Steppenfuchs
Vulpes corsac
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
In einer bekannten Fabel überlistet der Fuchs
den Raben, der auf einem Ast sitzt und ein herrliches Stück
Käse im Schnabel hat: Er lobt dessen schöne Stimme,
worauf der eitle Rabe eine Probe seiner Sangeskunst geben will
und dabei prompt den Käse fallen lässt, dem Fuchs -
wie erhofft - direkt vor die Füsse.
Es gibt viele solche Geschichten, die von der Schlauheit
des Fuchses handeln. Natürlich sind sie nicht wörtlich
zu nehmen, aber ganz «aus der Luft gegriffen» sind
sie auch nicht: Der Fuchs ist tatsächlich ein «gescheites»
Tier, weil er sehr neugierig ist, eine rasche Auffassungsgabe
hat und aus eigener Erfahrung lernen kann.
Das Gesagte gilt in erster Linie für «unseren»
Rotfuchs (Vulpes vulpes). Meisterhaft versteht er es,
sich neuen Situationen - auch im Umfeld des Menschen - anzupassen.
So hat er es geschafft, fast die gesamte nördliche Erdhalbkugel
zu erobern. Ausser dem Rotfuchs gibt es auf unserem Planeten
aber noch eine ganze Reihe weiterer Fuchsarten, die uns zwar
weniger vertraut sind, jedoch ebensolche Überlebenskünstler
sind wie er. Zu ihnen gehört der zentralasiatische Steppenfuchs
oder «Korsak» (Vulpes corsac), von dem auf
diesen Seiten berichtet werden soll.
Zwischen Wolga und Mandschurei zu Hause
Weltweit gibt es 21 Fuchsarten. Sie bilden innerhalb
der 34 Arten umfassenden Familie der Hunde (Canidae) klar die
grösste Sippe. Von den Wissenschaftlern werden die Füchse
in sieben verschiedene Gattungen gegliedert, von denen die Echten
Füchse (Gattung Vulpes) - zu welchen Rotfuchs und
Steppenfuchs gehören - mit 10 Arten die kopfstärkste
Gruppe bilden.
Hinsichtlich ihrer Körpergrösse zeigen die
Echten Füchse eine bemerkenswerte Bandbreite: Das Spektrum
reicht vom ein bis anderthalb Kilogramm schweren Fennek oder
Wüstenfuchs (Vulpes zerda), der im Bereich der Sahara
und auf der Arabischen Halbinsel heimisch ist, bis hin zum Rotfuchs,
der gewöhnlich sechs bis sieben, mitunter aber auch über
zehn Kilogramm wiegt.
Der Steppenfuchs befindet sich diesbezüglich
im Mittelfeld: Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge
von 50 bis 60 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 25 bis
30 Zentimetern und ein Gewicht von zumeist 3,5 bis 4,5 Kilogramm
auf. Dem Rotfuchs sieht der Steppenfuchs nicht unähnlich:
Er ist recht schlank gebaut, hat eine spitze Schnauze und einen
buschigen Schwanz. Letzterer weist allerdings im Gegensatz zu
dem des Rotfuchses nicht eine weisse, sondern eine schwarze Spitze
auf, und er ist mit einer Länge von 30 Zentimetern verhältnismässig
kürzer als bei jenem.
Das Verbreitungsgebiet des Steppenfuchses erstreckt
sich praktisch über ganz Zentralasien, von der Wolga im
Westen bis zur Mandschurei im Osten. Die Art ist also in den
Ländern Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan,
Kirgisistan, Tadschikistan, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien,
Mongolei und China anzutreffen.
Wie sein Name andeutet, bewohnt der Steppenfuchs innerhalb
seines weiten Verbreitungsgebiets jene offenen, mehrheitlich
baumlosen und oft trocken-kargen Grasländer, die man Steppen
oder, wenn die Niederschläge besonders spärlich fallen,
Halbwüsten nennt. Waldgebiete und dicht von Sträuchern
bewachsene Landstriche meidet er ebenso wie vom Menschen bewirtschaftete
und besiedelte Regionen.
