Sibirischer Tiger

Panthera tigris altaica


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Katzen (Felidae) umfasst weltweit etwa drei Dutzend Arten, und hiervon gehören fünf zur Gattung der Grosskatzen (Panthera). Es handelt sich um den Löwen (Panthera leo), den Tiger (Panthera tigris), den Leoparden (Panthera pardus), den Jaguar (Panthera onca) und den Schneeleoparden (Panthera uncia). Alle fünf sind ausserordentlich weit verbreitete Tierarten, was von ihrem grossen Erfolg im alltäglichen «Kampf ums Überleben» zeugt. In der Tat sind die Grosskatzen ausnahmslos überragende Raubtiere, deren Fähigkeit, Beute zu ergreifen, zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet ist.

Für den Menschen besitzen die Grosskatzen seit eh und je eine geradezu magische Ausstrahlung. Die Gründe hierfür liegen in der Furcht vor diesen gefährlichen Tieren einerseits und der Bewunderung ihrer Jagdkünste andererseits. Seit vielen Jahrtausenden spielen Grosskatzen darum in den Sagen, Tänzen und Bräuchen unzähliger Völker auf der ganzen Welt eine wichtige Rolle - allen voran natürlich der Löwe, der vielzitierte «König der Tiere», dann aber auch der Tiger, der «Herrscher des Dschungels».

Mit der Erfindung der Feuerwaffen verloren die Grosskatzen leider an Bewunderung und Achtung. Nun war der Mensch mit einem Mal mächtiger als die grossen Raubkatzen. Endlich vermochten die Rinderhirten ihre Schützlinge wirksam vor den Angriffen der Grosskatzen zu bewahren. Und die reichen Kolonialherren konnten sich mühelos einen Bettvorleger beschaffen. Die Bejagung der Grosskatzen durch Viehzüchter und Trophäensammler hatte allerdings nie einen entscheidenden Einfluss auf die natürlichen Bestände der Tiere gehabt. Sie geschah ja nicht systematisch. Als dann aber um die Mitte unseres Jahrhunderts Mäntel aus Katzenfellen in Mode kamen, da begann der Niedergang der schönen Tiere. Nun konnten sich gutausgerüstete Berufsjäger mit Grosskatzenfellen ein Vermögen verdienen. Unbarmherzig wurden die scheuen Wesen in den hintersten Winkeln ihrer Lebensräume aufgestöbert, und schon bald waren viele Landstriche völlig leergeschossen.

Vor allem dank dem Washingtoner Artenschutzabkommen (WA), das 1973 in Kraft trat und demzufolge auf internationaler Ebene keine Grosskatzenfelle mehr gehandelt werden dürfen, ging zwar die Jagd in jüngerer Zeit massiv zurück. Heute macht den Grosskatzen aber die zunehmende Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume und die starke Verringerung ihrer Beutetierbestände durch den Menschen zu schaffen. Einzig in grossflächigen Schutzgebieten, die erfreulicherweise von vielen Staaten inzwischen eingerichtet wurden, können die prächtigen Raubtiere noch einigermassen ungestört leben. Es ist zu hoffen, dass ihnen wenigsten auf diesem Weg ein dauerhaftes Verbleiben auf unserem Planeten ermöglicht wird.

 

Grösste Grosskatze: der Sibirische Tiger

Das Verbreitungsgebiet des Tigers erstreckte sich einst von Kleinasien im Westen bis zur Amur-Mündung und den Sundainseln im Osten. Schon vor der schädigenden Einflussnahme durch den Menschen war das Vorkommen des Tigers vielerorts unzusammenhängend gewesen - unterbrochen durch Wüsten, Hochgebirge und Meere etwa. Dies führte dazu, dass sich die verschiedenen regionalen Tigerpopulationen in einem gewissen Ausmass eigenständig entwickelten und schliesslich sicht- und messbare Unterschiede hinsichtlich Körpergrösse, Haarlänge, Grundfärbung und Streifenzeichnung herausbildeten. Aufgrund dieser Unterschiede wird die Art von den Zoologen in acht verschiedene Unterarten gegliedert. Davon sind jedoch zwei, der Kaspi-Tiger (Panthera tigris virgata) im Westen und der Java-Tiger (Panthera tigris sondaica) im Südosten mit grösster Wahrscheinlichkeit inzwischen ausgestorben. Und eine dritte Unterart, der Bali-Tiger (Panthera tigris balica), hat vielleicht gar nie existiert.

