Silberhalstaube

Columba trocaz


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Tauben (Columbidae) ist eine überaus erfolgreiche Vogelsippe, welche sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte nicht nur über die gemässigten und tropischen Zonen sämtlicher Kontinente ausgebreitet, sondern auch unzählige Inseln in allen Weltmeeren besiedelt hat. Vielerorts haben sich auf den abgeschiedenen Ozeaninseln zufolge der oft jahrtausendelangen Isolation separate («endemische») Arten herausgebildet. Eine davon ist die hübsche Silberhalstaube (Columba trocaz), welche auf Madeira zu Hause ist und entwicklungsgeschichtlich von der auf dem europäischen Festland weitverbreiteten Ringeltaube (Columba palumbus) abzuleiten ist.

 

Lebensraum Lorbeerwald

Madeira, im Atlantischen Ozean rund 650 Kilometer westlich der marokkanischen Küste gelegen, ist vulkanischen Ursprungs. Sie tauchte also vor langer Zeit als Spitze eines untermeerisch entstandenen Vulkankegels aus dem Meer auf und wies nie eine Landverbindung zu einem der Festländer auf. Die Fläche der Hauptinsel beträgt rund 740 Quadratkilometer, ihre maximale Höhe misst 1861 Meter ü.M. Die Nebeninsel Porto Santo ist 42 Quadratkilometer gross. Politisch gehört Madeira als Region mit begrenzter innerer Autonomie zu Portugal.

Nach offizieller Geschichtsschreibung wurde Madeira im Jahr 1419 vom portugiesischen Seefahrer Joao Gonçalves Zarco entdeckt. Zu jener Zeit war die Insel beinahe vollständig mit Lorbeerwald bewachsen gewesen, einer üppigen, immergrünen Pflanzengesellschaft, die ihren Namen dem Lorbeerbaum (Laurus azorica) verdankt und die auch auf den Kanarischen Inseln und den Azoren einst weit verbreitet war.

So dicht und undurchdringlich soll der Lorbeerwald Madeiras damals gewesen sein, dass die frühen Entdecker befürchteten, es könnten gefährliche wilde Tiere darin hausen. Sie setzten ihn daher in Brand, worauf er sieben Jahre lang brannte. So heisst es wenigstens. Tatsache ist, dass der Lorbeerwald Madeiras von dem Moment an, da der Mensch seinen Fuss auf die Insel gesetzt hatte, schweren Schaden erlitt. Zum einen wurde die natürliche Pflanzendecke zerstört, um Platz für Kultur- und Bauland zu schaffen, zum anderen, um das Holz der Bäume teils im lokalen Bauhandwerk zu verwenden, teils zu exportieren. Bekanntes Exportholz war vor allem das als «Madeira-Mahagoni» bezeichnete Holz des Vinatico-Baums (Persea indica). Heute sind von den üppigen Wäldern, denen Madeira seinen Namen verdankt (portug. «madeira» = Holz) nur noch einige Restbestände übrig. Sie befinden sich - von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen - an den nördlichen Hängen der Insel.

Mit den Wäldern hat natürlich auch der Bestand der Silberhalstaube, deren natürlicher Lebensraum der Lorbeerwald ist, stark abgenommen. Entsprechend dem Vorkommen der letzten Lorbeerwaldreste findet man heute umfangreichere Bestände der Silberhalstaube nur noch auf der nördlichen Hälfte Madeiras. Weitgehend verschwunden ist die Art dagegen von der Südhälfte der Insel, wo der grösste Teil der ungefähr 250.000 Personen umfassenden Inselbevölkerung lebt. Und vollständig verschwunden ist sie von der Nebeninsel Porto Santo, wo schon früh die natürliche Pflanzendecke durch gefrässige eingebürgerte Ziegen und Kaninchen vernichtet worden war.

