Frei im Zolli lebende Tasmanische Wasserhühner


© 1975 Markus Kappeler
(erschienen im
«Zolli», Mai 1975)



Seit 1954 hält der Basler Zoo Tasmanische Wasserhühner (Tribonyx mortierii), eine nur auf der südlich von Australien gelegenen Insel Tasmanien vorkommende, flugunfähige Rallenart. Die Vögel haben sich in Basel prächtig vermehrt, so dass von den über 350 hier geschlüpften Jungtieren rund 150 Exemplare an Zoos der ganzen Welt abgegeben werden konnten, wo sich teilweise wieder gesunde Kolonien gebildet haben (zum Beispiel in Amsterdam und in Köln).

Die Haltung dieser Rallenart stellt keine grossen Probleme. Sie ist sogar ohne Gitter und eigentliche Betreuung möglich, wie ja auch die Haltung der. Dies beruht einerseits auf den beiden Tatsachen, dass die Tiere winterhart sind und dass das als Parklandschaft gestaltete Zoogelände ihrem natürlichen Biotop sehr gut entspricht. Kurze, junge Sprösslinge von Gräsern bilden die Hauptnahrung Tasmanischer Wasserhühner, weshalb sie in ihrer Heimat in Gegenden leben, wo es grosse Grasflächen gibt, die von deckungsbietender Vegetation umsäumt sind und in der Nähe von Wasser liegen. Situationen also, die sich hier vielfach wieder finden. Anderseits wird der für einen Zoologischen Garten günstige Umstand verständlich, wenn man sich etwas mit der Biologie der Vögel befasst, insbesondere mit einigen Aspekten ihres Sozialverhaltens:

Jedes erwachsene Tasmanische Wasserhuhn schliesst sich mit einem Artgenossen zu einem Brutpaar zusammen, das normalerweise ein Leben lang zusammenbleibt (in Basel erreichte ein Tier das Alter von neun Jahren). Mit diesen Brutpaaren leben die Nachkommen, die weniger als ein Jahr alt sind; man spricht also besser von «Brutgruppen», da diese kleinsten sozialen Einheiten meist aus mehr als zwei Tieren bestehen. Alle Mitglieder dieser Gruppe (auch die Jungtiere aus den bis zu drei Bruten pro Jahr) haben dieselben Pflichten und erfüllen diese gemeinsam und gleich.

Die Bildung neuer Gruppen erfolgt im Frühling, kurz vor der neuen Brutsaison. In dieser Jahreszeit lösen sich die Jungtiere des Vorjahres von den Eltern und begeben sich auf die Suche nach eigenen Partnern.

Jede Gruppe verteidigt ganzjährig energisch ein bestimmtes Wohngebiet mit klar definierten Grenzlinien, und die Vögel besitzen ein gut entwickeltes Verhalten, um ihr Territorium gegen Artgenossen - bei denen es sich entweder um benachbarte Gruppen oder um im Vorfrühling umherziehende Einjährige handelt - zu verteidigen. Der detaillierte Ablauf eines derartigen, territorialen Disputs zwischen zvei benachbarten Gruppen soll anhand eines Beispiels dargestellt werden. Die einzelnen Verhaltenswesen werden (eventuell leicht zeitverschoben) jeweils von beiden Gruppen gezeigt:

Im März 1974 trafen zwei etablierte, einander bekannte Nachbargruppen aufeinander. Es handelte sich um ein freilebendes Paar, dessen Territorium rund um das Antilopenhaus lag, und ein auf der Festwiese gehaltenes Paar, beide ohne Junge. Erfahrungsgemäss enden solche Grenzkonflikte zwischen benachbarten Gruppen mit einem Stillstand, wobei sich beide Gruppen in Imponierhaltung voneinander entfernen. Da sich im vorliegenden Fall zwischen den Gegnern das Festwiesengitter befand, lag dieses Ergebnis sowieso auf der Hand. Doch dieser Umstand schien die Tiere keineswegs zu beeinflussen, was vermuten lässt, dass es sich bei diesen Konflikten um reine Macht- respektive Präsenzdemonstrationen handelt, die in erster Linie die paarinterne Bindung festigen.

Die beiden Gruppen rannten mit tiefgehaltenen, nach vorn gestreckten Köpfen aufeinander zu, wobei die Rücken- und Nackenfedern gesträubt waren. Kurz vor den Gegnern wechselte das Rennen über in ein sehr langsames Imponiergehen, bei dem die Rücken gekrümmt, die Flügel leicht vom Körper gehoben und die Körperfedern gesträubt wurden. Die Vögel präsentierten sich meist von der Seite, wodurch ihre vorgetäuschte Grösse und der gut sichtbare, weisse Flankenfleck noch mehr zur Geltung kamen. Daraufhin äusserten die freilebenden Tiere dumpfe Laute, die in ein alternierendes Schreien der beiden Gruppenpartner übergingen. Die vorgetragene Rufreihe bestand aus harten, einsilbigen Lauten, die von Männchen und Weibchen separat in fast perfekter Interpolation abgegeben wurden; die schrillen, hohen Schreie stammten vom Männchen, die tiefen Grunztöne vom Weibchen. Der zu Beginn geschlossene Schnabel wurde beim Erreichen des Höhepunktes der rascher und lauter werdenden Rufreihe geöffnet. Nachdem jeder Vogel etwa zwanzig Laute von sich gegeben hatte, brach das alternierende Schreien ab. Sofort gab das Festwiesenpaar auf die gleiche Weise Antwort, und auch danach äusserten immer wieder einzelne Tiere ein paar dieser charakteristischen Laute.

