Südgeorgien-Spitzschwanzente

Anas georgica georgica


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Südgeorgien-Spitzschwanzente (Anas georgica georgica) ist - neben der Chile-Krickente (Anas flavirostris flavirostris) - die am weitesten südlich brütende Ente der Welt. Ihre Heimat ist die rund 3750 Quadratkilometer grosse, in britischem Besitz befindliche Insel Südgeorgien im südlichen Atlantik. Im Gegensatz zur Chile-Krickente, welche auch noch auf den Falklandinseln und auf dem südamerikanischen Festland (nordwärts bis zum 30. Breitengrad) vorkommt, lebt die Südgeorgien-Spitzschwanzente ausschliesslich auf Südgeorgien. Die stark begrenzte Verbreitung macht den kleinen Entenvogel leider sehr anfällig auf mögliche Schadeinflüsse, seien sie natürlicher Art oder menschbedingt.

 

Bald eine separate Art?

Die Südgeorgien-Spitzschwanzente ist eine von zwei lebenden Unterarten der Spitzschwanzente (Anas georgica). Bei der anderen Unterart handelt es sich um Anas georgica spinicauda, welche das südamerikanische Festland zwischen Südkolumbien und Feuerland und ausserdem die Falklandinseln bewohnt. Eine dritte Unterart, Anas georgica niceforoi, welche im Bereich der nordostkolumbianischen Seen zu Hause war, scheint leider im Verlauf unseres Jahrhunderts ausgestorben zu sein.

Die Südgeorgien-Spitzschwanzente dürfte schon geraume Zeit von ihrer südamerikanischen Schwester getrennt leben, denn sie unterscheidet sich von ihr in einer ganzen Reihe von Körper- und Verhaltensmerkmalen, was auf eine längerfristige «Sonderentwicklung» hindeutet. Die Südgeorgien-Spitzschwanzente ist beispielsweise im Durchschnitt 10 bis 15 Prozent kleiner als die Festland-Spitzschwanzente. Sie ist ferner dunkler gefärbt und weist gewöhnlich 16 anstatt 14 Schwanzfedern auf. Ausserdem klingen einzelne Balzrufe ziemlich verschieden. Aufgrund dieser Unterschiede wird die Südgeorgien-Spitzschwanzente mitunter als eine separate Art behandelt. Dies dürfte aber nicht gerechtfertigt sein, da sich die Abweichungen noch im Rahmen der üblichen innerartlichen Variabilität bewegen. Mit anhaltender Isolation und weiterführender Sonderentwicklung auf der abgeschiedenen Insel ist es aber denkbar, dass sich die Südgeorgien-Spitzschwanzente bald so weit von ihrer Festlandverwandten entfernt haben wird, dass sie als eine eigene Art einzustufen ist.

Dass sich die Vorfahren der Südgeorgien-Spitzschwanzente auf dem südamerikanischen Festland herausgebildet haben und dann - irgendwann in grauer Vorzeit - auf natürlichem Weg über die Falklandinseln nach dem 1300 Kilometer entfernten Südgeorgien gelangt sind, wird heute nicht mehr bestritten. Die in diesen Breiten vorherrschenden, oft stürmischen Westwinde führen des öfteren auch heute noch dazu, dass einzelne Tiere in östlicher und südlicher Richtung weit auf das offene Meer hinausgetrieben werden und mitunter sogar Neuland erreichen. Tatsächlich wurden Spitzschwanzenten schon wiederholt auf Deception Island in den Südshetland-Inseln und auf Signy in den Südorkney-Inseln gesichtet, über 800 Kilometer von ihren nächsten Brutplätzen entfernt. So weit südlich scheinen sie allerdings aufgrund der überaus frostigen Klimabedingungen nicht überlebensfähig zu sein.

Auch auf Südgeorgien sind die klimatischen Bedingungen für einen Entenvogel reichlich hart. Dass sich jene frühen «Kolonisten» nach ihrer abenteuerlichen Reise über den Südatlantik dennoch niederzulassen und eine lebensfähige Brutpopulation zu gründen vermochten, ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Vögel auf den Falklandinseln einen ähnlichen Lebensraum bewohnen, wie sie ihn auch auf Südgeorgien vorfinden. Unter anderem suchen die auf den Falklandinseln heimischen Spitzschwanzenten gerne ihr Futter im Brackwasser - eine grundlegende Bereitschaft für einen Wasservogel, der Südgeorgien zu seiner Heimat machen will.

