Ostafrikanischer Spiessbock
Oryx gazella beisa
© 1996 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Im jüngsten Staat Afrikas zu Hause
Eritrea, im Nordosten Afrikas an der Küste des
Roten Meers gelegen, weist eine Fläche von ungefähr
121 000 Quadratkilometern und eine Bevölkerung von etwa
3,5 Millionen Personen auf. Es ist ein topografisch abwechslungsreiches
Land, dessen höchste Berggipfel bis über 2000 Meter
ü.M. aufragen, während die tiefsten Stellen (im Bereich
der Danakil-Senke) mehr als 100 Meter unter dem Meeresspiegel
liegen. Vor allem aber ist Eritrea ein heisses, niederschlagsarmes
und deshalb in weiten Bereichen wüstenhaftes Land, dessen
Bevölkerung sich nur schwer aus eigener Kraft zu ernähren
vermag.
Von 1890 bis 1941 war Eritrea eine Kolonie Italiens.
Danach fiel es an Grossbritannien. 1952 wurde es durch UN-Beschluss
- aber gegen den Willen eines Grossteils der eritreischen Bevölkerung
- Äthiopien als autonomes Gebiet angegliedert, zehn Jahre
später, 1962, sogar vollständig einverleibt. Nach dem
Anschluss herrschte in Eritrea während dreissig Jahren ein
erbitterter Krieg zwischen den Rebellen der «Eritreischen
Befreiungsfront» und den Truppen der äthiopischen
Zentralregierung. 1991 gelang es den Eritreern endlich, die Hauptstadt
Asmara einzunehmen, und am 24. Mai 1993 erfolgte zu guter Letzt
die offizielle Unabhängigkeitserklärung. Seither ist
Eritrea ein selbständiger und freier Staat - auch wenn die
Zerstörungen des jahrelangen Befreiungskampfs noch überall
sichtbar sind und es noch viele Jahre dauern wird, bis nicht
nur die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur behoben,
sondern auch die Wunden in den Seelen der Menschen geheilt sind.
Allmählich erholen kann sich nun endlich auch
die eritreische Fauna, welche durch die Bürgerkriegswirren
ebenfalls stark geschwächt wurde, diese schwierige Zeit
aber doch in erfreulicher Vielfalt überdauert hat. Sie setzt
sich zum einen aus Tierarten zusammen, welche für die Sahelzone
- jenen halbtrockenen Landschaftsgürtel, der sich im Süden
der Sahara quer durch Afrika zieht - typisch sind. Zum anderen
umfasst sie Tierarten, deren Verbreitungsschwerpunkt weiter südlich,
im Bereich des Horns von Afrika und in Ostafrika, liegt. Zu letzteren
gehört eines der grössten Wildtiere Eritreas: der Ostafrikanische
Spiessbock (Oryx gazella beisa). Von ihm soll auf diesen
Seiten die Rede sein.
Oryxantilopen in Not
Der Spiessbock (Oryx gazella) ist eine von
drei verschiedenen Oryxantilopen. Bei den beiden anderen handelt
es sich um die Weisse Oryx (Oryx leucoryx) und die Säbelantilope
(Oryx dammah).
Die Weisse Oryx war noch vor hundert Jahren
über weite Bereiche der Arabischen Halbinsel und des Nahen
Ostens verbreitet gewesen. Schon um die Mitte unseres Jahrhunderts
überlebte jedoch nurmehr ein kleiner Restbestand in Oman,
und 1972 waren auch diese letzten freilebenden Tiere allesamt
abgeschossen. Glücklicherweise war es vorgängig (ab
1962) im Rahmen der berühmten, vom WWF unterstützten
«Operation Oryx» gelungen, ein paar der arg bedrängten
Antilopen einzufangen. Sie konnten in Gefangenschaft mit über
Erwarten gutem Erfolg gezüchtet werden, und bereits wurden
mit den Nachkommen aus dieser Zucht im Süden der Arabischen
Halbinsel, innerhalb gut bewachter Schutzgebiete, wieder kleine,
wildlebende Bestände aufgebaut.
