Baltischer Stör, Waxdick, Sternhausen und Sterlet
Acipenser spp.
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Störe sind bemerkenswerte Tiere. Nicht nur gelten
sie mit einem stammesgeschichtlichen Alter von über 200
Millionen Jahren zu den urtümlichsten Wirbeltieren unseres
Planeten. Sie gehören auch mit Längen von bis zu acht
Metern zu den grössten aller Fische. Und nicht zuletzt sind
sie als Lieferanten der Delikatesse Kaviar von erheblicher wirtschaftlicher
Bedeutung für die innerhalb ihres Verbreitungsgebiets wohnhaften
Menschen.
Nachfolgend sollen vier Störarten vorgestellt
werden, welche in Rumänien - genauer im Schwarzen Meer und
im Unterlauf der Donau - heimisch sind. Es handelt sich um den
Baltischen Stör (Acipenser sturio), den Waxdick (Acipenser
gueldenstaedti), den Sternhausen (Acipenser stellatus)
und den Sterlet (Acipenser ruthenus).
Schuppenlose Haut, schiefe Schwanzflosse
Die Ordnung der Störe (Acipenseriformes) setzt
sich aus den «eigentlichen» Stören (Familie
Acipenseridae) und den Löffelstören (Familie Polyodontidae)
zusammen. Sie werden - wie die grosse Mehrzahl der heutigen Fische
- der Klasse der Knochenfische (Osteichthyes) zugeordnet; dies
im Gegensatz zu den Haien und Rochen, welche zur Klasse der Knorpelfische
(Chondrichthyes) gehören. Innerhalb der Knochenfische gelten
die Störe jedoch als besonders altertümlich, unter
anderem weil ihr Skelett überwiegend aus Knorpelsubstanz
besteht, weil ihre Haut nur stellenweise von schmelzartigen Knochenschildern
bedeckt (und ansonsten nackt) ist, und weil ihre Schwanzflosse
heterozerk, das heisst schief gebaut ist, da die Wirbelsäule
in den oberen Flossenlappen hineinläuft. Sie werden deshalb
als sogenannte «Knorpelschmelzschupper» (Chondrostei)
von den «eigentlichen» Knochenfischen (Teleostei)
abgetrennt.
Weltweit gibt es 2 Arten von Löffelstören
und 25 Arten von «eigentlichen» Stören: Während
der «echte» Löffelstör (Polyodon spathula)
im Mississippi und anderen Binnengewässern Nordamerikas
vorkommt, lebt der Schwertstör (Psephurus gladius)
ausschliesslich im Jangtsekiang in China. Von den «eigentlichen»
Stören (Gattungen Acipenser, Huso, Scaphirhynchus und
Pseudoscaphirhynchus) sind 17 Arten in den Flüssen,
Seen und Meeren Eurasiens heimisch, die restlichen 8 Arten bewohnen
nordamerikanische Binnen- und Küstengewässer.
Die verschiedenen Arten der Gattung Acipenser,
der auch die vier eingangs erwähnten Störe angehören,
sehen auf den ersten Blick alle ähnlich aus, unterscheiden
sich aber teils erheblich durch ihre Grösse und Färbung.
Kennzeichnend sind ferner die Form, Grösse und Anzahl der
in fünf Längsreihen angeordneten Knochenschilder, die
Form und Stellung der vier an der Schnauzenunterseite befindlichen
Bartfäden sowie die Form und Grösse der Mundöffnung.
Der Baltische Stör
Der Baltische Stör (Acipenser sturio)
ist einer der grösseren Vertreter seiner Sippe: Ältere
Individuen können eine Länge von mehr als 3 Metern
und ein Gewicht von über 200 Kilogramm erreichen, wobei
die Weibchen im allgemeinen grösser und schwerer sind als
die Männchen. Er hat eine verhältnismässig spitze
Schnauze, die Bartfäden befinden sich halbwegs zwischen
Schnauzenspitze und Mundöffnung, und die Knochenschilder
auf den Körperseiten sind weniger als doppelt so hoch wie
breit.
