Spitzkrokodil
Crocodylus acutus
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
22 Arten von Krokodilen leben auf unserem Planeten.
Sie gliedern sich in drei Gruppen, welche früher als drei
separate Familien, heute aber als Unterfamilien einer einzigen
Familie (Crocodylidae) betrachtet werden. Es handelt sich erstens
um die Alligatoren und Kaimane (Alligatorinae) mit 7 Arten, zweitens
die Echten Krokodile (Crocodylinae) mit 14 Arten und drittens
die Gaviale (Gavialinae) mit dem Ganges-Gavial als einziger Art.
Die Alligatoren und Kaimane lassen sich von den Krokodilen
leicht dadurch unterscheiden, dass ihr vierter Unterkieferzahn
in eine seitlich geschlossene Grube des Oberkiefers passt und
daher bei geschlossenem Mund äusserlich nicht sichtbar ist,
während sich bei den Echten Krokodilen derselbe Zahn in
eine seitlich offene Furche des Oberkiefers legt und somit auch
bei geschlossenem Mund sichtbar bleibt. Der Ganges-Gavial seinerseits
ist aufgrund der enorm verlängerten, schmalen Schnauze,
die beinahe an einen bezahnten Schnabel erinnert, mit keinem
Alligator, Kaiman oder Echten Krokodil zu verwechseln.
Die heutigen Krokodile stellen lebende Zeugnisse einer
längst vergangenen Erdepoche dar: Sie sind der kleine Rest
der einstmals überaus vielgestaltigen Sippe der Grossaurier,
welche während des Mesozoikums, des sogenannten Erdmittelalters,
vor 230 bis 65 Millionen Jahren ihre Blütezeit hatte. Am
Ende dieser Epoche, als das weltweite und noch immer rätselhafte
Sauriersterben einsetzte, erging es den Krokodilen nicht viel
besser als all den Dinosauriern, Flugsauriern und anderen Saurierformen:
Der Grossteil von ihnen starb innerhalb kurzer Zeit aus. Einige
wenige Krokodile schafften es jedoch, die grosse Aussterbewelle
zu überleben, und sie haben ihren Platz in der Tierwelt
unseres Planeten bis heute zu behaupten vermocht.
Die «modernen» Krokodile sind die beherrschenden
Raubtiere der tropischen und subtropischen Binnengewässer.
Trotz ihrer viele Millionen Jahre alten Stammesgeschichte sind
sie nämlich keineswegs «altertümlich»,
sondern haben sich perfekt an ihren feuchten Lebensraum und ihr
räuberisches «Handwerk» angepasst: Ihre Augen,
Nasenöffnungen und Ohren liegen erhöht auf der Schädeloberseite,
so dass sie - praktisch vollständig untergetaucht - die
Umgebung ihres Gewässers überwachen können, ohne
selbst gesehen zu werden. Mittels eines «falschen Gaumens»,
eines speziellen Hautsegels im hinteren Bereich der Mundhöhle,
vermögen die Krokodile die Verbindung Nasengang/Luftröhre
von der Mundhöhle abzutrennen, wodurch sie beispielsweise
mit geöffnetem Mund unter Wasser ein Beutetier festhalten
und gleichzeitig atmen können, wenn nur ihre Schnauzenspitze
mit den Nasenöffnungen über das Wasser ragt. Eine augenfällige
Anpassung an das Leben im Wasser ist auch der grosse, seitlich
abgeflachte Ruderschwanz, der die Tiere mit wuchtigen Schlägen
blitzschnell durch das Wasser zu treiben vermag. (Die Vorder-
und Hintergliedmassen werden während des Schwimmens an den
Körper angelegt und treten erst in Aktion, wenn sich Krokodile
auf dem Land bewegen.) Und nicht zuletzt sind die Kiefer der
Krokodile mit einer grossen Zahl harter Zähne sowie mit
kräftigen Kieferschliessmuskeln bestückt, welche einem
einmal gepackten Beutetier keine Chance zur Flucht mehr lassen.