Ein ähnliches Schicksal hat in jüngster
Zeit die Säbelantilope ereilt: Noch zu Beginn unseres
Jahrhunderts war sie in vielen Bereichen der Sahelzone heimisch
gewesen. Die traditionelle Bejagung durch den Menschen zwecks
Beschaffung von Fleisch und Leder erfolgte lange Zeit hauptsächlich
vom Pferderücken aus und unter Verwendung einfacher Waffen,
so dass ihre Bestände nie ernsthaft in Gefahr gerieten.
Ihr Niedergang begann jedoch, als der Mensch um die Mitte unseres
Jahrhunderts die Wirksamkeit moderner Schusswaffen mit der Schnelligkeit
und grossen Reichweite geländegängiger Motorfahrzeuge
vereinte und dadurch die Antilopen mühelos selbst in ihren
entlegensten Lebensgebieten aufstöbern und erlegen konnte.
Schon in den achtziger Jahren war die Säbelantilope aus
neunzig Prozent ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets für
immer verschwunden, und Anfang der neunziger Jahre wurde sie
schliesslich auch noch in ihrem letzten Rückzugsgebiet im
Tschad ausgemerzt. Glücklicherweise gibt es auch in ihrem
Fall mehrere gut gedeihende Zuchtgruppen in Menschenobhut. An
eine Wiederaussiedlung nachgezüchteter Individuen ist allerdings
im Moment noch nicht zu denken.
Vergleichsweise erheblich besser als seine beiden
Vettern hat der Spiessbock dem zunehmenden Jagddruck seitens
der ständig anwachsenden afrikanischen Bevölkerung
widerstanden. Man unterscheidet im allgemeinen drei geografische
Unterarten: den Ostafrikanischen Spiessbock (Oryx gazella
beisa), den Büschelohr-Spiessbock (Oryx gazella callotis)
und den Südafrikanischen Spiessbock (Oryx gazella gazella).
Der Ostafrikanische Spiessbock ist von Eritrea und vom Ostsudan
südwärts durch Äthiopien bis nach Somalia, Kenia
und Ostuganda verbreitet, wobei man ihn in Kenia südwärts
bis zum Fluss Tana findet. Südlich dieses Gewässers,
im Süden Kenias und im Nordosten Tansanias, ist der Büschelohr-Spiessbock
zu Hause. Der Südafrikanische Spiessbock schliesslich kommt
in Namibia, Botswana, Südwestangola, Westsimbabwe und im
nördlichen Südafrika vor.
Alle drei Spiessbockrassen wurden und werden zwar
ihres Fleischs, ihres Fells und ihrer Hörner wegen vom Menschen
bejagt, und vielerorts machen ihnen zudem die Nutztiere des Menschen,
vorab Rinder, Ziegen und Schafe, die Weide streitig. Glücklicherweise
leben aber von allen drei Unterarten grössere Bestände
in diversen Nationalparks und Wildreservaten, wo sie vor den
Nachstellungen des Menschen einigermassen gut geschützt
sind.
Unter anderem steht den eindrucksvollen Antilopen
heute im 1640 Quadratkilometer grossen Nakfa-Wildreservat im
Norden Eritreas ein wichtiges Rückzugsgebiet zur Verfügung.
Zwar wurden die Wildtierbestände auch in dieser Region während
des eingangs erwähnten Befreiungskampfs stark beeinträchtigt.
Das eritreische Volk ist aber jetzt sehr bestrebt, das Überleben
der noch vorhandenen heimischen Flora und Fauna sicherzustellen.
Die Chancen, dass sich auch kommende Generationen in Eritrea
am Anblick des eleganten Ostafrikanischen Spiessbocks werden
erfreuen können, sind darum recht gut.
Einen kühlen Kopf bewahren
Mit einer Schulterhöhe von ungefähr 120
Zentimetern und einem Gewicht um 150 Kilogramm (Weibchen) bzw.
180 Kilogramm (Männchen) ist der Ostafrikanische Spiessbock
eine imposante Antilope. Seine Hörner weisen eine Länge
von bis zu 1,2 Metern auf, wobei - für Antilopen eher ungewöhnlich
- die Hörner der Weibchen durchschnittlich etwas länger
sind als die der Männchen.
