Roter Stummelaffe

Procolobus (Colobus) badius


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Von den weltweit ungefähr 180 Primatenarten - zu denen neben den Halbaffen, Affen und Menschenaffen ja auch der Mensch zählt - sind leider beunruhigend viele vom Aussterben bedroht. Und zwar in den meisten Fällen nur wegen der mass- und rücksichtslosen Aktivitäten ihres zweibeinigen Vetters. Zwei Hauptgründe sind zu nennen: Zum einen bewohnen die meisten Primaten Tropenwälder und damit Lebensräume, welche heute zu den gefährdetsten auf unserem Planeten zählen. Zum anderen sind viele Primaten als verhältnismässig grosse und recht auffällige Tiere leicht zu bejagen und werden deshalb selbst in Gebieten, wo ihr Lebensraum noch einigermassen intakt ist, häufig stark zurückgedrängt oder sogar ausgerottet.

Eine so gesehen «typische» Primatenart, welche sowohl wegen rapidem Lebensraumverlust als auch wegen massiver Bejagung auf der «Roten Liste» steht, ist der Rote Stummelaffe (Procolobus badius), dessen Heimat die Tropenwaldgebiete Westafrikas sind.

 

Verwirrende Systematik

Die Stummelaffen (Gattungen Colobus und Procolobus) werden wegen ihres besonders stark rückgebildeten Daumens so bezeichnet. Auch die wissenschaftlichen Gattungsnamen deuten darauf hin: kolobos heisst im Griechischen «der Verstümmelte» - was allerdings falsch ist, denn bei der Rückbildung des Daumens handelt es sich um eine Anpassung an besondere Lebensumstände, also um einen entwicklungsgeschichtlichen «Fortschritt», und nicht um eine «Degeneration». Trotz rückgebildeten Daumens können die Stummelaffen ihre Hände überaus geschickt einsetzen und bekommen auch kleinste Gegenstände ohne Mühe zu fassen.

Die Einordnung der Stummelaffen in das System der Tiere hat in der Vergangenheit für etwelche Verwirrung gesorgt und konnte bis zum heutigen Tag nicht zufriedenstellend gelöst werden. Weiterhin sind sich die Experten uneinig darüber, wieviele Arten insgesamt zu unterscheiden und welchen Gattungen sie im einzelnen zuzuordnen sind. Hier ein kurzer Überblick über den gegenwärtigen «Stand der Dinge»:

Innerhalb der Ordnung der Primaten (Primates) gehören die Stummelaffen zur Unterordnung der Höheren Primaten (Anthropoidea), dort zur Familie der Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae), und da wiederum zur Unterfamilie der Schlankaffen (Colobinae), denen noch die Languren, die Kleideraffen, die Stumpfnasenaffen und der Nasenaffe angehören. So viel ist klar und unbestritten. Nun wird es schwieriger: Anhand ihrer Färbung lassen sich die Stummelaffen in drei deutlich verschiedene Typen einteilen: erstens olivgrüne, zweitens schwarze und schwarzweisse, drittens rostrote Stummelaffen. Die grünen Stummelaffen kommen alle in einem verhältnismässig engen Gebiet in Westafrika vor, zwischen Sierra Leone im Westen und Togo im Osten, und haben ein ziemlich einheitliches Erscheinungsbild. Die meisten Wissenschaftler fassen deshalb alle Populationen grüner Stummelaffen in einer einzigen Art zusammen: Procolobus verus (evtl. Colobus verus).

Sowohl die roten als auch die schwarzen und schwarz-weissen Stummelaffen sind hingegen über weite Bereiche West-, Zentral- und Ostafrikas verbreitet und zeigen von Region zu Region beträchtliche Variationen hinsichtlich Fellfärbung und Grösse. Manche Fachleute messen diesen Variationen geringe Bedeutung zu. Sie ordnen sämtliche roten Stummelaffen einer einzigen Art namens Procolobus badius (evtl. Colobus badius) zu, und sämtliche schwarzen und schwarz-weissen Stummelaffen einer zweiten Art namens Colobus polykomos. Andere Experten halten dies angesichts der doch erheblichen Unterschiede zwischen den diversen Populationen für unzulässig und unterteilen beide Typen in bis zu fünf verschiedene Arten.

