Spinnenaffe

Brachyteles arachnoides


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Herrentiere (Primates) ist eine recht vielgestaltige Säugetiergruppe. Das Artenspektrum reicht von den urtümlichen Spitzhörnchen, Lemuren und Koboldmakis bis hin zu den eigentlichen «Herren des Tierreichs» - dem Schimpansen, Zwergschimpansen, Gorilla, Orang-Utan und Menschen. Die meisten der rund 200 Herrentier-Arten gehören aber den Affen im engeren Sinn (Unterordnung Simiae) an, die sich aus den afrikanischen und asiatischen Altweltaffen oder «Schmalnasen» (Catarrhina) und den süd- und mittelamerikanischen Neuweltaffen oder «Breitnasen» (Platyrrhina) zusammensetzen.

Bei den Neuweltaffen unterscheidet man zwei Familien: die Krallenaffen (Callithricidae) mit durchwegs hörnchengrossen Formen (z.B. Marmosetten, Löwenäffchen, Tamarins) und die Kapuzinerartigen (Cebidae) mit allen grösseren Arten (z.B. Brüllaffen, Totenkopfäffchen, Wollaffen). Zu den Kapuzinerartigen gehört auch der seltene Spinnenaffe (Brachyteles arachnoides), von dem hier die Rede sein soll.

 

Wipfelbewohner mit fünf Gliedmassen

Der Spinnenaffe ist der weitaus grösste Neuweltaffe. Er erreicht ein Gewicht von 14 bis 18 kg und eine Gesamtlänge von 90 bis 125 cm. Davon entfallen allerdings fast 60 Prozent (50 bis 70 cm) auf seinen sehr beweglichen Greifschwanz. Tatsächlich handelt es sich um den längsten und kräftigsten Schwanz aller Herrentiere. Diesen hochentwickelten Greifschwanz vermag der Spinnenaffe genauso geschickt zu gebrauchen wie seine Arme und Beine; er hat die Bedeutung einer fünften Gliedmasse.

Der Spinnenaffe ist ein strikter Waldbewohner. Beinahe sein ganzes Leben lang hält er sich hoch oben in den Wipfeln der Bäume auf und klettert nur sehr selten auf den Erdboden hinunter. Er ernährt sich vorwiegend von Blättern aller Altersstadien, nimmt aber gern auch Früchte und Blüten zu sich.

Ähnlich wie die altweltlichen Gibbons bewegt sich der Spinnenaffe vorwiegend als Hangler durch die Kronen der Urwaldbäume. An seinen Armen und am Schwanz hängend schwingt er sich elegant von einem Ast zum anderen. Als Anpassung an diese besondere Fortbewegungsart sind seine Hände hakenförmig verlängert, und die beim Hangeln unnötigen oder gar hinderlichen Daumen sind rückgebildet. Der wissenschaftliche Name des Spinnenaffen weist auf diese Eigenheiten im Körperbau hin: Brachyteles heisst «kurzer Daumen», arachnoides bedeutet «spinnenartig» und nimmt bezug auf die spinnenhafte Gestalt des Affen mit seinen fünf überlangen Gliedmassen.

Der Greifschwanz ist nicht nur bei der Fortbewegung sehr dienlich, sondern auch bei der Nahrungssuche. Mit ihm kann der Spinnenaffe Nahrungsdinge ergreifen, die ausserhalb der Reichweite seiner kürzeren Arme liegen. Zudem vermag er sich - trotz seines grossen Gewichts - mühelos im dünnen Gezweig der Baumkronen-Peripherie herumzubewegen, da er dank dieser fünften Gliedmasse über eine zusätzliche Möglichkeit der Verankerung und Gewichtsverteilung verfügt.

Spinnenaffen leben in Gruppen von 20 bis 30 Tieren, deren Wohngebiet eine Grösse von mehreren Quadratkilometern aufweist. Obschon Spinnenaffen-Gruppen in der Regel mehrere erwachsene Männchen umfassen, sind Streitigkeiten selten. Das Gruppenleben ist im allgemeinen sehr harmonisch. Die Weibchen bringen etwa alle zwei bis drei Jahre ein einzelnes Junges zur Welt, welches im Alter von rund zehn Monaten selbständig wird.

 

Bedrohte Tierart - bedrohter Lebensraum

Die Heimat des Spinnenaffen ist das Atlantikwaldgebiet Südost-Brasiliens. Der Waldtypus dieser Landesregion unterscheidet sich deutlich von den Regenwäldern des Amazonasbeckens im Nordwesten Brasiliens. Entsprechend grosse Unterschiede bestehen auch in der Zusammensetzung der Tierwelt, welche die beiden Waldtypen bewohnt.