Als erwachsene Tiere verbringen die Baltischen Störe
die meiste Zeit des Jahres im Meer, und zwar in küstennahen
Gebieten. Als Nahrung dient ihnen ein breites Spektrum bodenlebender
Kleintiere. Bei der Nahrungssuche durchwühlen sie mit ihrer
Schnauze den Meeresboden und erbeuten dabei von aufgeschreckten
Grundeln und anderen Kleinfischen über Krabben, Muscheln
und Schnecken bis hin zu meereslebenden Würmern. Beim Entdecken
der Beutetiere spielen die geschmacks- und tastempfindlichen
Bartfäden eine wichtige Rolle.
Jeweils im Frühling gehen die Baltischen Störe
auf Wanderschaft: Sie verlassen ihre Küstenregionen und
schwimmen ein gutes Stück weit in einen möglichst grossen
Zufluss ihres Heimatmeers hinein, um sich dort fortzupflanzen.
Ein bis zwei Millionen Eier - sprich: Kaviar - gibt jedes Weibchen
in sechs bis acht Meter tiefem, rasch fliessendem Wasser über
kiesigem Grund ab. Diese werden von den anwesenden Männchen
unverzüglich besamt und heften sich auf dem Gewässerboden
an Kieselsteinen fest. Nach dem Ablaichen wandern die erwachsenen
Störe wieder ins Meer zurück und kümmern sich
nicht weiter um ihren Nachwuchs.
Die Jungstöre schlüpfen nach drei bis fünf
Tagen und sind dann etwa neun Millimeter lang. Während zwei
bis drei Jahren bleiben sie im Süsswasser und ernähren
sich ähnlich wie die Erwachsenen von Insektenlarven und
anderen bodenlebenden Kleintieren. Dann wandern auch sie flussabwärts
und suchen küstennahe Meeresabschnitte auf. Die Männchen
erreichen die Geschlechtsreife mit 7 bis 9, die Weibchen mit
8 bis 14 Jahren. In diesem Alter weisen sie eine Länge von
einem bis anderthalb Metern auf. Ihre Lebenserwartung liegt unter
natürlichen Verhältnissen bei über 50 Jahren.
Früher gab es den Baltischen Stör in grosser
Zahl an praktisch sämtlichen Küsten Europas - vom Nordkap
südwärts bis nach Gibraltar und von da durch das Mittelmeer
bis ins Schwarze Meer. Auch in der Ostsee war er, wie sein Name
andeutet, weit verbreitet. Und in den grossen Flüssen stieg
er einst - bevor Staustufen ihm den Weg versperrten - weit hinauf,
so im Rhein bis nach Basel in der Schweiz und in der Elbe bis
nach Prag in Tschechien.
Übermässiger Fischfang - des Fleisch wie
des Kaviars wegen - setzte dem Baltischen Stör leider ab
dem Mittelalter in seinem ganzen Verbreitungsgebiet arg zu, so
dass er schon zu Beginn unseres Jahrhunderts in ganz West- und
Mitteleuropa praktisch ausgestorben war. Winzige Restbestände
haben einzig im Bereich des Guadalquivir in Südspanien und
der Gironde in Westfrankreich überlebt. Die letzte nennenswerte
Population des Baltischen Störs ist heute diejenige im Schwarzen
Meer, von der ein Teil in rumänischen Gewässern lebt
und laicht. Selbst diese Population ist aber mit geschätzten
300 bis 1000 erwachsenen Individuen besorgniserregend klein.
Der Waxdick
Der Waxdick (Acipenser gueldenstaedti) ist
etwas kleiner als der Baltische Stör, mit einer Länge
von bis zu 2,4 Metern und einem Gewicht von bis zu 115 Kilogramm
aber noch immer ein stattlicher Fisch. Seine Schnauze ist kürzer
und runder als die des Baltischen Störs, seine ziemlich
kurzen Bartfäden setzen näher bei der Schnauzenspitze
an, und er weist seitlich verhältnismässig wenige,
ziemlich massive Knochenschilder auf.
In seinem Verhalten und seinen ökologischen Ansprüchen
unterscheidet sich der Waxdick kaum vom Baltischen Stör.