Wir schliessen uns hier der zweitgenannten Auffassung an. Ihr zufolge gilt der Name «Roter Stummelaffe (Procolobus badius)» nur für jene roten Stummelaffen, welche in Westafrika von Senegal ostwärts bis Westghana vorkommen. Sie leben von den weiter östlich vorkommenden roten Stummelaffen - Pennantstummelaffe (Procolobus pennanti), Rotkopfstummelaffe (Procolobus rufomitratus), Uhehestummelaffe (Procolobus gordonorum) und Sansibarstummelaffe (Procolobus kirkii) - seit längerer Zeit vollständig getrennt durch die sogenannte «Dahomey-Lücke». Es handelt sich dabei um eine Trockenzone bei Benin und Togo, welche keinen Regenwald, sondern lediglich Savannenvegetation zulässt, und die deshalb den äquatorialen Regenwaldgürtel Afrikas in zwei separate Blöcke teilt: einen westlichen Block und einen (viel grösseren) zentralafrikanischen. Die Dahomey-Lücke stellt für viele regenwaldbewohnende Tierarten Afrikas eine natürliche Verbreitungsgrenze dar.

Der Rote Stummelaffe wird seinerseits gewöhnlich in drei Unterarten gegliedert: Miss Waldrons Roter Stummelaffe (Procolobus badius waldroni), der im südöstlichen Bereich der Republik Elfenbeinküste und in Westghana vorkommt; den Eigentlichen Roten Stummelaffen (Procolobus badius badius), der in Sierra Leone, Liberia, Süd- und Ostguinea und im westlichen Bereich der Republik Elfenbeinküste lebt; und schliesslich Temmincks Roter Stummelaffe (Procolobus badius temminckii), der in Südsenegal, Gambia, Nordwestguinea und Guinea-Bissau vorkommt.

 

Schlankaffe mit Schmerbauch

Wenngleich der Rote Stummelaffe etwas kleiner ist als seine Vettern weiter östlich, so ist er doch ein recht grosser Affe: Erwachsene Tiere weisen gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von etwa 50 Zentimetern auf und wiegen bis zu 7 Kilogramm. Der Schwanz ist mit bis zu 80 Zentimetern ausgesprochen lang. Er spielt als Balancierhilfe bei der Fortbewegung im Geäst der Bäume eine wichtige Rolle. Die Gliedmassen sind verhältnismässig lang und dünn, und auch der Leib ist schmal gebaut. Zusammen mit dem verhältnismässig kleinen Kopf verleiht dies dem Roten Stummelaffen ein etwas «zerbrechliches» Aussehen - und macht ihn zu einem typischen Vertreter der Sippe der Schlankaffen. Nicht ganz ins Bild passt einzig der «Schmerbauch», den der Rote Stummelaffe gewöhnlich aufweist. Dieser ist aber keineswegs auf «Völlerei» zurückzuführen, sondern hat mit der aussergewöhnlichen Ernährung des eleganten Affen zu tun:

Wie alle Schlankaffen, aber im Gegensatz zu den meisten übrigen Affenarten, gilt der Rote Stummelaffe als Blattesser. Verglichen mit anderen Pflanzenteilen wie Blüten, Früchten, Samen und Schösslingen sind Blätter zum einen sehr nährstoffarm und zum anderen sehr schwer verdaulich, da sie einen hohen Gehalt an Zellulose aufweisen. Ausserdem sind in den Blättern tropischer Wälder vielfach Giftstoffe eingelagert, welche vor Fressfeinden schützen sollen.