Ein wissenschaftlich vernachlässigtes Tier
Von der Wissenschaft ist der Steppenfuchs bislang
stark vernachlässigt worden. Freilandstudien, die diesen
Namen verdienen, existieren keine. Die wenigen Informationen,
die uns über die Lebensweise des Steppenfuchses vorliegen,
basieren zur Hauptsache auf Zufallsbeobachtungen und sind in
vielerlei Hinsicht widersprüchlich. Immerhin ist der Steppenfuchs
des öfteren in Menschenobhut gehalten und gezüchtet
worden, so dass wir zumindest eine gewisse Einsicht in sein Wesen
und sein Verhalten haben. Dabei hat sich gezeigt, dass er sich
nicht grundsätzlich von den anderen Mitgliedern seiner Gattung
unterscheidet.
Ohne Zweifel ist der Steppenfuchs ein sehr «opportunistisches»
Raubtier: Er richtet sich bei der Nahrungssuche voll und ganz
nach dem lokalen und saisonalen Angebot. Dabei wendet er eine
Vielfalt unterschiedlicher Stöber- und Jagdtechniken an;
er setzt Augen, Ohren und Nase, welche alle hervorragend ausgebildet
sind, gleichermassen ein; und er verschmäht sozusagen nichts,
was die Natur in seinem Lebensraum an Essbarem bietet. Dazu gehört
alles, was kreucht und fleucht und von ihm überwältigt
werden kann. Aber auch pflanzliche Stoffe, insbesondere Früchte,
schmecken ihm. Diese Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen
Gegebenheiten und die geschickte Nutzung des vorhandenen Angebots
ist ein gemeinsames Kennzeichen aller Echten Füchse - und
ist der Hauptgrund für ihren bemerkenswerten Erfolg im alltäglichen
Kampf ums Überleben wie auch für ihren Ruf als «Überlebenskünstler».
Soweit wir wissen, reicht das Beutetierspektrum des
Steppenfuchses von Ziegen-, Wildschwein- und anderen Huftierjungen
über Hasen, Kaninchen und Nagetiere jeglicher Grösse
sowie Vögel aller Art bis hin zu Echsen, Schlangen und diversen
Wirbellosen, darunter Käfer, Heuschrecken und Erdwürmer.
Ferner nimmt er gerne tote Tiere, die er vorfindet.
In erster Linie scheinen dem Steppenfuchs allerdings
Nagetiere, insbesondere Mäuse, zum Opfer zu fallen. Letztere
überfällt er jeweils mit einem typischen «Mäusesprung»,
wie wir ihn auch vom Rotfuchs und anderen Fuchsarten her kennen:
Zunächst pirscht sich der Steppenfuchs ganz sachte bis auf
etwa einen Meter an das von ihm aufgespürte Nagetier an.
Dann springt er beinahe senkrecht hoch in die Luft, landet gut
gezielt mit seinen Vorderpfoten auf seinem Opfer und packt es
sogleich mit seinen Zähnen. Mit dieser Technik vermag er
eine sonst oft erfolgreiche Fluchtreaktion vieler Nagetiere zu
vereiteln, bei der sie angesichts eines plötzlichen Angriffs
zunächst in die Höhe springen, dadurch den Angreifer
kurzfristig verblüffen und den Überraschungsmoment
geschickt nutzen, um sich zu retten.
In freier Wildbahn geht der Steppenfuchs hauptsächlich
in der Dämmerung und Dunkelheit auf Fresswanderung, wohingegen
er in Menschenobhut durchaus auch bei Tageslicht aktiv ist. Es
ist dies ein weiterer Beweis seiner Anpassungsfähigkeit:
Während er sich in Gefangenschaft in einer feindfreien Umgebung
befindet, muss er sich in der Wildnis vor einem ganzen Spektrum
von Feinden in acht nehmen. Zu nennen sind in erster Linie verschiedene
grosse Greifvögel wie der Steppenadler (Aquila nipalensis)
und selbstverständlich der jagende Mensch.
Bilden Steppenfüchse Rudel?