 

Früher zutraulich, heute menschenscheu

Die erste schriftliche Erwähnung der Silberhalstaube findet sich in einem Bericht des portugiesischen Chronisten Cadamosto aus dem Jahr 1445. Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass die Vogelart schon 26 Jahre nach der Entdeckung Madeiras von den zweibeinigen Inselsiedlern arg verfolgt wurde. Hier der betreffende Abschnitt aus Cadamostos Bericht: «Und ich halte fest, weil mir dies von glaubwürdigen Bewohnern Madeiras erzählt wurde, dass es am Anfang sehr viele Tauben gab, heute weniger. Aber noch werden welche gefangen, und zwar unter Verwendung einer Schlinge, die an einer Stange festgemacht ist. Die Schlinge wird den Tauben über den Kopf gezogen, und hierauf diese am Hals von ihrem Ast heruntergezerrt. Da die Tauben den Menschen nicht als Feind kennen, zeigen sie keine Furcht vor ihm.»

Glücklicherweise lernten die Tauben beizeiten aus ihren schlechten Erfahrungen mit dem Menschen, diesem tunlichst aus dem Weg zu gehen. Als der angesehene englische Ornithologe Du Cane Godman 1872 Madeira besuchte, beklagte er sich bereits über die erheblichen Schwierigkeiten, auf die er bei der Beschaffung von Exemplaren der menschenscheuen Silberhalstaube für seine Sammlung stiess. Und auch heute noch ist der Vogel überaus wachsam und dem Menschen gegenüber sehr misstrauisch.

In der wissenschaftlichen Literatur wurde die Silberhalstaube erstmals 1829 erwähnt, und zwar in einem Bericht, den Dr. Heineken im «Edinburgh Journal of Science» veröffentlichte. Als wissenschaftlichen Art namen schlug er «trocaz» vor, den lokalen Namen der Taube, «sofern sie sich als bislang unbeschrieben erweisen sollte». Auf ein sehr augenfälliges Kennzeichen der Silberhalstaube, ihre etwa fünf Zentimeter messenden, also aussergewöhnlich langen mittleren Zehen, wies er bei dieser Gelegenheit jedoch aus unerklärlichen Gründen nicht hin. Dies tat erst Edward Vernon Harcourt in seinem Buch «Skizze von Madeira» im Jahr 1851.

Die Silberhalstaube ist etwas grösser als die nah verwandte Ringeltaube. Ihre Flügelspannweite beträgt ungefähr 74 Zentimeter und ihre Gesamtlänge um 47 Zentimeter, wovon allerdings etwa 17 Zentimeter auf den recht langen Schwanz entfallen. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht, weder in der Färbung ihres Gefieders noch in den Massen ihres Skeletts. Die Männchen sind aber mit 420 bis 540 Gramm in der Regel etwas schwerer als die Weibchen, welche zwischen 390 und 440 Gramm wiegen.

Die Grundfarbe des Federkleids der Silberhalstaube ist grau. Auffällig - und für den deutschen Artnamen verantwortlich - ist ein hell silberfarbener Fleck im Nackenbereich, der im Sonnenlicht metallisch glänzt. Brust und Schultern weisen eine purpurrote Färbung auf, und über den Schwanz zieht sich ein helles Querband. Der Schnabel ist bei den erwachsenen Vögeln orangerot, bei Jungvögeln braunrot, die Iris des Auges ist hellgelb, und die Beine sind karminrot.

 

Erfolglose Zuchtversuche in Menschenobhut

Die Silberhalstauben halten sich fast ständig im Lorbeerwald auf und gehen auch fast ausschliesslich innerhalb dieser Pflanzendecke auf Nahrungssuche. Zur Hauptsache ernähren sie sich von den Früchten der verschiedenartigen Bäume und Sträucher, wobei sie die schwarzen Beeren des Lorbeerbaums (Laurus azorica) besonders lieben. Darüberhinaus picken sie auch allerlei Sämereien, Gräser und wirbellose Kleintiere vom Waldboden auf.

