Birken am Sognefjord   (Norwegen)


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen im WWF-Kalender 1984)



Wer «Norwegen» liest, der denkt an die Fjorde - jene einzigartigen Gebilde, die aus der Begegnung des Hochgebirgs mit dem Meer hervorgegangen sind. Zu Recht. Denn die Atlantikküste Norwegens ist auf ihrer gesamten Länge tief zerfurcht von Hunderten dieser steilwandigen Geländeformen, welche Gebirgstal und Meeresbucht in einem sind. Der längste aller Fjorde, der Sognefjord, dringt vom Meer aus in mannigfachen Windungen und mit unzähligen Verzweigungen fast 200 Kilometer weit ins bergige Landesinnere hinein. In diesem gewaltigen Labyrinth äußern sich die Gezeiten gleichsam ermattet, denn ehe sich bei Ebbe die dunkelblauen Fluten des riesigen Fjords in den Ozean ergießen können, beginnt längst wieder die Flut zu steigen.

Wer «Norwegen» liest, der denkt aber auch an die nordischen Nadelwälder - jene endlosen, immergrünen Meere von dicht an dicht stehenden Koniferen. Auch diese Vorstellung besteht zu Recht. Denn in Norwegen gedeihen fast ausschließlich Nadelhölzer: Fichten und Kiefern machen achtzig Prozent des gesamten Baumbestands aus. Dieses Ungleichgewicht zwischen Nadel- und Laubbäumen liegt darin begründet, daß Nadelbäume die unwirtlichen Lebensbedingungen des hohen Nordens weitaus besser vertragen als Laubbäume. Letztere haben außerordentliche Mühe, die Energie und die Nährstoffe, die sie durch den alljährlichen Laubwechsel verlieren, während des kurzen nordischen Sommers zu ersetzen. Die immergrünen Nadelbäume hingegen, die keinen solchen Verlust kennen, können ihr Wachstum unmittelbar fortsetzen, sobald im Frühsommer wieder genügend Wärme, Licht und Wasser zur Verfügung stehen.

Ein paar wenige, besonders zähe Laubbäume schaffen es aber trotz alledem, sich unter den harten Umweltbedingungen des Nordens zu behaupten. Neben Espen, Erlen und Weiden ist es in erster Linie die Birke - sie, die sich auch im Bruchwald, in der Heide und im Bergwald als äußerst genügsamer Vorposten der Laubbäume erweist. Man sieht dem schütteren Birkenwäldchen auf dem umseitigen Bild die zehrende Sorge ums Überleben allerdings gut an: Der armselige, von Winterstürmen und Schneedecke gekrümmte Wuchs dieser «Kummerbirken» ist Ausdruck des an die Grenze des Möglichen vorgedrungenen Lebens in dieser Form.

Aber selbst diese zähen Geschöpfe sind heutzutage auf weiten Flächen in ihrer Existenz gefährdet. Nicht durch die Abholzung, wie man vielleicht geneigt ist, zu glauben; Norwegen ist bereits zur Jahrhundertwende zu einer planmäßigen, gesetzlich verankerten Forstwirtschaft mit umsichtiger Holznutzung übergegangen. Sondern durch schwefel- und salpetersaure Niederschläge - «saurer Regen», der durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in den industrialisierten Ländern verursacht wird. Mit jedem Regen wird der ohnehin karge Boden der standhaften Gewächse zusätzlich verdorben; ihre Wurzeln verätzen. Daß rund achtzig Prozent der in Norwegen niedergehenden Schadstoffe nicht im Land selbst in die Atmosphäre gelangen, sondern aus England und Deutschland herübergeweht kommen, sei hier nur am Rande erwähnt.




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