Äthiopischer Steinbock

Capra ibex walie


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Äthiopien ist landschaftlich gesehen eines der abwechslungsreichsten und interessantesten Länder Afrikas. Das Spektrum unterschiedlicher Lebensräume reicht von öden Geröllwüsten über weite Savannen und fruchtbare Schwemmländer bis hin zu schattigen Tropenwäldern und alpinen Blumenwiesen.

Dem landschaftlichen Reichtum Äthiopiens entspricht eine vielfältige (obzwar heute arg bedrängte) Fauna, welche zahlreiche Tierformen umfasst, denen man nirgendwo sonst auf der Welt begegnet. Zu nennen wären beispielsweise das Bergnyala (Tragelaphus buxtoni), eine erst 1910 entdeckte Antilopenart, der überaus seltene Abessinische Schakal (Canis simensis), der fälschlicherweise auch «Abessinischer Fuchs» genannt wird, und - nicht zuletzt - der Äthiopische Steinbock (Capra ibex walie), über den auf diesen Seiten berichtet werden soll.

 

Eine junge «Blüte» der Wiederkäuersippe

Früher war der Äthiopische Steinbock vielfach als eigene Art (Capra walie) eingestuft worden; heute gilt er als Unterart des «gewöhnlichen» Steinbocks (Capra ibex), dessen Verbreitungsgebiet sich von den europäischen Hochgebirgen ostwärts bis in die Mongolei und südwärts bis auf die Arabische Halbinsel und nach Ostafrika erstreckt. Der Steinbock ist eine echte Wildziege aus der Gattung Capra, welche innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae) und da wiederum - zusammen mit den Schafen, den Gemsen und anderen - zur Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae) gehört.

Die erdgeschichtlich ältesten Paarhufer, die wir kennen, stammen aus dem frühen Eozän, sind also ungefähr 60 Millionen Jahre alt. Gegen Ende des Eozäns, vor etwa 40 Millionen Jahren, hatten sich diese urtümlichen Paarhufer zu einer Sippe mit Hunderten von Formen entwickelt, von denen viele schon längst wieder ausgestorben sind. Damals wie heute lassen sich die Paarhufer in drei grosse Unterordnungen gliedern, nämlich erstens die Nichtwiederkäuer (Nonruminantia), von denen heute noch die Familien der Schweine, der Pekaris und der Flusspferde leben, zweitens die Schwielensohler (Tylopoda) mit der heutigen Familie der Kamele und drittens die echten Wiederkäuer (Ruminantia) mit der grossen Masse der heute lebenden Paarhufer, darunter die Familien der Hirsche, der Giraffen und der Hornträger.

Die Ziegenartigen (Caprinae) sind eine ziemlich junge «Blüte» der Wiederkäuerverwandtschaft. Sie haben sich erst im Laufe der letzten zwei Millionen Jahre zu ihrer heutigen Formenfülle entwickelt. (Urtümliche ziegenartige Paarhufer, in ihrer Erscheinung den heutigen Serauen (Gattung Capricornis) aus Südostasien ähnlich, traten allerdings schon wesentlich früher, vor mindestens 30 Millionen Jahren, auf.) Mit ihrer kompakten Gestalt, dem rauhen, widerstandsfähigen Fell und den harten, kräftigen Hufen sind sie vorzüglich an das Leben im Fels und an Orten mit extremen Temperaturen angepasst, seien dies nun die Wüstengebirge der Sahara, wo der Mähnenspringer (Ammotragus lervia) zu Hause ist, oder aber die vereisten Tundren des Hohen Nordens, wo der imposante Moschusochse (Ovibos moschatus) umherstreift.

