Siebenschläfer

Glis glis


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Rund 1700 der insgesamt 4400 Säugetierarten, die es auf der Erde gibt, gehören der Ordnung der Nagetiere (Rodentia) an. Fast vierzig Prozent aller Säuger sind also Nager. Kein Wunder kann man den zumeist kleingewachsenen Geschöpfen sozusagen in jeder Ecke unseres Planeten begegnen - in Trocken- und Eis- ebenso wie in Zivilisationswüsten, ja selbst auf den entlegensten Ozeaninseln.

Die Gliederung der formenreichen Ordnung der Nagetiere sorgt unter den Wissenschaftlern seit langem für hitzige Diskussionen - und ist bis heute nicht abschliessend geklärt. In jüngerer Zeit werden jedoch meistens zwei Hauptfamilien von Nagetieren anerkannt: die Familie der Ratten & Mäuse (Muridae) mit über 1100 Arten und die Familie der Hörnchen (Sciuridae) mit etwa 270 Arten. Daneben wird gewöhnlich eine ganze Reihe kleinerer Familien mit jeweils weniger als 100 Arten gebildet. Zu diesen gehört auch die Familie der Bilche (Gliridae), welche als Bindeglied zwischen den beiden erwähnten Hauptfamilien verstanden werden kann. Ihr gehören 13 verschiedene Arten an, darunter der Siebenschläfer (Glis glis), von dem hier die Rede sein soll.


Grösstes Mitglied der Bilchfamilie

Die Bilche bilden eine sehr alte Sippe: Versteinerte Überreste von bilchartigen Nagetieren sind schon in Schichten aus dem Eozän zu finden. Die Stammesgeschichte der Tiere reicht also mindestens 40 bis 60 Millionen Jahre zurück. Im Gegensatz zu den Ratten & Mäusen sowie den Hörnchen haben die Bilche allerdings zu keiner Zeit weltweite Verbreitung gefunden, sondern blieben stets auf die Alte Welt beschränkt.

Die Verbreitung der Bilche sieht heute folgendermassen aus: 6 Arten kommen in Afrika südlich der Sahara vor. Es handelt sich um die Pinselschwanz-Bilche (Graphiurus spp.). 7 Arten leben in der Paläarktis, das heisst in den gemässigten Zonen der Alten Welt, von Grossbritannien bis Japan und vom Baltikum bis Nordafrika und Kleinasien. Zwei dieser Arten, der Japanische Schläfer (Glirulus japonicus) und der Chinesische Schläfer (Chaetocauda sichuanensis) sind nur im Fernen Osten heimisch. Eine Art, der Baumschläfer (Dryomys nitedula), ist im östlichen Europa und zentralen Asien zu Hause. Die restlichen 4 Arten kommen schwergewichtig in Europa vor: die Haselmaus (Muscardinus avellanarius), der Gartenschläfer (Eliomys quercinus), der Dünnschwanz-Mausschläfer (Myomimus personatus) und schliesslich der Siebenschläfer.

Das Verbreitungsgebiet des Siebenschläfers erstreckt sich vom nördlichen Portugal und Spanien quer durch das zentrale und südliche Europa ostwärts bis zur Wolga in Russland. In den meisten Bereichen Nordeuropas - in den Beneluxländern sowie in Grossbritannien, Dänemark und Skandinavien - fehlt er, doch kommt er im Baltikum vor. In Südeuropa trifft man den Siebenschlaefer in weiten Bereichen Italiens und des Balkans, ferner auch in Kleinasien, im Südkaukasus und im Nordiran. Zudem findet man ihn auf den meisten grösseren Mittelmeerinseln, so auf Kreta, Sizilien, Korsika und Sardinien, nicht aber auf Zypern und den Balearen.

Der Siebenschläfer ist mit einer Kopfrumpflänge von 13 bis 19 Zentimetern, einer Schwanzlänge von 11 bis 15 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 80 bis 120 Gramm das grösste Mitglied der Bilchfamilie.