Vier Echte Krokodile leben in Amerika
Während der Ganges-Gavial ausschliesslich in
Südasien vorkommt und die Alligatoren und Kaimane auf Mittel-
und Südamerika beschränkt sind, kann man den Echten
Krokodilen in allen tropischen und subtropischen Regionen rund
um den Erdball begegnen.
In der Neuen Welt leben vier Arten von Echten Krokodilen:
Neben dem Spitzkrokodil (Crocodylus acutus), von welchem
nachfolgend die Rede sein wird, sind dies: das Orinoko-Krokodil
(Crocodylus intermedius), welches im Einzugsgebiet des
Orinoko-Flusses in Venezuela und Kolumbien vorkommt, das Beulenkrokodil
(Crocodylus moreletii), welches auf der Ostseite Mittelamerikas,
von Mexiko südwärts bis Guatemala, beheimatet ist,
und das Rautenkrokodil (Crocodylus rhombifer), welches
auf Kuba zu Hause ist. Alle vier Neuwelt-Krokodile stehen heute
leider auf der von der Internationalen Union für Naturschutz
(IUCN) herausgegebenen Roten Liste der vom Aussterben bedrohten
Reptilienarten. Aus diesem Grund sind sie unter anderem in Anhang
1 des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) aufgeführt.
Der Handel mit lebenden Tieren, ihren Häuten oder aus diesen
hergestellten Schuhen, Taschen usw. ist somit zwischen den mittlerweile
rund 110 WA-Unterzeichnerstaaten strikt verboten.
Von den vier Neuwelt-Krokodilen ist das Spitzkrokodil
am weitesten verbreitet. Auf der Westseite Mittelamerikas kommt
es von Südmexiko südwärts bis Nordperu und auf
der Ostseite vom südlichen Golf von Mexiko südwärts
bis Venezuela vor. Es ist also in den Ländern Belize, Costa
Rica, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Mexiko,
Nicaragua, Panama, Peru und Venezuela heimisch. Darüberhinaus
findet man es an Floridas Südspitze sowie auf den Antilleninseln
Hispaniola, Jamaika und Kuba. Knochenfunde aus präkolumbianischer
Zeit zeigen im übrigen, dass das Spitzkrokodil einst auch
auf den Bahamas gelebt haben muss. Und sogar auf den winzigen
Cayman-Inseln scheint es früher vorgekommen zu sein. Auf
der Ostseite der mittelamerikanischen Landbrücke ist das
Verbreitungsgebiet des Spitzkrokodils nicht im Detail geklärt,
da hier sein Verbreitungsgebiet mit dem des Beulenkrokodils überlappt
und die beiden Arten wegen ihrer äusserlichen Ähnlichkeit
häufig miteinander verwechselt wurden (und noch immer werden).
An «zerfransten» Küstenstrichen
zahlreich
Das Spitzkrokodil gehört zu den grössten
Krokodilarten der Erde: Ältere Individuen können eine
Gesamtlänge von bis zu sieben Metern erreichen. Tiere dieser
Grössen- und Altersklasse gibt es allerdings in freier Wildbahn
kaum mehr, da das Spitzkrokodil in unserem Jahrhundert massiver
Bejagung durch den Menschen ausgesetzt war und besonders die
grossen Tiere eine begehrte Beute waren. Die meisten Spitzkrokodile
messen heute weniger als vier Meter. Äussere Merkmale des
erwachsenen Spitzkrokodils sind neben seiner verhältnismässig
langen, schmalen Schnauze eine beulenförmige Schädelaufwölbung
vor den Augen und eine relativ kleine Anzahl und unregelmässige
Anordnung der grossen Hornschilder im Nacken. Alle drei Kennzeichen
finden sich jedoch in einem gewissen Ausmass auch beim Beulenkrokodil.
Dies ist der Grund, weshalb die beiden Arten im Feld schwierig
auseinanderzuhalten sind.
Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets bewohnt
das Spitzkrokodil vorzugsweise Flussmündungen, Mangrovensümpfe
und andere Lebensräume, welche im Küstenbereich an
der Grenze zwischen dem Süss- und dem Meerwasser liegen.
