Gewöhnliches Stachelschwein
Hystrix cristata
© 1998 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die artenreichste Säugetiersippe sind die Nagetiere:
Ungefähr zweitausend Nagetierarten gibt es weltweit - das
entspricht etwa vierzig Prozent aller Säugetiere! Die allermeisten
Nagetiere sind verhältnismässig kleine, unauffällige
Wesen; einige Arten können jedoch bemerkenswert gross werden.
Zu nennen sind diesbezüglich der Biber (Castor fiber)
und das Alpenmurmeltier (Marmota marmota) in Europa, das
Riesenhörnchen (Ratufa bicolor) in Südostasien,
der Ostafrikanische Springhase (Pedetes surdaster) in
Afrika, der Schwarzschwanz-Präriehund (Cynomys ludovicianus)
in Nordamerika und das Capybara (Hydrochoerus hydrochaeris)
in Südamerika.
Ein stattliches Mitglied der Nagetiere ist aber auch
das etwa dachsgrosse Gewöhnliche Stachelschwein (Hystrix
cristata), das im nördlichen Afrika und in Südeuropa
zu Hause ist und von dem hier die Rede sein soll.
Von Spiessen, Borsten und Stacheln
Das Gewöhnliche Stachelschwein ist eines von
insgesamt elf Mitgliedern der Familie der Stachelschweine (Hystricidae).
Diese werden gewöhnlich in drei Gattung gegliedert: 1. die
Quastenstachler (Atherurus) mit zwei Arten, dem Afrikanischen
Quastenstachler (Atherurus africanus) und dem Hinterindischen
Quastenstachler (Atherurus macrourus); 2. die Pinselstachler
(Trychis) mit nur einer Art, dem Malaiischen Pinselstachler
(Trychis fasciculata); und 3. die Eigentlichen Stachelschweine
(Hystrix) mit acht verschiedenen Arten, von denen alle
bis auf zwei in Asien vorkommen. Bei den beiden «Nichtasiaten»
handelt es sich um das Gewöhnliche Stachelschwein und das
sehr ähnliche Südafrikanische Stachelschwein (Hystrix
africaeaustralis).
Das Gewöhnliche Stachelschwein ist eines der
grössten Mitglieder der Stachelschweinfamilie: Erwachsene
Individuen können eine Kopfrumpflänge von über
90 Zentimetern erreichen und bis zu 24 Kilogramm wiegen, wobei
der Durchschnitt aber bei etwa 75 Zentimetern Länge und
17 bis 18 Kilogramm Gewicht liegt. Die Schulterhöhe beträgt
wegen der verhältnismässig kurzen Beine und der Tatsache,
dass das Stachelschwein mit der ganzen Sohle auftritt, lediglich
25 Zentimeter, die Schwanzlänge 12 bis 15 Zentimeter. Die
Weibchen sind im übrigen durchschnittlich etwas kleiner
und leichter als die Männchen.
Das auffälligste Körpermerkmal des Gewöhnlichen
Stachelschweins ist gewiss sein reichentwickeltes Stachelkleid,
das im Laufe seiner Stammesgeschichte aus dem Haarkleid hervorgegangen
ist und der Selbstverteidigung dient. Es bedeckt vor allem die
hintere, obere Hälfte des Körpers und besteht aus dicken,
starren Spiessen von bis zu 30 Zentimetern Länge, welche
von langen, dünnen, biegsamen Borstenstacheln von bis zu
50 Zentimetern Länge überragt werden. Auf Scheitel,
Nacken und Schultern findet sich ferner eine Mähne aus dünnen,
bis 60 Zentimeter langen Haarborsten, und an der Schwanzspitze
haftet eine Anzahl hohler, kapselartiger Stacheln, welche als
«Rasselbecher» bezeichnet werden, da sie bei Erregung
geschüttelt werden, so dass ein rasselndes Geräusch
entsteht. Der Rest des Körpers ist mit grobem Borstenhaar
bedeckt.
