Sumatranashorn

Dicerorhinus sumatrensis


© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Das Sumatranashorn (Dicerorhinus sumatrensis) ist mit einer Schulterhöhe von 110 bis 130 Zentimetern und einem Gewicht von 500 bis 800 Kilogramm von den weltweit fünf Nashornarten das kleinste. Seine Heimat sind die dichten Regenwälder Südostasiens. Vorzugsweise hält es sich im Bergland auf und bewegt sich trotz seiner «Körperfülle» auch in steilem Gelände sehr behend. Zur Hauptsache ernährt es sich von den Blättern und Zweigen diverser Jungbäume und Sträucher. Mit seiner verlängerten, greiffähigen Oberlippe vermag es gezielt die von ihm begehrte Nahrung zu «pflücken».

Die Hautfarbe des Sumatranashorns ist im Prinzip grau, zeigt aber gewöhnlich die Farbe der Suhle, in der es sich zuletzt gewälzt hat. Und Wälzen im Schlamm ist dem friedfertigen Waldnashorn ein tiefes Bedürfnis, einerseits um seinen Körper abzukühlen und andererseits um seine Haut durch die später eintrocknende Lehmschicht vor lästigen Insekten zu schützen.

Erwachsene Sumatranashörner verbringen die meiste Zeit ihres Lebens als Einzelgänger. «Persönliche» Beziehungen bestehen jeweils nur temporär zwischen Männchen und Weibchen zum Zweck der Fortpflanzung und zwischen Weibchen und ihren Jungen während der Aufzuchtphase. Die Nashornweibchen bringen erstmals im Alter von etwa sechs Jahren - nach einer Tragzeit von über einem Jahr - ein einzelnes Junges zur Welt. Schon eine Stunde nach der Geburt vermag dieses auf seinen stämmigen Beinchen umherzugehen und das Gleichgewicht zu halten. Es bleibt bis kurz vor der Geburt seines nächstjüngeren Geschwisters - ungefähr drei Jahre später - mit seiner Mutter zusammen. Dann geht es eigene Wege.

Sumatranashörner können etwa 35 Jahre alt werden. In freier Wildbahn dürften aber die wenigsten jemals ein solch hohes Alter erreichen, denn sie werden vom Menschen seit langer Zeit massiv bejagt - und zwar in erster Linie wegen ihrer beiden Nasenhörner, obschon das vordere höchstens 25 Zentimeter, das hintere gar nur 8 Zentimeter lang wird. Nasenhorn wird jedoch in der traditionellen chinesischen Volksheilkunde gegen Fieber, Kopfweh, Rheumatismus und viele andere Leiden eingesetzt und ist deshalb in ganz Südostasien heiss begehrt.

Der immense Bedarf an Nasenhorn liess im Verlauf unseres Jahrhunderts zuerst die Bestände der drei asiatischen, dann auch die der beiden afrikanischen Nashornarten zusammenbrechen. Je seltener die Nashörner wurden, desto höher kletterte der Preis für Nasenhorn (heute liegt der Kilopreis auf dem internationalen Schwarzmarkt weit über dem von Gold), und desto gnadenloser wurden die Tiere verfolgt.

Als ob die massive Verfolgung nicht schon genug wäre, wird das Sumatranashorn überdies unablässig weiterer Stücke seines bereits arg geschrumpften Lebensraums beraubt, denn im ganzen südostasiatischen Raum werden die Regenwälder zwecks Gewinnung von Edelhölzern sowie zur Schaffung von land- und fortwirtschaftlichen Nutzflächen mit erschreckender Geschwindigkeit gerodet.

Kein Wunder steht das Sumatranashorn heute am Rand der Ausrottung. War es einst von Assam (Nordostindien) über Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam südwärts bis auf die Malaiische Halbinsel und die grossen Sundainseln Borneo und Sumatra verbreitet, finden sich heute nur gerade noch vier Bestände, welche mehrere Dutzend Tiere umfassen und als längerfristig überlebensfähig beurteilt werden. Zwei davon befinden sich auf Sumatra, einer auf Borneo und einer auf der Malaiischen Halbinsel. Der Gesamtbestand beträgt vielleicht noch 500 Individuen.

Im verzweifelten Kampf um die Rettung der letzten Sumatranashörner unterstützt der Welt Natur Fonds (WWF) seit vielen Jahren Projekte auf Sumatra und Borneo, deren Ziel es ist, die Lebensräume der erwähnten Nashornrestbestände zu erhalten und die Tiere selbst vor Wilderern zu schützen. Ein wichtiges Schutzinstrument ist im übrigen das vom WWF mitgetragene «Washingtoner Artenschutzübereinkommen», welches seit 1977 jeglichen Handel mit Hörnern des Sumatranashorns auf internationaler Ebene verbietet. Mit seiner Hilfe konnten bereits wichtige Handelswege und Märkte im internationalen Nashorngeschäft - beispielsweise in Japan und Hongkong - unterbunden werden. Andere - etwa in Südkorea und Taiwan - florieren aber leider noch immer. Gelingt es nicht, diese endlich auch abzuriegeln, besteht für das Überleben des Sumatranashorns in freier Wildbahn - allen bisherigen Schutzmassnahmen zum Trotz - wohl bald keine Hoffnung mehr.




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