Wie manche andere Mitglieder der Krokodilfamilie ist es bezüglich
seines Lebensraums aber ziemlich flexibel, dringt bei grösseren
Flussläufen zuweilen recht weit ins Landesinnere vor und
hat auch einige Binnenseen besiedelt. Ja, man findet es mitunter
sogar in menschgemachten Entwässerungskanälen und Stauseen.
Allerdings ist die Populationsdichte in solchen untypischen Lebensräumen
oft recht gering. Besonders umfangreiche Bestände findet
man hingegen dort, wo «zerfranste» Küstenstriche
ein breites Spektrum von Kleinlebensräumen auf engem Raum
bieten. Wichtig sind hierbei vor allem gut besonnte Plätze,
die sich zum Aufwärmen und für die Eiablage eignen,
Stellen mit dichtem Pflanzenwuchs, welche Schatten und Deckung
vermitteln, sowie Wasser unterschiedlicher Tiefe, was einen ganzjährig
reichlich gedeckten Tisch garantiert.
Als Nahrung dienen dem Spitzkrokodil in der Jugend
vor allem Insekten, Schnecken, Würmer und andere wirbellose
Kleintiere, später erbeutet es zunehmend auch Frösche,
Fische und Krustentiere. Im Alter kommen dann noch Vögel
und Säugetiere hinzu.
Die Weibchen treiben Brutpflege
Alljährlich vor der Paarungszeit besetzen die
geschlechtsreifen Männchen klar begrenzte Territorien. Aus
diesen vertreiben sie unnachgiebig sämtliche Geschlechtsgenossen;
den Weibchen hingegen gewähren sie freien Zutritt zu ihrem
«Grundstück». Untersuchungen haben gezeigt,
dass sich die paarungswilligen Weibchen nun nicht einfach die
stattlichsten Männchen aussuchen, sondern Bezirke mit möglichst
guten Nistplätzen wählen. Da diese Lebensraumabschnitte
bei den Männchen besonders hart umkämpft sind und deshalb
nur von den kräftigsten Tieren in Besitz genommen werden
können, ist der Endeffekt jedoch derselbe: Die grössten
und stärksten Männchen können sich gewöhnlich
mit mehreren Weibchen paaren und zahlreiche Nachkommen zeugen,
während die jüngeren und schwächeren Männchen
ihr Erbgut erst weiterzugeben vermögen, wenn sie weiter
gewachsen sind - oder wenn sie in Gebiete auswandern, wo der
Konkurrenzkampf weniger gross ist. Die Territorialität der
Spitzkrokodil-Männchen bewirkt somit neben der Erhaltung
einer starken Art auch eine Ausweitung des Verbreitungsgebiets
durch «überschüssige» Individuen, soweit
dies möglich ist.
Die Grösse der Spitzkrokodile beim Erreichen
der Geschlechtsreife scheint regional unterschiedlich zu sein.
Im Durchschnitt kommen die Männchen wie auch die Weibchen
aber erstmals in Paarungsbereitschaft, wenn sie eine Gesamtlänge
von 2,75 bis 3 Metern aufweisen. Dies entspricht einem Alter
von etwa zehn Jahren.
Wie alle Krokodile vermehrt sich das Spitzkrokodil
durch weisse, hartschalige Eier von Gänseei-Grösse.
Für die Eiablage gräbt das Weibchen in Gewässernähe
ein Loch in den Boden. In die Eigrube legt es sodann 40 bis 60
Eier und deckt anschliessend das Gelege mit dem herausgescharrten
Erdreich wieder fein säuberlich zu. Zwischen der Paarung
und der Eiablage vergehen etwa drei Monate, und ungefähr
gleichviel Zeit verstreicht zwischen der Eiablage und dem Schlüpfen
der Jungen.
Das Weibchen wacht die ganze Zeit über sein Gelege
und beschützt es vor etwaigen Nestplünderern. Naht
der Zeitpunkt, da die Jungen aus ihren Eiern schlüpfen,
begibt sich das Weibchen wiederholt über das Nest, legt
seinen Kopf auf den Boden und lauscht, ob es die quäkenden
Rufe der Jungen vernimmt, die sie während des Schlüpfens
äussern. Sobald dies der Fall ist, gräbt das Weibchen
mit seinen Vorderbeinen das Gelege frei, denn die Kleinen können
sich nicht allein ans Tageslicht hocharbeiten. Manchmal hilft
es in der Folge einigen Jungen beim Schlüpfen, indem es
deren Eier sanft zwischen Zunge und Gaumen hin und her rollt,
bis die Eischale zerspringt.