 

Im Büschelgras-Labyrinth zu Hause

Südgeorgien ist eine überwiegend kahle, gebirgige Insel, die im Mount Paget eine maximale Höhe von 2934 Metern erreicht. Weite Bereiche sind ganzjährig von Eis bedeckt und darum als Lebensraum für die Südgeorgien-Spitzschwanzente völlig ungeeignet. Aber selbst in den eisfreien Inselbereichen ist die kleine Ente nicht überall anzutreffen: Sie kommt zur Hauptsache in jenen küstennahen Gebieten vor, wo Büschelgras (Poa flabellata) aus der Sippe der Rispengräser dichte Bestände bildet. Dieses widerstandsfähige, bis zwei Meter hohe Gras wächst - wie der Name andeutet - in einer Vielzahl deutlich voneinander abgesetzter Büschel. Die Zwischenräume zwischen den Büscheln werden von den überhängenden Grashalmen überdacht, und der Boden ist von einem dichten Teppich abgestorbener Grashalme bedeckt. Es ist dieser Irrgarten überdachter Gänge, der jeweils während des südlichen Sommerhalbjahrs die Wohnstätte der Südgeorgien-Spitzschwanzente bildet. Hier führt sie, vor unerwünschten Blicken gut geschützt, ein überaus heimliches Leben.

Im Schutz der Büschelgrasflächen baut das Paar im südlichen Frühjahr ein einfaches Nest aus trockenen Grashalmen und kleidet es mit wärmenden Daunen weich aus. Gewöhnlich im Dezember legt dann das Weibchen drei bis fünf cremefarbene Eier. Die Südgeorgien-Spitzschwanzente unterscheidet sich hierin deutlich von der Festland-Spitzschwanzente, deren Gelege bis zu zehn Eier umfassen kann. Im Gegensatz zu ihrer Schwester in Südamerika brütet die Südgeorgien-Spitzschwanzente auch nur einmal im Jahr, während jene gewöhnlich zwei Bruten hintereinander durchführt. Dies sind zweifellos Anpassungen der Südgeorgien-Spitzschwanzente an die kargen Lebensbedingungen auf ihrer subantarktischen Insel, wo es gilt, mit den Kräften, welche für Eiablage, Brut und Jungenaufzucht benötigt werden, haushälterisch umzugehen.

Wie bei den meisten Enten sind die Jungvögel der Südgeorgien-Spitzschwanzente typische Nestflüchter. Sie verlassen das Nest in Begleitung ihrer Eltern schon wenige Stunden nach dem Schlüpfen und sind dann bereits in der Lage, selbständig Nahrung zu sich zu nehmen. Zwar können sie schon vom ersten Lebenstag an bei Bedarf schwimmen und tauchen. Nur selten zeigen sie sich aber auf den kleinen Teichen im Umfeld der Büschelgrasbestände. Denn dort können sie leicht ihren aufmerksamen und allgegenwärtigen Fressfeinden, der Braunen Raubmöwe (Catharacta lonnbergi) und der Dominikanermöwe (Larus dominicanus) zum Opfer fallen. Das Büschelgras-Labyrinth bleibt das Zuhause der jungen Südgeorgien-Spitzschwanzenten, bis sie ausgewachsen sind.

 

Eine aasfressende Ente

Die Kost der Südgeorgien-Spitzschwanzente ist sehr vielfältig und umfasst neben Kleinkrebsen, Fadenwürmern, Schnecken, Muscheln und Fliegen auch Grünalgen und Meerlattich. Ja sogar Abfälle der Natur (Aas) und - sofern vorhanden - Abfälle des Menschen verschmäht sie nicht.