Der Ostafrikanische Spiessbock ist bemerkenswert gut
an das entbehrungsreiche Leben in Wüstenrandgebieten angepasst.
Dürre und Hitze heissen die beiden Faktoren, mit welchen
er in solchen, von sandigen Dünen, kahlen Geröllebenen
und zerklüfteten Bergen geprägten Landschaften zurechtkommen
muss.
Um die aussergewöhnliche Wasserknappheit zu ertragen,
weist der Ostafrikanische Spiessbock einen speziellen Magendarmtrakt
auf, der dem verspeisten Pflanzenmaterial sämtliche Zellflüssigkeit
entzieht und die unverdaulichen Pflanzenteile als staubtrockenen
Kot ausscheidet. Ferner verfügt er über besonders ausgebildete
Nieren, welche den Harn ausserordentlich stark konzentrieren,
damit auch auf diesem Weg kein überflüssiger Tropfen
Wasser verloren geht. Er vermag deshalb allein mit dem wenigen
Wasser auszukommen, das in seiner Nahrung enthalten ist und benötigt
keinen Zugang zu Wasserstellen. Dies umsoweniger, als er einen
unglaublichen Spürsinn besitzt, um die innerhalb seines
Lebensraums spärlich vorhandenen wasserhaltigen Pflanzenteile
- wie unterirdische Knollen und Wurzeln, Zwiebeln, Stengel von
Fettpflanzen oder Früchte von Kürbisgewächsen
- ausfindig zu machen und mit ihnen seine aus Wüstengräsern
bestehende Grundnahrung anzureichern.
Um die hohen Tagestemperaturen von teilweise bis gegen
50°C im Schatten auszuhalten, verfügt der Ostafrikanische
Spiessbock über eine erstaunliche Toleranz gegenüber
erhöhten Körpertemperaturen, denn Schwitzen oder Hecheln
- als die bei Säugern üblichen Mittel zur Körperkühlung
- kommen wegen des damit verbundenen Wasserverlusts nicht in
Frage. Zwar ruht er während der heissen Tagesstunden unter
den wenigen schattenspendenden Bäumen und Sträuchern,
die er in seinem öden Lebensraum findet, und geht vorwiegend
nachts auf Nahrungssuche. Ganz vermeiden kann er aber die sengende
Tageshitze nicht. Stattdessen hat er im Laufe seiner Stammesgeschichte
«gelernt», sie zu ertragen. Tatsächlich kann
er seine Körpertemperatur problemlos auf bis zu 46°C
ansteigen lassen, während andere Säuger bei derart
hohem «Fieber» rasch Organschäden, insbesondere
neurologische Schäden im Hirn, erleiden, die zum Tod führen
können.
Untersuchungen haben gezeigt, dass der Ostafrikanische
Spiessbock über eine höchst bemerkenswerte körperbauliche
Einrichtung verfügt, dank der sein Hirn rund 3°C kühler
gehalten wird als der restliche Körper: Die Schlagader,
die das Blut vom Herzen zum Hirn führt, splittert sich bei
ihm an der Hirnbasis zu einem feinen Netz feinster Äderchen
auf. Dieses Geflecht wird von einer voluminösen Vene umschlossen,
in welcher Blut von der Nasenhöhle zum Herzen zurückfliesst.
Da die Nasenschleimhaut beim Atmen stets etwas Flüssigkeit
verdunstet («transpiriert»), kühlt sich das
durch sie zirkulierende Blut messbar ab - und kühlt dann
seinerseits das arterielle Blut auf seinem Weg zum Hirn.
Tragen die Neugeborenen Hörner?
Ostafrikanische Spiessböcke sind recht gesellige
Tiere, welche die meiste Zeit ihres Leben in kleineren oder grösseren
Verbänden umherziehen. Nur die voll ausgewachsenen, das
heisst mehr als fünfjährigen Männchen führen
ein mehr oder minder einzelgängerisches Leben: Jedes von
ihnen hält ein grossflächiges Territorium besetzt,
auf welchem es zwar Weibchen und Jungtiere, jedoch keine anderen
erwachsenen Männchen duldet. Die erwachsenen Weibchen bilden
zusammen mit ihren Kälbern sowie den halbwüchsigen
Weibchen und Männchen Trupps von vielleicht ein oder zwei
Dutzend Tieren. Diese verteilen sich weit über den vorhandenen
Raum und ziehen auf der Suche nach Nahrung halbnomadisch darin
umher. Exkursionsgebiete von 1500 Quadratkilometern und mehr
scheinen keine Seltenheit zu sein.