Elterliche Brutpflege ist in der Reptilienwelt keine
allzu häufige Sache. Mit der Suche nach einem geeigneten
Nestplatz und der Eiablage lassen es die erwachsenen Tiere zumeist
bewenden. Umso überraschter war man, als man ab den sechziger
Jahren entdeckte, wie hoch entwickelt die Brutfürsorge bei
den Krokodilen ist. Bei manchen Arten bewacht das Weibchen sein
Gelege nicht nur, sondern sorgt durch vielfältige Aktivitäten
auch für eine gleichmässige Feuchtigkeit und Wärme
im Nest. Und bei gewissen Arten trägt das Weibchen zum Schluss
seine frischgeschlüpften Jungen sogar im Mund zu einer günstigen
Wasserstelle und hütet sie dort noch eine Zeitlang. Ohne
Zweifel trägt die ausgereifte Brutfürsorge, die sich
bei den Krokodilen beobachten lässt, wesentlich zum grossen
Erfolg dieser stammesgeschichtlich alten Reptilien im «Kampf
ums Überleben» bei.
Verhängnisvolle Krokodilledermode
Das Spitzkrokodil war früher bedeutend häufiger
und sein Verbreitungsgebiet deutlich weniger «löcherig»
als heute. Die intensive Bejagung der Art hauptsächlich
in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hat bewirkt, dass
mehrere Teilpopulationen vollständig ausgelöscht und
die restlichen Bestände stark geschwächt wurden. Anlass
für diese starke Verfolgung war die grosse Nachfrage nach
Krokodilleder für die Herstellung luxuriöser Schuhe,
Taschen, Gürtel und anderer Modeartikel in den wohlhabenden
Ländern der westlichen Hemisphäre gewesen.
Zum Rückgang der Spitzkrokodil-Bestände
trug aber auch die massive Verminderung der natürlichen
Lebensräume durch die in unserem Jahrhundert stark anwachsende
Bevölkerung der lateinamerikanischen Länder und die
damit verbundene massive Ausweitung der Siedlungs- und Anbauflächen
bei. Grössere zusammenhängende Spitzkrokodil-Populationen
findet man heute vor allem noch an einigen Binnenseen, wo die
Störungen durch den Menschen bislang weniger schwerwiegend
waren als im Küstenbereich. Beispiele hierfür sind
der Gatun-See in Panama, der Enriquillo-See in der Dominikanischen
Republik, der Saumatre-See in Haiti und der Yojoa-See in Honduras.
Hinsichtlich der Schutzsituation des Spitzkrokodils
sieht es heute glücklicherweise nicht mehr allzu schlimm
aus. Mehrere Spitzkrokodil-Bestände leben innerhalb der
Grenzen von Nationalparks und Naturreservaten und geniessen dort
einen recht guten Schutz. Ausserdem hat das Anwachsen des Natur-
und Umweltschutz-Bewusstseins in Lateinamerika dazu geführt,
dass das Spitzkrokodil in jüngerer Zeit vielerorts unter
gesetzlichen Schutz gestellt und die Bejagung untersagt wurde.
Mancherorts hapert es allerdings noch mit dem Vollzug solcher
Artenschutzgesetze. Von entscheidender Bedeutung für den
Fortbestand des Spitzkrokodils dürfte deshalb sein, dass
dank des strikten Vollzugs der Bestimmungen des Washingtoner
Artenschutzübereinkommens auf internationaler Ebene der
einstmals umfangreiche Handel mit Spitzkrokodilhäuten praktisch
zum Erliegen gekommen ist. Denn wo die Nachfrage nach einem Tierprodukt
wegfällt, da fehlt unweigerlich auch der Anreiz für
die illegale Verfolgung der betreffenden Tierart. Die Zukunft
des Spitzkrokodils sieht somit nicht mehr allzu düster aus.
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