Nachts pfeift, murmelt und quiekt er

Der Siebenschläfer ist ein Bewohner von Laub- und Mischwäldern in tiefen und mittleren Höhenlagen. Reinen Nadelwald meidet er. Hingegen hält er sich auch gern im Umfeld menschlicher Siedlungen auf und besucht dort Obstbäume und Scheunen.

In noch höherem Mass als die übrigen Bilche ist der Siebenschläfer ein ausgesprochenes Baumtier. Obwohl er äusserlich etwas plump erscheint, klettert er sehr gewandt selbst in dünnem Gezweig umher und kann zielsicher meterweite Sprünge vollführen. Beim Klettern finden seine sehr beweglichen Finger und Zehen mit den spitzen Krallen an den kleinsten Unebenheiten der Baumrinden sicheren Halt. Und beim Laufen über glatte Äste haften seine Füsse und Hände fest auf dem Untergrund, denn die Sohlen sind mit kissenartigen Schwielen versehen und diese dank zahlreicher Drüsen stets griffig feucht. Nicht zuletzt spielt auch der Schwanz bei der Fortbewegung im Geäst eine wichtige Rolle: Dank seiner buschigen Behaarung dient er dem Siebenschläfer vorzüglich als «Tarierstange» zum Gewichtsausgleich.

Den Tag verbringt der Siebenschläfer zumeist schlafend in einer natürlichen Baumhöhle. Wo solche nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, bezieht er gern auch einen Vogelnistkasten. Erst wenn die Nacht hereinbricht, wird der kleine Kletterer munter. Schattenhaft treibt er dann in den Baumkronen sein Wesen, gleitet als kleine, dunkle Gestalt emsig umher und widmet sich der Nahrungssuche und -aufnahme.

Als Nahrung dienen dem Siebenschläfer vor allem energiereiche pflanzliche Stoffe wie Früchte, Beeren, Samen, Nüsse und Eicheln. Insekten, beispielsweise Maikäfer, können aber zu bestimmten Jahreszeiten durchaus einen beachtlichen Teil seiner Kost ausmachen. Daneben raspelt der kleine Nager Rinde beispielsweise von Weiden (Salix spp.) ab, erbeutet hin und wieder Eier oder Nestlinge von Singvögeln, plündert Weinberge des Menschen, ja dringt sogar in dessen Gebäude ein und tut sich an eingelagertem Obst gütlich.

Als überwiegend nächtlich tätiger Baumbewohner verfügt der Siebenschläfer über ein ausgezeichnetes Tastvermögen, das ihm speziell von den bis zu sechs Zentimeter langen Schnurrhaaren vermittelt wird. Nicht weniger gut entwickelt ist sein Geruchsvermögen, dank dem er Nahrung auch in erheblicher Ferne gut wahrnehmen und Duftmarken seiner Artgenossen «lesen» kann. Hervorragend ist sodann sein Gehör. Seine grossen, dunklen Augen sind hingegen vor allem auf das Dämmerungssehen abgestimmt und spielen wohl beim nächtlichen Zurechtfinden eine eher untergeordnete Rolle.

Siebenschläfer sind im übrigen sehr stimmfreudige Tiere. Sie verständigen sich untereinander mit einem breiten Spektrum verschiedenartiger Laute - von langgezogenen und trillernden Pfiffen über allerlei murmelnde und murksende Laute bis hin zu Quieken und Zirpen.


Siebenschläfer werden ihrem Namen gerecht

Wie sein Name andeutet, ist der Siebenschläfer ein ausgeprägter Winterschläfer. Mehr als die Hälfte des Jahres, gewöhnlich sieben Monate, verbringt er in tiefem Dauerschlaf. Dabei senkt sich seine Körpertemperatur ab, und alle Stoffwechselvorgänge sind stark vermindert. Der kühlgewordene Siebenschläfer benötigt dann nur geringe Nährstoffmengen - es genügen die in seinem Körper im Sommerhalbjahr eingelagerten Fettvorräte, um den kleinen «Lebensfunken» in ihm zu erhalten. So ist er der Sorge enthoben, in den frostigen Wintermonaten nach Nahrung suchen zu müssen.