Da die Körpermerkmale innerhalb jeder Unterart ziemlich wandelbar sind, ist es selbst für den Fachmann oft nicht einfach, einen Tiger ohne Kenntnis seiner Herkunft einer bestimmten Unterart zuzuordnen. Nur die nördlichste Unterart, der Sibirische Tiger (Panthera tigris altaica), hebt sich etwas deutlicher von den übrigen Unterarten ab: Er besitzt im Winter ein auffallend langhaariges Fell und ist besonders gross und schwer. In der Tat ist der Sibirische Tiger die grösste Katze überhaupt - er übertrifft sogar noch den «majestätischen» Löwen! Männliche Tiere, welche wie bei fast allen Katzenarten grösser, dickköpfiger und schwerer sind als die Weibchen, können eine Kopfrumpflänge von 290 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 100 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 115 Zentimetern und ein Gewicht von 320 Kilogramm erreichen - während die grössten Löwenmännchen höchstens 250 Kilogramm auf die Waage bringen. Tiere dieser Grösse sind allerdings Ausnahmeerscheinungen; zumeist weisen die männlichen Sibirischen Tiger eine Kopfrumpflänge von «lediglich» 180 bis 240 Zentimetern auf.

Das Sommerfell des Sibirischen Tigers ist ziemlich kurz und glatt und unterscheidet sich wenig etwa von dem des in Indien heimischen Königs- oder Bengaltigers (Panthera tigris tigris). Im Winter wächst dem Sibirischen Tiger jedoch ein besonders üppiger Pelz, wie ihn keine andere Tigerunterart besitzt: Auf dem Rücken misst die Haarlänge dann 4,5 bis 5,5 Zentimeter, am Bauch 5,5 bis 6,5 Zentimeter und am Hals gar 7 bis 10 Zentimeter.

Das Verbreitungsgebiet des Sibirischen Tigers scheint sich schon immer zur Hauptsache mit dem riesenhaften Becken des Amurflusses im fernöstlichen Asien überdeckt zu haben, wobei die nördliche Grenze seines Vorkommens bei etwa 50° n.Br. lag. Der in den meisten Sprachen gebräuchliche Name «Sibirischer Tiger» ist deshalb im Grunde genommen unzutreffend, da Sibirien, also das durch die Ströme Ob, Jenissei und Lena nach dem Nordpolarmeer hin entwässerte Nordasien, klar weiter nördlich und westlich liegt.

Heute kommt der Sibirische Tiger hauptsächlich noch in dem auf russischem Boden liegenden Küstenberggebiet Sikhote-Alin vor, zwischen dem Japanischen Meer, auch Ostmeer genannt, im Osten und dem Amur und dessen Nebenfluss Ussuri im Westen. Früher erstreckte sich das Verbreitungsgebiet deutlich weiter nach Westen und Süden: In China traf man den Sibirischen Tiger in weiten Bereichen der Mandschurei, besonders dem Amur-Nebenfluss Sungari entlang, südwärts wohl bis in die Provinz Liaoning. Heute findet man in ganz China nur noch zwei bis drei Dutzend weit verstreut lebende Individuen, die längerfristig wohl kaum eine Überlebenschance haben. In Südkorea gilt der Sibirische Tiger mittlerweile als ausgestorben, doch nimmt man an, dass eine kleine Zahl in Nordkorea zu überleben vermocht hat, möglicherweise auch in der entmilitarisierten Zone zwischen den beiden Korea. Alles in allem ist das Verbreitungsgebiet des Sibirischen Tigers auf unter vierzig Prozent jener Fläche geschrumpft, die es noch vor hundert Jahren hatte.

