Tiger

Panthera tigris


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Grosskatzen»)



Gesamtlänge: 240 - 390 cm
Schwanzlänge: 70 - 100 cm
Schulterhöhe: 75 - 115 cm
Gewicht: 110 - 320 kg
Tragzeit: 95 - 113 Tage
Wurfgrösse: 1 - 7, meist 2 - 4 Junge
Geburtslänge: 45 - 55 cm
Geburtsgewicht: 800 - 1500 g
Höchstalter: in freier Wildbahn 18 - 20 Jahre, im Zoo bis 26 Jahre

 

Der Tiger ist in Asien zu Hause. Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets bewohnt er viele Lebensräume. Man findet ihn in den dünnen Nadelholzwäldern der russischen Taiga und in den Bambusdickichten Chinas ebenso wie in den überfluteten Mangrovenwäldern des Gangesdeltas und in den tropischen Dschungeln Indochinas. An seine Umgebung stellt der Tiger nämlich keine besonderen Ansprüche - wenn nur genügend Beutetiere, ganzjährig Wasser und ausreichend Deckung für die Jagd vorhanden sind. Um welche Beutetiere es sich im einzelnen handelt und welche Pflanzen ihn jeweils beim Anpirschen decken, kümmert ihn wenig. Er ist sehr
anpassungsfähig.

Im allgemeinen unterscheidet man acht verschiedene Tiger-Unterarten. Unterschiede zwischen den Unterarten betreffen vor allem die Körpergrösse, die Haarlänge, den Grundfarbton und die Streifenzeichnung. Da aber diese Körpermerkmale innerhalb jeder Unterart sehr wandelbar sind, ist es selbst für einen Fachmann sehr schwierig, einen Tiger ohne Kenntnis seiner genauen Herkunft einer bestimmten Unterart zuzuordnen. Nur die nördlichste Unterart, der Sibirische Tiger, hebt sich etwas deutlicher von den übrigen Unterarten ab: Er besitzt im Winter ein auffallend langhaariges Fell und ist besonders gross und schwer. Mit einer Körperlänge von bis zu 390 Zentimetern und einem Gewicht bis 320 Kilogramm ist er um rund ein Fünftel grösser und schwerer als der Bengaltiger aus Indien. Zugleich ist der Sibirische Tiger die grösste Katze überhaupt - er übertrifft sogar noch den majestätischen Löwen! Wie bei fast allen Katzenarten sind die männlichen Tiger grösser, dickköpfiger und vor allem schwerer als die weiblichen Tiere.

Der Tiger lebt und jagt im allgemeinen als Einzelgänger. Bei genügendem Nahrungsangebot ist er sehr standorttreu; meistens bleibt er sein ganzes Leben lang im selben Revier, dessen Umfang sich nach der örtlichen Wildtierdichte richtet: In wildreichen Gebieten Indiens wurden Lebensbezirke von 30 bis 60 Quadratkilometern festgestellt, im wildarmen Sibirien von mehreren tausend Quadratkilometern. Die Reviere benachbarter Tiere überdecken sich teilweise. Sie meiden sich aber gegenseitig, und dabei sind ihnen Duftmarken in Form von Harnspritzern behilflich, die sie auf ihren Wanderungen immer wieder an auffälligen Stellen hinterlassen. Trifft ein Tiger auf eine frische Duftspur eines Nachbarn, so versteht er «Halt, hier ist besetzt!». Er ändert dann seine Marschrichtung und geht dadurch unliebsamen Begegnungen aus dem Weg.

Von Zeit zu Zeit kommen männliche und weibliche Tiere natürlich schon zusammen, denn sie wollen sich ja fortpflanzen. Damit sie einander finden, brüllen sie in nächtlicher Stille immer wieder ihr langgezogenes «Aaaaooung», das kilometerweit hörbar ist. Schon kurze Zeit nach der Paarung trennen sich die beiden dann wieder. Vaterpflichten hat Herr Tiger nämlich nicht.

Nach einer Tragzeit von etwa 100 Tagen bringt die Tigerin in einem gut geschützten Versteck meist zwei bis vier Junge zur Welt. Wie bei allen Katzenkindern sind ihre Augen anfänglich fest verschlossen und öffnen sich erst nach etwa einer Woche. Die Jungtiere wiegen bei der Geburt nur etwa ein Kilogramm. Sie nehmen aber schnell an Grösse und Gewicht zu. Im Alter von etwa acht Monaten begleiten sie ihre Mutter bereits als «Lehrlinge» auf den Beutezügen durchs Revier. Mit etwa 20 Monaten trennen sie sich von ihr und gehen von da an ihre eigenen Wege.

Der Tiger ist vorwiegend in der Dämmerung und nachts unterwegs. Wie fast alle Katzen ist er ein typischer Pirschjäger: Langsam und lautlos schleicht er durch sein Revier, in dem er jeden Winkel kennt. Aufmerksam äugt und lauscht er in seiner Umgebung nach auffälligen Bewegungen und Geräuschen. Manchmal legt er in einer Nacht mehr als 30 Kilometer zurück. Dabei erweist er sich als gar nicht wasserscheu: Mühelos und ohne Zögern überwindet er Bäche und Flüsse. Manchmal schwimmt er sogar ins Meer hinaus, um eine küstennahe Insel aufzusuchen.