Das Jahr des Siebenschläfers beginnt gewöhnlich im Mai. Recht abgemagert entsteigt der Langschläfer dann seinem Winterquartier und widmet sich zunächst hauptsächlich der Nahrungsaufnahme, um den 25- bis 50prozentigen winterlichen Gewichtsverlust möglichst rasch wettzumachen. Sobald er wieder bei Kräften ist, was etwa im Juli der Fall ist, bestimmt der Fortpflanzungstrieb sein Handeln. Das Männchen kennzeichnet dann eifrig sein Revier durch das Absetzen von Duftmarken und zeigt damit allen Rivalen an, dass das betreffende Waldstück besetzt ist. Laut quiekend versucht es in der Folge, paarungswillige Weibchen aus der Nachbarschaft herbeizulocken. Zeigt sich ein solches, so folgt ihm das Männchen unermüdlich nach und wirbt um seine Gunst, bis es sich schliesslich besteigen lässt.

In der Folge trennen sich die Wege der beiden Tiere wieder: Während das Männchen von Vaterpflichten nichts wissen will und weiteren brünftigen Weibchen hinterherläuft, trägt das Weibchen Grashalme, Moosstückchen, Federn, grüne Blätter und anderes Nistmaterial in seine Schlafhöhle, um daraus ein weiches Kugelnest für die in seinem Leib heranreifenden Jungen zu bauen. Nach einer Tragzeit von 30 bis 32 Tagen wirft es dann in dieser Kinderstube zumeist vier bis sechs Junge.

Die jungen Siebenschläfer wiegen bei der Geburt lediglich zwei Gramm und sind anfangs nackt, blind und taub. Sie wachsen jedoch rasch heran und können mit vier bis sechs Wochen bereits klettern. In diesem Alter verlassen sie ihren Schlupfwinkel und gehen alsbald eigene Wege. Bis zum Wintereinbruch müssen sie ihr Gewicht auf etwa 70 Gramm erhöhen, damit sie genügend «Kraftstoff» haben, um ihren ersten langen Winter heil zu überstehen. Die Geschlechtsreife erreichen sie bereits im nächsten Frühling; ihre Lebenserwartung liegt bei maximal neun Jahren.

Der Winterschlaf des Siebenschläfers beginnt meistens im Oktober. Wenn der kleine Nager seine Zeit gekommen fühlt, zieht er sich in einen geeigneten Schlupfwinkel zurück. Oft wählt er ein ausgefaultes Astloch oder eine verlassene Spechthöhle, die er vorgängig noch mit Gräsern, Laub und anderem Isoliermaterial ausgestattet hat. Gelegentlich quartiert er sich auch in Jagdhütten, Bienenhäusern, Scheunen oder anderen waldnahen Gebäuden ein. Zumeist gräbt er sich jedoch ins Erdreich ein und hält in einer Tiefe von einem halben bis einem Meter seinen Winterschlaf, denn unterirdisch schwankt die Temperatur erheblich weniger und ist die Gefahr einer unliebsamen Störung durch Fressfeinde vergleichsweise klein.

Obschon die erwachsenen Siebenschläfer in den Sommermonaten ein mehr oder minder einzelgängerisches Leben führen und sich Geschlechtsgenossen gegenüber sogar als ziemlich streitlustig erweisen, gesellen sich im Winterquartier oft mehrere Tiere zusammen und schlafen eng aneinandergedrückt. Zwar nimmt man an, dass es sich dabei im allgemeinen um Geschwister oder sonstwie verwandte Tiere handelt, doch ist die Frage nicht abschliessend geklärt.