Äusserlich unterscheidet sich der Äthiopische Steinbock nur geringfügig von den anderen Steinbockunterarten: Er ist im Durchschnitt kleiner als der europäische Alpensteinbock (Capra ibex ibex), jedoch grösser als sein direkter Nachbar, der in Ägypten und auf der Arabischen Halbinsel heimische, stark bedrohte Nubische Steinbock (Capra ibex nubiana). Erwachsene Männchen weisen eine Schulterhöhe von etwa einem Meter auf und wiegen ungefähr 100 Kilogramm. Sie haben ein oberseits kastanienbraunes, unterseits grauweisses Fell, schwarz-weiss gemusterte Beine und im Alter einen ausgeprägten «Ziegenbart» sowie massive, bis über einen Meter lange Hörner. Die Weibchen sind bedeutend kleiner als die Männchen und weisen höchstens sechzig Prozent von deren Gewicht auf. Ausserdem haben sie ein blasser gefärbtes Fell, es fehlt ihnen ein nennenswerter Kinnbart, und ihre Hörner werden nur etwa 20 Zentimeter lang.

 

Ein Leben in spektakulärer Berglandschaft

Die Wildziegen der Gattung Capra sind ausgesprochen bergtüchtige Paarhufer, und der Äthiopische Steinbock bildet hierin keine Ausnahme. Seine Heimat sind die Semienberge im nördlichen Teil des Abessinischen Hochlands, welche im Bereich eines weiten, ehemals 3000 bis 4000 Meter mächtigen, heute aber stark abgetragenen Schildvulkans liegen. Ausgedehnte hügelige Hochplateaus, unvermittelte, gewaltige, teilweise durch Terrassen unterbrochene Abstürze und die sogenannten «Amben», eigentümliche, freistehende Felsklötze mit senkrechten Wänden und flacher Zinne, kennzeichnen diese einzigartige Berglandschaft, die zu den spektakulärsten Szenerien unseres Planeten gerechnet wird.

Der Äthiopische Steinbock bewohnt hauptsächlich den nördlichen Bereich des Semienmassivs. Hier hält er sich zumeist in Höhen zwischen 2800 und 3400 Metern auf, steigt aber mitunter auch bis auf 4000 Meter hinauf.

Wie alle Wildziegen ist der Äthiopische Steinbock ein strikter Vegetarier und ernährt sich in seiner ostafrikanischen Heimat von einer breiten Vielfalt von Gräsern, Kräutern und Sträuchern, die er auf den Plateaus und Terrassen zwischen den Klippen vorfindet.

Auch hinsichtlich seiner Gesellschaftsstruktur führt der Äthiopische Steinbock ein ähnliches Leben wie seine europäischen und asiatischen Brüder: Er ist recht gesellig und lebt - von wenigen einzelgängerischen Böcken abgesehen - in Verbänden von bis zu dreissig, zumeist aber deutlich weniger Tieren. Dabei handelt es sich ausserhalb der Brunft entweder um reine Männchengruppen («Junggesellengruppen») oder um Weibchen-Jungen-Gruppen. Während der Brunft schliessen sich die Männchen den Weibchen-Jungen-Gruppen an, weshalb man dann vorwiegend gemischten Gruppen mit Tieren beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen begegnet.

Die meiste Zeit des Jahres leben die Steinböcke recht friedlich mit- und nebeneinander und wandern auf der Suche nach möglichst guten Weideplätzen kreuz und quer in ihren Wohngebieten umher. Dies ändert sich jedoch, wenn die Weibchen in Brunft kommen, was vereinzelt das ganze Jahr über der Fall sein kann, hauptsächlich aber zwischen März und Mai eintrifft. Dann werden die erwachsenen Männchen zu erbitterten Rivalen und liefern sich heftige Zweikämpfe, um das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen zu erlangen, welches nur den kräftigsten Böcken zusteht. Zwar kommt es bei diesen ritualisierten Kämpfen der Männchen selten zu ernsthaften Verletzungen. Trotzdem sind die Kämpfe nicht ungefährlich, denn obschon Steinböcke unglaublich trittsichere Tiere sind, verliert doch hin und wieder ein Männchen in der Hitze des Gefechts den Halt und stürzt über die Klippen in den Tod. Für die Population sind diese Rangkämpfe trotzdem eine sehr sinnvolle Einrichtung, wird doch so dafür gesorgt, dass immer nur die geschicktesten und kräftigsten Böcke ihr Erbgut weiterzugeben vermögen.