Die für einen Entenvogel sehr ungewöhnliche Neigung, Aas zu verzehren, ist eine weitere bemerkenswerte Anpassung der Südgeorgien-Spitzschwanzente an die schwierigen Lebensbedingungen in ihrer subantarktischen Heimat, wo es gilt, alle erreichbaren Nahrungsquellen zu nutzen. Die kleine Ente ist durchaus in der Lage, sich Fleischstückchen aus toten Robben und anderem Aas selbst herauszupicken. Im allgemeinen wird sie jedoch von den körperlich überlegenen aasfressenden Vögeln Südgeorgiens, so vor allem vom Südlichen Riesensturmvogel (Macronectes giganteus) und von der Braunen Raubmöwe in die zweite Reihe gedrängt und sammelt dort geschickt all die Fleischstückchen zusammen, welche von den zänkischen Vögeln im ersten Glied fallen gelassen werden.

Aas bildet allerdings in der Regel lediglich eine Zwischenmahlzeit für die Südgeorgien-Spitzschwanzente. Typischerweise hält sich der zierliche Schwimmvogel bei der Futtersuche im Bereich der kleinen Teiche in der Nähe der Büschelgrasbestände auf und beschafft sich dort schwimmend, gründelnd und tauchend allerlei wirbellose Tiere und niedere Pflanzen. Mit Beginn des Winters beginnen die Büschelgrasbestände und die benachbarten Teiche jedoch zu gefrieren. Das Nahrungsangebot geht dann rasch zurück, und die erwachsenen Enten wie auch die inzwischen ausgewachsenen Jungenten sehen sich dazu gezwungen, ihre Brutplätze zu verlassen und windgeschützte Buchten und küstennahe Brackwasserteiche aufzusuchen, um sich ausreichend ernähren zu können. Sie bleiben den ganzen Winter über im Küstenbereich, gehen in der schmalen Gezeitenzone auf Nahrungssuche und gründeln und tauchen mitunter sogar im seichten, ufernahen Meerwasser. Oft bilden die Südgeorgien-Spitzschwanzenten in dieser Jahreszeit kleine Verbände von bis zu fünfzig Individuen. Diese lösen sich dann wieder auf, wenn die steigenden Temperaturen im südlichen Frühling das Nahrungsangebot im büschelgrasbewachsenen «Hinterland» wieder besser werden lassen.

Da sich die Südgeorgien-Spitzschwanzente praktisch während des ganzen südlichen Sommers im dichten Büschelgras verbirgt, ist unser Wissen über ihre Lebensweise noch sehr bruchstückhaft. Grundlegende biologische Daten wie etwa die mittlere Brutdauer, das Alter bei Erreichen der Flugfähigkeit oder die Rolle des Männchens beim Brutgeschäft sind unbekannt. Auch über den durchschnittlichen Bruterfolg wissen wir noch kaum etwas. Ferner fehlen fundierte Bestandsschätzungen. Die einzigen Informationen, die uns diesbezüglich zur Verfügung stehen, stammen von Zählungen der Enten an ihren bevorzugten Winterbuchten. Sie lassen sich grob hochrechnen auf einen Gesamtbestand von ungefähr 2000 Vögeln.

 

Gefahr durch Robben und Ratten

Von der Braunen Raubmöwe und der Dominikanermöwe abgesehen, welche wohl höchstens in Ausnahmefällen eine erwachsene Ente zu erbeuten vermögen und vor denen sich die Jungenten stets sehr in acht nehmen, haben die Südgeorgien-Spitzschwanzenten keine natürlichen Feinde zu fürchten. Es gibt jedoch ein paar andere Schadfaktoren, welche den Bestand der kleinen Enten ungünstig beeinflussen. Allerdings ist es aufgrund mangelhafter Daten schwierig, die Bedeutung dieser Faktoren genauer zu beurteilen.

Als «Schadfaktor» zu nennen sind einmal die Kerguelen-Seebären (Arctocephalus gazella). Waren diese Meeressäuger im letzten Jahrhundert durch massloses Abschlachten beinahe ausgerottet worden, so gibt es heute dank gerade noch rechtzeitig getroffener Schutzmassnahmen wieder über eine Million Tiere - eine bemerkenswerte Erfolgsstory. Weniger erfreulich ist dieses explosionsartige Anwachsen der Seebärenpopulation allerdings für die Südgeorgien-Spitzschwanzente: Die Seebären halten sich nämlich während der Jungenaufzucht vorzugsweise im Bereich der küstennahen Büschelgrasbestände auf und verursachen mit ihren schweren Leibern grössere Schäden an dieser Pflanzendecke. Das ständige Niederwalzen lässt das Büschelgras absterben und die dünne Humusschicht erodieren, wodurch für die Südgeorgien-Spitzschwanzente grössere Lebensraumstücke unwiederbringlich verloren gehen.