 

Tiger im Schnee

Als Lebensraum bevorzugt der Sibirische Tiger möglichst ausgedehnte Wälder - besonders aus Nadel- und Laubbäumen zusammengesetzte Mischwälder, denn darin ist das Beutetierspektrum besonders gross. Solche Wälder bedecken auch heute noch weite Teile der russischen Amurregion. Innerhalb dieses Lebensraums sind die einzelnen Tiger ziemlich standorttreu und halten sich oft ihr ganzes Leben lang im selben Wohngebiet auf. Eine in den siebziger Jahren im Sikhote-Alin-Berggebiet durchgeführte Untersuchung ergab, dass die Weibchen gewöhnlich ganzjährig in Gebieten von 200 bis 400 Quadratkilometern, die Männchen sogar von 800 bis 1000 Quadratkilometern umherstreifen.

Innerhalb seines Wohngebiets benützt jeder Tiger für den Ortswechsel ein Netz von selbstgeschaffenen Pfaden. Diese sind besonders im Winter sehr hilfreich, wenn die Temperaturen in der Amurregion oft während längerer Perioden zwischen -20°C und -40°C liegen und sich der Sibirische Tiger mit einem Phänomen auseinanderzusetzen hat, das seine südlicheren Vettern nicht kennen: Schnee. Zwar verfügt er in Anpassung an seine nordische Heimat über ein ausgesprochen dichtes Fell, das ihn vor der klirrenden Kälte gut schützt. Mit dem Schnee hat er jedoch gewisse Schwierigkeiten, denn dieser dringt schnell zwischen seine Zehen, verklumpt dort und vereist, was zu schmerzhaften, blutenden Schürfwunden führen kann. Der Sibirische Tiger benutzt aus diesem Grund nach Möglichkeit immer wieder dieselben Pfade, auf denen der Schnee festgetreten ist. So kann er sich wesentlich schneller und bequemer in seinem grossen Streifgebiet umherbewegen.

15 bis 20 Kilometer legt der Sibirische Tiger unter normalen Bedingungen täglich zurück. In Ausnahmesituationen können es auch mal 80 bis 100 Kilometer sein. Die meisten Wanderungen gelten der Suche nach Beutetieren, von denen das Wildschwein (Sus scrofa) und der Rothirsch (Cervus elephas) die wichtigsten sind. Daneben erbeutet er aber auch Elch (Alces alces), Moschustier (Moschus moschiferus), Sikahirsch (Cervus nippon), Reh (Capreolus capreolus), Goral (Nemorhaedus goral) und andere mittelgrosse bis grosse Paarhufer, denen er in seinem Lebensraum begegnet. Auch «raubt» er dort, wo er in der Nähe menschlicher Siedlungen lebt, hin und wieder eine Kuh oder ein Pferd, denn wie sollte er zwischen Mein und Dein unterscheiden können?

Der Sibirische Tiger ist wie fast alle Katzen ein klassischer Pirschjäger: Langsam und auf leisen Sohlen schleicht er durch sein Revier und äugt und lauscht aufmerksam nach etwaigen Bewegungen und Geräuschen. Entdeckt er auf seinem Pirschgang ein mögliches Opfer, so schleicht er sich in geduckter Haltung auf zehn bis fünfzehn Meter an das Tier heran. In unmittelbarer Nähe des Beutetiers entfaltet er dann plötzlich seine geballte Kraft und stürzt sich mit zwei oder drei gewaltigen Sätzen auf das überraschte Opfer. Mit den spitzen Krallen seiner grossen Pranken packt er es, reisst es zu Boden und bricht ihm mit einem kräftigen Biss das Genick.

Längst nicht jeder Versuch des Sibirischen Tigers, Beute zu schlagen, führt allerdings zum Erfolg. Viele «angepeilte» Opfer wittern oder hören die grosse Raubkatze rechtzeitig und können entfliehen. Die Intervalle zwischen zwei Tötungen schwanken deshalb zwischen weniger als zwölf Stunden und mehr als einer Woche. Aus Zoologischen Gärten weiss man, dass ein erwachsener Tiger täglich etwa sechs bis acht Kilogramm Fleisch benötigt, um bei Kräften zu bleiben - das entspricht ungefähr 70 hirschgrossen Beutetieren im Jahr.