Auch die individuelle Entwicklung verläuft ähnlich
langsam. Vergleichsweise beschränkt ist hingegen von alters
her sein Verbreitungsgebiet: Er kommt nur im Schwarzen und im
Kaspischen Meer vor und besucht zur Laichzeit die Donau, die
Wolga und die anderen grossen Zuflüsse dieser Meere, wobei
er in der Donau einst bis Bratislava in der Slowakei aufstieg.
Wie der Baltische Stör wird der Waxdick seines
schmackhaften Fleischs und des wertvollen Kaviars wegen von alters
her stark verfolgt. Erfreulicherweise ist seine Population aber
nicht gleichermassen zusammgebrochen. Die Fangerträge gehen
jedoch im Schwarzen wie auch im Kaspischen Meer ständig
zurück, was klar auf einen unguten Raubbau an den Beständen
hinweist.
Der Sternhausen
Der Sternhausen (Acipenser stellatus) ist deutlich
kleiner als der Baltische Stör und der Waxdick: Die erwachsenen
Tiere messen gewöhnlich zwischen 1,3 und 1,5 Metern und
wiegen nicht mehr als 12 Kilogramm. Kennzeichnend für den
Sternhausen sind seine überlange, spitze Dolchschnauze,
die weniger als fünfzig verhältnismässig kleinen,
deutlich voneinander getrennten Seitenschilder und die ausgesprochen
schlanke Gestalt.
Die Verbreitung des Sternhausens ist ähnlich
wie die des Waxdicks: Er kommt im Schwarzen und Kaspischen Meer
vor und steigt jeweils zur Laichzeit in deren Zuflüssen
auf, in der Donau früher bis Tokay in Ungarn. Hin und wieder
wurden schon Sternhausen in der Ägäis und in der Adria
gefangen. Da die Art aber in den Zuflüssen dieser Mittelmeerregionen
nicht ablaicht, nimmt man an, dass es sich dabei um besonders
wanderfreudige Individuen aus dem Schwarzen Meer handelte.
Auch der Sternhausen wurde während mehreren Jahrhunderten
massiv verfolgt. Die Fangerträge erreichten gegen Ende des
letzten Jahrhunderts einen bedenklichen Höhepunkt, als Jahr
für Jahr rund 10 000 Tonnen dieser Fischart erbeutet wurden.
Zwangsläufig gingen die Bestände in der Folge allmählich
zurück. Noch aber ist der Sternhausen im nördlichen
Bereich des Kaspischen Meers der häufigste Stör. Im
Schwarzen Meer ist er hingegen rar geworden: Er gilt als der
seltenste Stör, der zur Laichzeit in die Donau einwandert.
Der Sterlet
Der Sterlet (Acipenser ruthenus) ist der zierlichste
der vier vorgestellten Störe: Seine Länge bemisst sich
gewöhnlich auf nur 40 bis 60 Zentimeter, und sein Gewicht
beträgt nur wenige Kilogramm. Er hat eine spitze, schlanke,
leicht nach oben gebogene Schnauze, trägt lange, hinten
ausgefranste Bartfäden und besitzt deutlich mehr als fünfzig
recht kleine Seitenschilder.
Im Gegensatz zu den drei vorhergegangenen Störarten,
welche als erwachsene Tiere die meiste Zeit im Meer verbringen,
ist der Sterlet ein ausgeprägter Süsswasserfisch. Seine
Heimat sind einerseits die grossen Flüsse, die ins Schwarze
und ins Kaspische Meer münden, andererseits die durch Sibirien
fliessenden Ströme Ob, Irtysch und Jenissei. Auch in der
nördlichen Dwina, die sich ins Weisse Meer ergiesst, kam
er einst vor, scheint aber dort inzwischen ausgerottet zu sein.
Wie seine meereslebenden Vettern unternimmt der Sterlet
jeweils zur Laichzeit weite Wanderungen flussaufwärts, die
ihn früher in der Donau bis über Ulm hinaus brachten.