Früher erstreckte sich das Atlantikwaldgebiet entlang der gesamten Ostküste Brasiliens - von Recife im Nordosten bis nach Porto Allegre im Süden des Landes. Fast ebenso gross war einst auch das Verbreitungsgebiet des Spinnenaffen: Es reichte vom Fluss Sao Francisco im Norden bis zu den Bergen von Sao Paulo im Süden. Die Art scheint in früheren Jahrhunderten ausgesprochen häufig gewesen zu sein. Jedenfalls ernährten sich die Teilnehmer der ersten Expeditionen in diesen Teil Südamerikas hauptsächlich von Spinnenaffen. Und noch in den sechziger Jahren schätzte der brasilianische Ökologe Alvaro Aguirre den Gesamtbestand der Affenart auf etwa 400 000 Tiere.

Die Situation hat sich in der Zwischenzeit drastisch verändert. Seit der Jahrhundertwende und besonders in den letzten zwanzig Jahren hat Südost-Brasilien einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Die Region hat sich zum kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes entwickelt. Zwei der drei grössten Städte Südamerikas befinden sich hier: Rio de Janeiro und Sao Paulo. Einhergegangen mit der heftig voranschreitenden Besiedlung und Kultivierung Südost-Brasiliens ist die grossflächige Rodung der Atlantikwälder. Ihre Fläche beträgt heute nur noch etwa zwei Prozent ihrer früheren Ausdehnung. Und zwangsläufig sind mit der Vernichtung der Wälder auch die Bestände des Spinnenaffen und all der andern einzigartigen Bewohner dieses Lebensraums stark zurückgegangen.

 

Breitangelegtes WWF-Programm

Seit 1979 unterhält der World Wildlife Fund (WWF) in Brasilien ein breitangelegtes Programm zur Rettung der letzten Reste der Atlantikwälder. Leiter des Programms ist Russell A. Mittermeier, Vorsitzender der Primatenspezialisten-Gruppe der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN). Im Rahmen dieses WWF-Programms haben verschiedene bekannte Primatenforscher - darunter Akisato Nishimura aus Japan, Celio Valle aus Brasilien und Katharine Milton aus den USA - die Lage des Spinnenaffen untersucht. Ihre Befunde sind erschreckend: Von der einstmals mehrere hunderttausend Tiere umfassenden Art leben heute nur noch 300 bis 400 Individuen, verteilt auf etwa zehn kleine, weit auseinanderliegende Waldstücke. Nicht sehr ermutigend ist weiterhin die Tatsache, dass einige dieser isolierten Waldgebiete auf privatem Grund liegen und daher nur sehr schwer geschützt werden können. Zweifellos ist der Spinnenaffe heute als der gefährdetste Vertreter der Neuweltaffen einzustufen. Die IUCN hat ihn vor kurzem sogar auf ihre traurige Liste der zwölf bedrohtesten Tierarten der Welt gesetzt.

In enger Zusammenarbeit mit der brasilianischen Naturschutzbehörde, der brasilianischen Naturschutzstiftung FBCN, dem Rio de Janeiro-Primatenzentrum und der Minas Gerais-Universität setzt der WWF nun alles daran, das Überleben der letzten Spinnenaffen zu sichern. In erster Linie wird die Be wachung der paar Schutzgebiete, in denen Spinnenaffen vorkommen, stark ausgebaut. Daneben wird durch eine aufwendige Kampagne die brasilianische Öffentlichkeit auf die bedrohliche Lage der Spinnenaffen und ihres Lebensraums aufmerksam gemacht und zur Unterstützung der Rettungsaktion aufgerufen. Ein ausgezeichneter, von Andrew Young gedrehter Film ist im brasilianischen Fernsehen gezeigt worden und hat hierzu entscheidend beigetragen. Der Spinnenaffe ist auf dem besten Weg, das zu werden, was der Grosse Panda für China ist: Symbol der bedrängten Natur. Des weiteren ist ein wissenschaftlich fundiertes Zuchtprogramm der seltenen Affen im Rio de Janeiro-Primatenzentrum geplant. Und es wird intensiv nach vielleicht noch unentdeckt gebliebenen Populationen der behenden Klettertiere gefahndet.

Russell A. Mittermeier hofft, dass mit diesem breitgefächerten Programm der Spinnenaffe und mit ihm die letzten Atlantikwald-Stücke kurz vor ihrem unwiderruflichen Untergang doch noch gerettet werden können.




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