Lange Zeit hatte die Südgeorgien-Spitzschwanzente auch unter
der Bejagung durch den Menschen zu leiden. Nach der Entdeckung Südgeorgiens durch den britischen Kapitän James Cook im Jahr 1775 war die Insel regelmässig durch Wal- und Robbenfänger «heimgesucht» worden, und es ist überliefert, dass Entenbraten stets für eine willkommene Abwechslung auf dem Tisch der Schiffsmannschaften gesorgt hatte. Mit der Schliessung der Walfangstation auf Südgeorgien um die Mitte der sechziger Jahre nahm diese direkte Form der Bedrohung durch den Menschen dann ein Ende.

Weit schlimmer wirkt sich heute eine indirekte Form der Einflussnahme durch den Menschen aus: die Besiedlung Südgeorgiens durch eingeschleppte Wanderratten (Rattus norvegicus). Dies lässt sich deutlich daran erkennen, dass die Verbreitung der Südgeorgien-Spitzschwanzente heute grob gesehen der «umgekehrten» Verbreitung der Wanderratten entspricht: Wo die Ratten in grösseren Beständen vorkommen, da leben nurmehr wenige Enten, während dort, wo sich grössere Entenbestände finden, (noch) keine Ratten hingekommen sind. Auch andere bodenbrütende Vogelarten, darunter der Südgeorgien-Pieper (Anthus antarcticus), wurden von den räuberischen Nagern aus einigen ihrer angestammten Brutgebiete verdrängt.

Die Wanderratten sind im Verlauf der letzten 200 Jahre als «blinde Passagiere» auf Robben- und Walfangschiffen nach Südgeorgien gelangt und haben dementsprechend vor allem die Nordküste der Insel besiedelt, wo die Stützpunkte dieser Seefahrer waren. Einige Gebiete an der rauhen Südküste Südgeorgiens und eine Anzahl vorgelagerter Inselchen sind dagegen bis heute rattenfrei geblieben und bieten der Spitzschwanzente noch einigermassen sichere Nistplätze.

Die genaue Rolle der Wanderratten als Fressfeinde der Südgeorgien-Spitzschwanzente ist zwar noch ungeklärt. Es ist aber anzunehmen, dass sie nicht selten deren Eier und Junge erbeuten. Und möglicherweise fallen ihnen mitunter sogar brütende oder schlafende Erwachsene zum Opfer.

Bislang wurde noch nichts unternommen, um die Wanderratten auf Südgeorgien zu bekämpfen. Programme zur Ausmerzung eingeschleppter Raubsäuger wurden auf anderen ozeanischen Inseln schon verschiedentlich erfolgreich durchgeführt, allerdings noch nie auf einer so grossen und zerklüfteten Insel wie Südgeorgien. Der voraussichtlich grosse Aufwand sollte jedoch kein Hinderungsgrund sein, dieses lästige Vermächtnis des Menschen möglichst bald zu beseitigen.

Südgeorgiens Fauna und Flora wird heute vom Menschen weitgehend in Ruhe gelassen. Es gibt lediglich noch einen kleinen britischen Militärstützpunkt und eine wissenschaftliche Forschungsstation auf der Insel. Ferner bringen gelegentlich moderne Kreuzfahrtschiffe gutbetuchte Touristen für Tagesausflüge auf die entlegene Insel. Somit dürften die direkten Störungen der Südgeorgien-Spitzschwanzente durch den Menschen heute minimal sein, umsomehr als sie inzwischen strikten gesetzlichen Schutz geniesst. Zumindest in den rattenfreien Gebieten (und dazu zählt hoffentlich dereinst die ganze Insel) sollte sie daher in der Lage sein, langfristig überlebensfähige Bestände aufrecht zu erhalten.




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