 

Wechselvolle Geschichte

Die Geschichte des Sibirischen Tigers in Russland war im Verlauf der letzten hundert Jahre recht bewegt: Bis in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts scheint er selten vorsätzlich bejagt worden zu sein. Schon um die Jahrhundertwende wurden aber, hauptsächlich von Trophäenjägern, jährlich 120 bis 150 Individuen geschossen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts kam dann die staatlich geförderte landwirtschaftliche Erschliessung der Amurtiefländer in Gang, wodurch Tigerlebensraum auf weiter Fläche verloren ging. Und in den dreissiger Jahren erwuchs der grossen Raubkatze noch eine zusätzliche Gefahr durch den stetig anwachsenden Bedarf der weltweit immer zahlreicheren Zoologischen Gärten. Diese Kombination von Schadeinflüssen hatten, wenig erstaunlich, eine drastische Verminderung der russischen Tigerpopulation zur Folge. Tatsächlich ergab eine Bestandsuntersuchung in den vierziger Jahren, dass wahrscheinlich nur noch 20 bis 30 Sibirische Tiger auf russischem Gebiet lebten, die meisten davon im Sikhote-Alin-Berggebiet.

Erfreulicherweise war den sowjetischen Behörden das Schicksal des Sibirischen Tigers nicht einerlei: Zum einen trafen sie Vorkehrungen, um den Sibirischen Tiger wirksam vor Bejagung zu schützen. Zum anderen schufen sie zugunsten des Tigers im Sikhote-Alin-Massiv zuerst das 3470 Quadratkilometer grosse Sikhote-Alinskij-Reservat und später das 1160 Quadratkilometer grosse Lazovskij-Reservat. Diese Schutzmassnahmen verfehlten ihre Wirkung nicht: Schon 1959 hatte sich die auf russischem Gebiet heimische Tigerpopulation auf ungefähr 90 bis 100 Individuen erholt. Und während der nächsten zwei Jahrzehnte wuchs sie auf 250 bis 400 Tiere an und stabilisierte sich dann auf diesem Niveau. Im gleichen Zeitraum brachen leider die chinesische und die koreanische Population des Sibirischen Tigers hoffnungslos zusammen.

Leider gelangen nun, nach der Auflösung der Sowjetunion, Berichte zu uns, die für die Zukunft wenig Gutes ahnen lassen. So bestehen offensichtlich Pläne, welche die weitflächige Rodung der Wälder in der Amurregion vorsehen. Dadurch würde das Wald-Ökosystem, von dem das Wohlergehen des Sibirischen Tigers abhängt, nachhaltig beeinträchtigt. Besorgniserregend sind ferner Nachrichten über das Auflodern der Wilddieberei in der Amurregion. Denn Tigerknochen lassen sich - nebst manchen anderen Körperteilen - für viel Geld nach China, Korea und Taiwan verkaufen, wo sie in der traditionellen chinesischen Volksmedizin sehr begehrt sind. Pulverisiert und zu «Tigerwein» aufbereitet gelten sie als vielseitiges Stärkungsmittel und werden deshalb zu rund 200 US-Dollar je Kilo gehandelt. Allein 1992 scheinen über zwanzig Sibirische Tiger im Sikhote-Alin-Gebiet gewildert und ausser Landes geschmuggelt worden zu sein, wobei die Abschüsse stets im Winter erfolgen, weil die grossen Katzen dann anhand ihrer regelmässig benützten Pfade leicht aufgespürt und erlegt werden können.

Ohne Zweifel müssen dringend neuerliche Schutzanstrengungen unternommen werden, wenn die gute und erfolgreiche Arbeit der Naturschützer während der letzten vierzig Jahre nicht umsonst gewesen sein soll. Die Erhaltung der majestätischsten aller Katzen muss unbedingt gelingen.




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