Nach der Brunftzeit beruhigt sich das Leben der Äthiopischen Steinböcke rasch wieder. Nun konzentrieren sich alle Individuen auf den Nahrungserwerb - die Männchen, um ihre Kräfte nach den anstrengenden Kampftagen wiederzugewinnen, die Weibchen, um sich selbst sowie die in ihrem Körper heranwachsenden Jungen ausreichend zu ernähren. Die meisten Jungen werden nach einer Tragzeit von 160 bis 170 Tagen im September und Oktober, am Ende der äthiopischen Regenzeit, geboren. In dieser Periode des abklingenden Regens sind die Bergwiesen besonders grün und blütenreich und bieten somit für die Geissen und ihre Kitze reichlich frische und eiweissreiche Nahrung.

 

Gefahr droht durch die Bodenabtragung

Man sollte eigentlich erwarten, dass die Äthiopischen Steinböcke in ihrer unwegsamen Bergheimat verhältnismässig ungestört und geborgen leben. Leider traf das allzulange Zeit überhaupt nicht zu. Zwar haben die kletterfreudigen Paarhufer kaum natürliche Feinde; einzig der Leopard (Panthera pardus) dürfte hin und wieder eines Individuums habhaft werden. Umsomehr sind sie in der Vergangenheit durch die Aktivitäten des Menschen geschädigt und in ihrem Bestand vermindert worden.

Früher hatte vor allem die Bejagung durch die ansässige Bergbevölkerung negative Auswirkungen auf die Population der Äthiopischen Steinböcke gehabt. Das Fleisch der Tiere, ihr Fell und auch die Hörner, aus denen Trinkgefässe gefertigt wurden, waren sehr geschätzt. Das schroffe, zerklüftete Terrain machte die Steinbockjagd allerdings schon immer zu einer sehr beschwerlichen und nicht ungefährlichen Angelegenheit, und dies bot den Tieren doch einen gewissen natürlichen Schutz, weshalb sie nicht übermässig unter der traditionellen Nachstellung durch den Menschen zu leiden hatten.

Dies änderte sich, nachdem in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts moderne Schusswaffen mit grösserer Reichweite und besserer Zielgenauigkeit den Weg in die Semienberge gefunden hatten. Nun waren die Steinböcke plötzlich wesentlich anfälliger auf die Bejagung durch den Menschen - so stark, dass der britische Naturforscher Powell-Cotton um die Jahrhundertwende in seinen Reisenotizen vermerkte, dass er befürchte, der Äthiopische Steinbock werde wohl schon bald ausgerottet sein, falls die Jagd auf ihn nicht endlich eingeschränkt werde.

Zum Glück erwies sich seine Prognose als allzu pessimistisch. Denn obschon die Population der Äthiopischen Steinböcke zum Schluss auf vielleicht einen Zehntel ihrer ursprünglichen Grösse vermindert worden war, vermochten die Tiere doch in den unzugänglichsten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets zu überleben.

Heute ist der Äthiopische Steinbock in seiner Heimat gesetzlich geschützt, und die Bejagung stellt deshalb kaum mehr ein Problem für ihn dar. In der jüngeren Vergangenheit ist allerdings ein neues, sehr ernstes Problem aufgetaucht: die fortschreitende Zerstörung seines Lebensraums durch die stetig anwachsende menschliche Bevölkerung. Die Semienberge sind wie das ganze Abessinische Hochland verhältnismässig dicht besiedelt. Besonders an den tieferen und mittleren Hängen des Massivs wurde die ursprüngliche Gehölzvegetation auf grossen Flächen entfernt, um einerseits Platz für Felder und Weiden zu schaffen und um andererseits Bau- und Brennholz zu gewinnen. Rund neunzig Prozent des Bergwalds, der einstmals schätzungsweise achtzig Prozent des Semienmassivs bedeckt hatte, wurde auf diese Weise zerstört.