Es heisst vom Steppenfuchs, er lebe geselliger als
die meisten anderen Füchse. So würden häufig mehrere
Individuen gemeinsam einen Bau benützen. Und oftmals würden
sich Steppenfüchse - vor allem im Winter - in kleinen Rudeln
auf die Jagd begeben. Gerade letzteres wäre ein sehr «fuchsuntypisches»
Verhalten, da alle Füchse das ganze Jahr über bei ihren
Nahrungsstreifzügen einzelgängerisch vorgehen. Es ist
deshalb angebracht, hinter diese «Beobachtungen»
ein Fragezeichen zu setzen. Vieles deutet nämlich darauf
hin, dass es sich bei den genannten «Steppenfuchs-rudeln»
um Mütter in Begleitung ihrer letztjährigen, schon
grossgewachsenen Jungen handelt. Und auch die erwähnten
«Baugemeinschaften» dürften in Wirklichkeit
aus solchen Familienverbänden bestehen.
Die erwachsenen Steppenfüchse leben, soweit wir
wissen, zumindest während der Fortpflanzungszeit paarweise
in festen Territorien. Innerhalb des Reviers verfügt das
Steppenfuchsweibchen an einem sorgfältig ausgewählten
Ort über einen geräumigen Erdbau. Diesen gräbt
es mitunter selbst, manchmal übernimmt es aber auch eine
von Murmeltieren oder anderen tierlichen «Baumeistern»
angelegte Erdhöhle. Seltener wählt es als Kinderstube
eine Nische zwischen Felsen oder einen hohlen Baumstamm. Dort
bringt es im März oder April, nach einer Tragzeit von etwa
fünfzig Tagen, im allgemeinen drei bis sieben Junge zur
Welt. Letztere wiegen bei der Geburt fünfzig bis achtzig
Gramm und sind wie alle Jungfüchse anfänglich blind
und völlig hilflos.
Etwa im Alter von zwei Wochen öffnen die Welpen
ihre Augen, im Alter von ungefähr vier Wochen krabbeln sie
dann erstmals zum Baueingang, und schon bald spielen sie ausgelassen
miteinander vor dem Bau, erforschen dessen nähere Umgebung
und «überfallen» jeden Käfer und jedes
vom Wind bewegte Blatt - verschwinden aber jeweils unverzüglich
im sicheren Unterschlupf, wenn Gefahr droht und die Eltern Warnlaute
äussern. Das Spiel unter Geschwistern ist für die jungen
Steppenfüchse von grosser Bedeutung. Sie lernen dabei all
die Dinge, die sie für ihr späteres Leben brauchen:
Anschleichen, Auflauern, Angreifen, Aufpassen, dass man nicht
selbst überfallen wird, usw.
Beim Rotfuchs bleibt das Männchen in der frühen,
an den Bau gebundenen Phase der Jungenaufzucht ständig in
der Nähe seiner Familie und ist überaus wachsam. Es
verpflegt ferner sein Weibchen und - über die Muttermilch
- auch seine Jungen, indem es nach Kräften Beutetiere zum
Bau trägt, diesen jedoch niemals selbst betritt. Es scheint,
dass diese Vaterpflichten auch von den männlichen Steppenfüchsen
erfüllt werden.
Die jungen Steppenfüchse wachsen rasch heran.
Im Alter von etwa zwei Monaten werden sie entwöhnt. Danach
begleiten sie ihre Mutter auf deren Pirschgängen durch das
Revier und lernen von ihr nach und nach die vielfältigen
Strategien des Beutefangs. Wenn das Sommerende naht, können
sie bereits selbständig jagen. Es heisst oft, dass sich
die Jungfüchse dann von ihrer Mutter lösen und auf
eigene Faust losziehen. Die Beobachtung von gemeinschaftlich
jagenden «Steppenfuchs-rudeln» im Winter könnte
aber wie erwähnt bedeuten, dass - zumindest regional - die
Mutter-Kinder-Verbände noch bis zur nächsten Paarungszeit
im Frühjahr bestehen bleibt.