Der Rote Stummelaffe hat diese Probleme wie alle Schlankaffen durch die Ausbildung eines gekammerten Magens gelöst, der von der Wirkungsweise her dem komplizierten Magen wiederkäuender Huftiere (Rinder, Schafe usw.) sehr ähnlich ist. Der Magen ist einerseits sehr gross und kann mit Inhalt bis zu 20 Prozent des Gesamtgewichts des Tiers ausmachen - daher der «Schmerbauch». Zum anderen ist er in vier auf einanderfolgende Kammern gegliedert. Die oberen beiden Kammern, die man als «Gärkammern» bezeichnet, enthalten Bakterienkulturen, welche die Zellulose der verspeisten Blätter chemisch aufspalten und viele der pflanzlichen Giftstoffe unschädlich machen. Erst dann gelangt der Nahrungsbrei in die tieferliegenden Magenkammern, wo er mittels Magensäure weiter zersetzt wird, bevor er zwecks Nährstoffgewinnung in den Darm weiterbefördert wird.

Die Unterteilung des Magens in separate Kammern hat den Zweck, die zellulosezersetzenden Bakterien in den oberen Kammern vor der Magensäure in den unteren Kammern zu schützen, denn unter sauren Bedingungen können sie nicht überleben. Dadurch, dass die Schlankaffen reichlich Speichel produzieren, dessen basische Eigenschaften die sauren Eigenschaften der Magensäfte neutralisieren, bleiben die oberen Kammern für die Bakterien «bewohnbar». Wie alle Schlankaffen verfügt der Rote Stummelaffe darum über deutlich vergrösserte Speicheldrüsen.

Die Klassifizierung des Roten Stummelaffen als Blattesser wird seinem Speiseplan allerdings nicht ganz gerecht. Denn trotz der genannten Anpassungen an die Verwertung von Blättern bleiben diese letztlich eine ziemlich nährstoffarme Nahrung. Wie die meisten Schlankaffen ergänzt er deshalb seine Kost durch andere, nährstoffreichere Pflanzenteile, so besonders Früchte, Samen und Blüten. Ihr Anteil an der gesamten Nahrung schwankt je nach dem jahreszeitlichen und örtlichen Angebot und kann bis zur Hälfte ausmachen. Blätter bilden jedoch stets das «Grundnahrungsmittel» des Roten Stummelaffen. Die Fähigkeit, diese in Tropenwäldern jederzeit im Überfluss vorhandene Nahrung nutzen zu können, vermittelt ihm natürlich einen grossen Vorteil gegenüber den anderen Affenarten, welche denselben Lebensraum bewohnen, jedoch diese Fähigkeit nicht besitzen.

Hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche scheint der Rote Stummelaffe deutlich flexibler zu sein als die östlichen roten Stummelaffen, welche fast ausschliesslich baumkronenlebende Tiere sind und gewöhnlich nur in hochwüchsigen Regenwäldern vorkommen. Zwar ist auch er ein typischer Waldbewohner, doch findet man ihn in einem breiten Spektrum unterschiedlicher Waldtypen - von Flussuferwäldern und Mangrovenwäldern über niedrigwüchsige Bergwälder und lichte Savannenwaldungen bis hin zu kleinflächigen Waldfetzen im Umfeld menschlicher Anbaugebiete. Ferner hält auch er sich vorzugsweise im Geäst des Kronenbereichs auf, doch besucht er den Waldboden bei der Nahrungssuche und bei Ortsverschiebungen viel häufiger als seine östlichen Vettern.

 

Friedliebende Affen

Rote Stummelaffen sind recht gesellige Tiere, die in Gruppen von etwa 25, manchmal aber auch bis zu 60 Individuen zusammenleben. Die Gruppen setzen sich aus mehreren erwachsenen Weibchen und ihren Jungen sowie einem oder ein paar wenigen erwachsenen Männchen zusammen. Die Gruppengrösse und -zusammensetzung erweist sich aber als ziemlich veränderlich: Die einzelnen Gruppen können sich bald in kleinere Grüppchen aufteilen, bald zu grösseren Verbänden zusammenschliessen. Auch Einzeltiere können sich zumeist problemlos zwischen bestehenden Gruppen hin- und herbewegen. Überhaupt scheint es bei den Stummelaffen im allgemeinen deutlich friedfertiger und «lockerer» zuzugehen als beispielsweise bei den zänkischen und lärmenden Makaken und Pavianen.