Entdeckt er auf seinem Pirschgang ein Opfer - meist ein Hirsch, eine Antilope, ein Wildschwein oder ein anderes mittelgrosses Huftier -, so schleicht er sich auf leisen Sohlen und in geduckter Haltung möglichst auf zehn bis fünfzehn Meter an das Tier heran. Sein schwarzgestreiftes Fell verleiht ihm dabei eine ausgezeichnete Tarnung. Die Gestalt des Tigers verschmilzt förmlich mit der Umgebung. In unmittelbarer Nähe des Beutetiers entfaltet der Tiger dann plötzlich seine geballte Kraft und stürzt sich mit zwei oder drei gewaltigen, fünf bis sechs Meter messenden Sätzen auf das überraschte Opfer. Mit den spitzen Krallen seiner grossen Pranken packt er es, reisst es zu Boden und bricht ihm mit einem kräftigen Biss das Genick oder erstickt es durch einen Biss in die Kehle.

Längst nicht jeder Versuch des Tigers, Beute zu schlagen, führt zum Erfolg. Viele angepeilte Opfer wittern oder hören die grosse Raubkatze rechtzeitig und können fliehen. Misslingen dem Tiger mehrere Angriffe in einer Nacht, dann ist ihm schliesslich jede Beute recht, die ihm über den Weg läuft. So nimmt er auch Stachelschweine, kleine Nager, Vögel, Wasserschildkröten, Frösche, Krebse oder gar Heuschrecken, Vogeleier und Beeren in Kauf. Er hält es dann auch nicht unter seiner Würde, einem Leoparden die Beute wegzuschnappen. Wenn sein Magen allzu stark knurrt, wagt er sich mitunter sogar an ausgewachsene Wildrinder, Bären oder Elefanten heran, was für ihn selber nicht ungefährlich ist. Es gibt verbürgte Berichte, nach denen Tiger von Gaur-Bullen mit den Hörnern aufgespiesst und getötet worden sind. Aus zoologischen Gärten weiss man, dass ein erwachsener Tiger pro Tag etwa sechs bis acht Kilogramm Fleisch braucht, um bei Kräften zu bleiben - das entspricht ungefähr siebzig hirschgrossen Beutetieren pro Jahr.

Dem Menschen geht der Tiger in aller Regel aus dem Weg. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass eine der gestreiften Katzen ihre natürliche Scheu vor den «Zweibeinern» ablegt und zum Menschenfresser wird. Meist handelt es sich um alte, kranke oder verletzte Tiere. Sie fallen Menschen an, weil diese eine besonders unaufmerksame und wehrlose Beute sind. Tatsächlich haben menschenfressende Tiger, die man geschossen hat, oftmals abgebrochene oder lockere Eckzähne gehabt. Einer war durch eine von einem Krokodil verletzte Vorderpfote behindert. Bei einem anderen steckten Stachelschweinborsten im Gesicht. Gesunde, kräftige Tiger werden höchstens zu Menschenfressern, wenn sie auf den Streifzügen durch ihr Revier nicht mehr genügend Beutetiere finden, weil der Mensch den Wildbestand stark verringert hat. Leider werden diese schlimmen, aber doch recht seltenen Ausnahmefälle oft aufgebauscht und verallgemeinert. So ist der Tiger mancherorts als gemeingefährlicher Mörder in Verruf gekommen.

Der Tiger ist heute vom Untergang bedroht. Die grenzenlose Zerstörung seiner natürlichen Lebensräume, die unaufhörliche Verringerung seiner Beutetierbestände und die gnadenlose Bejagung durch den Menschen haben ihm übel mitgespielt. Gab es zu Beginn dieses Jahrhunderts noch mindestens 100 000 Tiger in ganz Asien, so schätzt man heute den Gesamtbestand auf nicht mehr als 8000 Tiere! Drei der acht Unterarten sind bereits endgültig von der Erde verschwunden: der Bali-, der Java- und der Kaspi-Tiger. Für den Chinesischen Tiger mit einem Bestand von höchstens noch 30 bis 40 Tieren gibt es auch kaum mehr Hoffnung. Nur wenig günstiger sind die Aussichten für den Sibirischen Tiger (300 bis 400 Tiere), den Sumatra-Tiger (600 bis 800 Tiere) und den Indochina-Tiger (600 bis 2000 Tiere). Gute Überlebenschancen hat einzig der Bengaltiger in Indien: Sein Bestand ist im Verlauf der letzten 15 Jahre von ungefähr 1800 Tieren auf etwa 5000 angewachsen. Für diese erfreuliche Tatsache ist das «Projekt Tiger» verantwortlich, das 1973 von der indischen Premierministerin Indira Gandhi zusammen mit dem World Wildlife Fund (WWF) ins Leben gerufen worden ist. Im Rahmen dieses Plans wurden unter anderem 15 grossflächige Naturlandschaften mit einer Gesamtfläche von 24 700 Quadratkilometern (das entspricht etwa der Hälfte der Schweiz) als Tigerreservate unter Schutz gestellt.

Tiger fehlen in keinem Zoo und pflanzen sich auch regelmässig fort. Zur Zeit leben rund 1000 Sibirische Tiger, etwa 60 reinblütige Bengaltiger und einige wenige Sumatra- und Chinesische Tiger in Gefangenschaft.




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