Spitzkrokodil

Crocodylus acutus


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung «Gefährdete Tierarten»)



Das Spitzkrokodil (Crocodylus acutus) ist im Bereich der mittelamerikanischen Landbrücke weit verbreitet - von Mexiko südwärts bis Peru und Venezuela. Darüberhinaus findet man es an Floridas Südspitze sowie auf den grossen Antilleninseln Kuba, Jamaika und Hispaniola.

Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets bewohnt das grosse Reptil vorzugsweise Flussmündungen, Mangrovensümpfe und andere Lebensräume im Grenzbereich zwischen dem Süss- und dem Meerwasser. Besonders zahlreich kommt es dort vor, wo «zerfranste» Küstenstriche ein buntes Mosaik von Kleinlebensräumen auf engem Raum bieten, denn dies garantiert ihm einen ganzjährig reichlich gedeckten Tisch.

Das Spitzkrokodil gehört zu den grössten der insgesamt 22 Krokodilarten der Erde: Ältere Individuen können eine Gesamtlänge von bis zu sieben Metern erreichen. Tiere dieser Grössen- und Altersklasse gibt es allerdings in freier Wildbahn kaum mehr, da das Spitzkrokodil in unserem Jahrhundert massiver Bejagung durch den Menschen ausgesetzt war und vor allem die grossen Tiere eine begehrte Beute waren. Die meisten Spitzkrokodile messen heute weniger als vier Meter.

Obschon das Spitzkrokodil ein direkter Nachfahr der Grosssaurier und damit ein sehr altertümliches Reptil ist, verkörpert es im Bereich seiner Heimatgewässer weiterhin das beherrschende Raubtier: Es überwältigt und verzehrt jedes Lebewesen, das es im Wasser oder am Ufer zu erwischen vermag. Selbst Jaguare und Anakondas sollen ihm schon zum Opfer gefallen sein.

In der Tat ist das Spitzkrokodil perfekt an seinen feuchten Lebensraum und sein räuberisches «Handwerk» angepasst: Oft treibt es während Stunden bewegungslos unter der Wasseroberfläche. Nur seine Augen, Ohren und Nasenöffnungen ragen aus dem Wasser heraus. So überwacht es gut getarnt das nahe Ufer, bis es ein Beutetier erspäht. Sehr langsam und vorsichtig nähert es sich dann seinem Opfer und schnellt schliesslich - vorwärts getrieben durch wuchtige Schläge seines muskulösen Ruderschwanzes - unversehens aus dem Wasser heraus. Mit einem Biss seiner kräftigen Kiefer ergreift es das überraschte Tier, zerrt es ins Wasser und ertränkt es.

Wie alle Krokodile vermehrt sich das Spitzkrokodil mittels weisser, hartschaliger Eier von Gänseei-Grösse. Für die Eiablage gräbt das Weibchen an einem gut besonnten Ort in Gewässernähe ein Loch in den sandigen Boden. In die Eigrube legt es sodann 40 bis 60 Eier und deckt anschliessend das Gelege mit dem herausgescharrten Erdreich wieder fein säuberlich zu. Nun sorgen die wärmenden Sonnenstrahlen für das Gedeihen der Embryos.

Ungefähr drei Monate verstreichen zwischen der Eiablage und dem Schlüpfen der Jungen. Das Weibchen wacht die ganze Zeit über sein Gelege und beschützt es vor etwaigen Nestplünderern. Naht der Zeitpunkt, da die Jungen aus ihren Eiern schlüpfen, begibt es sich wiederholt über das Nest, legt seinen Kopf auf den Boden und lauscht, ob es die quäkenden Rufe der Jungen vernimmt, die sie während des Schlüpfens äussern. Sobald dies der Fall ist, gräbt es das Gelege frei und erleichtert dadurch den Kleinen den Start ins Leben. Das Spitzkrokodilweibchen betreibt also aktive Brutpflege - eine in der Reptilienwelt nicht allzu häufige Sache.

Früher war das Spitzkrokodil bedeutend häufiger und sein Verbreitungsgebiet deutlich weniger «löcherig» gewesen als heute. Jetzt steht es am Rande des Aussterbens: Mehrere regionale Bestände sind vollständig ausgelöscht, die restlichen stark geschwächt.

Der Niedergang der Art erfolgte zur Hauptsache in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, nachdem aus Krokodilleder gefertigte Taschen, Schuhe und andere Modeartikel in den wohlhabenden Ländern zu begehrten Luxusartikeln geworden waren. Die Jagd auf die Tiere entwickelte sich damals zu einem äusserst einträglichen Geschäft und führte dazu, dass die Tiere unbarmherzig verfolgt und niedergeschossen wurden.

Gleichzeitig trug (und trägt noch immer) die Verminderung der natürlichen Lebensräume durch die rasch anwachsende Bevölkerung Lateinamerikas zum Rückgang der Bestände bei.

Immerhin leben heute mehrere Spitzkrokodilbestände innerhalb der Grenzen von Nationalparks und Naturreservaten und geniessen dort - zusammen mit vielen anderen arg bedrängten mittelamerikanischen Küstenlebewesen - einen gewissen Schutz. Ausserdem wurde die Bejagung der Tiere inzwischen vielerorts auch ausserhalb der Schutzgebiete von Gesetzes wegen verboten. Zwar hapert es noch mit dem Vollzug der Artenschutzgesetze. Da aber mittlerweile der internationale Handel mit Krokodilleder aufgrund der Konvention über den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) strikten Beschränkungen unterliegt, ist der Jagddruck auf die urtümlichen Reptilien stark zurückgegangen. Denn wo die Nachfrage nach einem Tierprodukt wegfällt, da fehlt unweigerlich auch der Anreiz für die illegale Verfolgung der betreffenden Tierart. Dies lässt hoffen, dass das Spitzkrokodil doch eine Zukunft hat.




Spitzkrokodil
Crocodylus acutus

 

Systematik
Klasse: Kriechtiere
Ordnung: Krokodile
Familie: Echte Krokodile

Körpermasse
Gesamtlänge: bis 7 m
Gewicht: bis über 1 Tonne
Länge beim Schlüpfen: um 30 cm

Fortpflanzung
Gelegegrösse: 40-60 Eier
Brutdauer: 11-14 Wochen
Höchstalter: über 50 Jahre

Bestandssituation
Bestand: nicht bekannt
Rote Liste: «bedroht»
CITES: Anhang I




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