Gewöhnlich ist das Nahrungsangebot innerhalb des Lorbeerwalds für die Silberhalstauben ausreichend. In bestimmten zeitlichen Intervallen geht jedoch die Beerenproduktion des Lorbeerbaums stark zurück, was die Tauben dazu zwingt, ihren angestammten Lebensraum zu verlassen, um ihren Hunger zu stillen. Sie fallen dann häufig in die umliegenden Kulturen des Menschen ein und verursachen dort mitunter grössere Schäden. Ihre bevorzugte «Ersatznahrung» ist der Madeira-Kohl, den sie bis auf den Stengel entblättern. Sie suchen aber auch die verschiedenen Obstbäume auf, wo sie sowohl Früchte als auch Blüten verzehren. Es versteht sich von selbst, dass sich die Silberhalstauben mit diesen Plünderungen bei der ländlichen Bevölkerung Madeiras nicht sonderlich beliebt machen.

Über das Brutverhalten der Silberhalstaube ist wenig bekannt. Das liegt zum einen an der Unzugänglichkeit ihres Lebensraums und ihrer Scheu vor dem Menschen. Ein weiterer Grund ist der, dass sich die Silberhalstaube in Gefangenschaft kaum züchten lässt. Erst ein einziges Mal - im Jahr 1908! - ist es bisher gelungen. Die Forstkommission Madeiras hat kürzlich einen weiteren Zuchtversuch unternommen, und zwar mit Silberhalstauben, welche als Jungvögel in Menschenobhut gelangt waren. Aber auch dieser neuerliche Versuch blieb ohne Erfolg. Dies ist umso rätselhafter, als sich die meisten anderen Taubenarten in Gefangenschaft problemlos züchten lassen.

Soweit wir wissen, schreitet die freilebende Silberhalstaube im milden Klima ihrer Inselheimat das ganze Jahr über zur Brut. Die Periode der maximalen Bruttätigkeit verschiebt sich dabei - wohl in Abhängigkeit vom schwankenden Nahrungsangebot - von Jahr zu Jahr. In Jahren mit reichlich Futter können die Paare bis vier Bruten nacheinander durchführen, in ungünstigen Jahren entsprechend weniger.

Das Nest der Silberhalstaube besteht aus einem wenig kunstvoll zusammengebauten Haufen trockener Zweige und befindet sich gewöhnlich im Kronenbereich des Lorbeerwalds. Einzelne Paare legen ihr Nest allerdings auch in gut geschützten Felsnischen an. Im Gegensatz zum Gelege der meisten anderen Taubenarten besteht das der Silberhalstaube immer nur aus einem Ei. Zweieinhalb Wochen lang wird das Ei wahrscheinlich von beiden Partnern abwechselnd bebrütet. Vier Wochen nach dem Schlüpfen ist der Jungvogel bereits flügge und verlässt dann das Nest.

Obschon über den Bruterfolg der Silberhalstaube in freier Wildbahn nichts Genaues bekannt ist, besteht Grund zur Annahme, dass viele Bruten misslingen. Für Verluste unter den Eiern, Nestlingen und flüggen Jungvögeln sorgen nicht nur die natürlichen Feinde Bussard und Sperber, sondern vor allem auch die vom Menschen eingeschleppten Ratten. Überdies dürften hin und wieder Nester mitsamt ihrem Inhalt durch Sturmwinde zerstört werden.

 

Die Landbevölkerung greift zur Selbsthilfe

Der grösste Feind der Silberhalstaube ist seit der Entdeckung ihrer abgeschiedenen Inselheimat der Mensch. Zuerst entzog er ihr durch die Abholzung des Lorbeerwalds auf breiter Front die Lebensgrundlage und drängte sie in immer begrenztere Gebiete zurück. Dann stellte er ihr mit seinen Schusswaffen und mit Giftködern nach, weil sie sich aufgrund des mangelhaften Nahrungsangebots in den letzten Rückzugsgebieten periodisch dazu gezwungen sah, seine Kulturen heimzusuchen. Das geschieht mitunter auch heute noch. Die Selbsthilfe der Landbevölkerung gegenüber den «Ernteschädlingen» mag in gewisser Hinsicht noch verständlich sein. Kaum einzusehen ist hingegen die alte, noch immer nicht fallengelassene Forderung der Jägerschaft Madeiras nach einer festen jährlichen Taubenjagdzeit.