In der nördlichen Hälfte Afrikas ist das
Gewöhnliche Stachelschwein sehr weit verbreitet: Man findet
es sowohl nördlich als auch südlich der Wüste
Sahara - von Marokko und Senegal im Westen quer durch den Kontinent
bis nach Ägypten, Somalia und Tansania im Osten. Interessanterweise
kommt es ferner in Südeuropa vor, genauer in Italien (einschliesslich
Siziliens), Albanien und Nordgriechenland. Man geht heute davon
aus, dass die Bestände in Europa nicht selbst dahin eingewandert
sind, sondern irgendwann im Altertum vom Menschen eingebürgert
wurden - sehr wahrscheinlich von den alten Römern, denn
bei ihnen galt Stachelschweinbraten als Delikatesse.
Das Gewöhnliche Stachelschwein erweist sich innerhalb
seines weiten Verbreitungsgebiets als ein sehr anpassungsfähiges
Tier: Es bewohnt ein überaus breites Spektrum unterschiedlicher
Lebensräume - von ziemlich dicht bewaldetem Gelände
auf Meereshöhe bis hin zu baumloser Halbwüste auf über
3000 Metern ü.M. Hügelige, felsenreiche und verhältnismässig
trockene Landschaften scheinen ihm am besten zuzusagen, hingegen
vermag es echte Regenwälder und ausgeprägte Trockenwüsten
nicht zu besiedeln.
Nachts grunzt, schmatzt und rasselt es
Wie die meisten Nagetiere führt das Gewöhnliche
Stachelschwein ein streng nächtliches Leben. Den Tag verschläft
es in einem feindsicheren Versteck, etwa einer Felsnische, einer
Wurzelhöhle oder auch einem verlassenen Erdferkelbau. Seinem
einmal gewählten, nach seinen Bedürfnissen weiter ausgestalteten
Unterschlupf bleibt es oft während vieler Jahre treu, und
da es immer wieder daran arbeitet, kann sich im Laufe der Zeit
eine umfangreiche unterirdische Wohnburg mit mehreren Eingängen
daraus entwickeln. Bei einem Stachelschweinbau, der einst von
einem Wissenschaftler ausgegraben und vermessen wurde, wies die
Hauptröhre eine Länge von zwanzig Metern auf, und die
Schlafkammer lag zwei Meter unter der Erdoberfläche.
In der Regel werden diese unterirdischen Quartiere
nicht einzeln bewohnt. Das Sozialleben des Gewöhnlichen
Stachelschweins beruht einerseits auf fester Paarbindung und
andererseits auf langer, intensiver Jungenbetreuung. So finden
sich in den Unterschlüpfen häufig kleine Familiengruppen
von fünf bis sieben Tieren, bei denen es sich um ein erwachsenes
Paar und dessen teils schon grossen Kindern aus den letzten zwei
Würfen handelt. Auf ihren ausgedehnten nächtlichen
Streifzügen bewegen sich die verschiedenen Gruppenmitglieder
allerdings - abgesehen von den Jungtieren, die noch der Betreuung
bedürfen - allein umher, und sowohl die Männchen als
auch die Weibchen verhalten sich fremden Geschlechtsgenossen
gegenüber sehr abweisend.
Als Nahrung wählt das Gewöhnliche Stachelschwein
vornehmlich pflanzliche Stoffe. Zur Hauptsache verzehrt es allerlei
Wurzeln, Knollen, Zwiebeln und andere Pflanzenspeicherorgane,
ferner die Früchte von Sträuchern sowie zu Boden gefallene
Baumfrüchte, aber auch Baumrinden und vielerlei Kräuter.
In landwirtschaftlichen Anbaugebieten macht es sich gern über
Maniokwurzeln, Kartoffeln, Rüben und Melonen her, weshalb
es vielerorts als «Schädling» betrachtet wird.
Auch in Maispflanzungen kann es erhebliche Schäden verursachen:
Es kappt dort jeweils die Maispflanzen, indem es die Stengel
durchbeisst, und tut sich dann an den Kolben gütlich.
Zwischendurch verspeist das Gewöhnliche Stachelschwein
durchaus auch Insekten, Frösche und andere Kleintiere, deren
es habhaft werden kann. Überraschenderweise nagt es ferner
regelmässig an Knochen frischtoter Tiere, den Resten einer
Löwenmahlzeit beispielsweise. Oftmals trägt es solche
Skeletteile sogar über beachtliche Distanzen zu seinem Bau,
um sich dort ungestört damit beschäftigen zu können.