Über die Lebensdauer der Steppenfüchse in
freier Wildbahn ist nichts bekannt. Sie dürfte aber ähnlich
sein wie bei den anderen Echten Füchsen, also bei acht bis
zehn Jahren liegen.
Begehrter Korsakpelz
Angesichts des weiten Verbreitungsgebiets des Steppenfuchses
und der Tatsache, dass grosse Teile desselben Halbwüste
und Trockensteppe sind und demzufolge optimales Steppenfuchshabitat
darstellen, möchte man annehmen, dass der Fortbestand der
Art kaum gefährdet ist. Leider scheint das nicht der Fall
zu sein: Es gibt unmissverständliche Hinweise darauf, dass
die Bestände des Steppenfuchses in verschiedenen Bereichen
Zentralasiens deutlich zurückgegangen sind.
Ein Hauptgrund für diese wenig erfreuliche Situation
ist zweifellos die Bejagung des Steppenfuchses durch den Menschen
zwecks Gewinnung seines prächtigen Winterfells. Diesen überaus
dichten, weichen Pelz wissen die Zentralasiaten sehr zu schätzen
und machen darum von alters her eifrig Jagd auf den hübschen
Fuchs.
Der Handel mit Korsakfellen scheint seinen Höhepunkt
im ausgehenden 19. Jahrhundert erreicht zu haben. Zwar fehlen
Gesamtzahlen, doch lässt sich das Ausmass der Steppenfuchsbejagung
erahnen, wenn man weiss, dass allein in der westsibirischen Stadt
Irbit zu jener Zeit alljährlich bis zu 10 000 Steppenfuchsfelle
umgeschlagen wurden. Wie intensiv die Bejagung des Steppenfuchses
gegenwärtig betrieben wird, ist zwar nicht bekannt, doch
ist angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage der meisten
Länder innerhalb des Verbreitungsgebiets des kleinen Wildhunds
davon auszugehen, dass sie auch heutzutage erheblich ist.
Immerhin wissen wir vom Rotfuchs, wie überraschend
widerstandsfähig er sich selbst gegenüber massivem
Jagddruck gezeigt hat. Dank seines recht grossen Vermehrungsvermögens,
der Bereitschaft der Jungerwachsenen, auf der Suche nach einem
eigenen Revier auch in weit entfernte Landstriche auszuwandern,
und nicht zuletzt natürlich dank seiner legendären
Gewieftheit - gerade im Umgang mit dem Menschen - hat er scheinbar
mühelos zu überleben vermocht.
Dies dürfte grossenteils auch für den Steppenfuchs
zutreffen. Ein wichtiger Unterschied besteht allerdings zwischen
den beiden Fuchsarten: Während der Rotfuchs die Nähe
des Menschen keineswegs meidet, ja im Gegenteil sogar von dessen
Aktivitäten Nutzen zu ziehen weiss, scheut der Steppenfuchs
das Umfeld des Menschen - und verliert dadurch immer weitere
Bereiche seines angestammten Lebensraums. Im ganzen zentralasiatischen
Raum sind nämlich in unserem Jahrhundert riesige Steppen-
und sogar Halbwüstenregionen künstlich bewässert
und unter den Pflug genommen worden, um Tabak-, Baumwoll-, Getreide-
und andere Pflanzungen anzulegen. Der Steppenfuchs wurde dadurch
immer weiter zurückgedrängt, und diese Entwicklung
hält unvermindert an.
Jagddruck und Lebensraumverlust haben dazu geführt,
dass die Steppenfuchsbestände heute vielerorts deutlich
ausgedünnt erscheinen. Zwar gibt es keinerlei präzisen
Erhebungen über die Bestandssituation und -entwicklung der
Steppenfüchse in ihrer zentralasiatischen Heimat. Dennoch
hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) die kleine Wildhundeart nun
- vorsorglicherweise - auf die Rote Liste der gefährdeten
Tierarten gesetzt. Genauere Abklärungen betreffend den Status
des Steppenfuchses müssen dringend vorgenommen werden.
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