Ein wichtiger Grund für das weitgehende Fehlen der sonst für Affengruppen typischen Streitereien dürfte der Verzehr von Blättern sein, dem die Roten Stum melaffen einen grossen Teil ihrer Zeit widmen. Da diese Nahrung stets reichlich vorhanden und auch leicht zu beschaffen ist, gibt es kaum Anlass für Futterneid und Zank zwischen den Gruppenmitgliedern. Die «Futtersuche» gestaltet sich gewöhnlich so, dass jeder Affe längere Zeit ruhig an einer günstigen Stelle in einer Baumkrone sitzt, mit den Armen Äste herbeizieht und davon gemächlich die Blätter abpflückt bzw. abbeisst.

Etwas Unruhe erfasst die Gruppen der Roten Stummelaffen einzig dann, wenn Weibchen in Paarungsbereitschaft kommen. Besonders zwischen den erwachsenen Männchen bricht dann mitunter Streit aus, verbunden mit Verfolgungsjagden und manchmal sogar Kämpfen, und auch sonst ist die Atmosphäre in der Gruppe ziemlich gereizt. Interessanterweise verlassen während dieser Zeit Weibchen mit Kleinkindern und ältere Individuen vorübergehend die Gruppe, um ganz offensichtlich fern derselben ihre Ruhe und ihren Frieden zu suchen.

Die Weibchen bringen nach einer Tragzeit von 5 bis 5,5 Monaten gewöhnlich Einzelkinder zur Welt. Diese werden während der ersten Lebenswochen ununterbrochen am Bauch der Mutter getragen. Erst im Alter von 2,5 bis 3 Monaten verlassen sie erstmals die Sicherheit des mütterlichen Fells, um erste unsichere Schritte auf den eigenen Beinen zu wagen. Noch bis zum Alter von 9 bis 12 Monaten werden sie von der Mutter gesäugt und sorgsam betreut. Die Geschlechtsreife erreichen männliche wie weibliche Jungtiere mit ungefähr 3 Jahren.

 

Schutzgebiete: eine Überlebensnotwendigkeit

Der Rote Stummelaffe hat verschiedene Feinde, darunter Leopard (Panthera pardus), Schimpanse (Pan troglodytes), Adler, Krokodile und Riesenschlangen. Sein Hauptfeind ist jedoch zweifellos der Mensch, der ihn des Fleischs wegen bejagt und die Wälder abholzt, in denen er lebt. Tragischerweise gehören die westafrikanischen Tropenwälder zu den gefährdetsten der Welt. In dem Mass, wie sie verschwinden, verschwindet auch der Rote Stummelaffe - und mit ihm all die anderen einzigartigen Tierarten, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind.

Zwar scheint der Rote Stummelaffe einigermassen anpassungsfähig und für sein Überleben nicht ausschliesslich auf unberührten Regenwald angewiesen zu sein. Doch was nützt ihm das, wenn sämtliche natürlichen Lebensräume aufgrund des unablässigen Anwachsens der menschlichen Bevölkerung in seiner Heimat auf breiter Front zerstört werden und allüberall eifrig Jagd auf ihn gemacht wird, weil sein Fleisch als Leckerbissen gilt? Es besteht in Westafrika zweifellos ein dringender, aber leider nur schwer zu realisierender Bedarf nach einem Netz gut geschützter Reservate und Nationalparks, in denen der Rote Stummelaffe mitsamt seinen vielgestaltigen Leidensgenossen eine sichere Heimat findet.




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