Und auch bei ihm legen die Weibchen ihre Eier an rasch fliessenden
Flussabschnitten über kiesigem Grund ab. Die Eizahl je Weibchen
liegt gewöhnlich zwischen 20 000 und 50 000, und die Jungen
schlüpfen nach 6 bis 9 Tagen aus den Eiern. Wie dies aufgrund
seiner geringeren Grösse zu erwarten ist, wächst der
Sterlet etwas rascher heran als seine riesenhaften Vettern Baltischer
Stör und Waxdick: Die Männchen werden mit 4 bis 5,
die Weibchen mit 5 bis 9 Jahren geschlechtsreif, und die Alterserwartung
liegt unter natürlichen Verhältnissen bei 20 bis 25
Jahren.
Im Unterlauf der Donau und der Wolga gibt es noch
grössere Bestände des Sterlets, obschon auch dieser
verhältnismässig kleine Stör seit langer Zeit
stark befischt wird. Eine rückläufige Bestandsentwicklung
ist zwar anzunehmen, jedoch nicht nachgewiesen.
Kaviar als Verhängnis
Baltischer Stoer, Waxdick, Sternhausen und Sterlet
- die vier Störarten haben ein gemeinsames Schicksal: Seit
der Mensch die Welt im grossen Stil nach seinen Wünschen
umändert und die wildlebenden Tier- und Pflanzenbestände
schonungslos ausbeutet, wird ihre Lebenssituation immer bedrohlicher.
Dass die jahrmillionenalten Fische die enorme Plünderung
ihrer Bestände nicht lange zu verkraften vermögen,
liegt auf der Hand, wenn man ihr langsames Wachstum und ihre
spät eintretende Fortpflanzungsfähigkeit bedenkt. Dagegen
liesse sich mittels strikt vollzogener gesetzlicher Fangbeschränkungen
allerdings verhältnismässig leicht etwas unternehmen.
Weit heimtückischer - weil äusserst schwer zu bekämpfen
- sind demgegenüber die Beeinträchtigungen der Störe
durch die Verschmutzung ihres Lebensraums mit Schadstoffen aller
Art aus Industrie- und Siedlungsabwässern. Darunter leiden
sie nicht nur selbst, sondern es werden auch die Kleintierpopulationen
geschädigt, von denen sie sich ernähren. Einschneidend
- und irreversibel - ist im übrigen der Verlust vieler angestammter
Laichplätze durch Flussverbauungen zwecks Stromerzeugung,
Schiffbarmachung und Landgewinnung.
Zur Erhaltung der Störbestände im Schwarzen
und im Kaspischen Meer gibt es seit geraumer Zeit etwelche Schutzbestrebungen
von Seiten der Anrainerstaaten dieser Meere. Dazu gehören
gesetzliche Massnahmen zur Einschränkung des übermässigen
Fischfangs ebenso wie die Zucht und das Aussetzen von Jungstören
zwecks Aufstockung der natürlichen Bestände. Leider
ist der Erfolg dieser Massnahmen bescheiden. Zum einen ist aufgrund
der vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Probleme in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und des
einstigen Ostblocks an einen strikten, flächendeckenden
Vollzug der Fischereigesetze derzeit nicht zu denken. Der Schwarzfang
von Stören zwecks Belieferung des Kaviarmarkts ist ein weitverbreitetes
und blühendes Geschäft. Zum anderen dürften von
den vielen Millionen Jungstören, welche alljährlich
aus den Zuchttanks in die Flüsse entlassen werden, die meisten
innerhalb weniger Wochen Raubfischen und Schadstoffen zum Opfer
fallen und somit wohl die wenigsten je die Geschlechtsreife erreichen.
So sehen die Zukunftsaussichten der Störe in
den Gewässern Südosteuropas leider sehr düster
aus. Es ist zu befürchten, dass das traurige Schicksal,
das dem Baltischen Stör in den Küstengewässern
und Flüssen Westeuropas widerfahren ist, über kurz
oder lang auch sie ereilen wird. Betroffen macht hierbei, dass
einmal mehr die kurzsichtige Profitgier des Menschen zur Ausrottung
höchst interessanter Tierarten führt, obschon nachhaltige
Nutzungsformen unschwer anwendbar wären. Und besonders nachdenklich
stimmt, dass es dabei in erster Linie um die Befriedigung abstruser
Gaumenfreuden wohlhabender Schichten geht.
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