Für diese sonderbare Gewohnheit scheint es zwei Gründe
zu geben: Zum einen dürfte das Stachelschwein auf diese
Weise zu Kalzium, Phosphaten und anderen für seinen Stoffwechsel
wichtigen Mineralstoffen gelangen. Zum anderen dürfte das
Knochennagen dem Schärfen seiner Nagezähne dienen.
Wie alle Nagetiere verfügt es im Unter- und im Oberkiefer
über je ein Paar lange, gebogene Schneidezähne, welche
während des ganzen Lebens ständig so viel nachwachsen,
wie sie durch das Nagen abgenutzt werden.
Im allgemeinen kommt das Gewöhnliche Stachelschwein
erst nach Einbruch der Dunkelheit aus seinem Versteck hervor,
um auf Streifzug durch sein weitläufiges Wohngebiet zu gehen.
Es verhält sich dabei keineswegs leise, sondern schnüffelt
lautstark umher, grunzt zwischendurch, und sein Stachelkleid
rasselt ständig beim Herumstöbern. Auch beim Essen
sind seine Nage-, Kau- und Schmatzgeräusche unüberhörbar.
Ganz offensichtlich braucht es seine Anwesenheit nicht zu verheimlichen
- schliesslich trägt es ja seinen wirksam schützenden
«Stachelpanzer» ständig mit sich herum.
Es scheint sogar, dass das Gewöhnliche Stachelschwein
seine Anwesenheit ganz bewusst kundtut, damit etwaige Feinde
gleich wissen, wen sie vor sich haben, und sich beizeiten zurückziehen
können. Feinden gegenüber verhält es sich nämlich
keineswegs passiv, sondern eher ungemütlich: Nähert
sich ein Feind dem Gewöhnlichen Stachelschwein, so nimmt
es zunächst eine Drohstellung ein, bei der es seine Mähne
und sämtliche Rückenstacheln mit einem schwirrenden
Geräusch sträubt. Dadurch verdoppelt sich schlagartig
sein Umfang. Auch kommt die schwarzweisse Zeichnung seiner Stacheln
plötzlich stark zur Geltung, so dass sich im fahlen Mondschein
ein wahrlich «abschreckender» Anblick bietet.
Zeigt sich der Feind dadurch wider Erwarten nicht
beeindruckt, so stampft das Stachelschwein heftig mit den Hinterfüssen,
knirscht mit den Zähnen, knurrt bedrohlich und rasselt lautstark
mit den hohlen Stacheln an seinem Schwanzende. Jeder erfahrene
Beutegreifer weiss spätestens jetzt, dass er sich besser
zurückzieht. Denn wenn nun die Bedrohung weiter anhält,
so wendet das Stachelschwein dem Gegner unvermittelt und blitzschnell
die Hinterseite zu, rennt aber nicht davon, sondern im Gegenteil
mit überraschender Geschwindigkeit seitlich-rückwärts
dem Feind entgegen. Trifft es bei dieser Attacke auf denselben,
so dringen seine spitzen Stacheln weit in dessen Körper
ein, brechen dabei zum Teil ab und bleiben stecken. Obwohl sie
nicht giftig sind, verursachen sie in der Folge häufig Entzündungen,
und da sich diese Wunden meistens im Gesicht oder an den Vorderbeinen
des «Opfers» befinden, bedeutet dies oftmals eine
erhebliche Beeinträchtigung, unter Umständen sogar
eine tödliche Behinderung.
Die Jungen kommen mit Zähnen zur Welt
Das Stachelschweinweibchen wirft in freier Wildbahn
normalerweise nur einmal jährlich. In manchen Bereichen
des Verbreitungsgebiets geschieht dies in einer bestimmten Jahreszeit,
in anderen Regionen können Geburten das ganze Jahr über
stattfinden. Die Tragzeit dauert rund drei Monate, und je Wurf
kommen zumeist ein bis drei Junge zur Welt, und zwar in einer
eigens mit Gras oder Laub ausgekleideten Kammer, welche zum unterirdischen
Bausystem gehört.
