dem Trippeln eines Vogels am Boden. Zwischendurch setzt er sich auch mal für eine Weile an einer günstigen Stelle hin und schliesst die Augen. Seine ständig bewegten Ohren verraten dann, dass er keineswegs döst, sondern ganz besonders aufmerksam seine Umgebung belauscht. Nimmt er ein Beutetier wahr, so schleicht er sich sachte bis dicht an die «Geräuschquelle» heran und überrascht dann das Opfer mit einem hohen, gut gezielten Satz. Für das Beutetier erfolgt der Angriff in der Regel wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ehe es sich versieht, hat es der Serval mit zwei, drei harten Schlägen seiner Vorderpfoten bewusstlos geschlagen, und gleich darauf erfolgt der Tötungsbiss.

Eine für Katzen eher ungewöhnliche Jagdtechnik des Servals besteht darin, dass er mit schnellen Sprüngen kreuz und quer durch das hohe Gras hüpft. Dabei gelingt es ihm häufig, anwesende Beutetiere aufzuscheuchen, die er dann reaktionsschnell verfolgt und mit seinen weit ausgestreckten Vorderpfoten packt. Selbst aufflatternde Vögel vermag er vielfach noch in der Luft zu greifen.

Eine weitere Jagdmethode des Servals, die für Katzen unüblich ist, besteht darin, Nagetiere aus ihren unterirdischen Gängen auszugraben. Auf seinen Streifzügen gelingt es ihm dank seines Hochleistungsgehörs immer wieder, durch die Erde hindurch die in ihren Gängen aktiven Tiere zu orten. Er gräbt dann flink ein Loch in die Erde, greift mit seinen verlängerten Vorderpfoten in den freigelegten Gang hinein und vermag auf diese Weise häufig, seine Opfer festzukrallen und herauszuziehen. Besonders trickreich verhält sich der Serval, wenn er dem unterirdischen Bau von Maulwurfsratten (Gattung Tachyoryctes) begegnet, die in grösseren Sippen zusammenleben und gewöhnlich ihr ganzes Leben unter der Erde verbringen. Offensichtlich kennt er die Scheu dieser Nagetiere vor dem Tageslicht: Er scharrt ein Loch in einen der Gänge, die er mit seinem Gehör ausfindig gemacht hat, und setzt sich dann auf die Lauer. Meistens geht es nicht lange, bis eine der Ratten auftaucht, um den Schaden an ihrer «Wohnung» zu beheben, und schon fällt sie der gewieften Raubkatze zum Opfer.

Der Serval wendet noch eine dritte, für Katzen untypische Jagdweise an: Er geht häufig im Uferbereich von Flüssen und Seen auf Pirschgang. Im Gegensatz zu den meisten anderen Katzen zeigt er nämlich keinerlei Abneigung gegenüber Wasser, ja seine Wasserbezogenheit geht sogar so weit, dass er in Gebieten ohne offene Gewässer überhaupt nicht vorkommt. Bei seinen «nassen» Pirschgängen stöbert der Serval gewöhnlich im dichten, ufernahen Pflanzenwuchs umher, tastet mit seinen Vorderpfoten Nischen und Höhlen nach darin steckenden Beutetieren ab und erwischt dabei Fische, Frösche und viele andere uferlebende Kleintiere sowie Vögel, die sich im Röhricht aufhalten.

 

Jungenaufzucht ist Sache der Weibchen

Wie die meisten Katzen ist der Serval ein typischer Einzelgänger. Das hat damit zu tun, dass er als solcher die weitaus besseren Chancen hat, seine Beutetiere unbemerkt anzupirschen, als wenn er sich im Rudel bewegen würde. Wie die meisten Katzen ist der Serval ferner sehr ortstreu. Er verbringt am liebsten sein ganzes Leben in einem festen Wohngebiet, in welchem er alles vorfindet, was er zum Leben braucht und in dem er jeden Winkel kennt. So gestaltet sich sein Leben viel einfacher, als wenn er ziellos durch die Gegend streifen würde und nie wüsste, wo er wohl am besten nach Beute suchen, sich verstecken oder einen Partner suchen soll. Die Wohngebiete der Servale bemessen sich gewöhnlich auf 2 bis 20 Quadratkilometer und sind bei den wanderfreudigen Männchen im Durchschnitt deutlich grösser als bei den Weibchen.

Von Zeit zu Zeit legen natürlich auch die Servale ihren Hang zum Einsiedlertum ab - dann nämlich, wenn sie den Drang verspüren, sich zu paaren und für Nachwuchs zu sorgen. Laute Rufe und auffällige Duftmarken scheinen bei der Verständigung zwischen den Geschlechtern von grosser Bedeutung zu sein.