Delikatesse im alten Rom

Der Siebenschläfer ist seit langer Zeit auf unterschiedliche Weisen mit dem Menschen verbunden: In einigen Bereichen seines Verbreitungsgebiets gilt er als arger Ernteschädling, weil er insbesondere in schlechten «Mastjahren», wenn die Wälder nur geringe Mengen von Eicheln, Kastanien und Bucheckern erzeugen, gern in Obstgärten und Weinberge überwechselt, um seinen Winterspeck anzulegen. So können beispielsweise im nördlichen Kaukasus, einer wichtigen Wein- und Obstregion, bis zu einem Drittel der Birnen- und Traubenernte den Siebenschläfern zum Opfer fallen. Die hübschen Nager werden deshalb in manchen Gegenden mit allen möglichen Mitteln bekämpft.

Andernorts bringt der Mensch dem Siebenschläfer zwar mehr Wohlwollen entgegen, doch gerät ihm auch dies nicht zum Vorteil: Insbesondere im alten Rom galt der Siebenschläfer als ein grosser Leckerbissen. Mehrere römische Geschichtsschreiber berichteten ausführlich darüber, wie der Siebenschläfer zu züchten und zu mästen sei und hielten verschiedene Kochrezepte detailliert fest. Aus diesen Aufzeichnungen geht hervor, dass die Siebenschläfer in speziellen Freilandgehegen gezüchtet wurden, in denen verschiedene Fruchtsträucher wuchsen und deren Aussenmauern mit einem besonderes glatten Mörtel versehen waren, damit die Klettertiere nicht entkommen konnten. Die nachgezüchteten Tiere wurden sodann einzelnen in irdenen Töpfen gemästet, indem sie reichlich mit Eicheln, Nüssen und Kastanien versorgt wurden.

Noch heute wird der Siebenschläfer in einigen Regionen Europas als Delikatesse geschätzt, beispielsweise in ländlichen Gebieten Frankreichs und Sloweniens. Allerdings werden hier ausschliesslich Wildfänge verspeist. Gebietsweise wird der silbergraue Nager ferner auch seines dichten, weichen Fells und seines hochwertigen Körperfetts wegen bejagt.


Europaweit herrscht Wohnungsnot

Der Siebenschläfer lässt sich zwar verhältnismässig leicht fangen, weshalb die Verfolgung seitens des Menschen durchaus zu einer gewissen Verminderung lokaler oder regionaler Bestände führen kann. Allerdings dürfte dies kaum die Ursache für den markanten Rückgang der Siebenschläferbestände sein, der seit geraumer Zeit in weiten Teilen seines Artverbreitungsgebiets zu beobachten ist.

Der Populationsschwund des Siebenschläfers ist vielmehr auf die in ganz Europa ohne Unterlass erfolgende Umwandlung der natürlichen Wälder in eintönige Nutzwälder zurückzuführen, in denen kaum mehr alte, kranke oder tote Bäume stehen. Dem Siebenschläfer werden dadurch auf weiter Flur die für ihn lebenswichtigen Schlaf- und Aufzuchthöhlen entzogen, umsomehr als heute auch überall die alten, wenig wirtschaftlichen Hochstamm-Obstbäume abgeholzt werden.



* * * * *



Interessanterweise deuten die vielen Zuschriften, die ich von siebenschläfergeplagten Menschen erhalte, darauf hin, dass die Siebenschläfer heute - nachdem der Mensch sie mehr und mehr aus ihrem Bereich verdrängt hat - in grosser Zahl in den menschlichen Bereich vordringen. Notgedrungen haben sie offensichtlich ihre Scheu vor dem Menschen abgelegt und nutzen nun seine Gebäude als Schlaf- und Aufzuchthöhlen. Darüber zeigen sich ihre menschlichen «Mitbewohner» allerdings oft wenig begeistert. Lesen Sie mehr zum Thema auf meiner

Zusatzseite:

«Hilfe! Eine Siebenschläfer-Familie
tanzt den Hochzeitstanz auf dem Dachboden!»





ZurHauptseite