Anlässlich seiner Streifzüge durchquert
jeder Weibchen-Jungen-Trupp immer wieder mal das Territorium
eines erwachsenen Männchens. Letzteres versucht dann durch
vielfältiges Hüteverhalten, die Wanderrichtung des
Trupps so zu beeinflussen, dass dieser möglichst lange auf
«seinem» Grundstück bleibt. Natürlich geschieht
dies nicht ganz «uneigennützig»: Eine klare
Fortpflanzungszeit besteht nämlich bei den Ostafrikanischen
Spiessböcken nicht, weshalb stets die Chance besteht, dass
einzelne Weibchen paarungsbereit sind und das betreffende Männchen
also sein Erbgut weiterzugeben vermag.
Die Tragzeit dauert beim Ostafrikanischen Spiessbock
knapp neun Monate, und es kommt je Wurf stets ein einzelnes Junges
zur Welt. Meistens entfernt sich das Spiessbockweibchen für
die bevorstehende Geburt von seinem Trupp und zieht sich an einen
stillen Ort zurück. Das Kalb vermag sich schon wenige Minuten
nach der Geburt auf seinen dünnen Beinchen aufzurichten.
Es wird von seiner Mutter saubergeleckt und trinkt ein erstes
Mal von der mütterlichen Milch. Dann legt es sich sogleich
unter einen Busch oder in den Schatten eines Felsstücks
und hält sich dort reglos versteckt. Die Mutter besucht
ihr Junges von Zeit zu Zeit zum Säugen. Und alle paar Tage,
gewöhnlich im Schutz der Dunkelheit, führt sie es zu
einem neuen Versteck, das oftmals mehrere Kilometer vom alten
entfernt liegt. Erst nach vier bis sechs Wochen schliesst sich
das Junge - an der Seite seiner Mutter - dem mütterlichen
Trupp an. Weil dies in der Regel der früheste Zeitpunkt
ist, zu dem der Mensch ein Spiessbockkalb zu Gesicht bekommt,
und weil dessen Hörnchen in diesem Alter bereits zwei oder
drei Zentimeter lang sind, war man früher der irrigen Meinung
gewesen, die Spiessbockkälber kämen mit Hörnchen
zur Welt. Zum Glück für die Muttertiere ist dies aber
nicht der Fall.
Sind die Ostafrikanischen Spiessböcke ausgewachsen,
bilden ihre Hörner, die sie wie lange, spitze Spiesse auf
der Stirn tragen, gefährliche Waffen. Tatsächlich verhalten
sich die grossen Antilopen Raubfeinden gegenüber recht selbstbewusst:
Sie laufen etwa vor angreifenden Geparden oder Tüpfelhyänen
keineswegs davon. Im Gegenteil stellen sie sich diesen entgegen,
halten den Kopf tief zwischen die Vorderbeine und gehen in einem
günstigen Augenblick überraschend auf ihre Gegner los,
um sie mit ihren Hörnern aufzuspiessen. Tatsächlich
sind selbst Löwen auf diese Weise schon ums Leben gekommen.
Die weiblichen Spiessböcke erreichen die Geschlechtsreife
ungefähr im Alter von zwei Jahren, bringen also zumeist
ihr erstes Junges in ihrem dritten Lebensjahr zur Welt. Zwar
werden auch die Männchen im Alter von etwa zwei Jahren geschlechtsreif,
doch erhalten sie gewöhnlich erst im Alter von fünf
oder mehr Jahren die Gelegenheit, sich fortzupflanzen. Erst dann
nämlich sind sie kräftig genug, um ein Territorium
zu erobern und vorüberziehende Weibchen für sich zu
gewinnen.
Ostafrikanische Spiessböcke können ein recht
hohes Alter von gut zwanzig Jahren erreichen.
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