Zweieinhalb Monate nach der Paarung - die Tragzeit bemisst sich auf durchschnittlich 74 Tage - wählt das Servalweibchen einen verlassenen Erdferkelbau, eine Felsnische, einen hohlen Baumstamm, einen besonders dichten Busch oder eine andere gut geschützte Stelle als Wurfplatz und bringt dort seine gewöhnlich ein bis drei Jungen zur Welt. Wie alle Katzenkinder sind die Servaljungen ausgeprägte Nesthocker: Sie sind anfänglich blind und verbringen die ersten vier bis fünf Lebenswochen ständig in ihrem sicheren Versteck. Dann erst wagen sie sich hervor und unternehmen - zusammen mit ihrer fürsorglichen Mutter - die ersten Ausflüge. Im bemerkenswert frühen Alter von etwa sieben Monaten erreichen die jungen Servale bereits die Körpergrösse der Erwachsenen. Ihre Lebenserwartung in freier Wildbahn dürfte bei ungefähr 15 Jahren liegen; in Menschenobhut sind einzelne Tiere schon über 20 Jahre alt geworden.

Das Servalmännchen trägt zur Aufzucht der Jungen in keiner Weise bei. Wie bei den Katzen allgemein üblich, sind ihm Vaterpflichten völlig fremd. Das Servalweibchen hat deshalb viel zu tun, um die rasch heranwachsenden Jungen zuerst ausreichend mit Muttermilch, später mit fester Nahrung zu versorgen. Eine Studie über die Lebensweise der Servale im Ngorongoro-Krater in Tansania hat gezeigt, dass Weibchen mit Jungen genau doppelt so viel Zeit mit Jagen verbringen wie Weibchen ohne Nachwuchs. Die Jungenaufzucht bedeutet also selbst für diese einfallsreichen Raubkatzen ein hartes Stück Arbeit.

 

Gefahr durch Mensch und Hund

Servale sind südlich der Sahara weit verbreitet. Sie kommen von Senegal ostwärts über ganz West- und Zentralafrika bis Somalia und von da südwärts bis nach Südafrika vor. Innerhalb dieses riesigen Areals bewohnen sie allerdings nur die ihnen zusagenden Lebensräume und fehlen insbesondere in den äquatorialen Regenwaldgebieten und in den Halbwüsten des südlichen Afrikas. Früher soll es eine separate Servalpopulation im nördlichen Afrika, von Marokko über Algerien bis Tunesien, gegeben haben. Sie wurde 1780 als eigene Unterart namens constantinus beschrieben, doch ist ihre Existenz in Fachkreisen sehr umstritten. Die Diskussion ist ohnehin müssig, da mit Bestimmtheit seit mindestens dreissig Jahren keine Servale mehr nördlich der Sahara gesichtet werden konnten.

Servale scheinen zwar ziemlich anpassungsfähige Raubkatzen zu sein, die sich selbst in vom Menschen veränderter Umgebung zurechtfinden können. Zu schaffen macht ihnen im Umfeld des Menschen jedoch regelmässig dessen «treuer Freund», der Haushund. Zwar setzen sich Servale tapfer zur Wehr, wenn sie in die Enge getrieben werden. Sie besitzen aber nicht die Kraft etwa eines Karakals oder anderer mittelgrosser Katzen, die gedrungener gebaut sind, und stellen deshalb für ein Rudel hungriger Hunde eine eher leichte Beute dar. Dies ist der Grund, weshalb der Serval meistens ziemlich rasch aus Gebieten verschwindet, die vom Menschen besiedelt werden. Die rasche Ausweitung der anwachsenden afrikanischen Bevölkerung bewirkt deshalb, dass der Serval immer weiter zurückgedrängt wird.

In einigen Teilen Afrikas bejagt der Mensch den Serval im übrigen von alters her seines Fleischs wegen, das sehr gut schmecken soll. Auch findet sein Fell bei der Herstellung von Umhängen für Stammeshäuptlinge Verwendung. Diese traditionellen Formen der Bejagung stellten für den Serval jedoch zu keiner Zeit eine ernsthafte Gefahr dar, da sie nie gezielt und im Übermass erfolgten. Glücklicherweise war das Fell des Servals seiner minderen Qualität wegen auch im internationalen Fellhandel nie so sehr gefragt wie dasjenige anderer gefleckter Katzen. Somit sieht die Zukunft des Servals gar nicht allzu düster aus. Gelingt es, diese hübsche Raubkatze weiterhin vor übermässiger Bejagung zu bewahren, was besonders in den grossflächigen Nationalparks Afrikas eigentlich möglich sein sollte, so darf man zu Recht hoffen, dass sie auch in ferner Zukunft noch durch die Hochgrasfluren Afrikas pirschen und die Maulwurfsratten überlisten wird.




ZurHauptseite