Die Stachelschweinjungen wiegen bei der Geburt nur
etwa 350 Gramm, sind aber weit entwickelt: Ihre Augen sind geöffnet,
die Nagezähnchen sind vollständig durchgebrochen, der
ganze Körper ist kurz behaart, und sogar die Stacheln sind
als weiche, etwa fünf Millimeter lange Stummel bereits vorhanden.
Die Kleinen bewegen sich alsbald auf ihren kurzen Beinchen im
Bau umher, und schon im Alter von etwa einer Wochen wagen sie
sich erstmals aus dem Bau heraus. Sie spielen dann jede Nacht
ausgiebig mit ihren Geschwistern vor dem Bau und nagen an allen
möglichen Gegenständen, doch sausen sie schon bei der
geringsten Beunruhigung unverzüglich in den sicheren Unterschlupf
zurück.
Nach vier bis sechs Wochen ernähren sich die
Stachelschweinjungen bereits weitgehend selbständig, doch
werden sie noch bis zum Alter von etwa zwölf Wochen zwischendurch
von ihrer Mutter gesäugt. Und mindestens bis im Alter von
sechs oder sieben Monaten werden sie bei der Nahrungssuche von
ihren Eltern begleitet und gegenüber Feinden energisch verteidigt.
Die Geschlechtsreife tritt im Alter von etwa anderthalb Jahren
ein, und das Höchstalter dürfte in freier Wildbahn
bei - für ein Nagetier beachtlichen - 12 bis 15 Jahren liegen.
Stacheln sind als Talisman begehrt
Das Stachelkleid selbst wie auch das «selbstbewusste»
Droh- und Abwehrverhalten schützen das Gewöhnliche
Stachelschwein sehr wirksam vor natürlichen Feinden, so
dass zumindest die erwachsenen Individuen selten Beutegreifern
zum Opfer fallen. Es gibt allerdings Berichte über einzelne
Leoparden, welche gelernt haben, Stachelschweine zu überwältigen,
indem sie sie geschickt umwerfen und dann von der verletzlichen
Unterseite her packen. Diese Fälle scheinen jedoch selten
zu sein und dürften kaum eine Auswirkung auf den Stachelschweinbestand
der betreffenden Region haben.
Es ist allein der Mensch, der dem Gewöhnlichen
Stachelschwein ernstlich gefährlich werden kann. In vielen
Gebieten stellt er dem grossen Nagetier eifrig nach. Hauptsächliche
Gründe hierfür sind die Beschaffung von «Buschfleisch»
für den Verzehr, der Schutz von Pflanzungen vor dem «Schädling»
und der Gewinn der Stacheln, welche in Afrika von alters her
als Schmuck, Talisman und Heilmittel begehrt sind. Um der Stachelschweine
habhaft zu werden, treibt man sie häufig mit Rauch aus ihrem
Bau heraus und erlegt sie dann mit Speer oder Gewehr. Manchmal
fängt man sie auch in speziell ausgelegten Fallen, Schlingen
und Netzen. Teils vergiftet man sie einfach mit ausgelegten Ködern.
Die massiven Nachstellungen seitens des Menschen haben
bewirkt, dass das Gewöhnliche Stachelschwein in dichter
besiedelten Regionen Afrikas stark zurückgedrängt,
teils sogar ausgerottet worden ist. Diese Situation wird sich
aufgrund der stetig anwachsenden und sich ausbreitenden afrikanischen
Bevölkerung in Zukunft zweifellos noch verschlimmern.
Noch existieren allerdings in manchen Bereichen des
nördlichen Afrikas gesunde Stachelschweinpopulationen, und
speziell innerhalb grossflächiger Naturschutzgebiete sind
die Chancen für deren längerfristigen Fortbestand sehr
gut - dies umso mehr, als sich das eindrucksvolle Nagetier ja
hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche als sehr flexibel
erweist. Obschon verschiedene regionale Bestände als gefährdet
einzustufen sind, steht das Gewöhnliche Stachelschwein deshalb
als Art (noch) nicht auf der von der Weltnaturschutzunion (IUCN)
herausgegebenen «Roten Liste».
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