Nun zeigten die Vögel während etwa fünfzehn Sekunden wieder das sehr langsame, vorher beschriebene Imponiergehen. Sie standen jetzt bereit, einander anzugreifen. Sie sprangen sich auch tatsächlich an und versuchten, sich zwischen den Gitterstäben hindurch mit den Schnäbeln zu picken. Gleichzeitig schlugen sie mit den Flügeln und traten mit den Beinen gegeneinander. Während etwa zwei Minuten sprangen die Gegner immer wieder aufeinander los, wobei manchmal ein greller Kampfschrei zu hören war. Nach dem Kampf entfernten sich die beiden Gruppen langsam und in Imponierhaltung voneinander.

Die Häufigkeit solcher territorialer Konflikte steigt im Januar an und erreicht im März ihren Höhepunkt. Dafür sind erstens die in dieser Zeit herumziehenden Einjährigen verantwortlich, die zum Teil bereits versuchen, ein eigenes Territorium zu gründen, und zweitens die verstärkte, gegenseitige Intoleranz benachbarter Gruppen im Hinblick auf die beginnende Brutsaison. Die Konfliktfrequenz nimmt mit dem Auftreten pflegebedürftiger Jungtiere sofort ab. Interessanterweise werden immer nur Zweikämpfe ausgefochten, und es sind immer nur Gleichgeschlechliche, die gegeneinander kämpfen.

Im folgenden soll nun noch auf die von Tasmanischen Wasserhühnern bewohnten Territorien im Basler Zoo eingegangen werden: Momentan leben hier drei freie Brutgruppen, eine im Gebiet des Vivariumweihers und Flamingogeheges, eine beim Weiher vor dem Zoorestaurant und eine um das Antilopenhaus herum. Drei weitere Gruppen werden in Freilandgehegen gehalten (auf der Festwiese und bei den beiden Entenweihern). Jeder der im Durchschnitt 7100 Quadratmeter grossen Lebensräume der freien Tiere besitzt ein Zentrum, wo sich die Vögel die meiste Zeit auflhalten. Es ist dies ein teilweise von Gebüsch umgebenes, nach einer Seite exponiertes Rasenstück in der Nähe von Wasser. Dieser relativ freiliegende Ort garantiert optimale Feindvermeidung aufgrund der Möglichkeit frühzeitiger Feinderkennung sowie einer Flucht in mehreren Richtungen und des Deckungssuchens im Gebüsch. Dieses Zentrum bildet den Ausgangspunkt eines Systems funktioneller Plätze (Ruhe-, Nist-, Fress-, Badestellen usw.), die teilweise untereinander durch Wechsel verbunden sind und zur Ausübung der diversen Tätigkeiten aufgesucht werden.

Die von den Tieren selbstgezogenen Grenzlinien, die ihr Lebensgebiet scharf umranden, werden in der Regel nie überschritten, obwohl dies die relativ gleichmässige Strukturierung des Zoogeländes und dessen umvollständige Aufteilung an Artgenossen durchaus erlauben würden. Es handelt sich somit um Lebensräume, deren Grösse die Brutpaare selbst bestimmen und die sie nie verlassen. Auch die Jungvögel bleiben den Gebieten ihrer Eltern treu, bis sie sich (im Alter von etwa einem Jahr) von diesen lösen, um sich an geeigneten Orten in der Nachbarschaft mit entsprechenden Partnern niederzulassen.

Obwohl ihm also der Mensch keine räumlichen Grenzen setzt, ist das Tasmanische Wasserhuhn sehr ortstreu. Es bewohnt in einer Brutgruppe ein durchschnittlich 7100 Quadratmeter grosses Gebiet mit selbstgewählten, gegen Artgenossen verteidigten Grenzen, welches grundsätzlich gesehen drei ökologische Güter beinhaltet, die für das Tasmanische Wasserhuhn von Bedeutung sind: Nahrung, Sicherheit (Deckung und Fluchtmöglichkeiten), Nistplatz.

Der kleine Einblick in die Lebensweise dieser Vogelart lässt erkennen, aus welchen Gründen sie ohne Gitter frei im Zoo gehalten werden kann. Ihr Verhalten bindet sie stärker an den Ort als es irgendeine künstliche Umzäunung tun würde.




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