Glücklicherweise ist die Silberhalstaube unlängst von der EG in Anhang 1 ihrer Liste der geschützten Vogelarten aufgenommen worden. Die Art wird durch diesen Schritt unter vollständigen Schutz gestellt. Die Jägerschaft Madeiras hat nun keine Chance mehr, ihre unsinnige Forderung durchzusetzen. Nicht vollständig gebannt sein dürfte damit allerdings die Gefahr von Seiten der Landbevölkerung, welche die Silberhalstaube wahrscheinlich auch weiterhin - obzwar illegal - zum Schutz ihrer Kulturpflanzen abschiessen und vergiften wird. Es dürfte sehr schwer sein, dieser nach Meinung der Inselbevölkerung «gerechtfertigten» und wenig auffälligen Form der Wilderei beizukommen.

Ein grosses Problem für die Vogelwelt Madeiras im allgemeinen und die Silberhalstaube im speziellen stellen im übrigen die vom Menschen eingeschleppten Ratten dar. Der Lorbeerwald Madeiras ist mit Ratten geradezu verseucht, und diese findigen Nager ergänzen ihre Kost nur allzu gern mit Vogeleiern wie auch Nestlingen. Am meisten gefährdet ist zweifellos der Inhalt jener Nester der Silberhalstaube, die in Felsnischen angelegt wurden. Ratten sind aber auch ausgezeichnete Kletterer und vermögen durchaus auch die in den Baumwipfeln befindlichen Taubennester zu erreichen.

Eine gegenüber den «Fremdlingen» Mensch und Ratte beinahe vernachlässigbare Gefahr für die Silberhalstaube stellen die auf Madeira heimischen Greifvögel dar. Am erfolgreichsten scheint unter ihnen der Bussard zu sein, dem hin und wieder Nestlinge sowie brütende Altvögel zum Opfer fallen. Es ist auch schon beobachtet worden, dass Bussarde sich auf im Flug befindliche erwachsene Silberhalstauben stürzten. Sie waren aber dabei im allgemeinen nicht erfolgreich, da sich die Tauben nicht so leicht überraschen lassen und zudem die kräftigeren und gewandteren Flieger sind. Überhaupt ist anzunehmen, dass die Silberhalstaube diese durch natürliche Fressfeinde verursachten Ausfälle über ihre natürliche Nachzuchtrate wettzumachen vermag.

 

Günstige Entwicklung der Lage

Etwa 10.000 Hektar Lorbeerwald sind auf Madeira insgesamt übriggeblieben. Das entspricht ungefähr 13 Prozent der Inselfläche. Glücklicherweise sind diese Lorbeerwaldreste nicht wesentlich geschädigt, sondern befinden sich in ziemlich unverfälschtem Zustand. Die noch vorhandene Lebensraumfläche dürfte daher ausreichen, um der Silberhalstaube das Überleben auf lange Sicht zu gewährleisten - unter der Bedingung selbstverständlich, dass die letzten Lorbeerwaldstücke effizient geschützt werden. Dieses Ziel verfolgt die Naturschutzbehörde Madeiras («Parque Natural da Madeira») seit geraumer Zeit: Insgesamt 8731 Hektar hat sie zu teils strikten, teils bedingt zugänglichen Reservaten erklärt und hat angemessene Schutzmassnahmen ergriffen. Weitere Schutzgebiete werden derzeit mit Unterstützung der EG geschaffen. Des weiteren hilft der Welt Natur Fonds (WWF) der Naturschutzbehörde Madeiras im Rahmen eines mehrjährigen Projekts, den ursprünglichen Zustand des Lorbeerwalds so gut wie möglich zu erhalten, also unter anderem pflanzliche und tierliche Fremdeinflüsse auf ein Minimum zu beschränken.

Die Ereignisse der jüngeren Zeit haben die Silberhalstaube erfreulich begünstigt: Einerseits stehen heute ausreichende Flächen ihres angestammten Lebensraums unter wirksamem Schutz. Andererseits hat sie den Status einer strikt geschützten, von jeglicher Bejagung ausgenommenen Vogelart. Die Zukunft der hübschen Inseltaube dürfte also vorerst gesichert sein.




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