Damit aber wurde der Weg frei für die allmähliche, witterungsbedingte Abtragung der wie überall in den Bergen dünnen Humusschicht. Vor allem an den stärker geneigten Hängen wurde und wird der nunmehr blossgelegte und mit dem Pflug bearbeitete beziehungsweise vom Vieh zertretene Boden rasch ausgewaschen. Die stetige Erosion der Humusschicht, ohne die das Wachstum höherer Pflanzen undenkbar ist, stellt nicht nur für den Äthiopischen Steinbock, sondern auch für die anderen Wildtiere dieses Gebirgsmassivs eine immense Gefahr dar.

 

Ein Nationalpark lässt hoffen

Äthiopien ist sich der Gefahren für die heimische Tier- und Pflanzenwelt schon vor geraumer Zeit bewusst geworden und hat schon früh damit begonnen, geeignete Massnahmen zum Schutz derselben zu ergreifen. So wurde bereits 1966 ein besonders gut erhaltenes Stück Naturlandschaft im Bereich der Semienberge als Nationalpark ausgewiesen und 1969 offiziell eingeweiht. Der Park umfasst 190 Quadratkilometer des Semienmassivs und reicht von einer Höhe von 1000 Metern ü.M. bis zum höchsten Punkt des Massivs, dem 4620 Meter hohen Ras Dashan. Mit der Schaffung dieses Nationalparks erhielt nicht allein der Äthiopische Steinbock ein sicheres Zuhause, sondern mit ihm noch viele weitere «afroalpine» Tierformen, darunter etwa der Abessinische Schakal und der Dschelada-Pavian (Theropithecus gelada) sowie mehr als 400 Vogelarten.

Mit der Ausweisung des Semienberge-Nationalparks in den sechziger Jahren waren allerdings noch längst nicht alle Probleme gelöst: Bis 1979 lebten nämlich weiterhin rund 3000 Menschen und eine unbekannte Anzahl Nutztiere innerhalb der Parkgrenzen. Nach wie vor wurden rund zwanzig Prozent der Parkfläche landwirtschaftlich genutzt, und weitere dreissig Prozent dienten als Weideland für das Vieh. 1979 wurden dann die Bewohner von sieben Bergdörfern, insgesamt ungefähr 1500 Personen, in Gebiete ausserhalb des Parks umgesiedelt. Dies hat den Druck auf die natürlichen Ressourcen innerhalb des Parks beträchtlich gelindert. Noch immer leben aber rund 1500 Menschen im Nationalpark und nutzen rund dreissig Prozent der Parkfläche für die landwirtschaftliche Produktion und als Weideland.

Die äthiopische Naturschutzbebörde hat die feste Absicht, mit der Zeit auch diese Bergbewohner umzusiedeln. Bar jeglicher menschlichen Störung wird der Park allerdings auch dann nicht sein, denn man will im selben Zeitraum einen massvollen und gut überwachten Tourismus im Bereich der Semienberge fördern. Dadurch soll unter anderem die aus dem Park gewiesene Bevölkerung alternative Verdienstmöglichkeiten im Dienstleistungssektor finden können. Leider lassen sich alle diese Pläne, vor allem mangelnder Finanzen wegen, nur sehr schleppend in die Tat umsetzen.

In bezug auf den Äthiopischen Steinbock haben die bisher getroffenen Massnahmen allerdings schon einen gewissen Erfolg gezeitigt. Noch befindet er sich zwar auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, doch scheint er heute nicht mehr unmittelbar am Rand der Ausrottung zu stehen, wie dies noch vor fünfzig Jahren der Fall gewesen war. Neuere, aus der Mitte der achtziger Jahre stammende Bestandsschätzungen deuten auf eine Gesamtpopulation von 300 bis 500 Individuen hin. Dies sind immerhin noch ungefähr gleich viele, möglicherweise sogar etwas mehr, als Ende der sechziger Jahre im Bereich der Semienberge lebten.




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